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Teil V: Resümee

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DIE SPECHTRINGELUNG – EINE >RÄTSELHAFTE HANDSCHRIFT<

Das sog. Ringeln einheimischer Spechte an gesunden Bäumen ist ein facettenreiches, bisher nur ansatzweise geklärtes Phänomen. Es erfolgt an einer Vielzahl von Baumarten, den sog. Ringelbaumarten; nur von einigen wenigen Gehölzarten sind keine Nachweise bekannt. Fremdländische Gehölze sind prinzipell nicht weniger betroffen als einheimische. Zur Rangfolge der geringelten Laubbäume gibt es zwar keine feste Regel. Aber insgesamt betrachtet, ungeachtet lokal völlig abweichender Gegebenheiten, sind Eichen (-Arten) die hierzulande und europaweit am meisten geringelten Gehölze, vor allem die Roteiche; an zweiter Stelle dürften Ulmen und entgegen vieler Behauptungen weit danach erst die Linden stehen. Koniferen sind vergleichsweise extrem seltener Gegenstand dieser Spechtarbeit.

Das Ringeln besteht darin, dass die Vögel an den Stämmen, seltener an Ästen der von ihnen gewählten Objekte in einer perlschnurartige Abfolge mit meist mehr oder weniger horizontaler Ausrichtung Wunden schlagen; dies führt zu den als Hiebsreihen bzw. als Ringel bezeichneten Schadbildern. Gelegentlich nimmt die Reihung aber auch einen schrägen oder bogenförmigen Verlauf. Ausnahmsweise kommen Ringelstellen vor, wo die Hiebspunkte recht dicht beieinander stehen, also gehäuft; aber auch dabei sind diese separat platziert (vgl. Aspekt 6).

Ringeln ist zwar von fast allen unseren Spechtarten bekannt (nicht vom Kleinspecht!), aber nach Häufigkeit und Intensität in einem höchst unterschiedlichem Grad; am meisten wird es vom Großen Buntspecht, dem >Ringelspecht Nummer 1<, ferner von dem in den Gebirgslagen beheimateten Dreizehenspecht ausgeführt, vergleichsweise sehr selten vom Mittelspecht. Es sprechen aber mehrere Befunde und Anhaltspunkte dafür, dass es sich beim Ringeln nicht um ein Grundverhalten der Art handelt, sondern um eine individuelle Eigenschaft einzelner Tiere. Am jeweiligen Baum bzw. Baumteil haben die Hiebswunden, die vom Vogel gezielt, nämlich unter visueller Orientierung (vgl.Aspekt 5) hergestellt werden, eine gleiche Form und Beschaffenheit; sie können aber an verschiedenen Objekten unterschiedlich sein. Zumindest gibt es 5 verschiedene Wundtypen, die sich manchmal einer bestimmten Eigenschaft der Rinde zuordnen lassen (bspw. Rindenfurchen, glatter Rinde / zu letzterem s. Buch-Foto 60 a,b).

Zur Erklärung des Ringelungsgeschehens wurden im Laufe der Zeit mehr als 20 Deutungsen aufgeboten (Näh. unter Aspekt 10). Seit mehr als 100 Jahren wurde die sog. Saftgenuß- = SaftAlecker-Theorie als gültig erachtet; danach wird den beiden genannten BaumsäftenBaumsäftenqqq eine essentielle bis gar unverzichtbare Rolle als Nahrung für die Vögel beigemessen; außerdem soll der Saftkonsum auch auch zur Verbreitung der ringelnden Spechtarten beitragen. Diese Ansichten werden von den vorliegenden Fakten in keinster Weise gestützt. Zum einen wird der von den Bluterbaumarten während der Blutungsphase an Hiebswunden meist üppig verfügbare, jedoch nährstoffarme weitgehend geschmacklose Xylemsaft (Blutungssaft) nur bzw. allenfalls in höchst bescheidenem Umfang genutzt; dazu trägt auch die für das Trinken wenig geeignete Zunge unserer hiesigen Spechte bei. In Anbetracht der recht seltenen Bearbeitung der Blutergehölze gemessen an dem vielerorts üppig zu Gebote stehenden Potential ist davon auszugehen, daß dieser Sektor des Saftkonsums für die Ernährung der Vögel ziemlich bedeutungslos ist, möglicherweise bis zu einem gewissen Grad ein Ersatz für den bei diesen Vögeln allfälligen Wasserbedarf. Das Ringeln erfolgt auch dann, wenn am Baum bereits Blutungsstellen vorhanden sind.

Bei den Nichtblutern, gleichermaßen Laub- wie Nadelbäumen ist das Beringeln auf den überaus nahrhaften und süßen Phloemsaft ausgerichtet. Dieser ist aber durch histologischen Strukturen sowie baumphysiologische Mechanismen im Baum weitgehend >unter Verschluß<. Aus solchen Gründen haben unserer Ringelspechte mit den von ihnen hergestellten Wunden, ungeachtet der Baumart keinen direkten Zugriff auf diese Ressource. Er steht den Spechten, wenn überhaupt, nur in Form des Austritts einiger wenigen Tropfen an den Ringelwunden, also in geringer Menge und im Unterschied zum Blutungsgeschehen nur ganz kurz zur Verfügung; danach ist Schluß. Am Schwierigsten ist die Phloemsaft-Gewinnung bei den Nadelbäumen. Wegen dieser Konstellation und zugleich auch hierbei in Anbetracht der Seltenheit von Ringelungen muß man davon ausgehen, daß auch der Konsum von Phloemsaft, wenn überhaupt, nur höchst bescheiden ist; dieser Aspekt, die schon vor Jahrzehnten von GLUTZ v.BLOTZHEIM (1980) angemahnte „energetische Bedeutung“ bedarf noch der Klärung, eingedenk der ebenfalls von ihm auch konstatierten Meinung, daß sich Baumsäfte „als pflanzliche Nahrungsquelle … so gut wie vollständig der Erfassung“ entziehen und sich diese mit Magenuntersuchungen quantitativ nicht erfassen lassen (OSMOLOVSKAJA 1946). Auf jeden Fall fehlt es allein schon an einschlägigen Beobachtungen dazu, ob und wie der gelegentlich aus Hiebswunden austretende Phloemsaft von dem ringelnden Vogel verzehrt wird.

Insofern sind die von der Spechtringelung herrührenden äußerlichen Schadbilder, die infolge der Vernarbung zumindest eine Zeit lang als ziemlich auffällige >Denkmäler< in Erscheinung treten bzw. zurückbleiben, eine >rätselhafte Handschrift<.

Auch für die an gesunden Bäumen gelegentlich von Spechten verübten sog. HACKSCHÄDEN, die nur im Buch näher dargestellt sind, gibt es keine überzeugende stichhaltige Erklärung.

Zur Ursache von sog. HACKUNTATEN an Gütern der menschlichen Wirtschaft, bspw. an Telefonmasten, an Gebäuden u.a.m. gibt es einige Anhaltspunkte (Näh. im Buch Kap. D).

Ein besonders wichtiger Nebenaspekt der Spechtringelung an Laubbäumen ist der Befall der während der Vegetationszeit verübten Rindenbeschädigungen durch kambiophage Kleinstinsekten (im Wesentlichen 2 Arten), was den als Eichenkrebs oder T-Krankheit bezeichneten Kreis von äußerlichen und inneren Schadbildern zur Folge hat. Die Biologie dieser Organismen, zumal der Gallmücke Resselliela quercivora ist eindrucksvoll auf die Ringelungen der Spechte abgestimmt.

Fazit:
Bei der Spechtringelung handelt es sich also um ein rätselhaftes, noch nicht abschließend geklärtes Verhalten. Der ökonomische Nutzen der Ringelungen ist gering, ganz im Widerspruch zu der bisher herrschenden Saftgenuß-Theorie, die nun als widerlegt zu gelten hat. Meine im Buch noch vertretene fast kategorische Leugnung jeglichen Nutzens (A17) für die Spechte muß ich allerdings etwas zurücknehmen. Man muß nämlich davon ausgehem, daß einzelne der ringelnden Spechte eine ganz kleine Menge des extrem nährstoffarmen Xylem- und / oder des energiereichen Phloemsaftes aufnehmen. Nach wie vor fehlt es an der von GLUTZ v. BLOTZHEIM geforderten energetischen Bilanz eines solchen Saftkonsums. Möglicherweise läuft es auf die von J.WEISS in seiner Rezension vertretene Anschauung hinaus, daß es sich auch dann um ein funktionsgesteuertes Verhalten handelt, wenn die Spechte keinen handfesten Nutzen aus einem solchen Verzehr von Baumsäften ziehen können, weil dieser auf dem Konsum einer nur ganz kleinen Menge beruht.

Nach meiner auf vielen Anhaltspunkten beruhenden Ansicht erklärt sich das Ringeln aus der Evolution der Spechte, als ein Verhaltensatavismus.

Feldversuche dürften sich kaum realisieren lassen. Dagegen sind nach wie vor weitere Feldbeobachtungen wünschenswert, ja unverzichtbar, so bspw. zur Klärung des Zustandekommens vom Wundtyp IV, zur Frage nach dem Verzehr der gelegentlich vereinzelt aus Wunden hervortretenden Phloemsaft-Tropfen und deren abgreifbare substantielle Menge in oder an Ringelwunden, zur Frage nach der Individualität ringelnder Spechte u.a.m., des Weiteren zum Erscheinungsbild von Beringelungen durch den Mittelspecht samt deren Unterschied zum Gr. Buntspecht, dem Ringelspecht Nr.1.

Vielleicht gehört das Ringelungsgeschehen zum Kreis jener Fragestellungen, von denen GOETHE in den Gesprächen mit ECKERMANN konstatiert hat, daß der Mensch bei allen seinen Forschungen doch „zuletzt zugestehen müsse, dass manchen Dingen nur bis zu einem gewissen Grad beizukommen ist und die Natur immer etwas Problematisches hinter sich behält, welches zu ergründen die menschlichen Fähigkeiten nicht ausreichen.“

 

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