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Teil V: Resümee

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DIE SPECHTRINGELUNG – EINE >RÄTSELHAFTE HANDSCHRIFT<

Das sog. Ringeln einheimischer Spechte an gesunden Bäumen ist ein facettenreiches, bisher nur ansatzweise geklärtes Phänomen. Es erfolgt an einer Vielzahl von Baumarten, den sog. Ringelbaumarten; nur von einigen wenigen Gehölzarten sind keine Nachweise bekannt. Fremdländische Gehölze sind prinzipell nicht weniger betroffen als einheimische. Zur Rangfolge der geringelten Laubbäume gibt es zwar keine feste Regel. Aber insgesamt betrachtet, ungeachtet lokal völlig abweichender Gegebenheiten, sind Eichen (-Arten) die hierzulande und europaweit am meisten geringelten Gehölze, vor allem die Roteiche; an zweiter Stelle dürften Ulmen und entgegen vieler Behauptungen weit danach erst die Linden stehen. Die Koniferen sind vergleichsweise extrem seltener als die Nichtbluter-Laubgehölze Gegenstand dieser Spechtarbeit.

Das Ringeln besteht darin, daß die Vögel an den Stämmen, seltener an Ästen der von ihnen gewählten Objekte in perlschnurartiger Abfolge Wunden schlagen, dies meist in einer mehr oder weniger horizontaler Ausrichtung, was zu den als Hiebsreihen bzw. als Ringel bezeichneten Bildern führt. Eigenartigerweise gibt es unterschiedliche Formen von Ringelwunden, zumindest 5 Wundtypen. Ungeachtet dessen besteht nicht der geringste Zweifel, daß es den ringelnden Spechten um den Baumsaft geht, die treibende Kraft dieser Tätigkeit der als Ringelspechte bezeichneten Arten (hierzulande v.a. der Gr.Buntspecht sowie der Dreizehenspecht) also die 2 unterschiedlichen Baumsäfte sind. Zum einen geht es um den Phloemsaft von Laub- und Nadelbäumen, zum andern bei den sog. Bluterbaumarten (hierzuland im Wesentlichen nur alle Acer-Arten, die Birken und die Hainbuche) um den Xylemsaft, der bei diesen Gehölzen während der sog. Blutungsphase im Nachwinter bis zum Austreiben der Blätter in etwas unterschiedlichen Zeitspannen für die Dauer von einigen Tagen (bei Acer sehr witterungsabhängig) bis Wochen aus Wunden, die bis auf oder in das Holz gehen, ausfließt.

Das Ringeln selbst findet an den Blutergehölzen nur während dieser Phase statt. Zwar werden in der gleichen Zeit auch Nichtbluterbaumarten (zu denen alle Nadelbäume zählen), an denen die Hauptmasse aller Beringelungen stattfindet, bearbeitet, doch erfolgen diese entgegen der bisher herrschenden Meinung schwerpunktmäßig während der Vegetationszeit.

Nach der bisherigen Deutung des Ringelungsgeschehens, der sog. Saftgenuß- = Saftlecker-Theorie, spielen die beiden genannten Saftkategorien eine essentielle bis gar unverzichtbare Rolle als Nahrung für die Vögel und sollen auch zur Verbreitung der ringelnden Spechtarten beitragen. Diese Ansicht liefert aber keine hinreichende Erklärung für das Ringelungsgeschehen und wird von den vorliegenden Fakten nicht gestützt. Zum einen wird der von den Bluterbaumarten während der Blutungsphase an Hiebswunden meist üppig verfügbare, jedoch nährstoffarme weitgehend geschmacklose Xylemsaft (Blutungssaft) nur in höchst bescheidenem Umfang genutzt; dazu trägt auch die für das Trinken wenig geeignete Zunge unserer hiesigen Spechte bei. In Anbetracht der recht seltenen Bearbeitung der Blutergehölze gemessen an dem vielerorts üppig zu Gebote stehenden Potential ist davon auszugehen, daß dieser Sektor des Saftkonsums für die Ernährung der Vögel ziemlich bedeutungslos ist, möglicherweise bis zu einem gewissen Grad ein Ersatz für den bei diesen Vögeln allfälligen Wasserbedarf. Das Ringeln erfolgt auch dann, wenn am Baum bereits Blutungsstellen vorhanden sind.

Bei den Nichtblutern, gleichermaßen den Laub- wie Nadelbäumen ist das Beringeln auf den überaus nahrhaften und süßen Phloemsaft ausgerichtet. Dieser ist aber durch histologischen Strukturen sowie baumphysiologische Mechanismen im Baum weitgehend >unter Verschluß<. Aus solchen Gründen haben unsere Ringelspechte mit den von ihnen hergestellten Wunden, ungeachtet der Baumart keinen direkten Zugriff auf diese Ressource. Er steht den Spechten, wenn überhaupt, nur in Form des Austritts einiger wenigen Tropfen an den Ringelwunden, also in geringer Menge und im Unterschied zum Blutungsgeschehen nur ganz kurz zur Verfügung; danach ist Schluß. Am Schwierigsten ist die Phloemsaft-Gewinnung bei den Nadelbäumen. Wegen dieser Konstellation und zugleich auch hierbei in Anbetracht der Seltenheit von Ringelungen muß man davon ausgehen, daß auch der Konsum von Phloemsaft, wenn überhaupt nur höchst bescheiden ist. Es fehlt schon an einschlägigen Beobachtungen dazu, ob und wie der gelegentlich aus Hiebswunden austretende Phloemsaft von dem ringelnden Vogel verzehrt wird.

Es ist davon auszugehen, daß sich der Saftkonsum und somit auch dessen Nährwert methodisch nicht erfassen läßt. Indessen ergibt sich die Lösung der Frage, ob die Saftgenuß-Theorie unter ernährungsbiologischem Gesichtspunkt für unserer Spechte zutrifft, dann von selbst, wenn man einen Vergleich mit der durch die Evolution erworbenen effizienten Saftnutzung der amerikanischen Saftleckerspechte anstellt. Anders als diese sind unsere Ringelspechte zur Ausbeutung der Baumsäfte, zumal des Phloemsaftes nicht befähigt; sie kommen nicht in der nötigen systematischen Weise an den wertvollen Saft heran. Jene Spechte hingegen setzen sich mit Hilfe der Form ihrer Beringelung (betr. die Art und Form ihrer Ringelwunden sowie dem weiteren Vorgehen) über die den Bäumen innewohnenden Mechanismen und Barrieren gegen den Verlust des auch für diese selbst wertvollen Phloemsaftes hinweg, unterlaufen diese, ungeachtet der den Ringelungsobjekten dabei zugefügten Schäden (Buch S.426/427). Da unsere Ringelspechte (noch) keine derartigen Machenschaften zum >Hintergehen< der physiologischen Konstellation aufbieten können bzw. entwickelt haben, ist damit auch die auf der Nahrungsdoktrin beruhende Deutung als Saftgenuß-Theorie zur Spechtringelung widerlegt.

Nach meiner Überzeugung sprechen sehr viele Gesichtspunkte dafür, daß es sich beim Ringeln der hiesigen Spechte um ein Relikt aus der Evolution handelt, um einen sog. Verhaltensatavismus. Das Ringeln unserer Ringelspechte würde demnach ein auf die Evolution der Spechte zurückgehendes noch nicht voll ausgereiftes Verhalten darstellen.

Insofern sind die von der Spechtringelung herrührenden äußerlichen Schadbilder, die infolge der Vernarbung zumindest eine Zeit lang als ziemlich auffällige >Denkmäler< in Erscheinung treten bzw. zurückbleiben, eine >rätselhafte Handschrift<.

Auch für die an gesunden Bäumen gelegentlich von Spechten verübten sog. HACKSCHÄDEN, die nur im Buch näher dargestellt sind, gibt es keine überzeugende stichhaltige Erklärung.

Zur Ursache von sog. HACKUNTATEN an Gütern der menschlichen Wirtschaft, bspw. an Telefonmasten, an Gebäuden u.a.m. gibt es einige Anhaltspunkte (Näh. im Buch Kap. D).

Ein besonders wichtiger Nebenaspekt der Spechtringelung an Laubbäumen ist der Befall der während der Vegetationszeit verübten Rindenbeschädigungen durch kambiophage Kleinstinsekten (im Wesentlichen 2 Arten), was den als Eichenkrebs oder T-Krankheit bezeichneten Kreis von äußerlichen und inneren Schadbildern zur Folge hat. Deren Biologie ist besonders eindrucksvoll auf die Ringelungen der Spechte abgestimmt.

Fazit: Bei der Spechtringelung handelt es sich also um ein rätselhaftes, noch nicht abschließend geklärtes Verhalten. Der ökonomische Nutzen der Ringelungen ist nach meiner Auffassung äußerst gering, ganz im Widerspruch zu der bisher herrschenden Meinung von Seiten der Saftgenuß-Theorie. Allerdings muß ich meine im Buch noch vertretene fast kategorische Leugnung jeglichen Nutzens (A17) für die Spechte etwas zurücknehmen. Es fehlt nach wie vor an der von GLUTZ v. BLOTZHEIM geforderten energetischen Bilanz. Möglicherweise läuft es auf die von J.WEISS in seiner Rezension vertretene Anschauung hinaus, daß es sich auch dann um ein funktionsgesteuertes Verhalten handelt, wenn die Spechte keinen handfesten Nutzen aus den Baumsäften ziehen können, sondern dieser auf nur ganz kleinen Mengen beruht.

Nach meiner auf vielen Anhaltspunkten beruhenden Ansicht erklärt sich das Ringeln aus der Evolution der Spechte, als ein Atavismus. Vielleicht gehört das Ringelungsgeschehen zum Kreis jener Fragestellungen, von denen GOETHE in den Gesprächen mit ECKERMANN konstatiert hat, daß der Mensch bei allen seinen Forschungen doch „zuletzt zugestehen müsse, dass manchen Dingen nur bis zu einem gewissen Grad beizukommen ist und die Natur immer etwas Problematisches hinter sich behält, welches zu ergründen die menschlichen Fähigkeiten nicht ausreichen.“

Feldversuche dürften sich kaum realisieren lassen. Dagegen sind nach wie vor weitere Feldbeobachtungen angebracht und wünschenswert, ja unverzichtbar, so bspw. zur Klärung des Zustandekommens vom Wundtyp IV, zur Frage nach dem Verzehr der gelegentlich vereinzelt aus Wunden hervortretenden Phloemsaft-Tropfen und deren abgreifbare substantielle Menge in oder an Ringelwunden, zur Frage nach der Individualität ringelnder Spechte u.a.m., des Weiteren zum Erscheinungsbild von Beringelungen durch den Mittelspecht samt deren Unterschied zum Gr. Buntspecht, dem Ringelspecht Nr.1.

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