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Teil V: Resümee

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DIE SPECHTRINGELUNG – EINE >RÄTSELHAFTE HANDSCHRIFT<

Gewissermaßen eine Zusammenfassung der wichtigsten in Teil I bis IV dargelegten Inhalte,
wodurch sich zwangsläufig dort formulierte Aussagen und Erkenntnisse  wiederholen.

Das sog. Ringeln einheimischer Spechte an gesunden Bäumen ist ein facettenreiches, bisher nur ansatzweise geklärtes Geschehen. Nach Maßgabe der von mir während mehreren Jahrzehnten ermittelten Befunde und Erkenntnisse sind viele der dazu seit etwa 1850 in der Literatur vorliegenden Beschreibungen, Ansichten und Erklärungen nicht nur unzulänglich, sondern zu Teilen völlig unzutreffend; dies gilt besonders für die in Vielzahl der aufgebotenen Deutungen. Dies veanlaßte mich zu meiner grundlegenden kritischen Darstellung aller Aspekte dieser sog. Spechtringelung unter den hiesigen Gegebenheiten, dies unter Verarbeitung der gesamten (d.h. erreichbaren) Literatur samt der Korrektur der grundlegenden Irrtümer, soweit dies möglich ist. Letzten Endes handelt es sich aber noch immer um ein nicht abschließend gelöstes Phänomen. Zum weiteren Umfeld der Spechtringelung gehören auch die von Spechten herbeigeführten sog. Hackschäden und des Weiteren die an Gütern der menschlichen Wirtschaft verübten Hackuntaten, die allesamt bis zu einem gewissen Grad ebenfalls noch rätselhaft sind.

Das Ringeln besteht darin, daß unsere sog. Ringelspechte, möglicherweise im Wesentlichen einzelne Individuen, an den Stämmen, seltener an Ästen den von ihnen gewählten Objekten in perlschnurartiger Abfolge Wunden schlagen, dies meist in einer mehr oder weniger horizontaler Ausrichtung, was zu den als Hiebsreihen bzw. als Ringel bezeichneten Bildern führt. Aber es gibt auch bogenförmig verlaufende und mitunter sogar steil nach oben oder unten verlaufende Hiebsreihen. Ausnahmsweise kommen Ringelungsstellen vor, wo die Hiebspunkte auf einer kleinen Fläche gehäuft dicht beisammen stehen, aber auch dabei sind sie getrennt voneinander plaziert. Zwar ist das Beringeln fast von allen unseren Spechtarten bekannt (nicht vom Kleinspecht), aber nach Häufigkeit und Intensität in einem höchst unterschiedlichen Grad. Ringelsspecht Nr.1 ist der Große Buntspecht, in Gebirgswaldungen und borealen Regionen hat der Dreizehenspecht örtlich einen ähnlichen Stellenwert; vergleichsweise selten ist der Mittelspecht beteiligt, von den anderen Spechtarten ganz zu schweigen.

Eigenartigerweise gibt es unterschiedliche Formen von Ringelwunden, zumindest 5 Wundtypen (die Grundtypen I bis V), die bisher noch nie beschrieben wurden. Die wichtigste Form, gewissermaßen der Standardtyp sind – gemäß der Schnabelmorphologie fast erwartungsgemäß —  schmale kerbenförmige ziemlich kleine feine Schlitzchen (auch als Einstiche bezeichnet), dies vorwiegend auf relativ glatter, noch nicht stärker verborkter Rinde. Sie sind meist vertikal ausgerichtet, manchmal jedoch durch entsprechend Kopfhaltung des Vogels auch schräg und gar horizontal angebracht, mitunter sogar in Mehrzahl in einer linearer Aufreihung. Der Abstand der Hiebswunden ist, zumal bei diesem Wundtyp, auffallend gleichmäßig, er sei eng oder weit. Dies wie weitere im Text näher beschriebene Anhaltspunkte lassen keinen Zweifel daran, daß die Hiebe unter optischer Kontrolle plaziert werden, so wie auch in den vielen Fälle, bei denen die Hiebswunden zielgenau in Rindenrisse / Rindenfurchen gesetzt sind, dies meist in Form runder >gestanzt erscheinender< Löcher, des Weiteren gibt es auch einen Wundtyp, bei dem der Vogel mehrmals auf eine Hiebsstelle einschlägt. Außerdem sind es manchmal in ebenfalls sehr gleichmäßigem Abstand mit tangential angebrachten Hieben hergestellte Wundstellen mit jeweils einem abgespaltenen Rindenspan. Besondere Rätsel vom Sinn wie der Herstellung gibt jener 5.Typ auf, bei dem von der äußeren Rinde bis Borke bis auf das Periderm kleine Rindenflecken (selten größer als in Fingernagelgröße) abgetragen und auf diese Stellen mehrere Einschläge platziert werden.

Im Anhalt an die durch das als Ringeln herbeigeführten Beschädigungen, v.a. durch deren Vernarbung herbeigeführten >Denkmäler<, erfolgt dieses Geschehen an einer Vielzahl von Baumarten, den sog. Ringelbaumarten, die aber in höchst unterschiedlichem Grad davon betroffen sind; nur von einigen wenigen Gehölzarten sind keine Nachweise bekannt. Fremdländische Gehölze sind prinzipell nicht weniger betroffen als einheimische. Zur Rangfolge der geringelten Laubbaumarten gibt es zwar keine feste Regel. Aber insgesamt betrachtet, ungeachtet lokal völlig abweichender Gegebenheiten (einer für dieses Geschehen ohnehin bezeichnenden Gegebenheit), sind Eichen (-Arten) die hierzulande und europaweit am meisten geringelten Gehölze, vor allem die Roteiche. An zweiter Stelle dürften Ulmen stehen, dies entgegen vieler Behauptungen noch weit vor den Linden, welche jedoch immer wieder mit  besonders eindrucksvollen Beispielen aufwarten. Koniferen sind vergleichsweise höchst selten Gegenstand dieser Spechtarbeit, letzteres vornehmlich im Gebirge bzw. in mehr borealen Regionen.

Im Zusammenhang mit der Spechtringelung muß man bei den für das Beringeln in Betracht kommenden Gehölzen grundsätzlich zwischen den sog. >Bluterbaumarten< und den Nichtblutern unterscheiden. Die ersteren sind hierzulande nur mit ganz wenigen Gehölzarten vertreten, im Wesentlichen sind es alle Acer-Arten, die Birken, die Hainbuche, (die Walnuß). Bei ihnen tritt während ihrer sog. Blutungsphase im Nachwinter (bei Acer mitunter schon im Dezember) bis zum Austreiben der Blätter zu etwas unterschiedlichen Zeiten für die Dauer von einigen Tagen (bei Acer sehr witterungsabhängig) bis Wochen aus Wunden, die bis auf oder in das Holz gehen, Baumsaft in Form des äußerst nährstoffarmen sog. Xylemsaftes aus, kurzweg als Blutungssaft bezeichnet. Alle übrigen Laubbäume sowie sämtlich Nadelgehölze zählen zur Kategorie der Nichtbluter, bei denen allenfalls unter pathologischen Gegebenheiten Xylemsaft zum Vorschein kommt. Die zweite Kategorie der Baumsäfte, nämlich der in der Rinde (dem innersten Bast) beheimate sog. Phloem- oder Assimilatesaft, ein nährstoffreiches Produkt der Assimilation (Zucker!), der gleichermaßen den Bluter- wie Nichtbluterbaumarten eigen ist, tritt aus Rindenwunden bestenfalls ganz kurz und dann in einer minimalen bis ganz geringen Menge zutage.

Ringelungsnachweise sind zwar auch von allen Bluter-Gehölzarten bekannt und stellenweise bis örtlich sogar häufig; aber insgesamt betrachtet werden diese im Vergleich zu den Nichtblutern selten bearbeitet; die Hauptmasse aller Spechtringelungen findet an Nichtblutern statt und zwar an den Nichtbluter-Laubgehölzen.

Jahreszeitlich findet das Ringeln an den Blutergehölzen nach Maßgabe vieler authentischer Nachweise als auch nach anderen Indizien (Position der Spuren im Holz) und im Anhalt an das Fehlen von Befall dieser Wunden durch die erst während der Vegetationszeit schwärmenden kambiophagen Wundbesiedler nur während deren Blutungsphase statt. Zwar werden in der gleichen Zeit auch Nichtbluterbaumarten (zu denen wie gesagt auch alle Nadelbäume, bspw. die Kiefer zählen) bearbeitet, doch erfolgt die Spechtringelung schlechthin, entgegen der bisher herrschenden Meinung schwerpunktmäßig während der Vegetationszeit, also nicht >im Frühjahr< wie bisher fast durchweg behauptet.

All dessen ungeachtet besteht kein Zweifel daran, daß es den ringelnden Spechten um Baumsaft geht; die treibende Kraft zu dieser Tätigkeit der als Ringelspechte bezeichneten Arten (hierzulande wie gesagt v.a. der Gr.Buntspecht sowie der Dreizehenspecht) sind also die Baumsäfte beider Kategorien: zum einen der Phloemsaft von Laub- und Nadelbäumen, zum andern bei den sog. Bluterbaumarten der Xylemsaft,.

Besonderes Augenmerk verdient die Deutung der Spechtringelung. Zur Erklärung des Ringelungsgeschehens wurden im Laufe der Zeit weit mehr als 20 Erklärungen aufgeboten (Aspekt 10), von denen viele skurill bis geradezu absurd und leicht zu widerlegen sind. Von allen Anschauungen hat sich nach langen Auseinandersetzungen die vor 175 Jahren formulierte Vorstellung (1849) durchgesetzt, wonach es den Spechten beim Ringeln um Baumsaft gehen könnte, dies in Form der bis jüngst als gültig erachteten sog. Saftgenuß-Hypothese = Saftlecker-Theorie. Ihr liegt die Auffassung zugrunde, daß die beiden Baumsäfte, Xylem- wie Phloemsaft  eine essentielle oder gar unverzichtbare Rolle als Nahrung für die Vögel haben und dieser Saftkonsum außerdem zur Verbreitung der ringelnden Spechtarten beiträgt. Diese so gut wie widerspruchslos seit etwa 100 Jahren vertretene Ansicht (nur ein Mal seitens des englischen Wissenschaftlers GIBBS / 1982 mit dem Satz in Frage gestellt, wonach das Ringeln nicht mit Saftlecken gleichgesetzt werden dürfe: „woodpecking is not synonymous with sapsucking“) wird von den vorliegenden Fakten in keinster Weise gestützt. Zum einen wird der von den Bluterbaumarten während der Blutungsphase an Hiebswunden meist üppig verfügbare, jedoch nährstoffarme weitgehend geschmacklose Xylemsaft (Blutungssaft) nur bzw. allenfalls in höchst bescheidenem Umfang genutzt; dazu trägt auch die für das Trinken wenig geeignete Zunge unserer hiesigen Spechte (nach Art einer Leimrute und mechanisch wirksamen Insekten-Angel) bei. Auch in Anbetracht der recht seltenen Bearbeitung der Blutergehölze gemessen an dem vielerorts üppig zu Gebote stehenden Potential ist davon auszugehen, daß dieser Sektor des Saftkonsums für die Ernährung der Vögel ziemlich bedeutungslos ist, möglicherweise bis zu einem gewissen Grad ein Ersatz für das bei den Spechten allfällige Trinkbedürfnis. Bezeichnenderweise erfolgt das Ringeln auch dann, wenn am Baum bereits Blutungsstellen vorhanden sind. Sofern ansonsten bei Nichtbluter-Bäumen irgendwo geschmackloser Saft (bezeichnenderweise ohne Insekten-Besuch) hervortritt, dann stammt dieser aus inneren Wunden und handelt es sich um ein pathologisches Bluten / s. im Buch A 8.1.1), was im Zusammenhang mit der Spechtringelung nicht von Belang ist.

Bei den Nichtblutern, gleichermaßen Laub- wie Nadelbäumen, kann das Beringeln aus baumphysiologischen Gründen allenfalls bzw. nur auf den überaus nahrhaften und süßen Phloemsaft ausgerichtet sein. Dieser ist aber durch histologische Strukturen sowie baumphysiologische Mechanismen im Baum zum Schutz vor dem Verlust der Assimilate weitgehend >unter Verschluß<, wie ich dies in meiner Stellungsnahme zu der Rezension von H.WINKLER anhand eindeutiger wissenschaftlicher Befunde zur Botanik der Bäume näher darlege. Aus solchen Gründen haben unserer Ringelspechte mit den von ihnen hergestellten Wunden, ungeachtet der Baumart keinen Zugriff auf diese Ressource. Er steht den Spechten, wenn überhaupt, an ihren Ringelwunden nur in Form des Austritts einiger weniger Tropfen, also in geringer Menge und im Unterschied zum Blutungsgeschehen nur ganz kurz zur Verfügung; danach ist Schluß; gleichermaßen läßt sich mit künstlichen Wunden dem Phloemsaft kaum beikommen; am Schwierigsten ist die Phloemsaft-Gewinnung bei den Nadelbäumen. Wegen dieser Konstellation und zugleich auch hierbei in Anbetracht der grundsätzlichen Seltenheit von Ringelungen (gemessen am Baumbestand) ist davon auszugehen, daß auch der Konsum von Phloemsaft, wenn überhaupt, nur höchst bescheiden ist. Dieser Aspekt, die schon vor Jahrzehnten von GLUTZ v.BLOTZHEIM (1980) angemahnte Erfassung der „energetischen Bedeutung“ des Saftkonsums bedarf noch der Klärung, eingedenk der zugleich von ihm konstatierten Meinung, daß sich Baumsäfte „als pflanzliche Nahrungsquelle … so gut wie vollständig der Erfassung“ entziehen und sich mit Magenuntersuchungen quantitativ nicht erfassen läßt (OSMOLOVSKAJA 1946). Auf jeden Fall fehlt es allein schon an einschlägigen Beobachtungen dazu, ob und wie die gelegentlich aus Hiebswunden austretenden wenigen Phloemsaft- Tropfen von dem ringelnden Vogel verzehrt werden.

Indessen ergibt sich die Lösung der Frage, ob die Saftgenuß-Theorie unter ernährungsbiologischem Gesichtspunkt für unserer Spechte zutrifft, von selbst, wenn man einen Vergleich mit der durch die Evolution erworbenen effizienten Saftnutzung der amerikanischen Saftleckerspechte anstellt. Anders als jene sind unsere Ringelspechte zur Ausbeutung der Baumsäfte, zumal des Phloemsaftes mit Hilfe ihrer Ringelwunden gar nicht befähigt; mit diesen kommen sie nicht in der nötigen systematischen Weise an den wertvollen Saft heran. Das heißt: Allein schon durch ihre dafür unzulängliche Form und Beschaffenheit ihrer Ringelwunden müssen unsere Spechte an einer effektiven Erschließung des Phloemsaftes scheitern. Die >sapsucker-Spechte< hingegen setzen sich mit Hilfe ihrer durch die Evolution erworbenen Art der Beringelung bzw. Form ihrer Ringelwunden (s.Buch S.426 – 427) über die den Bäumen innewohnenden Mechanismen und Barrieren gegen den Verlust des auch für sie wertvollen Phloemsaftes hinweg, unterlaufen also diese ungeachtet der den Ringelungsobjekten dabei zugefügten Schäden (Näheres dazu auf der dem Buch beigefügten CD-ROM im Anhang I: Amerikanische Saftleckerspechte unter dem Suchbegriff „Absterben“). Da unsere Ringelspechte also keine derartigen Machenschaften zum >Hintergehen< der physiologischen Konstellation aufbieten bzw. entwickelt haben, ist damit zugleich die auf der Nahrungsdoktrin beruhende Saftgenuß-Theorie zur Spechtringelung in ihrem bisherigen Sinn widerlegt. Das Ringeln bringt unseren Spechten keinen oder allenfalls minimalen Nutzen, ist demnach – man mag es wenden wie man will – in hohem Grad unökonomisch wenn nicht gar sinnlos, also ein Verhalten, bei dem der Vogel „einem inneren Trieb folgend Unsinn treibt“ (Formulierung aus der Rezension von H.WINKLER).

Nach meiner Überzeugung sprechen sehr viele Gesichtspunkte für die Deutung, daß es sich beim Ringeln der hiesigen Spechte um, wie schon GATTER (2000) vermutete, ein Relikt aus ihrer Evolution handelt, also um einen sog. Verhaltensatavismus, in diesem Fall um eine Phase ihres zur Saftausbeutung noch nicht ausgereiften Verhaltens, wie ich dies im Kapitel >Verhaltensatavismus< (Stellungsnahme zu H.WINKLER) näher darlege. Sprachlich >jovial< und antropomorph ausgedrückt wollen die hiesigen Ringelspechte seit >urdenklichen Zeiten< mit ihrem Ringeln den Bäumen den nährstoffreichen Phloemsaft abtrotzen, jedoch bis heutigentags mangels eines entsprechend tauglichen Vorgehens (noch) erfolglos. Dies würde mit der ziemlich berechtigten (nämlich durch mancherlei Befunde gedeckten) Annahme im Einklang stehen, daß das Ringeln eine weitgehend individuelle Eigenheit und keinesfalls Teil der jeweiligen Spechtart eigenen Lebensweise ist, also ein noch nicht ausgereiftes Verhalten zugunsten von Phloemsaft-Genuß. Für Atavismen ist bezeichnend, daß sie regelmäßig bei Einzelindividuen zutage treten. Meine Annnahme läuft also darauf hinaus, daß ich das Ringeln der >Laune< einzelner Vögel zuschreibe; diese Auffassung will noch näher geprüft und bewiesen sein.

Insofern sind die von der Spechtringelung herrührenden äußerlichen Schadbilder, die infolge der Vernarbung zumindest eine Zeit lang als ziemlich auffällige >Denkmäler< in Erscheinung treten bzw. zurückbleiben, eine >rätselhafte Handschrift<.

Auch für die an gesunden Bäumen gelegentlich von Spechten verübten sog. HACKSCHÄDEN, die im Buch (Kap.B = B1 – B8) näher dargestellt sind, gibt es keine überzeugende stichhaltige Erklärung.

Zur Ursache von sog. HACKUNTATEN an Gütern der menschlichen Wirtschaft, bspw. an Telefonmasten, an Gebäuden u.a.m. gibt es einige einleuchtende Anhaltspunkte (Näh. im Buch Kap. D).

Ein besonders wichtiger Nebenaspekt der Spechtringelung an Laubbäumen ist der Befall der während der Vegetationszeit verübten Rindenbeschädigungen durch kambiophage Kleinstinsekten (im Wesentlichen 2 Arten), was den als Eichenkrebs oder T-Krankheit bezeichneten Kreis von äußerlichen und inneren Schadbildern zur Folge hat. Die Biologie dieser Organismen, zumal der Gallmücke Resselliela quercivora ist eindrucksvoll auf die Ringelungen der Spechte abgestimmt (Buch A 2.6).

Fazit:
Bei der Spechtringelung handelt es sich also um ein rätselhaftes, noch nicht abschließend geklärtes Verhalten. Im Widerspruch zu der bisher herrschenden Saftgenuß-Theorie, die nun als widerlegt zu gelten hat, kann der ökonomische Nutzen der Ringelungen nur gering sein. Meine im Buch noch vertretene fast kategorische Leugnung jeglichen Nutzens (A 17) für die Spechte muß ich allerdings etwas zurücknehmen. Man muß nämlich davon ausgehem, daß der eine oder andere ringelnde Specht eine kleine Menge des extrem nährstoffarmen Xylem- und möglicherweise des energiereichen Phloemsaftes aufnimmt. Nach wie vor fehlt es an der von GLUTZ v. BLOTZHEIM geforderten energetischen Bilanz eines solchen Saftkonsums. Ob und inwieweit es auf die von J.WEISS in seiner Rezension vertretene Anschauung hinausläuft, daß es sich auch dann um ein funktionsgesteuertes Verhalten handelt, wenn die Spechte keinen handfesten Nutzen aus einem solchen Verzehr von Baumsäften ziehen können, weil es sich um den Konsum einer nur ganz kleinen Menge handelt, sei  offen gelassen.

Nach meiner auf vielen Anhaltspunkten beruhenden Ansicht erklärt sich das Ringeln, wie unter Aspekt 10 näher dargelegt, als ein Verhaltensatavismus aus der Evolution unserer hiesigen Spechte. Dies schließt meine inzwischen gewonnene Vermutung mit ein, daß das Ringeln eine individuelle Eigenheit zu sein scheint.

Vielleicht gehört das Ringelungsgeschehen zum Kreis jener Fragestellungen, von denen GOETHE in den Gesprächen mit ECKERMANN konstatiert hat, daß der Mensch bei allen seinen Forschungen doch „zuletzt zugestehen müsse, dass manchen Dingen nur bis zu einem gewissen Grad beizukommen ist und die Natur immer etwas Problematisches hinter sich behält, welches zu ergründen die menschlichen Fähigkeiten nicht ausreichen.“

Klärende Feldversuche dürften sich kaum realisieren lassen. Dagegen sind nach wie vor weitere Feldbeobachtungen wünschenswert, ja unverzichtbar, so bspw. zur Klärung des Zustandekommens vom Wundtyp IV, zur Frage nach dem Verzehr der gelegentlich vereinzelt aus Wunden hervortretenden Phloemsaft-Tropfen und deren abgreifbare substantielle Menge in oder an Ringelwunden, zur Frage nach der Individualität ringelnder Spechte u.a.m., des Weiteren zum Erscheinungsbild von Beringelungen durch den Mittelspecht samt deren Unterschied zum Gr. Buntspecht, dem Ringelspecht Nr.1.

 

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