Klaus Dengler | E-Mail: klaus@denglernet.de | Telefon: +49 (0)7142 966 9550

Teil II: Die Rezensionen

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Vorbemerkungen

Bei Google heißt es (Stand Anfang 2017) „… Rezension schreiben“ bzw. „.Es wurde keine Rezension gefunden“. Dies trifft in Wirklichkeit nicht zu. Vorab seien die im Netz stehenden Hinweise auf das Buch nach dessen Erscheinen genannt, teils nur mit den bibliographischen Angaben (Titel; Bezugsquelle), teils mit kurzen Angaben zum Inhalt: im Schwarzwälder Boote / Tageszeitung vom 20.06.2013; eine Kurznotiz von der 24.Jahretagung der Fachgruppe Spechte der Deutschen Ornithol. Ges. vom 14.-16.Juni 2013 am Feldberg,eine Anzeige der Schweiz.Zeitschr. f.Forstwesen 164 (2013) mit Inhaltsverzeichnis vom Buch;eine Buchtitel-Anzeige unter „Neue Buchbesprechungen zum Pflanzenschutz“ mit folgenden Hinwesi: „Eine detailliert aufbereitete Darstellung zu einem (scheinbar) wenig bekannten forstlichen Schad-Phänomen an Gehölzen mit dem Ergebnis des Autors, dass die bisher geltende Saftlecker-Theorie nicht zutrifft. Zudem ist das Werk ein Beispiel dafür, dass es sich immer lohnt, alte fortgeschriebene Wahrheiten einmal einer näheren und intensiven Überprüfung zu unterziehen.. Sodann erschien der Abdruck der Rezension von H. Winkler als Auszug vom Ornithologischen Anzeiger Bd. 53 / 2014, zum einen unter Ilmenauer Discovery Tool / Position 12; zum andern unter Schriftenschau-Zobodat als Anzeige der Ornithologischen Gesellschaft Bayerns 53 (2013).

 

Realiter!

Eigens zum Buch erschienen 9 Rezensionen, eingeschlossen dessen Bekanntmachung 2012 durch die folgende Ankündigung seitens des Rektors der Forstlichen (Fach-) Hochschule Rottenburg Dr.Bastian KAISER auf deren >home-page< „Rottenburger Professor räumt mit Legenden auf“. Seine weiteren Worte galten zunächst meiner Person als Lehrkraft, schwenken dann zu dem seit mehr als 150 Jahren beschriebenen „sehr speziellen Phänomen“ der Spechtringelung über. Ein besonderes Gewicht habe das Werk durch meine Widerlegung der „gängigsten Deutung, der sogenannten Saftgenußtheorie“, eine von den im Laufe der Zeit aufgebotenen „fast 20, teils skurillen, durchweg irrigen Erklärungen, weil bei dieser Erklärung von völlig falschen Grundgegebenheiten ausgegangen“ werde. Das Buch sei ein „fundierter Beitrag zu einem öffentlichen Diskurs. Darin werden … Kollegen nicht einfach kritisiert oder – schlimmer noch – ignoriert, sondern in fast >detektivistischer Weise eindrucksvoll widerlegt. Eine Art >wissenschaftlicher Streitkultur<, die früher gerade in der Forstwirtschaft mit zu ihrer internationalen Vorreiterstellung und Vordenkerrolle geführt hat …. und in Zeiten schneller Medien und der mangelden Geduld auch in der Wissenschaft leider weitgehend verloren gegangen“ sei. KAISER sieht „im Buch ein „wunderbares Beispiel für einen aktiven, engagierten und fundierten Beitrag zu einem öffentlichen Diskurs. … Insofern steht das Buch … in einer großen Tradition und schlägt über die Schnelllebigkeit und das unkritische Abschreiben hinweg eine Brücke zur tatsächlichen wissenschaftlichen Auseinandersetztung mit einer konkreten Fragestellung, aber auch mit Kolleginnen und Kollegen weltweit.“
Eine derartige Behandlung der Thematik war von Anbeginn mein Ansinnen gewesen, weil viele Verlautbarungen und Schriften zum Ringeln der Spechte, zumal in jüngerer Zeit, eine kritische Sicht vermissen lassen und zu weiten Teilen in der Weitergabe bisher vorhandener Meinungen bestehen. Ob ich in allen Punkten den von KAISER gesetzten Vorgaben gerecht geworden bin, zumal hinsichtlich der Würdigung konträrer Ansichten, sei dahingestellt (man beachte die Besprechung von E.Günther 2014).

In stark verkürzter Form erschien diese Besprechung auch unter dem Stichwort >BÜCHERTISCH< im Holzzentralblatt 138.Jg (2012), Nr.49.

Erwartungsgemäß fielen die 8 eigentlichen Besprechungen nicht einheitlich aus, doch würdigen die meisten Rezensenten die Monographie durch meine Verarbeitung fast der gesamten Literatur aus 150 Jahren unter Verwertung eigener Beobachtungen und Befunde aus mehr als 25 Jahren als einen höchst lobenswerten Verdienst. Sie rechtfertigen meine eigene Auffassung, daß durch die enzyklopädisch konzipierte Abhandlung die Materie Spechtringelung auf eine neue Grundlage gestellt ist. Von besonderer Bedeutung sind die Korrekturen vieler grundlegender Irrtümer, speziell zu den oben bereits abgehandelten Aspekten (1) – (10). In der von mir auf Sachverhalten und Überlegungen gestützten Widerlegung der bisher als gültig erachteten Saftgenuß-Theorie (im Buch A 14.2, hier unter Aspekt 10) sah ich bereits bisher einen Kernpunkt meines Buches; meine Interpretation als ein Verhaltensatavismus habe ich dort nur zur Diskussion gestellt.

Nachfolgend sind diese weiteren 8 Besprechungen im Wortlaut abgedruckt. In Anbetracht der vielen verschiedenen Themenkreise: Ringeln, Hackschäden und Hackuntaten u.a.m. und weiteren Einzelaspekten mit insgesamt über 90 Kapiteln ist es verständlich, daß in fast keiner Rezension sämtliche thematischen Inhalte (am ehesten von U.N.Glutz v. Blotzheim / 2013) zur Sprache gebracht werden.

Während die meisten der Besprechungen allenfalls Anlaß zu Anmerkungen geben, zwingen H.WINKLERs Auslassungen zu einer Stellungsnahme. Da aber hierzulande ein Votum nach Art einer Erwiderung bei Buchbesprechungen prinzipiell nicht üblich ist bzw. mir in seinem Publikationsorgan verweigert wurde, nehme ich die Chance wahr, auf dieser website auf dessen Einwendungen (v.a. gegen meinen Standpunkt, wonach die bisher gültige Deutung des Ringelns, die Saftgenuß-Theorie ein Mythos sei), einzugehen. Mit dem von mir im Buch postulierten geringen oder gar fehlenden ökonomischen Nutzen des Ringelns (A 17) konnten sich aber die beiden Rezensenten H.WINKLER und J.WEISS nicht abfinden und kann sich auch U.N.GLUTZ v. BLOTZHEIM nicht anfreunden (schriftliche Mitteilung 2012). Bei der Stellungsnahme zu WINKLER geht es um nichts weniger, als um die Frage, ob und inwieweit die vom mir im Buch vertretene Deutung zutrifft. Daß ich meinen Standpunkt inzwischen etwas revidieren muß, habe ich bereits im Text zu dem Aspekt 10 = Ringelungsursache erklärt.

Des weiteren bedürfen noch die 3 folgenden von WINKLER angerissenen Aspekte einer Erörterung:

  • Der von mir vermutete „6. Sinn“ ringelnder Spechte,
  • „Methodisch korrekte quantitative Analyse“ zum Stellenwert der geringelten Baumarten,

Die Frage nach weiterführenden „wissenschaftlichen Untersuchungen“.

Zu Recht besteht der von mehreren Seiten geäußerte Vorwurf >handwerklicher Mängel< (orthographische und sprachliche Fehler, angeblich auch zu viele „Wiederholungen“ und die „Breite und Ausuferung“, der eine oder andere fehlerhafte Verweis) und ein partiell noch nicht ausgreifter Wortlaut. Nicht zu vergessen daß in WORD abgefaßte Dateien als Druckvorlagen problematisch und fehlergeneigt sind, was tatsächlich gewisse Defizite beim Druck nach sich zog (bspw. die Schriftänderung von S. 195 / 196). Da die Mängel so gut wie nie sinnentstellend sind, kreidete mir U.N.Glutz von Blotzheim, von dem ich sehr früh Zuspruch für meine umfassende enzyklopädische Darstellung erhalten habe, diese Defizite in Anbetracht meiner fundierten Darlegungen >nur< als „Schönheitsfehler“ an. Entgegen meiner persönlichen Auffassung sah er davon ab, diese auch ihm bekannten Mängel (einschließlich der mir eigenen weitschweifenden Darstellung) in seiner Rezension zu erwähnen. Wichtiger war ihm,daß meine Arbeit möglichst bald erscheinen sollte; ins Stammbuch schrieb er mir die Devise: „Die beste Lösung taugt nichts, wenn sie zu spät kommt.“ Entscheidend war aber letzlich folgende Konstellation: Die Druckanstalt, welche uns einen Gefälligkeitspreis eingeräumt hatte, drängte mich kurz vor einer Auftragslücke zur Aushändigung der Datei, dies zu einem Zeitpunkt, als die Endfassung noch nicht ausgefertigt war und ich – wie bisher ohne Lektor – vor einer weiteren Durchsicht stand. Ich konnte gerade noch meine ganz zuletzt gewonnene Einsicht unterbringen, daß die Vögel ihre sämtlichen Ringelungshiebe gezielt visuell kontrolliert platzieren, dies versteut in mehreren Kapiteln; die wünschenswert eigenständige Erörterung wie nun hier in der Kurzfassung (s. Aspekt Nr.5) ließ sich in der Eile nicht mehr realisieren.

 

Die weiteren 8 Rezensionen im Einzelnen

► Prof. Urs N. Glutz v. Blotzheim (in Ornithologischer Beobachter“ Bd. 110 /1, p.60+61 März 2013 (Anmerkung: Mit nahezu gleichem Wortlaut des Weiteren auch in der Schweiz..Z..f.Forstw. 164 / 3: (2013), p. 83-86 sowie in die „Vogelwarte“ 51 (2013) p. 223;). Es handelt sich um die erste eigentliche Besprechung aus dem Leserkreis; sie hat nach den bibliografischen Angaben folgenden Wortlaut: „Die als „Ringeln“ bezeichnete in der Regel perlschnurartige Aneinanderreihung von Hiebswunden an gesunden Laub-und Nadelbäumen durch Spechte ist ein seit langem beschriebenes Phänomen. Von den vielen versuchten Deutungen gilt die 1848 formulierte Saftgenuß-Hypothese seit etwa 100 Jahren fast unwidersprochen als gültige Erklärung. Sie wurde später durch die Annahme ergänzt, dass Baumsaft für Spechte einen wichtigen, für deren Verbreitung sogar mitbestimmenden Nahrungsbestandteil bedeute. Für die Skepsis des Autors (1985 – 2000 Professor für Waldschutz und Entomologie an der Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg / Baden-Württemberg) gegenüber der Saftgenuß-Hypothese war das von Harzfluß geprägte Schadbild an frisch beringelten Kiefern vor etwa 3 Jahrzehnten aus baumphysiologischen Gründen das Schlüsselerlebnis. Seither hat er die Literatur minutiös durchforstet und die publizierten Beobachtungen und Deutungen, ergänzt durch unzählige eigene Beobachtungen und Deutungen geprüft. Er entlarvt nun mit akribischer Gründlichkeit die Saftgenuß-Hypothese als einen Mythos. Ganz abgesehen von der völlig unzulänglichen Befähigung westpaläarktischer Spechte zu entsprechendem Saftverzehr hat man die baumphysiologischen Gegebenheiten zum Wasser-und Stofftransport (Xylem- -und Phloemsaft) von Bluter-und Nichtbluter-Baumarten sowie die Qualität ihrer Säfte nie korrekt bewertet. Dabei verfügten einige Gelehrte schon um 1840-1925 über baumphysiologische Kenntnisse, die vor späteren Irrungen hätten schützen müssen (eine beim heute in Lehre und Forschung leider weit verbreiteten Snobismus gegenüber älterer Literatur beherzigenswerte Feststellung!). Nach der Erörterung aller sonstigen Deutungen stellt der Autor als eigene Interpretation der Ringelung einen Verhaltens-Atavismus (zwecklose Triebhandlung) zur Diskussion. Das umfangreiche, weit überdurchschnittlich vielseitig und instruktiv illustrierte Werk ist nicht nur für Spezialisten von Interesse. Es mahnt den Leser an konkreten Beispielen (z.B. Fußnote 2 S.24) immer wieder sorgfältiger zu beobachten, bei der Interpretation seiner Beobachtungen umsichtiger vorzugehen und zwischen sachlicher Erklärung und Spekulation klar zu unterscheiden. Dies gilt für alle, vom Generalisten bis zum Artspezialisten, vom interessierten Laien bis zum Hand-oder Lehrbuch Autor, vom Vogelfreund bis zum Förster, Waldeigentümer und Holzverwerter. So ist geradezu spannend zu lesen, was Dengler im Laufe der Jahre über den Ringelzeitpunkt, die Wahl der Ringelbäume, deren Häufigkeit und Verbreitung, das Trinken der Spechte, Hackschäden anderer Art, Rindenbeschädigungen durch Siebenschläfer und Eichhörnchen u.a.m.. zusammengetragen hat und was er vom angeblichen Verzehr von Harz, vom erneuten Bearbeiten alter Ringelwunden und von den Folgen des Ringelns auf das Wachstum des Baums, für eventuellen Befall durch kambiophage Insekten und auf die Verwertbarkeit des farblich und / oder strukturell veränderten Holzes hält. Für viele Leser wird es nicht leicht sein, >lieb gewordene Erklärungen< zugunsten einer offenbar nutzlosen Tätigkeit aufzugeben. Die nachvollziehbare, mitunter sehr ausführliche und eindringlich wiederholte Gründlichkeit, mit der Dengler seine Kritik untermauert, lässt wohl keine andere Wahl. Die CD-ROM erlaubt 1.) den digitalen Zugang zum Text-und Bildband, enthält 2.) eine Auflistung von Begriffen aus der deutschen, englischen und französischen Literatur, die soweit nötig knapp erklärt werden, so wie 3) – 5) chronologische Auflistungen von Zitaten und Verlautbarungen zum Ringeln, inhaltlich bedeutsamen Textstellen über amerikanische Saftlecker-Spechte und die einst heftig diskutierte Rolle der Spechte im Wald. Das Preis-Leistungsverhältnis dieses Werkes könnte vorteilhafter nicht sein; dafür namens aller Interessierten Dank an Hochschule und Sponsoren.“

Meine Anmerkungen: Dieser Besprechung liegt das Bemühen zugrunde, im Rahmen des hierbei möglichen Umfangs das Gewicht der grundlegenden Korrekturen bei vielen Einzelaspekten zum Ausdruck zu bringen, von denen mehrere wesentliche Sachverhalte im einzelnen benannt werden. Selbst die anderweitigen Spechtaktivitäten wie beispielsweise die Hackschäden bleiben nicht unerwähnt.

Es verdient der Erwähnung, dass mir der Rezensent im Vorfeld seiner Besprechung sein Bedauern über die oben genannten handwerklich-redaktionellen Fehler persönlich mitgeteilt hat. In Anbetracht der bedeutsamen neuen Erkenntnisse im Buch hat er sie wohlwollend als „bedauerliche Schönheitsfehler“ hingenommen und entgegen meiner Ansicht unerwähnt gelassen. Damit nahm er auf sich, diese Mängel nicht bemerkt zu haben. Ihm war indessen wichtig, dass meine kritische Arbeit bald zugänglich sein sollte, getreu der Devise: „Die beste Lösung taugt nichts, wenn sie zu spät kommt“.

Aus der von diesem Ornithologen gemeinschaftlich mit Francois Benoit abgefaßten „Revue“ (Revue Bibliograpique in «Nos oiseaux» / Vol 60/1, N0. 511, 2013)

„Je profite de l’article de P. Reymond (Nos oiseaux 59 / 201-202), pour attirer l’attention des ornithologues francophones sur cette étude importante concernant les perforations en couronne (= Beringelungen) sur des troncs d’arbre, qui attestent souvent la présence du Pic tridactyle ou du Pic épeiche. L’étude analyse aussi les nombreuses tentatives d’explications de ce comportement. Jusqu’à présent c’est essentiellement dans la littérature allemande et suisse alémanique qu’on trouve des observations de ce genre. Dengler prouve, dans son travail miniutieux, que non seulement des ornithologues mais aissi des forestiers ne sont pas suffisamment critiques en observant et en expliquant ce comportement. Trop souvent, ils ne tiennent pas compte de la physiologie des arbres. La consommation de sève par les pics est loin de l’importance que bien des observateurs attribuent. Dans beaucoup de cas, surtout en ce concerne les résineux, il n’y a pas une goûte de sève s’écoule qui exsude des petits trous des arbres annelés par les pics. La résine qui suinte n’est jamais mangée parles pics. Quand la sève s’écoule des blessures caussée par le pic, la quantité absorbée par les oiseaux est négligeable dans la grand majorité des cas. La valeur nutritive de l’exsudat n’atteint jamais le niveau soupconné par la plupart des observateurs. Malheureusement, il faut oublier bien des détails résumés de toutes les observations qui ont fait l’objet de publications dans des périodiques ou dans des ouvrahes de spécialistes – même dans notre «Handbuch der Vögel Mitteleuropas»: Les perforations en couronne exécutées par les pics ne sont, selon Dengler, q’une expression d’instinct qui n’aboutit à rien, tout au plus un atavisme. Dengler discute en détails chaque observation relatée dans la littérature parue depuis un siècle et demi. Il relève ses propres observations et expérimentations en documentant avec plus que 346 photos et dessins, qui décrivent aussi d’autres blessures d’écorce causéees par des pics ou d’autres animaux. Il démontre aussi des anomalies qui pourraient, à tort, être prises pour des perforations en couronne. En conséquence, plus aucun ornithologue ne devrait publier quoi que ce soit sur l’absorption de sève par des oiseaux, sans avoir consulté cet ouvrage important qui tort le coup à bien des anecdotes insufissament ètayèes.»

Meine Anmerkung: Da diese Besprechung nur wenig Auskunft über das Buch gibt, setze ich ihren Schlußsatz (auf deutsch) an den Anfang:: Jeder Ornithologe, der sich zukünftig mit dem Saftkonsum von Vögeln zu befassen gedenkt, wird nicht darum herumkommen, dieses wichtige Buch zu Rate zu ziehen, in dem so gut wie allen unzureichend belegten Auffassungen >der Hals umgedreht< werde.

Eingangs konstatiert der Rezensent, dass im Vergleich zur deutschsprachigen Literatur dem Ringeln der Spechte seitens der französischen Ornithologen bisher wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Dann nimmt er einige wenige Aussagen in den Blick; so ließen es die bisherigen Publikationen an einer kritischen Darstellung fehlen und würden dabei vor allem die baumphysiologischen Faktoren außer Acht gelassen. Häufig würden die Ringelungshiebe keinen Saftausfluss auslösen, zumal an den Nadelbäumen; das austretende Harz werde nicht gefressen. In Fällen, wo Saftaustritt erfolge, sei die davon getrungene Menge meist vernachlässigbar. Deren unterstellter Nährwert sei geringer als dabei von den meisten Beobachtern angenommen werde. Viele der in Zeitschriften und selbst in Arbeiten von Spezialisten wie bspw. im „Handbuch der Vögel Europas“ zusammenfassenden Angaben, (was wohl auf die Deutungen der Spechtringelung gemünzt ist), seien nichtig. Laut Dengler seien die Ringelungen nutzlose Instinkthandlungen, gewissermaßen ein Atavismus. Schließlich würden alle seit eineinhalb Jahrhundert gemachten Beobachtungen samt „Anomalien“ (Verwechslungsmöglichkeiten) detailliert beschrieben zusätzlich die eigenen Befunde und Experimente. Das alles werde mit 346 Fotos und Zeichnungen dokumentiert.

Kerninhalte, v.a. so wichtige Erkenntnisse wie die Widerlegung der bisher gültigen Deutung, ferner die Rolle der Ringelungen an Laubbäumen für die kambiophagen Kleinstinsekten sowie andere grundlegende Korrekturen, bspw. zur Ringelungszeit werden, von den fast unzählig anderen Aspekten abgesehen, nicht in den Blick genommen. Immerhin kann der Schlußsatz Interesse an der Monographie wecken und die Leser auf die Spur dieser fazettenreichen rätselhaften Materie bringen.

LB in ORNIS 6 / 2013 , S.46. Über diese unter >Kurz besprochen< erschienene Verlautbarung aus lediglich 6 Sätzen läßt sich hinwegsehen. Es sei „ein Buch für Fachpersonen, die sich im Detail mit der Thematik auseinandersetzen möchten.“ Zum Inhalt heißt es nur, dass „der Autor… nach der Aufarbeitung sämtlicher verfügbarer Literatur und eigenen Beobachtungen zum Schluss kommt, das ses sich bei der Saftlecker-Theorie – dass Spechte Bäume ringeln, um vom Pflanzensaft zu trinken“, um einen Mythos handle. Vom sonstigen substantiellen Inhalt des Textbandes ist mit keinem Wort die Rede. Und zum Fotoband heißt es lediglich, er enthalte „eine riesige Menge an Fotos sowie einige Tabellen und Karten. Die Fotos sollen helfen, Spuren der Spechtringelung an Bäumen zu finden und zu deuten.“ Nein! Zuvorerst sind es Dokumente zu den im Textband erörterten Inhalten. Die Sachverhalte bei der Spechtringelung sind überaus bildbedürftig.

Egbert Günther (im Ornithol. Jahresbericht Museum Heineanum 32 / 2014) beginnt seine Rezension mit folgenden anerkennenden Worten: „…Wer sich künftig mit Spechtringelungen befaßt, wird an dem Werk nicht vorbeikommen: Die Fülle an Informationen ist selbst für denjenigen beeindruckend, der sich schon einmal näher mit dem Thema vertraut gemacht hat. Spätestens jetzt dürfte allen klar sein, dass es unsinnig ist, einzelne Ringelbäume oder Beobachtungen zu publizieren, wie noch in jüngster Zeit geschehen. Die Stärke des 2-bändigen Werkes ist vor allem die wohl lückenlose Auswertung aller Quellen. Bei allem Lob für die Fleißarbeit ist dennoch einiges kritisch anzumerken. Der in mehrere Abschnitte gegliederte Text wirkt auf den ersten Blick gut erschließbar, jedoch beim näheren Hinschauen zergliedert und deshalb unübersichtlich; u.a. wegen der vielen Hervorhebungen und Fußnoten. Im Bd. 2 erschlägt die Masse an Fotos …., teils noch untergliedert… Die Fotos, überwiegend in Farbe, sind allerdings oft unscharf und von mäßiger Qualität, meist jedoch ausreichend für die getroffenen Aussagen. Abgebildet ist vor allem allerlei> Schadholz< , der Leser, der mit dem Thema bisher wenig zu tun hatte, könnte daher auf den Gedanken kommen, er hat den Katalog einer Holzhandlung in der Hand. Mag maßlos übertrieben sein, doch geradezu befremdend wirkt die Verwendung des Wortes >Schaden< in unterschiedlichen Kombinationen in den Bildunterschriften. Da ist von noch banal klingenden „Holzschäden“ bis zu „dramatischen Beschädigungen“ zu lesen.. An der Stelle fragt man sich, um was geht es eigentlich? Hatten wir im Titel nicht etwas von „Spechten“ gelesen?

Also, um was geht es? Spechtringelungen sind ein weitgehend unbekanntes Phänomen, das selbst Forstleute, die vorgeben, etwas von Bäumen zu verstehen und Ornithologen, die glauben zu wissen was Vögel so treiben, in Erklärungsnotstände bringt. Nach bisheriger Auffassung dient das Ringeln den Spechten der Aufnahme von Baumsaft. Im Handbuch ist dazu folgendes zu lesen: beim Ringeln schlagen die Spechte in „waagrechten oder seltener spiraligen Linien Löcher in die Rinde“ des Stammes oder größerer Äste. Weiter erfahren wir: „Wie P. major ist P. tridactylus überdies ein ausgesprochener Ringelspecht“, und Letzterer soll „zeitweise im Frühjahr die Hälfte der Nahrungserwerbszeit“ dafür verwenden. Neben diesen beiden Arten wurde auch der Mittelspecht beim aktiven Ringeln beobachtet. Genau damit, dieses Verhalten könnte etwas mit dem Nahrungserwerb zu tun haben, räumt DENGLER gründlich auf. Er hat weitere Erklärungen zum Ringeln gründlich analysiert, nennt selbst die „dubiosesten und skurrilsten Ansichten“ und ist sich nicht zu schade, „glossenhafte Begebenheiten“ – so folgende durch Zufall in einem Gespräch mit einer „interessierten Person“ aufgegriffene Äußerung – sogar im Fettdruck wiederzugeben: „Wollen vielleicht die Männchen den Weibchen zeigen, was für schöne Ringeln sie zu machen imstande sind?“… Darüber hinaus hat DENGLER selbst Beobachtungen angestellt und kann daher aus eigener Anschauung klarstellen, wie Spechtringelungen von Rindenbearbeitungen durch Siebenschläfer und Eichhörnchen zu unterscheiden sind; weiter geht er auf >Scheinringelungen< ein.

Während die Einen in dem minutiöser Kleinarbeit Ringelbäume und gar einzelne Einschläge zählten und versuchten, saisonale Abhängigkeiten zu erkennen, hat DENGLER, der emeritierte Forstprofessor für Waldschutz und Entomologie, diese Verhaltensweise der Spechte aus der Sicht der Pflanzenphysiologie betrachtet. Der Hintergrund ist, dass bisher die physiologischen Eigenschaften der Leitbündel eines Baumes, des Xylems und Phloems, die bzw.. Nährstoffe transportieren, außer Acht gelassen wurden. Bei den Bluterbaumarten (Ahorn, Birke, Hainbuche) lösen die Verwundungen einen Saftfluß aus dem Xylem aus, diesen Nährwert äußerst gering ist. Deshalb hält DENGLERdie Aufnahme des Xylemsaftes durch Spechte zur Überbrückung von Nahrungsengpässen für unrealistisch. Bei den Nichtblutern kommt es nur unter bestimmten Voraussetzungen zum Austritt des nährstoffreichen Phloemsaftes und nur in unbedeutenden Mengen. Unsere heimischen Spechte sind bei der Saftaufnahme auch deshalb benachteiligt, weil sie nicht wie die amerikanischen Saftlecker-Spechte über eine darauf spezialisierte Zunge verfügen. An die Stelle der Saftgenuß-Hypothese setzt er einen Verhaltensatavismus, „einen genetischen Erbteil aus der evolutionären Vergangenheit der Spechte unter dem Gesichtspunkt der Nutzung von Baumsäften als Nahrungsquelle“, oder vereinfacht gesagt, eine inzwischen nutzlos gewordene Handlung. Es wird schwer sein, nach dieser gründlichen Arbeit diese Theorie zu widerlegen. Dennoch frage ich mich, warum der Dreizehenspecht, der viel Zeit mit dem Ringeln zubringt, wie wir oben gehört haben, nicht regelmäßig mit leerem Magen vom Baum fällt? Aber damit sollen sich zukünftige Generationen von Fachleuten beschäftigen.

Eine Bemerkung in eigener Sache: im Meinungsstreit ist Kritik erlaubt und mit dieser hat DENGLER teilweise wohl durchaus zu Recht – nicht gespart. Aber bekanntlich macht der Ton die Musik. Markige Formulierungen, wie „unsinnig“, unbrauchbar“, und das auf mehreren Seiten, können durchaus verletzend sein. Man hätte dasselbe mit netteren Umschreibungen sagen können. Dadurch entsteht der Eindruck, dass der Rezensent, der gleich mehrfach in dieser unschönen Form zitiert wurde, stellvertretend für die Zunft der Ornithologen herhalten sollte. Kritische Anmerkungen fließen leicht aus der Feder, wenn die die betreffende Person relativ unbekannt ist und aus einem fernen Bundesland kommt. Es ist müßig, die einzelne Kritik. zu analysieren und würde den Rahmen einer Rezension sprengen. Doch überrascht schon, eine ganze Arbeit mit den Worten „grundsätzlicher Fehlansatz“ zu disqualifizieren, nur weil angeblich nicht zwischen Bluter-und Nichtbluterbaumarten unterschieden wurde. Die Schwierigkeit des Erkennens bei den Nichtblutern einräumend, bleibt es bei meiner damaligen Aussage, dass die Spechte im nördlichen im nordöstlichen Harz überwiegend Berg-und Spitzahorn und nicht die Traubeneiche ringeln. Es wurde nämlich nicht nur mit einem guten Fernglas die Kronen der verhältnismäßig niedrigen Eichen (15 – 20 m) abgesucht, sondern auch die Eichenstangenhölzer. Der Ansatz des Buchautors, nun endlich einmal mit der „herrschenden Doktrin“ über das Ringeln aufräumen zu müssen, ist fast durchgehend erkennbar. So werden Kollegen genüsslich gescholten, die über Ringelbäume im Harz berichten, weil sie „Marshall, W. (1889): Die Spechte (Pici), Leipzig“ nicht zitieren. Es ist eine der wenigen Quellen aus dem 19.Jahrhundert, in der über diese Erscheinungen auf gut 1½ Seiten berichtet wird und in der u.a. Ringelbäume aus diesem Gebirge erwähnt werden. Verschwiegen wird allerdings, dass diese wichtige Quelle auch in hochgelobten Arbeiten aus Forstkreisen fehlt.

Prof. DENGLER stellte seine „Thesen und Fakten“ auf der Tagung der Projektgruppe Spechte 2013 am Feldberg im Schwarzwald vor. Ich hatte daher das Vergnügen, ihn dort zu erleben und ausführlich zu sprechen. Für ihn war es sichtlich ein unerwartetes Zusammentreffen, das meinen hier geschilderten Eindruck sehr bestärkt hat.

Wer sich die beiden Bände nicht in den Bücherschrank stellen möchte, dem sei die Zusammenfassung seines Vortrags von der Specht Tagung empfohlen (s. Vogelwarte 52, 2014, 80-81). Darin werden die Ergebnisse deutlich sachlicher und moderater vorgestellt. Es geht doch, man muss nur einmal mit den Spechtleuten reden

Er fährt fort: Den Auftritt von Prof. DENGLER am Feldberg faßt – wie immer – David Eggeling in dem folgenden Limerick zusammen: >Klaus DENGLER spricht lang, kreuz und quer, vom Ringeln der Spechte, und mehr! Daß sich nah der Karwand dann ein Ringelbaum fand, ein Prachtexemplar, das freute uns sehr.<“

Meine Anmerkungen: Auch wenn E.GÜNTHER nur wenige der im Buch abgehandelten Einzelaspekte der Spechtringelung im Einzelen erwähnt, läßt seine Besprechung erkennen, daß er sich wie kaum ein anderer umsichtig mit den weitläufigen Inhalten des Buchs befaßt hat. Den Mißmut über manche meiner Formulierungen, zumal zu den Deutungen, bei denen seiner Auffassung nach eine gefälligere Umschreibung angebracht gewesen wäre, registrierte ich mit Bedauern. Das trifft vollends darauf zu, daß ich eine seiner Arbeiten mit den Worten „grundsätzlicher Fehlansatz“ disqualifizert hatte. Denn schon beim Lesen dieser mit großem Fleiß durchgeführten Feldbeobachtungen stand mir mein Respekt für seine Mühe vor Augen; im Buch (S.374) bringe ich dies aus sachlichen Gründen als eine von der Saftgenuß-Hypothese fehlgeleitetete Arbeit zur Sprache und daß dies mit Blick auf seine großen Zeit-„Aufwendungen und bemühten Studien … bedauerlich“ sei.

GÜNTHER selbst bringt es aber in der Tat fertig, den einen oder anderen Aspekt heiter zu beleuchten, so mit der rethorisch lockerem Frage zur Widerlegung der Saftgenuß-Hypothese, „warum der Dreizehenspecht, der viel Zeit mit dem Ringeln zubringt, …. nicht regelmäßig mit leerem Magen vom Baum fällt?“ Und seine Besprechung rundet er mit einem heiteren Spottvers ab, das eine wie das andere eine beneidenswerte persönliche Qualität.

Sein Mißbehagen beim Anblick der vielen Fotos zu den ringelungsbedingten Spuren im Holz (>Holzhandlung<) kann ich nicht ohne Weiteres teilen. Die Metabiose zwischen Ringelungen an Laubbäumen und den mit dem Befall durch kambiophage Insekten einhergehenden Folgen, darunter auch Schadenswirkungen im Holz, ist nicht nur für die Kenntnis von deren Ursache samt Verwechslungsmöglichkeiten wichtig. Mit Blick auf den Zeitpunkt der Beringelungen und auf die wichtigsten Ringelbaumarten fällt ihnen eine Schlüsselrolle zu. Daß bei den von ihm untersuchten örtlichen Gegebenheiten Acer im Nordharz einen hohen Stellenwert hat, ist beachtenswert, ein Beispiel für die höchst wechselhafte Realität bei der Spechtringelung.

Hermann J. Rapp (unter >Buch-Tipps< in Forstliche Mitteilungen der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar,-Umwelt 67.Jg. (2014) Nr. 2, p. 24. Dieser Forstmann schreibt: „So ein Werk bekommt man nur selten in die Hände. In jahrzehntelanger Arbeit hat der pensionierte Waldschutzprofessor sich einem Problem mit größter Passion gewidmet, das den meisten Forstkollegen wohl kaum bewusst geworden ist, aber bereits seit nahezu 200 Jahren zu intensiver fachlicher Auseinandersetzung und einer erstaunlichen Literaturfülle geführt hat. Es geht um die Ringelung fast aller Baumarten durch Spechte. Im Geiste bewährter wissenschaftlicher Streitkultur hat der Autor mit fast einmaliger Akribie umfangreiches Fotomaterial gesammelt, Daten erhoben und damit die bisher gängige Auffassung von der Saftlecker-oder Saftschlecker-Theorie widerlegt. Stattdessen geht er von einem Verhaltens-Atavismus, also einer zwecklosen Triebhandlung, aus. Zusätzlich geht er auf die zum Teil ähnlichen Schadbilder, die durch Siebenschläfer und Eichhörnchen verursacht werden ….. Insgesamt ist ein Kompendium entstanden, das Forstleute wie Ornithologen begeistern wird, die höchste Ansprüche an wissenschaftliche Vorgehens-und Argumentationsweise stellen. Deshalb lohnt sich die zeitaufwändige Beschäftigung mit diesen beiden Büchern und macht das Lesen zum Genuss“.

Meine Anmerkungen: Unter Verzicht auf nähere Angaben zum substantiellen Inhalt, also zu den Kerninhalten, lässt der Rezensent seiner Freude samt Begeisterung für das Thema freien Lauf; dies zu vermitteln ist sein Anliegen und kann Neugierde wecken.

P.N.-G. in der französischen Zeitschrift Alauda 82/ 2 (2014), p. 154: >>Nombreux sont ceux parmi les ornithologues qui ont pu observer et se sont interrogés en découvrant des perforations en couronne sur les tronc d’arbres. Ayant à l’occasion entendu parler ou l’ayant lu préalablement dans une publication, ils avaient cru reconnaître là, le travail d’un Pic épeiche! De la même facon, ils avaient conclu à une recherche alimentaire de sève dont cette espèce serait friande, un comportement original qu’elle partagerait de sève qu’elle partagerait avec le Pic tridactyle. K.Dengler, Professeur au Collège de Foresterie de Rottenburg près de Tübingen en Allemagne a réalisé une étude approfondie qu’il a publiée en deux volumes et un CD (pas moins !), une étude qui remet tout en question en s’appuyant sur ses propres observations et expérimentations accompagnées de 346 photographies, 29 dessins et une bibliographie de 587 références principalement germanophones (allemandes et suisses alémaniques) depuis une siècle et demi et où l’ornithologie francaise, avouons le, fait bien pâle figure. Ce comportement singulier n’est pas seul fait des oiseaux et certains mammifères, tel que le Cerf, ne s’en privent pas en infligeant à certaines arbres de graves blessures. K.Dengler souligne le manque d’ esprit critique des ornithologues certes et a fortiori des forestiers qui se sont limités à des observations superficielles et a des conclusion très hâtives. Il nous apprend ainsi que nombre des plaies ne sont en fait que des anomalies végétales, qu’ il ne suinte pratiquement aucune sève des conifères attaqués, sève que les pics ne consommeraient d’ailleurs pas, que les sèves d’arbres à feuilles caduques prétendues consommées à l’occasion par certaines espèces d’oiseaux ne seraient absorbées qu’en très faible quantité, des sèves qui de toute facon, n’auraient qu’une très faible valeur nutritive. …Pour lui il n’y aurait là qu’une expression d’instinct, tout au plus un atavisme. Ne pourrait-on pas alors y voir une relation avec ces dégâts occasionnés par des Pics verts sur des volets d’habitations au grand dam de leurs propriétaires? Cessons de nous limiter à des anecdotes et à l’instar de K.Dengler, avouons modestement que la biologie des oiseaux comporte encore bien des inconnues et peut nous offrir encore, outre les simples identifications d’oiseaux rares, des occasions d’observation originales et passionnantes.

Meine Anmerkung: Ähnlich wie die Besprechung von Fr.Bénoit werden, ausgehend von der geringen Beteiligung am Thema seitens französischer Ornithologen und Forstleuten, nur wenige Inhalte des Buches direkt angesprochen, u.a. der oft recht oberflächliche unkritische Umgang mit der Thematik durch die Ornithologen und Forstleute, sodann die Ungereimtheiten hinsichtlich Vorstellung des Konsums von Baumsäften (der Menge und ihrem Nährwert nach). Die revisionsbedürftigen bisherigen Anschauungen werden im Einzelnen nicht erwähnt, auch nicht die einzelnen Erklärungen zum Ringeln, selbst nicht meine Widerlegung der Saftlecker-Theorie, indessen aber meine Deutung als Atavismus. Ein Seitenblick gilt beiläufig den Hackuntaten des Grünspechts (an Fensterläden). Mit Blick auf die Verwechslungsmöglichkeiten mit Rindenbeschädigungen durch andere Tiere ist der Hinweis auf die Schälschäden des Rotwildes (Cerf = Hirsch) ein Fehlgriff, der vermutlich meiner Erörterung der Schäden seitens des Siebenschläfers (französisch loir) gilt.

Dr.Joachim Weiss in Charadrius; 51.Jg. = 2015 / H.1): „Das Ringeln der Spechte beschäftigte Ornithologen und Forstleute seit dem 19.Jahrhundert immer wieder. Es ist ein interessantes und keineswegs ab schließend geklärtes Verhalten. Regelmäßig tauchen Publikationen auf, die den Sachverhalt beschreiben und Interpretationen liefern. Die gängigste und bisher weitgehend unstrittige Erklärung ist die der Aufnahme von Baumsaft. Durch punktuelle Verletzungen des Baumes werden energiereicher Baumsaft erschlossen, von denen sich die Spechte ernähren würden. Teilweise wurde in der Literatur diese flüssige Nahrungsaufnahme als saisonal wesentlich dargestellt. So zum Beispiel im Vorfrühling, wenn andere Nahrungsquellen knapp seien. Eingehende Untersuchungen zur Bedeutung des Ringelns fehlen aber weithin.

Nun hat sich Klaus Dengler eine unbeschreibliche Mühe gemacht, und das Thema in einer nie dagewesenen Gründlichkeit mittels Recherche der gesamten verfügbaren Literatur – auch der historischen – mit knapp 600 Quellen unterstützt durch eine baumphysiologische Betrachtung und durch eigene Feldbeobachtungen sowie einer ausführlichen Fotodokumentation einer kritischen Betrachtung und Bewertung unterzogen. Die Ergebnisse seiner Arbeit sind in 2 Büchern und einer CD dokumentiert. Der weit über 600 Seiten zählende Hauptband behandelt Diskription und Definitionen des Spechtringelns, die entstehenden „Schadbilder“, die ringelnden Spechtarten, ringelrelevante baumphysiologische Grundlagen, Zeitmuster und Verbreitung des Ringelns sowie bisherige Deutungen, an die er eine eigene Interpretation anschließt. Darüber hinaus werden auch mit dem Ringeln „verwandte“ Spechttätigkeiten wie Hackschäden und Abschuppen von Rinde behandelt. Der zweite Band (noch mal 350 Seiten) enthält über 300 Fotos zum Thema sowie weitere Abbildungen, Skizzen, Tabellen und Karten. Auf der CD werden die Literaturbelege mit kurzen Zitaten konkretisiert, Daten zu den amerikanischen Saftlecker-Spechtarten und biografische Angaben zu einigen bedeutenden Forstleuten und Ornithologen mitgeteilt. Ein deutsches, englisches und französisches Glossar und eine digitale Version von Text-und Bildband runden die CD ab.

Es ist das Verdienst des Autors, das Thema Ringeln europäischer Spechte in Form und Ausprägung aufgearbeitet zu haben, es in Zusammenhang mit baumphysiologischen Gegebenheiten zu stellen und seine biologische Bedeutung vor diesen Hintergründen zu diskutieren. Dieses Mammutwerk, das zweifellos eine enorme Fleißarbeit darstellt, die Respekt auslöst, ist für den Leser jedoch kaum zu bewältigen und überfordert ihn bezüglich seines Zeitbudgets, seines Durchhaltevermögens und seiner Geduld. Die enzyklopädisch angelegte Datensammlung ist von deutlichem wissenschaftlichen Wert, nur ist sie nicht effektiv erschließbar. Die einzelnen Kapitel sind zwar einheitlich gegliedert und jeweils mit einer Zusammenfassung versehen, doch fehlt im Textband ein Stichwortverzeichnis, das die vielseitigen Aspekte zum Nachschlagen erschließt: Die Breite und Ausuferung der Darstellungen halte ich schlicht für übertrieben und für die Klärung der Ringelfrage nicht angemessen. Am hinderlichsten – und gleichzeitig auch ärgerlich – sind die ständigen Wiederholungen, sowohl innerhalb der Kapitel als auch zwischen ihnen und die dabei immer wieder schon Gesagtes aufgreifende Argumentationsweise. Das macht nicht nur ein zügiges und informierendes Lesen unmöglich, sondern erschwert auch den Zugang zum enzyklopädischen Wert des Werkes. Ich bin sicher, man hätte die wichtigsten Fakten und Argumentationen auf etwa einem Zehntel des Gesamtumfanges darstellen können.

Aber nun einige Hinweise und Kommentare zum Inhalt. Hauptakteure des Ringelns sind in Mitteleuropa Buntspecht und Dreizehenspecht, nachgeordnet der Mittelspecht, für den weitere gut dokumentierte Detailbeobachtungen wünschenswert wären. Sehr selten ringeln Schwarz-und Grünspecht, für den Grau-, Weißrücken-, Blut- und Kleinspecht ist dieses Verhalten ungeklärt bzw. ohne Beleg. Der Dreizehenspecht beringelt im mitteleuropäischen Raum fast ausschließlich Nadelbäume, der Buntspecht eine breite Palette verschiedener Gehölze. Die Ringeltätigkeit variiert im Jahresverlauf, keineswegs wird nur im Vorfrühling geringelt, sondern auch im Sommer und Herbst (was eine übersichtliche Tabelle zeigt). Es gibt deutliche geographische Unterschiede bei der Ringelhäufigkeit, zumindest was die publizierten Belege anbelangt, die in einer entsprechende Karte anschaulich dargestellt werden. Dabei ist das Nordwestdeutschen Tiefland einschließlich NRW auffallend dünn mit Nachweisen vertreten.

Der zentralen Frage, warum die Spechte ringeln, wird viel Raum gegeben. Der Autor setzt sich kritisch mit den vielfältigen sicherlich tradierten und kaum mal näher geprüften Annahmen der Saftlecker-Hypothese auseinander, wobei er auch und vor allem baumorphologische und baumphysiologische Grundlagen berücksichtigt. Die meisten Autoren gehen aber a priori davon aus, dass beim Ringeln flüssige Nahrung aufgenommen wird. Kaum einer hat sich bisher die Mühe gemacht, die Xylem- und Phloemsäfte des Baumes zu differenzieren und ihre Ergiebigkeit ihre. Erreichbarkeit durch Ringelhiebe zu prüfen. Dengler räumt hier mit manchen Vorurteilen bzw. oberflächlichen oder gewagten Interpretationen auf, unterliegt dabei hier und dort aber auch einem zu rigorosen (und manchmal auch voreingenommenen) „Vom-Tisch-Fegen“ der von ihm kritisierten Überlegungen oder Schilderungen anderer Autoren. Er zeigt auf, dass die Xylemsäfte – vor allem bei den sog. Bluter-Baumarten wie Ahornarten, Walnuss, Hainbuche oder Birke – zwar schon im Vorfrühling vor dem Laubaustrieb, also zu einer aktiven Ringelzeit zur Verfügung stehen, sie aber in der Regel kaum nährstoffreich sind und wegen der Unterbrechung der Saugspannung durch die Ringelverletzung der Leitungsbahnen nur in geringsten Mengen aufgenommen werden können. Dengler betont, dass die relativ häufig geringelten nichtblutenden Baumarten (insbesondere Eichen und Nadelbäume) im Frühjahr bei Verletzung des Xylems keinen Saft spenden. Die Phloemsäfte sind zwar nährstoffreich (hoher Gehalt an Saccharose) – sie transportieren ja die Assimilate der grünen Blätter – stehen aber erst in der Vegetationszeit zur Verfügung. Sie können aufgrund baumbiologischer Gegebenheiten durch einfache Ringelwunden kaum in nennenswertem Umfang ausgebeutet werden. Die amerikanischen Saftlecker-Spechte haben dagegen spezielle Bearbeitungstechniken für den Rindenbast entwickelt und besitzen eine an die Saftaufnahme optimierte Zungenmorphologie. Beide Anpassungen ermöglichen eine höhere Saftausbeutung.

Der Autor kommt in seiner Analyse zum Ergebnis, dass aufgrund baumbiologischer Gegebenheiten und der von hiesigen Spechten angewandten Technik nur in sehr geringen Mengen – wenn überhaupt – eine Ausbeutung von Baumsäften durch Ringeln möglich ist und dieses Verhalten daher keinen quantitativ entscheidenden Beitrag zur Ernährung der europäischen Spechte liefern kann und trotzdem findet es zumindest bei 2 europäischen Spechtarten regelmäßig statt.

Die Schlussfolgerung des Autors, das Ringeln sei wohl ein Atavismus, kann nicht überzeugen. Ein Verhaltensatavismus im strengen Sinne kann es nicht sein, denn dabei handelt es sich um individuelle „Rückschläge“ auf phylogenetisch alte Verhaltensmuster. Eher könnte es ein rudimentäres Verhalten sein, ein mitgeschlepptes Erbe stammesgeschichtlicher Entwicklung, das grundsätzlich noch allen Individuen einer Art bzw. Population eigen wäre. Das regelmäßige Ringeln der Spechte – in der Häufigkeitsart spezifisch unterschiedlich – passt weder zum Atavismus im engeren Sinne, noch ist es zufriedenstellend als rudimentäres Verhalten interpretierbar. Beide Erklärungen setzen ja voraus, dass das Ringeln bei den stammesgeschichtlichen Vorfahren verbreitet war und für sie eine höhere Bedeutung als für die heutigen Arten hat. Dies müsste kritisch im Zusammenhang mit der Evolution der Spechte beleuchtet werden, was jedoch unterbleibt. Die Regelmäßigkeit des Ringel-Verhaltens spricht m.E. dafür, dass es ein normales, funktionsgetragenes Verhalten ist, das jahreszeitlich und individuell unterschiedlich häufig auftritt in Abhängigkeit sowohl vom physiologischen Zustand der zum Ringeln geeigneten Bäume als auch von eigener Erfahrung und von situationsspezifischen Erfolgen. Es ist biologisch nicht nachvollziehbar, dass das Ringeln keinen „Nutzen“ erbringt und „zwanghaft“ und zum „zwecklos“ ausgeübt wird. Es müssen ja keine quantitativ für die Ernährung wesentlichen Mengen an Baumsäften erbeutet werden – auch nicht saisonal, denn kleine und kleinste Mengen an Baumsaft könnten biologisch auch einen Sinn machen, z..B. als Nahrungsergänzung. Auch der gelegentliche Verzehr vegetabiler Kost zur Brutzeit (z.B. von Früchten) durch Spechte nimmt quantitativ keinen wesentlichen Anteil an der Ernährung ein, er ist situationsgesteuert und tritt unterschiedlich häufig auf. Es sollten hier weitere Untersuchungen und Überlegungen ansetzen, insbesondere zur Saftaufnahme aus dem durch Ringeln verletzten Phloem. Darüber hinaus spricht die Bevorzugung bestimmter Ringelbäume, zum Teil über Generationen hinweg, ähnlich wie es bei der Bevorzugung von Trommelbäumen oder anderer Requisiten im Spechtrevier beobachtet werden kann, für ein hochorientiertes und funktionsgebundenes Verhalten.

Beim Ringeln der Spechte bleiben weiterhin manche Fragen offen – trotz der vorliegenden Studie von Dengler. Dass die Studie weitere Untersuchungen und Überlegungen zu Ringelfrage auslöst, wäre ihr sehr zu wünschen“

Meine Anmerkungen: Auf >Schritt und Tritt< erkennt man, wie aufmerksam sich WEISS mit meiner Arbeit befaßt hat und mit deren Besprechung er lt. schriftlicher Mitteilung seine >liebe Not< hatte. Und trotzdem zollt er meiner „unbeschreiblichen Mühe … in einer nie dagewesenen Gründlichkeit“ größten Respekt und er anerkennt die Ausführlichkeit der Monographie den enzyklopädischen Wert des „Mammutwerks“. Einiges vom Buchinhalt bleibt unerwähnt: Hackschäden, Abschuppen, Spechtuntaten, die beiden Gehölzkategorien Bluterbaumarten und Nichtbluter, ferner die feldbiologisch wichtigen >Scheinringelungen<, schwerwiegender, der Befall von Ringelwunden an Laubbäumen durch kambiophage Kleinstinsekten und deren Folgeerscheinungen und der Schlüsselrolle dieses Befalls für den Zeitpunkt und zur Häufigkeit des Ringelns während der Vegetationszeit. Auch erwähnt er nicht die durch mich erstmals beschriebenen rätselhaft-unterschiedlichen Formen der Ringelwunden. Die Saftgenuß-Theorie ist zwar kurz angerissen, aber es fehlt die klare Aussage, daß es sich bei dieser über 125 Jahre lang und bis heute vertretenen Deutung um eine >Legende< handelt, jetzt widerlegt, ein Kerninhalt des Buches.

Eine Rezension gibt im Kern die vom besprochenen Autor vertretene Sicht der Dinge wieder. J:WEISS geht mit seinen Äußerungen im Blick auf die von mir postulierte fehlende Ökonomie des Ringelns (A 17) darüber hinaus, indem er seine davon abweichende Anschauung kund tut und näher erklärt. Gegen meine auf baumphysiologischen Tatsachen fußenden Auffassung eines ziemlich nutzlos erscheinenden Ringelungsgeschehens hebt er auf ein „funktionsgetragenes Verhalten“ ab, was soviel heißt, dass sich der Vogel vom Ringeln einen Vorteil nicht bloß verspricht, erhofft, sondern diesen auch hat. Es seien möglicherweise nur kleine, ja kleinste Mengen von (Phloem)-Saft, die an Ringelwunden nicht unbedingt sichtbar in Erscheinung treten müssten. Mit der Frage, ob nicht der Saft ohne Umwege direkt beim Ringeln in den Schnabel gelangt, also rein mechanisch beim Einschlag, hat man sich schon vor 150 Jahren befaßt (Buch S.188).

An lobenden Worten läßt es WEISS nicht fehlen, aber auch nicht an Vorwürfen; diese sind vor allem grundsätzlicher Natur. So beanstandet er, ob zu recht oder nicht, „ständige Wiederholungen“. Diesen Einwand finde ich nicht nur überspitzt und unberechtigt, was mir auch mein eigenes Nachlesen bestätigt. Wegen der Vielzahl der Kapitel (also der Einzelaspekte) und der sich überschneidenden Themen, ferner unter der Annahme, dass bei Interesse an einer Fragestellung das entsprechende einschlägige Kapitel einzeln gelesen werden dürfte, sowie des meiner Diktion (Erörterung sämtlicher Fundstellen samt Fazit) geschuldeten Textumfangs wegen, habe ich zwecks Vermeidung von Hinweisen auf andere Kapitel (also zugunsten einer leichteren Lesbarkeit und Stoffbewältigung) manche Sachverhalte absichtlich wiederholt und darauf bereits in der Einleitung (S.30-31) hingewiesen. Sollte die Meinung von WEISS darauf beruhen, daß bestimmte Fälle immer wieder auftauchen, dann diente dies der Beleuchtung jeweils unterschiedlicher Fragestellungen; bei sehr vielen Überlegungen spielen gerade die Einzelfälle eine wichtige Rolle. Sicherlich leistet meine für ihn weitschweifend erscheinende Darstellung, ihre „Breite und Ausuferung“ einem Leseverdruss Vorschub, erschwert also „ein „zügiges und informiertes Lesen“, macht sie aber nicht, – wie er schreibt – „unmöglich.“

Völlig unbegreiflich ist indessen seine abträgliche Aussage, daß „man die wichtigsten Fakten und Argumentationen auf etwa 1/10 des Gesamtumfangs hätte darstellen können“; für mich ein Schlag ins Gesicht. Ist dies seitens von WEISS, der ansonsten besonnen an die Arbeit herangeht, – man verzeihe mir – nicht schlichtweg töricht, ja >dumm<!! Zweifellos würde sich dies bei einer Aneinandereihung aller Fazit-Texte ergeben, wie dies allein schon diese Kurzfassung belegt. Eine solcherart um 90 % eingeschrumpfte Darlegung hätte nicht nur meiner absichtlich verfolgten Diktion, explizit sämtliche bisher publizierten Meinungen und Beobachtungen in den Blick zu nehmen und offen zu legen, ein Wesenszug meiner Arbeit, widersprochen. Und keine einzige der als Quitessenz resultierenden Aussagen (Fazits) könnte ohne den Hintergrund der verarbeiteten Literatur überzeugend sein; etwa mit dem Hinweis, daß das zugrundliegende Schrifttum (Fundstellen) auf der CD-ROM einsichtig sei; der Sache wäre nicht im Geringsten gedient gewesen. Zweifellos habe ich gerade mit meiner kompendiumartigen und lexikalischen Abhandlung dem an der Materie interessierten Personenkreis einen Dienst erwiesen, weil ihm die Nachforschung in den orginalen Texten (hier als Fundstellen) erspart bleibt.

Auch kann ich den Vorwurf von WEISS, wonach „im Textband ein Stichwortverzeichnis, das die vielseitigen Aspekte zum Nachschlagen erschließt“, fehle, nicht nachvollziehen. Zum einen hätte ein solches Register unter Seitenangabe mit sich gebracht, daß viele Einzelgesichtspunkte im Unterschied zu andern (mit vielleicht nur einer Nennung) mit geradezu unzähligen Nennungen einhergingen. Auch sind schon die Überschriften zu den einzelnen Kapiteln richtungsweisend, wenn nicht gar zielführend! Zum andern erlaubt die beigegebene CD-ROM ein beliebiges Nachschlagen mit der Text-Suchfunktion für sämtliche Teile des Buches, also nicht nur im Text- und Bildband, sondern auch zu den Fundstellen und zu den übrigen Anhängen (s. Inhaltsverzeichnis im Buch S.13).

Den von mir unterstellten 6.Sinn erwähnt WEISS zwar nicht expressis verbis; aber er selbst spricht in diesem Sinn von unterschiedlich häufigem Beringeln „in Abhängigkeit … vom physiologischen Zustand der zum Ringeln geeigneten Bäume“, was eine entsprechende Befähigung zum Erkennen voraussetzt. Was er indessen kategorisch ausschließt, ist ein nutzloses Ringeln, wie ich es mit Blick auf den Phloemsaft postuliert habe (Kap. A 17).

Auch mit der von mir zur Diskusssion gestellten Deutung als Verhaltensatavismus findet er sich nicht ab. Er erwähnt diesen nicht nur als Buchinhalt, sondern er tritt meiner Vorstellung mit Argumenten entgegen, die eigentlich in den Rahmen einer von mir erwünschten strengen Diskussion gehören, da eine Rezension hierfür nicht das geeignete Forum bietet. Immerhin leisten diese Gedanken von J.WEISS einen ersten Beitrag zu der von mir erhofften Diskussion zu meiner Vermutung, die jedoch einer besseren Plattform bedarf. An dieser Stelle konstatiere ich hierzu lediglich den in meiner Stellungsnahme zur Rezension von H.WINKLER näher ausgeführten Gedanken, daß man den Gesichtspunkt Verhaltensatavismus möglicherweise auch anders sehen kann, nämlich als ein Stadium einer nicht gänzlich vollzogenen Entwicklung, und zwar als ein Relikt der evolutionären Vergangenheit, gewissermaßen als ein Blick in die >Werkstatt der Natur< (Näheres dazu s.dort).

Daß WEISS versehentlich einige fehlerhafte Angaben macht, bspw. die Nadelbäume bei den häufig beringelten Objekten einreiht, daß Phloemsaft allein in der Vegetationszeit zur Verfügung stehe, kann man dahingestellt sein lassen, ferner ein mir nachzusagendes „rigoroses …. „manchmal … voreingenommenes >vom-Tisch–fegen< … von Überlegungen oder Schilderungen anderer Autoren , dies steht in Parallele zur Kritik von GÜNTHER (s.o.), was ich bedauern müßte und sich mit dem mir von J.KAISER zugebilligten Ansatz stoßen würde.

Wichtiger ist der Aufruf von WEISS zu weiteren „Untersuchungen und Überlegungungen … zur Saftaufnahme aus dem durch Ringeln verletzten Phloem und zu sonstigen durch meine Studie aufgedeckten noch offenen Fragen.“ Insgesamt gesehen handelt es sich um eine aufmerksame, sehr engagierte und zugleich anregende Besprechung, bedauerlich nur die mir verpaßte völlig unvernünftige unsinnige >Ohrfeige<.

 

► Die Besprechung von Hans Winkler (Ornith. Anzeiger 53 / 2014 p.115-116) läßt sich, wie eingangs gesagt, nicht so einfach abtun.

„Das umfangreiche, zweibändige Werk, blättert man es zum ersten Mal durch, genügt im Großen und Ganzen dem Anspruch des Titels. Im ersten Band, dem Textband, werden zahlreiche Beobachtungsdaten und Thesen zum Thema Spechtringeln vorgebracht und im zweiten mit zahlreichen Fotografien, grafischen Darstellungen und Tabellen ergänzt.

Der Text ist in 6 Abschnitte gegliedert, die folgende Titel tragen: Spechtringelung, Hackschäden, Abschuppen, Hackuntaten, Rindenbeschädigungen vom Siebenschläfer und Rindenbeschädigungen vom Eichhörnchen. Schon die Wortwahl zeigt, dass der Autor aus der Forstwirtschaft und –wissenschaft kommt, was ihn für das Thema perfekt zu qualifizieren scheint. Der Abschnitt über das Ringeln der Spechte ist mit 468 Seiten der umfangreichste und weist eine Fülle an Thesen und Fallbeschreibungen auf, die in jedem Kapitel mit einem >Fazit< abgeschlossen werden, was das Lesen des Werkes einigermaßen ersprießich und erträglich macht. Aber bevor ich mich zu Stil und Lesbarkeit der Texte äußere, möchte ich versuchen, den Inhalt kurz zusammenzufassen.

Das Ringeln der Spechte ist ein weit verbreitetes Phänomen und wird allgemein als Methode der Baumsaftgewinnung angesehen. Darauf spezialisierte Spechte, wie die amerikanischen Saftlecker und der Braunkehlspecht Dendrocopos hyperythrus Asiens, besitzen eine dafür spezialisierte Zungenspitze. Heimische Spechte, vor allem Bunt-und Dreizehenspecht, Ringeln ebenfalls häufig, weisen aber keine dafür spezialisierte Zunge auf. Diese Spechte schlagen kleine Löcher, oft in regelmäßigen Reihen, aus denen sie nach gängiger Interpretation Baumsaft gewinnen. Der Autor setzte sich das Ziel, zu diesem Thema die Literatur umfassend auszuwerten. Dabei ging er zunächst sehr gründlich (fast 600 Arbeiten werden zitiert) und objektiv vor und bemühte sich, das Ringeln von anderen Aktivitäten der Spechte und anderer Tiere (Siebenschläfer, Eichhörnchen) abzugrenzen. Ausführlich werden auch die baumphysiologischen Hintergründe des Saftflusses dargestellt. Dabei trifft der Autor eine für ihn sehr wichtige Unterscheidung zwischen „ >Bluterbäumen< und >Nichtblutern<. Nur Laubbäume zählen zu den Blutern, von denen Ahorne, Walnuss und die Hainbuche die wichtigsten sind. Nichtbluter umfassen die restlichen Laubbäume (z.B. Eichen) und alle Nadelbäume, aus denen bei Verletzung kein Xylemsaft austritt. Im Gegensatz zum Xylemsaft ist der Phloemsaft sehr nährstoffhaltig, fließt aber nur ganz kurz, eine bis wenige Sekunden lang. Nach vertikalen Schnabelhieben trete überhaupt kein Saft aus. Insgesamt deutet Dengler die Befunde dahingehend, dass Spechte den Phloemsaft speziell von Nadelbäumen nicht nutzen können.

Äußerst penibel wurden Daten zur Baumartenwahl, jahreszeitlichen Vorkommen des Ringelns und seine Verbreitung in Europa zusammengetragen. Sicherlich eine wertvolle Quelle für jeden, der an dem Thema interessiert ist.

Bevor ich zu den zentralen Aussage des Werkes komme, möchte ich einige Bemerkungen zu den genannten Kapiteln anbringen. Obgleich immer formal zwischen Kommentar, Datendarstellung und Fazit getrennt wird, spürt man die Voreingenommenheit des Autors in fast jeder Zeile. Er unternimmt es auch nicht, weder aus den Literaturdaten, speziell jenen, die er als >authentisch< bezeichnet, noch den eigenen Beobachtungen methodisch korrekte quantitative Analysen zu generieren. Dies ist speziell im Zusammenhang mit der Diskussion um die Bevorzugung von Baumarten oder -individuen sehr auffällig und bereitet dadurch in gewissem Umfang den Boden für Denglers recht eigenwillige Interpretation des Wahlprozesses vor. Damit wäre ich bei den seltsamsten Thesen des Buches. Seltsam deswegen, mir fällt kein besseres Wort ein, weil sie wissenschaftlich nicht besonders naheliegend sind, aber gleichzeitig zum ersten Mal im Zusammenhang mit dem Spechtringeln diskutiert werden. Der erste, eher am Rande auftauchende betrifft die Wahl der Ringelbäume durch die Spechte. Sie weise auf einen 6.Sinn hin, ähnlich jenem, der Tiere Erdbeben vorausahnen lässt. Dieser Spürsinn unbekannter Natur komme wenigstens einigen Individuen zu und befähige sie, die inneren physiologischen Vorgänge im Baum zu erkennen. Ich will dies nicht weiter kommentieren.

Die Hauptaussage, in der einige Hundert Seiten Text gipfeln, ist schließlich die, dass unsere Spechte nicht wegen des (Phloem-) Saftgewinns ringeln. Das wird so apodiktisch argumentiert, dass ich das selbst mit einer nur anekdotischen Beobachtung widerlegen kann. Ich konnte einen nahen Verwandten unseres Buntspechts (Weißflügelspecht Dendrocopos leucopterus) beim Nutzen eines Ringeltrichters an einer Thuje beobachten und wegen dessen geringen Höhe mich selbst als Saftlecker betätigen. Entgegen dem, was nach der langwierigen Buchlektüre zu erwarten gewesen wäre, konnte ich Süßes genießen, was mir in der öden Berglandschaft sehr willkommen war. Wie auch immer, die zentrale Schlusskette Denglers lautet, die Spechte können aus dem Phloemsaft keine Vorteile ziehen und das könne man nur damit erklären, dass es sich hier um einen Verhaltens-Atavismus handle. Damit ist auf Seite 491 die Katze endlich aus dem Sack. Ringeln ist demnach ein instinkthafter, zweckloser Automatismus. Einem inneren Zwang folgend, betreiben die Spechte also Unsinn. Positive Argumente, die diese im Kern phylogenetische Hypothese belegen würden, fehlen vollkommen. Unter anderem würde diese These bedeuten, daß Ringeln und die damit einhergehenden morphologischen Strukturen Anpassungen an der Basis der Spechtstammesgeschichte sind. Dagegen sprechen alle bisherigen phylogenetischen Arbeiten über Spechte.

Nun will ich selbst zum Fazit kommen. Klar ist, dass hier eine Fülle von interessanten Ideen und Daten zusammengetragen wurde. Der Text ist wegen seiner Gestaltung (zahlreiche Formen von Hervorhebungen) und Langatmigkeit und Wiederholungen nur schwer lesbar. Das Fehlen eines Index macht ihn nicht gerade benutzerfreundlich (die CD-Version kann man mit Text Suchwerkzeugen besser nutzen). Es stellt auch keine konventionell strukturierte wissenschaftliche Arbeit dar. Dafür enthält sie neben den genannten Beispielen zu viele handwerkliche Mängel, auf die hier einzugehen nicht der Platz ist. Für mich ist das Werk eine zu umfangreich geratene Einleitung zu einer wissenschaftlichen Arbeit, die für jene, die bereit sind, sich ihr zu widmen, eine Fülle von Anregungen zu spannenden wissenschaftlichen Untersuchungen bietet.“

Meine Anmerkungen: Lob und Tadel stehen auch hier eng beisammen. Den mir bekannten leider vorkommenden handwerklichen Mängeln (s. Fußnote 2) mißt WINKLER anscheinend mehr Bedeutung bei, als sie wohl verdienen; mangels Platz macht er dazu keine näheren Angaben. Aber an respektablen lobenden Worten zur Arbeit als Ganzes fehlt es auch nicht!. Sie münden in dem Gedanken, daß sie „eine wertvolle Quelle für jeden, der an dem Thema interessiert ist“ und sie eine „Fülle von Anregungen zu spannenden wissenschaftlichen Untersuchungen“ bereit halte. Aber von den substantiell-konkreten Inhalten des Buches, die den Textband mit mehreren 100 Seiten, also den größten Teil ausmachen, zumal zu den vielen bisherigen Irrtümern und ihrer Korrektur, erfährt der Leser so gut wie nichts, also entgegen dem, was man von einer Buchbesprechung erwarten darf, zumal diese Informationen von fundamentaler Bedeutung sind und >Appetit< zum Lesen wecken könnten.

Die Unterscheidung zwischen Bluterbaumarten und Nichtblutern ist im Zusammenhang mit der Spechtringelung prinzipieller Natur, also keinesfalls ein nur für mich wichtiger Standpunkt, wie es nach WINKLERs Aussage den Anschein haben könnte.

Die Behauptung, daß ich meiner Auffassung zur Deutung des Ringelns als Verhaltensatavismus (S.491) auf mehreren 100 Seiten apodiktisch darauf ausgerichtete Aussagen vorausschicke, ist eine Fehlinformation an den Leser. Vielmehr werden in etwa 50 Kapiteln die unterschiedlichsten Gesichtspunkte des Ringelns ohne Bezug zur Ursache der Spechtringelung abgehandelt.

Die mir von WINKLER in den Mund gelegte Aussage, daß die Spechte den Phloemsaft speziell von Nadelbäumen nicht nutzen können, lautete korrekt: daß sich dieser Saft auf Grund der bei Bäumen vorliegenden physiologischen Gegebenheiten mit der von unseren Ringelspecht ausgeführten Art der Beringelungen nicht effektiv nutzen läßt, zumal an Koniferen.

Gewiß, es läßt sich nicht erwarten, dass in einer Besprechung eines so umfangreichen Werkes sämtliche Aspekte zur Sprache kommen. Aber einige gravierende Defizite seien hier genannt: ●  Zunächst fehlt jeder Verweis auf die bisher noch nie beschriebenen und wohl nie bemerkten grundverschiedenen Formen der Ringelwunden. ●  Man mag die vielen Verwechslungsmöglichkeiten, die sog. Scheinringelungen ungeachtet ihrer feldbiologischen Bedeutung dahingestellt sein lassen, selbst auch die anderweitigen an gesunden Bäumen verübten Rindenbeschädigungen (i.e.L. die Hackschäden). Aber es ist nicht zu verstehen, dass die Rolle der Ringelwunden an Laubbäumen für kambiophage Kleininsekten nicht einmal erwähnt wird, diese bisher so gut wie unbekannte Ursache der sog. >T-Krankheit< bzw. vom >Eichenkrebs<, dazu mit der Schlüsselrolle dieses Befalls für den bisher nicht bekannten Schwerpunkt des Zeitpunktes der Beringelungen während der Vegetationszeit. ● Völlig unverständlich ist es, dass der Leser von meiner mir seinerzeit im Buch ziemlich kategorisch vertretenen Widerlegung der bisher gültigen Saftgenuß-Hypothese, die ein Kernpunkt des Buches ist (A 14.2), nur auf dem Umweg über eine anekdotische Beobachtung, die WINKLER zur Ehrenrettung der alten Saftgenuß-Theorie aufbietet, erfährt.

Im Übrigen kapriziert sich WINKLER auf 3 eher randständige Aspekte, die im Buch zwar nur wenige Seiten einnehmen, aber durchaus wichtig sind. Um der Sache willen unterwerfe ich diese daher unter den nachfolgend genannten Thematas einer kritischen Erörterung, ergänzt um einen weiteren von ihm wie beiläufig auch von WEISS erwähnten Gesichtspunkt, nämlich wissenschaftlichen Untersuchungen zur Spechtringelung.

Saftgenuß-Hypothese, „6.Sinn“, Verhaltensatavismus? methodisch korrekte quantitative Analysen“, wissenschaftliche Untersuchungen.

Ich nehme dazu nach Art einer Publikation Stellung, d.h. unter Literatur-Verarbeitung (Quellenverzeichnis an deren Ende bzw. im Buch) = Teil II

Ergänzend schildere ich mit Blick auf den letzten Aspekt ein Experiment zum Spechtverhalten beim Ringeln an >meiner< Hopfenbuche Ostrya carpinifolia = Teil III

 

S

Meine Stellungsnahme zur Rezension von H.WINKLER / 2014

Die SAFTGENUSS-THEORIE, stimmt sie oder stimmt sie nicht?

Inhaltliche Überschneidungen mit meiner Abhandlung
unter dem Aspekt 10 (= Deutungen) sind unvermeidlich

Meinen Einwendungen gegen die Saftlecker-Theorie (A 14.2) begegnet WINKLER mit einem Plädoyer für die bisher gängige Deutung, indem er dazu seine „anekdotische Beobachtung“ aufbietet. Er glaubt, damit der Interpretation des Ringelns als Methode der Nahrungsgewinnung wieder volle Geltung verschaffen zu können, und zwar mit Blick auf den Phloemsaft. Er will einen Weißflügelspecht Dendrocopos leucopterus bei der Nutzung von (Phloem-) Saft aus einem „Ringeltrichter“, was immer das gewesen sein mag (diese undifferenzierte Angabe spricht eher für einen >Hackschaden<), an einer Thuje gesehen haben. Er selbst habe den Saft mit Hochgenuß gekostet; dieser sei süß gewesen, dies  – man höre und staune –  „entgegen dem, was nach der Buchlektüre zu erwarten gewesen wäre“. Diese Behauptung ist allerdings eine völlige Verdrehung. Nicht allein, daß der aus der Synthese von Zucker hervorgegangene Assimilations- oder „Lebenssaft“ (RATZEBURG 1869) = Phloemsaft, der an Nadelbäumen einzig in Frage kommt (Xlemsaft gibt es an Nadelhölzern allenfalls durch pathologischen Saftfluß / Näh.A 8.1.1) grundsätzlich per se mehr oder weniger süß ist (A 1.22 und 8.2.2). Vielmehr ist fast über das ganze Buch verstreut expressis verbis von „süßem Phloemsaft“ (1 Mal „süßem Assimilatesaft“ bzw. „süßer … Substanz) die Rede (S. 22, 54, 222, 225, 430, 431, 462, 575, 586, abrufbar auf der CD-ROM mit der Suchfunktion).

Lassen wir diesen Mißgriff beiseite! Auch sei dahingestellt, ob WINKLERs Beobachtung überhaupt in den Zusammenhang mit dem Ringeln gehört. Daß Ringelungen an Thuja bisher nicht bekannt sind, wäre nicht der springende Punkt, würde aber Beachtung verdienen; es könnte eine noch unbekannte Gegebenheit des Ringelungsgeschehens oder eben doch >nur< ein Hackschaden gewesen sein! Was gibt WINKLERs Beobachtung her? Mit der bloßen Anwesenheit eines Spechtes an einer Wunde mit einem gewissen Assimilate-Vorkommen wäre das von ihm daran geknüpfte Trinken dieses Exudats nicht bewiesen. In einem vor 100 Jahren näher geschilderten Fall interessierte sich ein ein aus nächster Nähe beobachteter Gr.Buntspecht nicht für die mit honigartigem Phloemsaft gefüllten Ringelwunden an einer Linde. Dieser „untersuchte die Löcher, wozu er seinen Körper bald nach rechts und bald nach links bog, um die Löcher genau zu besichtigen. Auf den Saft also hatte es der Specht offenbar nicht abgesehen, sonst würde er davon genossen haben“ (HILDEBRANDT 1919). Überhaupt gibt es bisher keinen überzeugenden Beleg für das Trinken des selten und dann aus physiologischen Gründen nur kurz aus einer Ringelwunde in einem oder nur wenigen Tropfen hervortretenden süßen Phloemsaftes (Näheres unter Aspekt 10). An dessen Beschaffenheit (Geschmack) konnte es schwerlich liegen, ist doch vom Gr.Buntspecht das Lecken von Nektar aus Fackellilien-Blüten (Buch S.194) und das Aufnehmen von Zucker- und Honigwasser aus Glasampullen bekannt (GATTER mündlich 2010 = Buch-Foto 283a,b).

Ohnehin lässt sich eine geringe kurzzeitige Ansammlung von Assimilatesaft an einer Wunde nicht ausschließen. An einer Fichte (Buch-Foto 200b) registrierte ich ein Mal Ausfluß von etwas Phloemsaft aus einer größeren offenen Wunde (nicht Ringelung!). Auch in Rußland stellte man ein Mal im Sommer mit „süßem Saft“ gefüllte Ringelwunden an einer Fichte fest (Buch S. 229). Ferner erinnere ich mich an den Fall, wo ich in einem jungen Eichenstangenholz (Laubbäume!!) durch Gährungsgeruch (Ethylalkohol) und das Flugbrummen von Hornissen auf Schälwunden vom Siebenschläfer, die das von Phloemsaft durchtränkte Kambium freilegen, aufmerksam wurde; dieses Gärungsprodukt setzt eine Mindestmenge von Phloemsaft-Ausfluß bzw. Ansammlung voraus (man beachte Buch-Foto 212+213). Die anderweitigen Befunde zum Vorkommen von Phloemsaft in Ringelwunden finden sich in der Darlegung unter Aspekt 10.

Aber das Problem stellt sich anders: Selbst dann, wenn der Weißflügelspecht den Saft geleckt hätte, was WINKLERs Angabe: Nutzung des >Ringeltrichters< nahe legt, sagen die angeführten Befunde nichts über die tatsächliche Möglichkeit der gezielten Nutzung des in der hauchdünnen sog. Safthaut des Phloems (der innersten Gewebslage des Bastes) geführten Assimilatesaftes durch unsere Ringelspechte aus. Entscheidend sind hierbei die unumstößlichen baumphysiologischen Grundgegebenheiten hinsichtlich der Verfügbarkeit und dem Zugriff auf diese Ressource. Zwar hat der Pflanzenphysiologe HUBER (1956) im Unterschied zu GATTER (2000) „beim Anschnitt von Eiben zeitweilig eindeutig Siebröhrensaft austreten gesehen“, konnte dies aber bei späteren Versuchen nicht wiederholen und auch an Kiefern mit darauf ausgerichteten intensiven Experimenten eine „ältere Angabe über Zuckersaftfluß bei Kiefern nicht reproduzieren“. Dies deckt sich mit der schon lange zuvor bekannten Erkenntnis, daß sich wegen den baumphysiologischen Gegebenheiten bei Nadelbäumen (= Gymnospermen; A 8.1.2), ich zitiere, „im Unterschied zu den Laubbäumen kein Phloemsaft abzapfen läßt, auch nicht durch Nachschneiden“ (LYR 1992 / s.S.225). Etwas weniger streng hatte es schon früher geheißen, daß „Nadelhölzer keine merklichen Saftmengen austreten lassen“ (BÜSGEN-MÜNCH 1927).

Diese kategorische Ansicht mag, wie weitere von mir nachfolgend aufgezeigte Befunde zeigen, nicht in jedem Fall zutreffen; die Natur hat stets Toleranzen. Doch hat es mit der Saftführung im Bast der Bäume eine besondere Bewandtnis, die in diesem Fall maßgebend sind, zumal bei Nadelgehölzen. Deren Siebzellen haben gegenüber den Siebröhren der Laubbäume eine weit geringere Leitfähigkeit und es liegen Grundgegebenheiten vor, welche eine effektive Nutzung des Phloemsaftes aus Ringelwunden, soweit diese nach der von hiesigen Spechte ausgeführten Art beschaffen sind, ausschließen. Selbst an Laubbäumen ist „die Gewinnung von … Phloemsaft schwierig“, weil sich die den Saft führenden Gefäße „wahrscheinlich mit Hilfe des P-Proteins selbst versiegeln, sobald sie verletzt werden“ (SCHOPFER et al. 2010) und weil durch „die Anwesenheit von Substraten im Phloemsaft sowie den Enzymen Saccharose-Synthase und Callose-Synthase … die Siebporen beschädigter Siebröhren durch Callosebildung versiegelt und die Siebröhren auf diese Weise stillgelegt werden (HELDT et al. 2008). P-Protein, „ein spezifisches Phloem-Protein“, früher als >Schleim< bezeichnet, zieht in Form von „Strängen durch die Siebporen“ (KULL 1993) bzw. „befindet sich entlang der Peripherie der Siebröhrenelemente“ und wird nach dem durch eine Verletzung bewirkten Druckabfall mitsamt dem Zellinhalt „an den Ort des Drucknachlasses gespült und akkumuliert auf den Siebplatten. … Die Funktion von P-Protein scheint darin zu bestehen, verletzte Siebelemente durch Verstopfen der Siebplattenporen abzudichten, … um einen weiteren Verlust des zuckerreichen Phloemsaftes zu verhindern“ (TAIZ et al. 2000). Dieser kommt zwar, besonders gegen den Herbst zu (Theodor HARTIG sprach daher von „Herbstsaft“) manchmal in Form einzelner Tropfen zum Vorschein (selten mehrere; s. hierzu meine Tab.5 bzw. Buch-Foto 204-213); danach ist (vielleicht mit Ausnahmen wie bspw. bei der Manna-Esche) Schluß. Selten tritt er mehr als eine bis allenfalls wenige Sekunden lang aus (s. Tab.5). Beiläufig angemerkt: nach meinen Beobachtungen blieben die allerallermeisten der von mir in Analogie zu den Ringelungshieben hergestellten Wunden trocken.

Doch gehört auch noch folgender von mir oft an Laubbäumen gemachter Befund an Wunden mit Phloemsaft-Austritt: zur Gewinnung von Phloemsaft dürfen die schräg bis quer angebrachten Einschnitte nur bis in den inneren Bast gehen und nicht weiter (HUBER 1956: Der Schnitt muß sorgfältig gerade bis in in die Safthaut geführt werden; Näh. s. Buch S. 423 + 424 Fußnote 18+19). Wie immer wieder einmal beobachtet, mag etwas Phloemsaft zum Vorschein kommen. Aber im Fall, wo der Schnitt doch etwas tiefer ging bzw. geht, d.h. bis in den äußeren Splint, was im Anhalt an die Punktnekrosen auch bei vielen Ringelungshieben zutreffen dürfte, wird dieser Siebröhrensaft infolge des Unterdrucks und dem Sog des dabei angeschnittenen Verdunstungswasserstroms „in die Gefäße (des Xylems!) gezogen“ (zumindest bei Laubhölzern; bei manchen Baumarten, v.a. den ringporigen, unter hörbarem Schlürfgeräusch; Buch S.224;423 / Fußnote 18). In solchen Fällen steht kein Saft in der Ringelungswunde an!

Und noch einmal: Bei den Gymnospermen (also auch bei Thuja) mit ihren weniger differenzierten Gefäßelementen in ihrer gleichermaßen hauchdünnen Safthaut sind die physiologischen Umstände für die Gewinnung von Phloemsaft oder gar dessen Ausbeutung noch ungünstiger und schwieriger als bei Laubbäumen (mündlich Prof.S.FINK / Forstbotanik Univ.Freiburg)!

Aufschluß zu diesen Konstellationen geben auch folgende praktischen Erfahrungen. Bei der Beschaffung von Phloemsaft von Laubbäumen zu analystischenn Zwecken gingen einst die gelehrten und geduldigen Botaniker wie bspw. Robert HARTIG an Laubbäumen mit Hilfe von Schnittwunden wie folgt vor; man sammelte die zufällig und unvorhersehbar aus entsprechend angebrachten Einschnitten hervortretenden Phloemsafttropfen mit einem Haarpinsel oder mit Hilfe einer Saugpipette ein. Laut HUBER (1956) bringe ein geschickter Sammler in Abhängigkeit von der Baumart und der Jahreszeit „bei guter Saftergiebigkeit stündlich an die 40 Milliliter zusammen“, dies aber nur unter Nachschneiden! In jüngerer Zeit bedient man sich zur Beschaffung von Untersuchungsmaterial zur Dünnschicht-Chromatographie, für die weit kleinere Quanten ausreichen, schlecht und recht der Hilfe Phloemsaft-saugender Läuse (davon gibt es an Thuja mehrere Arten), indem man den zuvor betäubten Tieren mit einem Lasertrahl den Rüssel durchtrennt (KLOFT et al. 1985; RAVEN et al. 2006, HELDT et al. 2008, SCHOPFER et al. 2010); infolge des hydraulischen Drucks in den zielgenau besaugten Phloemzellen treten aus den verbleibenden Rüsselstümpfen Mikromengen des benötigten Phloemsaftes hervor: obwohl in diesem Fall „diese Exsudation von Siebröhrensaft … noch viele Stunden andauert“ (RAVEN et al. 2006), sind es minimale Quanten, die sich nur mit Mikropipetten (Glaskapilaren) einsammeln lassen.

Alle diese Befunde dank der von WINKLER ohne Bedacht auf die Physiologie der Bäume in Anschlag gebrachten Beobachtung zeigen, wie verwickelt und zugleich unberechenbar die Phloemsaft-Gegebenheiten sind. Die komplexen Konstellationen erlauben keine effiziente Nutzung des Assimilatesaftes durch unsere hiesigen Spechte mit Hilfe ihrer Ringelwunden, ganz abgesehen von der Beschaffenheit ihrer Zunge? Kurz gesagt: der Phloemsaft läßt sich mit den Formen der Ringelungen unserer Spechte weder an Laubbäumen und vollends nicht an Nadelbäumen ohne Weiteres erschließen. Nicht umsonst bedienen sich die Saftleckerspechte zwecks der Phloemsaft-Gewinnung eines speziell auf die Baumphysiologie zugeschnittenen Vorgehensweise (der Anlage spezieller Ringelwunden / A 14.2) sowie ihrer spezialisierten Zunge; die zugleich die Nutzung des durch die Wunden freigelegten Kambiums erlaubt. Letzteres erinnert an unsere Hornissen und an die Schälwunden vom Siebenschläfer; beide kommen auf die ihnen jeweils eigene >einfache< Art und Weise an dieses äußerst dünne, aber umso wertvollere Substrat heran.

Somit dürfte auch verständlich sein, daß der Bericht aus Finnland (s.Anhang Teil VII) über die Nutzung des Phloemsaftes von Waldbrand-geschädigten Kiefern durch den Dreizehenspecht irritiert. Dort wurde von dessen Verfügbarkeit zwecks Ausbeutung ohne Wenn und Aber ausgegangen, als gäbe es keine mengenmäßige Einschränkung (s. mein Kommentar). Daß eine kurz vorhandene Möglichkeit des Vorkommens von Phloemsaft an Ringelwunden bei Kiefern bestehen könnte, wird allenfalls durch die Beobachtung von BODEN (1876, 1879a) vor fast 150 Jahren gestützt, der an Schnittwunden den Austritt von 1-3 Tropfen Phloemsaft an solchen Exemplaren feststellte, die Gegenstand der Beringelung waren und wurden. Man sieht, wie schwierig es auf diesem Sektor ist, Unverbrüchliches zu behaupten

Die relative Seltenheit der Spechtringelung als wichtiges Indiz gegen die Nahrungsdoktrin wurde unter Aspekt 10 bereits dargelegt.

In Anbetracht des schwierigen Zugriffs auf den Phloemsaft, dessen zweifellos mengenmäßig höchst geringe Nutzung durch unsere Ringelspechte, könnte im Blick auf die Deutung der Spechtringelung der von WEISS in seiner Rezension entwickelte Gedanke weiterführen, daß auch kleine Mengen, die an Ringelungswunden nicht unbedingt deutlich sichtbar in Erscheinung treten müssen, die Unterstellung eines „funktionsgetragenen“ Verhaltens im Sinne der Saftgenuß-Hypothese rechtfertigen. Früher schon hat GIBBS (1983) angesichts der von ihm an Ringelwunden bei Ulme und Eiche registrierten wenigen Tropfen von Phloemsaft wie folgt >räsoniert<: „It might be possible that some phloem sap might be available, but there is no evidence that any significant exudation occurs“; möglicherweise gehe es dem Specht gerade um diese „small drops of phloem sap. Perhaps is this that the woodpeckers are seeking.“

Fazit:
WINKLERs „anekdotische Beobachtung“ ist kein brauchbares Argument zugunsten der Saftgenuß-Theorie; die Gesetze der Baumphysiologie werden damit nicht außer Kraft gesetzt. Durch den Diskurs sind meine von ihm verworfenen Zweifel an der ernährungsbiologischen Bedeutung der Baumsäfte für die Ringelspechte noch mehr untermauert und ist die Widerlegung der Saftgenuß-Theorie (s.Buch A 14.2) in ihrem bisherigen Sinn erneut unter Beweis gestellt.

WINKLER muß sich noch folgenden Vorwurf gefallen lassen: Er hat sich nicht nur mit der als Beweismittel unzulänglichen Beobachtung vertan, sondern grundsätzlich mit der Aufbietung einer lediglich singulären Situation, zumal zu einer so gewichtigen Fragestellung. Unter dem Gesichtspunkt eines wissenschaftlichen Anspruchs hat in der Tier- wie Pflanzenwelt gleichermaßen eine einzelne Feststellung grundsätzlich noch wenig zu besagen, so auch auf dem Gebiet der Pflanzenphysiologie. In der dazu vorliegenden Literatur sind die Resultate zum Stofftransport in den Bäumen, den Stoffflichkeiten, dem Zeitpunkt und der Dauer von Saftaustritt, dem Saftdruck u.v.a.m. oft von einer verwirrenden Vielfalt samt Regelwidrigkeiten, Uneinheitlichkeit und Widersprüchlichkeit, sei es eine bis in den Sommer hinein blutende Birke, einzelne aus dem Stock blutende Nichtbluter wie Eichen und sogar Nadelbäume, also auch „in der Periode voller Belaubung stattfinden kann“ (HARTIG 1862 / S.89; weitere Fundstellen hierzu in Kap. A 8.1.1 und 8.2.2 über mehr als ein Jahrhundert hinweg), so bei Forschungen im 19.Jahrhundert bis hin zu HUBER / 1956, der bei seinen intensiven Bemühungen um die Reproduktion von zuvor zweifelsfrei festgestellter Tatbestände scheiterte, sowie bei vielen weiteren Resultaten der jüngeren Vergangenheit. Schon ein Gelehrter wie RATZEBURG / 1866 stöhnte einst über die von ihm selbst ermittelten widersprüchlichen Ergebnisse zum Bluten: „Wer kann sich daraus einen Vers machen?“). Vorläufige oder als abschließend konstatierte Erkenntnisse laufen so gut wie immer auf „in der Regel“, „im Allgemeinen“, „gewöhnlich“ hinaus; was früher zu manch heftig ausgefochtener fachlichen Kontroverse geführt hat. Für unseren Fall trifft genau das zu, was einst der Ornithologe v.HOMEYER / 1879 im Streit mit dem Zoologen B.ALTUM zur Nützlichkeit der Spechte (zur sog. Spechtfrage / s. Buch-Anhang Teil IV) konstatiert hat: „Übereilte Erklärungen auf unerwiesene Annahmen und ungenügende Beobachtungen hin sind die Feinde gründlicher Forschung. Wer sich lange und viel mit dem Leben der Thiere beschäftigt hat, der wird wissen, daß einzelne Beispiele sehr wenig bedeuten, indem sie theils auf Eigenthümlichkeieten des Individuum, theils auf Zufälligkeiten beruhen können, ….. Allgemeine Regeln sind daher mit grosser Vorsicht aufzustellen, namentlich dann, wenn sie zu negativen Beweisen führen sollen“.

Wie mir jüngst verschiedentlich zu Ohren kam, wird nach wie vor die alte Deutung >verzapft<, bspw. bei einer ornithologischen Steinadler-Gebirgsexkursion 2016 vom LBV = Landesbund f.Vogelschutz / Bayern betr. eines geringelten Nadelbaumes im Hintersteiner Tal in den Allgäuer Hochalpen): „Der DrZSp mag den Saft und frißt Insekten, die im herunterlaufenden Saft hängen bleiben“, so der Bericht. Auch in dem jüngst erschienenen populärwissenschaftlichen Buch über „Spuren und Zeichen der Vögel Mitteleuropas“ (H.H. Bergmannn et al. 2016; s. hierzu meine Anmerkungen zum Mittelspecht unter Aspekt 1 = Wundtypen) wird das Ringeln der Spechte als „mit dem Gewinnen von Baumsaft und anfliegender Insekten“ (s. Buch A 15.3 S. 456ff) erklärt. Diese Deutung sei „nach wie vor schlüssig und überzeugend“; „eine andere schlüssige Hypothese für das Ringeln außer der Nahrungsaufnahme gibt es nicht“. So einfach und unkritisch sollte man es sich bei der Deutung der Spechtringelung nicht machen!

 Wichtige Notiz:

Eine Stellungsnahme nahezu identischen Inhalts habe ich 2016 dem Ornithologischen Anzeiger, H.WINKLER’s Publikationsorgan mit der Bitte um Veröffentlichung vorgelegt. Der als interner Gutachter herangezogene Ornithologe E.BEZZEL stellte sich hinter H.WINKLER, doch mit welcher Begründung! Seine Meinung, daß eine Rezension, die der Karriere nicht schade, zulässig und des Weiteren, daß mir dessen Ansicht offensichtlich nur „mißliebig“ sei, kann man getrost beiseite lassen. Deprimierend ist für mich bis heute jedoch dessen Vorwurf, daß ich keine „neuen wissenschaftlichen Ergebnisse …, keine belastbaren neuen Daten“ anzubieten hätte, trifft letzteres doch gerade auf H.WINKLER’s „anekdotische Beobachtung“ zu, die es sachlich-kritisch zu erörten galt. E.BEZZELs Meinung, daß „das Thema … mit neuen Fakten belebt  … werden müsste“, ist ebenfalls unsinnig. Es bedarf keiner neuen Daten, sondern, wie hier geschehen, lediglich der Anwendung bzw. der Diskussion naturwissenschaftlicher Erkenntnisse, in diesem Fall zur Baumphysiologie. Diese maßgebenden Grundgegebenheiten wurden bis in jüngste Zeit von fast allen Naturkundlern, zumal von den Ornithologen, außer Acht gelassen; sonst hätte H.WINKLER seine >anekdotische Beobachtung< nicht so unbekümmert in die Waagschale geworfen. Und E.BEZZEL, der wie andere vor und mit ihm die Saftlecker-Theorie als „Merkwürdigkeit im Nahrungserwerb“ noch auf seiner Fahne stehen hat (1985,1990) , Nichtbluter unter die Blutergehölze einreiht (1995),  ferner behauptet, daß die Vogel den an Laub- wie Nadelbäumen „in den Löchern angesammelten Saft mit dem Unterschnabel schöpfend“ trinken, was die nötige Einsicht sowohl zur morphologischen Wirklichkeit und eben auch zur Baumphysiologie, als auch zur Realität des Trinkens (Kap. A 7.2) vermissen läßt. Ferner gehört er zum Kreis derer, welche die Wiederbearbeitung alter Ringelwunden (s.unter Aspekt 6) unterstellen; dabei genügt schon ein einziges Ringelungsschadbild aus 2 oder mehr Jahren der Beringelung als Gegenbeweis; an Klarheit fehlt es allenfalls in Fällen, bei denen die Ringelstellen bspw. mit Harz verkrustet sind (Buch-Fotos 186f –i). BEZZEL verschloß sich also den von mir vorgelegten fundierten Tatsachen, sonst hätte er sich seine Einwendungen erspart. Man ist an GOETHEs Einsicht erinnert, dass „einer Wahrheit … nichts schädlicher ist als ein alter Irrtum“.

Literatur: Die ergänzend zum bisherigen Schrifttum (s. Buch) hinzu gekommene Literatur:

HELDT, H. et al. (2008) Pflanzenbiochemie, 4.Auflage; Spektrum-Verlag; KLOFT, W.J.  et al. (1985) Waldtracht und Waldhonig in der Imkerei, Ehrenwirth- Verlag; KULL, U. (1993) Grundriß der allgemeinen Botanik; G.Fischer-Verlag; RAVEN, P.H. et al. (2006) Biologie der Pflanzen / 4.Auflage; Verlag de Gruyter; SCHOPFER, P. et al. (2010) Pflanzenphysiologie, 7.Auflage; Spektrum-Verlag; TAIZ, L. et al. (2000) Physiologie der Pflanzen. Spectrum-Verlag.

 

Ein >6.SINN< ?

Die Annahme von einem >6.Sinn<, für was auch immer, scheint H.WINKLER einer Diskussion nicht wert zu sein. Ergänzend zu der bereits unter dem Stichwort „Rätselhafte Objektwahl“ eingeleiteten Diskussion mit Ausrichtung auf die Sinnesleistungen der Spechte stelle ich nachfolgend meine weiteren Überlegungen zu dieser Fragestellung vor. Denn meiner Hypothese von einem >6.Sinn< liegen die folgenden rätselhaften fast durchweg objekt- oder funktionsgebundenen Gegebenheiten zugrunde.

► Das Ringeln findet nicht an allen Baumarten statt, einige werden total gemieden und bestimmte Gehölze ungeachtet ihres Alters bevorzugt. Mit den 5 Standard-Sinnen fassbare äußerliche Eigenschaften lassen sich dafür nicht in Anschlag bringen..

► Innerhalb einer Baumart werden regelmäßig nur bestimmte Objekte bearbeitet, ohne dass sich diese in äußerlichen Eigenschaften von den übrigen grundlegend unterscheiden. Demnach kommen nur innere Eigenschaften führt diese Auswahl in Betracht. Bei den gewählten Objekten liegen keine äußerlich erkennbaren Eigenschaften vor, die möglicherweise einen Einfluss auf deren innere, d.h. deren physiologische Beschaffenheit ausüben. Entgegen anderer Meinung (TURCEK 1954, 1961; S. 351) kann es nach meinen Befunden weder am Wuchs des Baumes, noch an einer Verletzung (geschält) oder sonstigen Beschädigungen (geknickt, geköpft, stark beschnitten, niedergebogen sowie einer anderen äußeren „abnormalen Beschaffenheit“ (S. 351-3 52) oder sonstigen „hervorstechenden Eigenschaft“ wie bspw. einer starken Blattchlorose (A 11.5) liegen. Zwar gibt es Fälle, wo dem Standort eine maßgebende Rolle beigemessen wurde (sonnenseitig exponierte bzw. aufgerissene Bestände / Buch-Foto 200a; Buch S.345) oder ein vorangegangener Waldbrand (A 11.4; ferner der Bericht aus Finnland / Anhang Teil VII); doch kommen derartige Konstellationen im Wald immer wieder, gar oft vor, ohne dass Beringelungen damit einher gehen.

► Das Ringeln an den Bluterbaumarten findet nur während ihrer Blutungsphase statt, die gemäß der atmosphärischen Konstellation allein auf einem inneren Zustand und physiologischen Vorgängen beruht, für die es keine äußerlichen Anhaltspunkte gibt.

► Über diese Koinzidenz hinaus nimmt das Beringeln im Einklang mit der Verlauf der Saftmobilisierung seinen Anfang im Basisbereich und schwerpunktmäßig auf der am frühesten erwärmten Baumseite (Buch S.335), wofür es ebenfalls keine äußerlichen Anhaltspunkte gibt.

► In Fällen, wo geringelte unterschiedliche Baumspezies in engster Nachbarschaft zueinander stehen, vollends ein Ringelbaum an eine andere Baumart angelehnt ist oder gar deren beider Kronen ineinander greifen (2 von mir angetroffene Fälle: in Rottenburg Ostrya und Spitzahorn = Foto 38, in der Pfalz ein Mal Roteiche und Ahorn (Buch S. 260), springt der Vogel trotz der räumlich direkten Nähe nicht von dem ausgewählten Objekt auf den anderen Baum über, dies sogar in dem erstgenannten Fall (2 Bluterbaumarten), deren Blutungsphase sich zumindest zeitweilig überschneiden. Auch dies kann nicht an optischen oder mechanischen Unterschieden liegen, da dies selbst innerhalb vom Baum uneinheitlich ist, ferner nicht an der jeweiligen Saftverfügbarkeit.

Folgt man dem Bericht aus Finnland (2017; Anhang Teil VII = neue Fundstelle), dann reagierte der Dreizehenspecht dort umgehend auf einen Waldbrand, indem er als Saft- = Ringelbäume ausnahmslos brandgeschädigte Kiefern auswählte, und dies unabhängig vom Grad äußerlicher Brandwirkungen (in unterschiedlichem Grad angekohlte Exemplare), vielmehr offensichtlich auf Grund einer inneren veränderten Beschaffenheit, wahrscheinlich der Saftchemie (auch ein schon vor bereits 100 Jahren und später erörteter Gesichtspunkt: s. Buch A 11.4). Auch hierfür gab es keine äußerlichen Merkmale. Schon vor bald 150 Jahren hatte BODEN (1876) festgestellt, dass der Buntspecht nur solche Kiefern beringelte, bei denen sich an Schnittwunden 1-3 Tropfen Phloemsaft zeigte, dies also auf Grund ihres inneren Zustandes.

Fazit: Alle diese Fakten, die auf verborgenen inneren Zuständen beruhen, lassen keinen anderen Schluss zu, als dass die Vögel ein Sensorium für irgendeinen im jeweiligen Baum vorliegenden Zustand oder ablaufenden Prozess, zumal für physiologische Konstellationen besitzen, demnach einen >Spürsinn< unbekannter Natur für was auch immer. Daher nahm ich ich, wie bereits unter Aspekt 10 dargelegt, >Zuflucht< zu einem 6.Sinn. Dort ist auch darauf verwiesen, dass bei manchen Vogelarten für bestimmte Leistungen ein 6.Sinn unterstellt wird bzw. bekannt ist.

 

► Ein Verhaltensatavismus?

Der Versuch einer Deutung

H.WINKLER nimmt heftigsten Anstoß an meiner „im Kern phylogenetischen Hypothese“, wonach es sich beim Ringeln um einen Verhaltensatavismus handeln könnte. Diesen Gedanken habe ich lediglich zur Diskussion gestellt und keineswegs als schlüssige Deutung wie „die Katze aus dem Sack gelassen“ und ist keine von mir bis zur Seite 491 apodiktisch verfolgte Doktrin. Denn in diesem mehrere hundert Seiten umfassenden Teil sind in über 50 Kapiteln die unterschiedlichsten Themen ohne irgendeinen Bezug zur Deutung und ohne die mir unterstellte „in fast jeder Zeile (spürbare) Voreingenommenheit“ abgehandelt. Außerdem lege ich im Nachwort zu meinem Buch (S. 590) dar, daß ich mir menschlicher Irrtumsanfälligkeit bewußt bin.

Die von mir nun modifizierte Saftgenuß-Theorie geht mit dem Eingeständnis einher, dass es sich beim Ringeln hiesiger Spechte nicht bloß um ein noch nicht völlig geklärtes Phänomen handelt, sondern um ein wenig nützlich erscheinendes Verhalten. Nach dem Stand der derzeitigen Bewertung und Einsicht können unsere Spechte aus dem Phloemsaft mangels eines geeigneten Vorgehens nur wenige Vorteile ziehen, zumindest an Koniferen, weit entfernt von der dem Ringeln bisher nachgesagten ernährungsbiologischen großen Bedeutung.

Das mir von WINKLER unterstellte Verdikt, wonach „unsere Spechte (….) nicht wegen des (Phloem-) Saftgewinns ringeln“, verlangt indessen eine richtige Interpretation. Auf Grund verschiedenster Anhaltspunkte besteht kein Zweifel, daß dem Ringeln hiesiger Spechte der Wunsch nach Saft zugrunde liegt, den sie aber abgesehen vom nährstoffarmen Blutungssaft (welchen sie mangels geeigneter Zunge nicht effizient nutzen können) und als Phloemsaft schwerlich, kaum oder gar nicht bekommen, weil ihre Ringelwunden im Unterschied zu denen der amerikanischen Saftlecker-Arten hierfür wenig tauglich sind. Ich wiederhole meine schon früher gewonnene Ansicht, daß „der Specht auf Saftfluß hin ringelt, unabhängig davon, ob es dazu kommt und in wieweit er davon Gebrauch macht“ (im Buch S.498);

Als von WINKLER vermisste „positive Argumente“ für ein Atavismus-Verhalten sowie für den Wunsch nach Saft mache ich die folgenden 11 Gesichtspunkte geltend:

1) Zugunsten dieser Annahme spricht zunächst das immer wieder beschriebene Gebaren des jeweiligen Vogels bei der Revision seiner frischen Beringelungen, also nach der Fertigstellung seiner Hiebsreihen (A 6.1); sein Hin und Her bei anschließenden Visiten unter Beäugen und mitunter unter Prüfung der Wunden mit eingelegtem Schnabel, ferner das einmal beobachtete züngelnde virtuelle Leckverhalten eines Buntspechts an seiner völlig trocken bleibenden Ringelungsstelle an einer Zitterpappel (BAER et al.1898).

2) Ein weiteres Indiz sehe ich darin (wiederholte Beobachtung), daß ein Specht seine Beringelung oft erst während des Kletterns urplötzlich vornimmt, so, als läge ihm dieses Verhalten, anthropomorph ausgedrückt, als verborgene Wesenheit >im Blut< und als sei das Ringeln eine Reaktion auf einen latent im betreffenden Baum vorliegenden Reiz in Verbindung mit einer inneren Stimmung des Vogels, dies gleichermaßen sowohl gegenüber einheimischen wie fremden Baumarten. In diesem Lichte sehe ich auch die Vielzahl von Beringelungen mit lediglich 1-2 (4) kurzen Stückringen, zumal an Bluterbäumen als Folge einer solchen Konstellation? Im Widerspruch dazu steht die Tatsache, daß manche Baumarten überhaupt nie bearbeitet werden (A 9), obwohl man annehmen möchte, daß ihnen ähnliche innere baumphysiologische Gesetzmäßigkeiten eigen sind. Möglicherweise fehlt diesen aber doch jener Auslösereiz, der anderen (wie bspw. der Roteiche) in besonderem Maß innewohnt.

3) Ein schon im Buch genannter überaus wichtiger Gesichtspunkt ist, daß der Specht an Bluterbaumarten (an denen dies offen zutage tritt: Färbung durch Gärung; s. Foto 38 + Teil III: Experiment) auch dann ringelt, wenn blutende Ringelstellen oder eine anderweitige Blutersaft-Quelle (bspw. aus abgesägtem Ast) schon vorhanden sind, also die Gelegenheit zum Saftgenuß bereits gegeben wäre. Saftverfügbarkeit schließt die Realisierung des Ringelns nicht aus (Buch S.494). Das Ringeln sieht nach einem >Naturtrieb aus, dem das Tier Folge leisten muß<.

4) Sieht man vom Zeitpunkt der Ringelungen, der sich in einem bestimmten Zeitrahmen bewegt ab, so ist ein hohes Maß an Zufälligkeit nach allen sonstigen Richtungen bezeichnend. Zu den >Beliebigkeiten< zählen ● der Standort: solitär, vereinzelt, in gehäufter Vielzahl verstreut an einem Ort oder gar an einer mitunter befemdlich erscheinenden Stelle, so gelegentlich an einem Straßenbaum (Buch S. 271, 274 / Fußnote 13), mitunter mitten in einer Stadt (Buchfoto 158, 160, jüngst noch ein Nachweis an einer halbwüchsigen Eiche auf dem Schulhof eines Gymnasiums in Hamburg-Altona / Max Brauerstraße sowie an 3 Zelkoven in einer etwas engen Passage der Anlagen der Stuttgarter Wilhelma (s.Foto ganz hinten), ● der bereits genannte höchst heterogene Beringelungsgrad: vereinzelte Hiebsreihen bis massenhaft gehäuft, ● betr. das Baumalter: ganz junge bis alte Objekte, wenn auch unter Bevorzugung noch nicht oder erst schwach verborkter Stammteile, gelegentlich auch von Ästen. ● die Höhe am Baum: von der Basis und bis hoch hinauf in der Krone alter Bäume. ● die Unabhängigkeit des Ringelns von der Häufigkeit des Vorkommens einer Gehölzart bzw. deren Verfügbarkeit (ein Wesenszug der Spechtringelung / Buch .S. 256). Ist dies alles nicht ein Ausdruck eines noch nicht ausgereiften zweckdienlichen Verhaltens! Hinter all diesen Gegebenheiten sehe ich eben kein durchgehendes System, kein Konzept, keine eindeutige Linie.

5) In diesen Zusammenhang gehört für mich, insgesamt betrachtet, auch die grundsätzliche Seltenheit geringelter Bäume, zumal von Nadelbäumen, nämlich gemessen an der Unzahl der zur Disposition stehenden Objekte, also dem Potenzial an Ringelbaumarten bzw. Ringelbäumen, gleichermaßen an Blutern wie Nichtblutern. Zwar kommen Ringelbäume in manchen Gebieten streckenweise oft vor, mitunter fast auf Schritt und Tritt, andernorts unter ähnlichen Gegebenheiten nicht oder kaum  — soweit man dies behaupten darf. Denn man muß sich darüber im Klaren sein, daß in Bezug auf ein bestimmtes Gebiet, es sei klein oder gar groß, man Ringelungen eher nachweisen als das Fehlen mit absoluter Sicherheit garantieren kann.

6) Zur tatsächlichen Verbreitung des Ringelns sind die Befunde und Meinungen sehr uneinheitlich (Kap. A12), genauso die Auffassungen zur Individualität ringelnder Spechte (A 7.3). Doch besteht kaum ein ernsthafter Zweifel daran, daß gebietsweise und v.a. örtlich große Unterschiede bestehen und es mit Ringelbaumarten bestockte Areale ohne Ringelungen in Größen gibt (dies nicht bloß in Nadelwaldgebieten), die weit über das Aktionsgebiet vom GrBuSp, dem Ringelspecht Nr.1 und auch vom DrZSp hinausgehen.

Lt. WEISS (Rezension) sei es für Atavismen bezeichnend, daß nicht alle, sondern nur einzelne Tiere ein reliktisches, in der Evolutionsgeschichte wurzelndes Verhalten an den Tag legen. Gerade dies würde mit dem Ringelungsgeschehen im Einklang stehen, insofern das Ringeln im Anhalt an verschiedene Befunde eine individuelle Eigenschaft zu sein scheint (man beachte hierzu meine Ausführungen zu Acer in Teil IV).

7) Besonders geben mir die vom Specht fallweise eingestreuten optisch gezielt angebrachten Horizontal (Quer-)hiebe vom Grundtyp I, gar in einer reihigen Abfolge (bspw. Buch-Foto 205, Pausbilder-Abb.1C, G, 1H), zu denken; denn unnötig für den Blutungssaft wären sie erforderlich, um überhaupt mit diesem Wundtyp an den Phloemsaft heranzukommen (s.o. Saftgenuß-Theorie; Buch-Text S. 220, 221; Buch-Fotos 204-209).

8) Darüber hinaus gibt es, wenn auch nur selten, die von mir als Wundtyp IV bezeichneten Ringelwunden (Buch-Fotos 2b, 105,106,121-125, 131, 132, ferner Abb.10 von 1880 betr.Tanne), die unter Entfernung kleiner oberflächlicher Rindenteile zustande kommen. Sie erinnern an die für die Saftleckerspechte typischen „troughs“ (A 14.2; Buch-Foto 214), sind jedoch nicht tief genug, sie gehen nämlich nicht bis zur Safthaut im Frühbast und bleiben daher absolut trocken. Würden sie entspechend etwas, d.h. nur wenige mm tiefer liegen, wäre je nach dem im Objekt aktuell herrschenden physiologischen Zustand ein Austritt von Phloemsaft möglich; allerdings, woher die passende Zunge nehmen? Dabei geht es hierbei lediglich darum, daß der Specht damit der Saftquelle zwar näher kommt, aber noch nicht der Position zu einer Saftgewinnung.

Besondere Aufmerksamkeit verdient in diesem Zusammenhang auch das dem Wundtyp IV nahestehende Verhalten ringelnder Spechte (Gr.Buntspecht und Dreizehenspecht), nämlich das nicht immer scharf abgrenzbare Abschuppen als >Vorarbeit zur Ringelung< (Buch S.550-551) an Fichten, dies beim Gr.Buntspecht (Buch-Foto 200b,c,d) und v.a. beim Dreizehenspecht (Buch-Fotos 199, 200c,d,201b), wie dies auch in dem neuen Bericht aus Finnland / s.Teil VII = Anhang betr. von Kiefern beschrieben wird (ein entsprechendes Foto von einer Bergföhre aus dem Schweizer Nationalpark liegt mir von Herrn J.Denkinger / Olten vor). Das Abstemmen von Borketeilen zur Freilegung von versteckter Beute (Spinnen, Insekten: Buch Kap. C / S. 548; Buch-Foto 281a-e) steht auf einem völlig anderen Blatt! Eigenartigerweise geschieht das besagte Abschuppen meist in Verbindung mit dem Ringeln, wozu es nicht zwingend nötig ist! Ohnehin geht es fast immer beträchtlich und fallweise sehr sehr weit über die eigentlichen Ringelstellen hinaus und ist dann flächig mehr oder weniger ausgedehnt! Wie beim Wundtyp IV kommt der Vogel hierdurch dem innersten Bast, der sog. Safthaut, wo der Phloemsaft beheimatet ist, auf ausgedehnteren Rindenarealen näher, was in den Rahmen vom >6.Sinn< fallen würde. Schon vor mehr als 100 Jahren hieß es, daß dadurch „tiefere Rindenparthien“ zum Vorschein kommen (Buch S. 548). Mehr hat der Vogel von diesem Verhalten nicht, so wenig wie vom WT IV selbst, insofern dieser noch keinen Saft bringt. Demnach wäre dieses der Ringelung vorausgehende oder begleitende energieaufwändige Abschuppen ein sinnloser >Luxus<, so daß man sich, um mit E.GÜNTHER (s.o.) zu sprechen, wundern muß, daß der Vogel nicht mit leerem Magen erschöpft vom Baum fällt. Das Ringeln selbst erfolgt dem äußeren Anschein und meinen Erkenntnissen nach v.a. mit dem Wundtyp III = gestanzte Löcher, so bei der Fichte (Foto 197, 200c,d), die im Fall von Linden am äußeren Rand oft noch etwas nachbearbeitet (?), d.h. etwas erweitert sind (s.Foto 106 e-f, oder 106 h) und z.T. in Richtung WT IV gehen (Foto 106 i + j). Es fehlt >nur<, daß der Specht seine Hiebe als Horizontalhiebe quer zur Faserrichtung zugunsten von Phloemsaft-Austritt (s.o.) setzen würde. Darf man über diese Fakten so einfach hinwegzugehen?

In Parallele zum vorbereitenden Abschuppen steht bei Laubbäumen mit grober Rinde / Borke das Faktum, daß an ihnen der Specht seine Hiebswunden weitgehend oder ausschließlich, also gezielt (vgl. unter Aspekt 5) in die Rindenritzen / Furchen platziert, so an älteren Linden und Robinien (s. hierzu die vielen Fotos im Buch, bspw. 66-69, 106-110), als wolle er auch hier der Phloemsaft-führenden Safthaut näher kommen — und dies, weil Borke den Zugang erschwert und einen größeren energetischen Aufwand erfordert, um die Hiebe in der Nähe der saftführenden Strukturen zu platzieren. Sieht nicht auch dies, gewagt gesagt, nach Experementieren des Vogels aus?

Die geschilderten Wundtyp IV- Konstellationen erwecken indessen den Eindruck, als ob unter phylogenetischer Betrachtung (zu der ich mich in der Tat aus mangelnden Kenntnissen nicht äußern kann) unsere hiesigen Spechte im Vergleich zu den sapsucker-Spechten hinsichtlich der Phloemsaft-Nutzung, gewagt bildhaft und menschlich ausgedrückt, >auf halbem Weg stehen geblieben< sind, also nicht über diese >Vorarbeit< hinausgekommen sind. Demnach würden sie sich beim Ringeln an Nichtblutern in einer reliktischen Phase befinden, die der sinnvollen Technik der Saftlecker-Spechte zur Phloemsaft-Erschließung vorangegangen sein könnte? Weder deren Zunge noch ihr Vorgehen zur Phloemsaft-Gewinnung fiel fertig vom Himmel; beides war doch das Ergebnis einer evolutionären Entwicklung. (Frage: Kam bei den Saftlecker-Spechten vor ihrer Bürstenzunge die Häkchen-Zunge nach Art unserer Spechte?). Sind nicht alle als sinnvoll erscheinenden Verhaltensweisen und körperlichen Eigenschaften bei Tieren schrittweise Errungenschaften der Evolution?

Zwar verbietet es sich, trotz der hier vorliegenden Gegebenheiten von einem gezielten Prozeß zu reden, weil es im Evolutionsgeschehen eine final ausgerichtete Entwicklung nicht gibt. Dennoch erscheint es mir, als zeuge das Ringeln von einem Relikt der Specht-Evolution und als gewähre ihr zur Phloemsaftgewinnung unzulängliches Ringeln einen Blick in die >Werkstatt der Natur<. Anthropomorph fortgesponnen würde die Ausage lauten, dass mit Blick auf die Saftnutzung unsere Spechte >noch< auf Evolutionskurs sind.

Absurd, unsinnig? Mit J.H FABRE >weiß< ich, was es heißt, sich auf das Terrain einer spekulativen Deutung zu begeben (im Buch S.491). Ich nehme in Kauf, wegen meiner Vorstellung als naiv gescholten zu werden. Könnte man nicht darüber reden, wie ich es mir zu meinem Deutungsansatz Verhaltensatavismus gewünscht hatte! Unerheblich wäre es, wenn sich meine Überlegung nicht mit dem Begriff Atavismus vertragen sollte.

9) Überhaupt geben die so unterschiedlichen Wundtypen I – IV grundsätzlich zu denken; denn für deren Unterschiede gibt es keine einleuchtende durchgehend schlüssige Erklärung; allein an der Beschaffenheit der Rinde kann es nicht liegen. Antropomorph gesprochen hat es gar den Anschein, als probiere der Vogel unterschiedliche Möglichkeiten, um an den Phloemsaft zu gelangen.

10) Im Einklang mit dem Ziel der Saftgewinnung kann man schlußendlich auch die Tatsache stellen, daß der Vogel neue Hiebswunden grundsätzlich nicht direkt in alte Hiebsstellen platziert (man beachte v.a. die Besprechung unter Aspekt 6). Mit Blick auf die Saftgewinnung wäre ein solches Vorgehen widersinnig. Denn das Abheilen der jeweiligen Verletzung, die Vernarbung, führt in der Rinde und bedingt auch im Holz– vereinfacht gesagt, – allemal zu einer >Verholzung<, d.h. einer Veränderung des Gefäß- und Strukturverlaufs und zur Einlagerung von Schutzstoffen (A 2.5); punktgenau könnte wohl gerade dort am allerwenigsten Austritt von Saft erfolgen.

11) Damit komme ich zum wichtigsten Gesichtspunkt, dem Nutzen von Ringelungen für die Vögel.  GLUTZ v. BLOTZHEIM (1980) bezeichnete die „energetische Bedeutung“ als „untersuchungsbedürftig“; was fehle, sei „eine kritische quantitative Analyse“. Auch wenn meine Darlegungen dieser Forderung nach strengen Maßstäben nicht Rechnung tragen, läßt sich nach Maßgabe der vorliegenden Fakten behaupten, daß der Nutzen für den Specht sehr begrenzt zu sein scheint, d.h., daß dem Verzehr der Baumsäfte entgegen der bisherigen Ansicht der Saftgenuß-Theorie keine fundamentale oder gar unverzichtbare Bedeutung als Nahrung beizumessen ist (s. unter Aspekt 10), es sich beim Ringeln also nicht um „eine lebensnotwendige Tätigkeit“ handelt (WINKLER 1931; Buch S.499).

Fazit:
Sind all die hier aufgeführten Gegebenheiten etwa keine Argumente, die Respekt verdienen und bedacht sein müssen? Wie zuvor schon J. WEISS geltend gemacht hat, mag der von mir plakativ verwendete Begriff >Atavismus< nicht zutreffen; aber dieser liefert gewissermaßen eine Metapher für einen Bogen über alle von mir einzeln aufgebotenen 11 Gesichtspunkte bzw. realen Gegebenheiten. Was mir lt. H:WINKLER in der Tat abgeht, ist die Kenntnis „bisheriger phylogenetischer Arbeiten über Spechte.“

Es verdient der Erwähnung, dass früher schon GATTER (2000) die Frage aufgeworfen hatte, ob „das Ringeln ein Verhaltensrest … aus einer früheren Entwicklungsphase ist“ (s. Buch S. 497), also identisch mit meiner schon im Buch postulierten Ansicht, wonach es sich um ein Relikt aus der Entwicklungsgeschichte handeln dürfte; dies ist nun verbal leicht dahingehend verändert, dass ich das Ringelungsgeschehen einer Phase dieser Evolution zuschreibe.

Fest steht auf jeden Fall, dass unsere Spechte an der systematischen Erschließung des Phloemsaftes allein schon durch ihre hierzu unzulängliche Form ihrer Ringelwunden scheitern, ja scheitern müssen. Eine effiziente Nutzung des Phloemsaftes würde eine Vorgehensweise voraussetzen, welche die den Bäumen innewohnenden physiologischen Mechanismen gegen den Verlust dieses für sie wichtigen Assimilatesaftes unterläuft. Die amerikanischen Saftlecker schaffen dies durch ihre evolutiv zustande gekommene eigenwillige Art und Weise ihrer Beringelung (A 14.2 / Buch S. 426-427), die für den jeweiligen Baum abträglich, ja schädlich ist; damit werden nämlich die Ringelbäume ruiniert (Näheres dazu auf der dem Buch beigegebenen CD-ROM im Anhang I: Amerikanische Saftlecker-Spechte unter dem Suchbegriff >Absterben<). Im Blick auf die Phloemsaft-Nutzung treiben unsere Spechte also bis zu einem hohen Grad „einem inneren Trieb folgend Unsinn“ (Formulierung aus H.WINKLER), agieren unökonomisch. Jovial und antropomorph ausgedrückt bemühen sich unsere Ringelspechte schon seit wohl >urdenklichen Zeiten< um die Erschließung dieser Ressource, jedoch bis jetzt ohne Erfolg.

Vorausgesetzt, daß meine schon im Buch 2012 vertretene Vorstellung zutrifft, wonach das Ringeln unserer Specht aus der Evolution heraus zu erklären ist, wäre dies ein Beispiel dafür, dass es „leichter ist, eine neue Wahrheit zu entdecken, als sie zur allgemeinen Anerkennung zu bringen“ (J.B.LAMARCK).

 

„Methodisch korrekte quantitative Analysen“?

Mit Blick auf meine Rangliste geringelter Baumarten bemängelt WINKLER das Fehlen einer „methodisch korrekt (generierten) quantitativen Analyse“. Ist er sich dessen überhaupt bewußt, wie es um die verfügbaren Aussagen und Daten zu dieser Fragestellung in der Literatur und um deren Zustandekommen bestellt ist? Offensichlich nicht. Eine quantitative Analyse der realen Gegebenheiten ist, wie schon im Buch dargelegt (S. 256), allenfalls für ein eng begrenztes Areal möglich, wie sie beispielsweise bei den Untersuchungen zum sog. >Eichenkrebs< in Frankreich und in Deutschland (A 2.6.1) zu dieser aufs Engste mit der Spechtringelung zusammenhängenden T-Krankheit vorlagen. In beiden Fällen standen jeweils Tausende junger geringelter Eichen auf einem ha, während man andernorts unter analogen Bestandesgegebenheiten keine Beringelungen findet. Ergebnisse solcher numerischer Erfassungen einer örtlichen Situation, beispielsweise in einem Forstrevier oder in einem Einzelbestand, sind äußerst rar (A 9; A 12, GATTER 1972, MIECH 1986). Hieraus einige Passagen: Die vorliegenden Angaben sind „ein Sammelsurium …. gutächtlicher Ansichten“ (S.375), „ höchst selten … Daten .., die einen numerischen Vergleich hinsichtlich der Attraktivität verschiedener Gehölze erlauben…“ (S.263), „fast immer Einschätzungen ohne numerisch fundierte Erhebungen“ (S. 380); dazu die „Schwierigkeit der „Bemessung“ (S.256): Ist ein Baum mit nur einem oder wenig Ringeln gleichwertig einem dicht mit Narben übersäten Objekt und v.a.m.? Die „kaleidoskopartige Vielfalt … der Einschätzungen“ erlauben „keine allgemeingültige Aussage zur Häufigkeit“ (S.381). Wie ich in Kap.A 12 des Langen und des Breiten darlege, sind die verfügbaren Angaben, wenn überhaupt, meist gutächtliche Häufigkeitseinschätzungen geringelter Objekte einer Gehölzart, ausnahmsweise im Vergleich mit anderen Gehölzen (MIECH 1986). Manche „größeren Örtlichkeiten bis hin zu Landstrichen sind frei von Ringelbäumen“, während andernorts „eine bisher nicht vermutete Dimension der Ringeltätigkeit“ vorliegt (Buch S. 371-381). Dabei würde die Forderung von WINKLER eine großräumige, ja flächendeckend gebietsweit einheitliche Erfassung, die es nie geben kann, voraussetzen.

Zur Veranschaulichung hierzu einige wenige Beispiele aus den mir verfügbaren Angaben und eigenen Befunden zu den örtlichen Gegebenheiten: ● So schreibt ein Autor, der bis dahin das Ringeln der Spechte überhaupt nicht kannte, daß „Ahorne … wegen des hohen Zuckergehaltes besonders beliebt“ seien (ohne Beleg; PFISTER et al. 2006); für einen Vergleich mit anderen Baumarten fehlte ihm ohnehin die nötige Baumartenpalette. Zwar kenne ich eine Mehr- bis Vielzahl geringelter Ahorne. Aber vor dem geistigen Auge stehen mir Tausende, ja Abertausende nicht geringelter Ahorne (Berg-, Spitz- und Feldahorn) an vielen Orten, landauf-landab, ob hier im Enztal, in den hiesigen Gäulandschaften (Hecken-, Stroh-, Zaber- und Korngäu, Kraichgau), im Neckarland, am Schönbuch-Rand, ob im Umfeld von Hamburg, in der Holstein’schen Schweiz und zuletzt auch im Bergwald (bspw. des Werdenfelser Landes). Selbst der Zuckerahorn, beispielsweise in Botanischen Gärten, ist nicht öfter geringelt als die weniger Zucker-haltigen sonstigen Acer-Species (S. 238). ● Ein anderer Autor schreibt die Rolle der Roteiche, die nach Meinung mehrerer kritischer Kenner der Materie, hierzulande die am meisten angenommene Baumart ist, schlichtweg ihrer Natur als „Fremdländer“ zu (REISCH 1974; analog betr. Hackschäden bei GÖHRE 1952), ohne daß ein Vergleich mit anderen eingebürgerten Baumarten oder regelrechten Exoten zugrunde liegt. Dabei sind fremde Gehölze grundsätzlich weder mehr noch weniger angenommen als einheimische. Bei überaus vielen anderen Angaben über Präferenzen handelt es sich unter numerischen Gesichtspunkten um aus der Luft gegriffene und zugleich völlig irrtümliche Meinungen so wie beispielsweise die Nennung blutender Linden, Eschen oder gar von Nadelbäumen usw., die es weder gibt noch geben kann. Hierzu einige konkrete Angaben ● Im Park des Klosters Melk in der Wachau ist keine der vielen Linden geringelt, dagegen im Schlosspark von Schönbrunn nahezu jede. Die unzählig vielen von mir angetroffenen nicht geringelten Linden in Wald-+Stadt-+Feldlage, die unter Berücksichtigung großer Lindenwälder landesweit in die Tausende gehen, erlauben mir die Einschätzung, daß diese Baumart keineswegs die >am häufigsten geringelte Baumart< (WIMMER et al. 2010) ist. Fündig wird man sehr viel eher an Ulmen und noch viel häufiger an Eichen. ● In einer der besten Dokumentationen überhaupt, einer 14 Jahre lang quantitativ erfassten Situation bei Berlin-Spandau auf 25 ha mit etwa drei Tausend registrierten Ringelbäumen, darunter zu 100 % bearbeitete Ahorne (Eichen hier in etwas geringerem Grad), wird die dortige Situation als „Berliner Verhältnisse“ bezeichnet (MIECH 1986); dabei ist nach meinen Befunden die Lage wenige km entfernt in vergleichbar stark diversifizierten Parkanlagen (Schloß Charlottenburg sowie im Berliner Tiergarten) völlig konträr (im Buch dargestellt!). ● MIECH fand in seinem Kontrollgebiet nur 2 beringelte Kiefern; RUGE (1973) gibt für ganz Baden-Württemberg, man höre und staune, 4 Funde an. Allein im Rottenburger Stadtwald sind mir etwa 20 bekannt, und vor 100 Jahren sah sich BODEN (1876, 1879a) in seinem Gemeindewald Arloff in der Voreifel bei Euskirchen mit „Hunderten Ringelkiefern“ konfrontiert. ● GATTER (1972), ein Forstmann mit mehr als nur revierweitem Überblick, ergänzt seine numerische Angabe von 260 bearbeiteten Spitzahornen an einem Ort mit der Bemerkung, daß diese Baumart „selten geringelt“ werde; die Favoriten in seinem Forstrevier am Albtrauf seien zum einen die Bergulmen und mehr noch die Eichen.

Wie auch anderswo findet man in Beständen mit potentiellen Ringelbaumarten oft auf km-langen >Wegstrecken< keine Spur, dann – hoppla – doch einen Ringelbaum, der einem selbst wenigstens beweist, daß das Ringeln auch an dieser Örtlichkeit vorkommt; andernorts sind es, wie gesagt, mitunter mehr als Tausend geringelte Eichen (junge Bäume) auf einem ha, ohne daß dort ein Vergleich mit anderen Gehölzen möglich wäre.

Eine von mir auf kurzer Strecke probeweise unternommene Linientaxation lieferte auf 2 parallel verlaufenden >Transektlinien< völlig uneinheitliche Ergebnisse, kam doch hier eine Mehrzahl, auf Steinwurfweite daneben keine Beringelung vor. Dazu Fragen über Fragen! Hat ein Baum mit einer Hiebsreihe bis wenigen Ringelsystemen den gleichen Stellenwert wie ein Stamm mit Aberhunderten von Einschlägen? Wie lässt sich die Situation bei älteren oder gar alten Bäumen ernstlich sicher beurteilen; an Alteichen konnte ich in den von mir kontrollierten Fällen den Tatbestand Ringelung erst an den gefällten Bäumen in ihrem Kronenraum feststellen (Buch- Foto 145N 1-8). Heterogener geht es nicht !!

Fazit: Wie soll aus derartigen überwiegend >beliebigen< Angaben und einem Potpourri hypothetischer Wertungen das von WINKLER vermißte quantitative Resultat abgeleitet werden? Solcherlei Angaben ließen sich nur für kleine Areale mit einer zugleich größeren Gehölzpalette, also fallweise „generieren“, womit dem Anspruch einer hinreichend gültigen allgemeinen Beurteilung nicht Rechnung getragen würde. Numerische Werte im Sinn der von WINKLER gewünschten Rechengrößen würden Genauigkeit vortäuschen, dies im Entferntesten nicht gibt. Und überhaupt: Qui bono eine rechnerische Größe, wo doch der Einzelfall so völlig abweichend sein kann?

 

Wissenschaftliche Untersuchungen?

Abschließend sei noch eine Anmerkung zu der von WINKLER und auch von WEISS angemahnten Notwendigkeit weiterführender wissenschaftlicher Untersuchungen erlaubt. Was soll, was kann man sich darunter vorstellen? Ich frage mich, wie WINKLER derlei anzustellen gedenkt. BEZZEL hat durchaus damit recht, daß ich über die „Möglichkeiten … wissenschaftlich-experimenteller Untersuchungen … und die Möglichkeiten der Bearbeitung derartiger Fragen mit Hightech-Feldarbeit nicht informiert“ bin. Dies ist die eine Seite; ich wage zu behaupten, daß für Feldversuche kaum einmal geeignete Voraussetzungen vorliegen. Zum einen sind die relativ kurzlebigen Spechte unter Freilandbedingungen mit Blick auf das Ringeln keiner kontrollierbaren Manipulation zugänglich, zum andern sind die von den Spechten ausgewählten Ringelungsobjekte nur in Ausnahmefällen im Voraus bekannt (s.u. Teil III). Zum Zugriff auf ringelnde Spechte konstatiere ich aus der Sicht und Breite meiner eigenen Befunde aus 3 Jahrzehnten: insgesamt betrachtet stößt man in einem Wald eher auf einen geringelten Baum als auf Lebenszeichen eines Großen Buntspechts und vollends gar auf einen ringelnden Vogel (beim DrZSp ist die Chance größer). Ein Fall wie die von mir mehr als ein Jahrzehnt lang kontrollierte Hopfenbuche Ostrya carpinifolia (Buch-Foto 38), bei der alljährlich während der Blutungszeit mit dem Auftreten eines Vogels gerechnet werden konnte, ist einer der seltenen Glücksfälle. In Volieren ließ sich bisher lediglich der eine oder andere Befund zur Nahrungsfindung im Holz ermitteln (v.BERLEPSCH 1929) und im Zusammenhang mit Hackuntaten der Widerstand von unterschiedlichen Materialen prüfen (HAVELKA 1997). Welcher Natur könnten Versuche überhaupt sein und was kann man sich von ihnen versprechen, dies im Bewußtsein folgender Worte aus GOEHTES FAUST (Teil 1): „Geheimnisvoll am lichten Tag, läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben. Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag, das zwingt du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben“

Nach wie vor dürfte man in erster Linie wie bisher auf Feldbeobachtungen angewiesen sein. Allein schon die Art des Zustandekommens des rätselhaften Wundtyps IV (von der äußeren Rinde entblößte Ringelstellen) sind eine Herausforderung.

Die mir jüngst zugegangene Publikation aus Finnland (s. Teil VII = Anhang, gewissermaßen eine neue Fundstelle), die in Bezug auf den Phloemsaft viele Lücken zu den dort abgehandelten Konstellationen aufweist (siehe meinen Kommentar), lenkt meinen Blick auf folgende wünschenswerte Erhebung: eine genaue Prüfung von frischen Ringelungshieben an Nichtbluter-Baumarten auf ihren Inhalt, zumal in Fällen, wo äußerlich kein frischer Phloemsaft oder eindeutige Rückstände davon sichtbar sind, dies im Bewußtsein, daß die Ringelwunden klein sind (Größenordnung nur im mm – bis ½-¾ cm-Bereich!!). Dafür geeignete Möglichkeiten dürften sich am ehesten beim Dreizehenspecht bieten, weil er ziemlich Beobachteter-tolerant ist und oft recht bodennah ringelt (s.Table 1).

Der springende Punkt für die richtige Interpretation der Spechtringelung könnte durchaus die geringe Menge des den Spechten zum Verzehr verfügbaren Phloemsaftes sein, wie dies von GIBBS (1983) und neuerlich von J.WEISS in seiner Rezension angesprochen wurde (s.o.). Derartige Kontrollen würden in den Rahmen der von U.N.Glutz v.Blotzheim (1980) geforderten Überprüfung der energetischen Bilanz der Spechtringelung gehören.

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