Klaus Dengler | E-Mail: klaus@denglernet.de | Telefon: +49 (0)7142 966 9550

zu Aspekt (1): Die Wundtypen

Print Friendly, PDF & Email

Die Grundformen der Ringelungswunden in ihrer Vielfalt sowie ihre Vernarbung.

Während ehedem in der Literatur meist völlig undifferenziert nur von Löchern (holes / punctures / troues) die Rede ist und war, gibt es  –   mindestens 5 grundverschiedene orginäre Formen von Ringelwunden, sei es am Stamm oder an Ästen, die ich als WUNDTYPEN I – V (WT)  bezeichne. Sie wurden bisher noch nie beschrieben. Im Einzelnen fallen sie nicht unbedingt >lupenrein< aus, sind also bis zu einem gewissen Grad variabel:

WT (I): einfache schlitzchenförmige Kerben durch einzelne mehr oder weniger vertikal ausgerichtete Schnabeleinschläge (incisions / incisions), sog. Vertikalhiebe, aber manchmal auch aus einer entsprechenden Kopfhaltung heraus als schräge bis waagerechte Einschläge = sog. Horizontalhiebe , wie dies die nachfolgenden Fotos zeigen, mitunter in aufgereihter Abfolge (letzteres im Buch eindrücklich illustriert mit Hilfe von Pausbildern (Buch S.283 ff: Abb.1 A-H). Auf die letzteren wurde nur in der Zeit vor und um die Jahrhundertwende hingewiesen (BODEN 1876, 1879a; LOOS 1893, 1931); dabei geben gerade sie besonderen Anlaß zu Überlegungen zu ihrer Realisierung sowie über ihren Sinn.

 

Bei diesem WT I handelt es sich um die häufigste Form der Ringelwunden, um die Kardinalform. Diese Hiebsschlitzchen, auch als Schnabel-Einstiche bezeichnet, sind im Einklang mit der Größe der schwach meißelförmig ausgeformten Schnabelspitze im originären Zustand sehr klein und ziemlich unscheinbar. Zu ihrer Größe gab es bisher nur spärlichste Angaben, wohl schon deshalb, weil man Ringelungen vom WT I im frischen Zustand (also vor ihrer Vernarbung) kaum einmal zu Gesicht bekommt, so wenig wie einen ringelnden Specht und man in einem solchen Fall dessen Ringelstelle nicht in entsprechender Nähe vor Augen hat, sondern sich diese irgendwo im Stamm-oder Kronenraum befindet. Nach meinen Messungen sind die besagten Einstiche beim Großen Buntspecht, unserem Ringelspecht Nr.1, (1,5) 2 – 2,5 (3) mm lang (Buch Fotos 1, 2, 90) und etwa ½ mm breit, bei elastischer Rinde wie beispielsweise an der Vogelkirsche noch schmäler (Buch-Fotos 70b,c). Beim Schwarzspecht wurde früher meist eine Länge von 3 – 4 mm unterstellt bzw. gemessen (Näh. im Buch A 2.2.2 / Abb.1B).

Manchmal ist die eine oder andere frische Hiebskerbe nicht gleichförmig geradlinig, sondern partiell etwas ausgebeult und – v.a. an ihrem oberen Ende – ausgerundet, als hätte der Specht seinen Schnabel beim Abziehen gedreht (Buch-Fotos 2, 123, 151, 84; Abb.18). Nicht enträtselbar war für mich der eine oder andere Fall, wo zwei in ihrer Größe stark differierende Einstiche in einem >Schadbild< beisammen vorkamen (Buch Foto 189b, sowie, extrem stark, bei 84b). Man beachte die Angaben zum Mittelspecht (s.u.).

An Nadelbäumen fand ich den WT I nur an Kiefern in deren Spiegelrinde-Bereich (Buch Foto 186 h,i, 189a,b); bei dem im Bild gezeigten Fall sind den Vertikal- und Horizontalhieben einige dicht-punktförmige Einstichreihen unbekannten Ursprungs beigemischt. (Analoges zeigt Foto 84a/b von einer Salweide, welches gar den Verdacht einer Ringelung durch den Kleinspecht, nicht nur des Mittelspechts, aufkommen läßt, der bisher als Ringelspecht nicht bekannt ist). An Fichten, an denen sich mir kaum eine Gelegenheit zur Beurteilung bot, konnte ich WT I-artige Ringelwunden nie finden. Ob der Dreizehenspecht am Nadelholz diesen Wundtyp überhaupt ausführt, ist mir mangels eigener Anschaung und unzulänglichem Bildmaterial wegen persönlich nicht bekannt. Nach Maßgabe von Foto 197, 200c,d + 201 sind es beim Dreizehenspecht wie Gr. Buntspecht Ringelungswunden nach Art von WT III (s.u.), also ziemlich runde Löcher von etwa 3-4 mm Durchmesser und wohl ½ (1) cm Tiefe.

WT (II): >fransige< Löcher durch mehrere (2 – 3 oder 4) ziemlich gezielt an jeweils einer Stelle  dicht beieinander platzierte Hiebswunden.

 

WT (III): zylindrisch >gestanzte< runde Löcher (Buch-Fotos  23, 24, 60, 110). Über die Art ihrer Herstellung ist im Detail nichts bekannt. Auf ihrem Grund, d.h. auf dem Xylem seien Abdrücke der Schnabelschneide zu sehen.

WT (IV): als sehr seltene Form daumennagel- bis kleinstfingergroße von der äußeren Rinde entblößte Stellen, auf denen der Vogel mehr oder weniger gleichmäßig ≥(2) – 4(5) Kerben oder lochförmige Wunden platziert (Buch-Fotos 2b, 105a, 106j, 110,121-125,131,132) aus punktgenau angebrachten Einschlägen; manchmal sieht es danach aus, als habe der Vogel seinen Schnabel bei der Herstellung gedreht. Man beachte auch Abb.10 (S.294) von einer Tanne (ALTUM 1880).

 
 

Zu der Herstellung vom WT IV gibt es bisher ebenfalls keine genauen Vorstellungen, lediglich Anhaltspunkte dank einer Beobachtung von BRUCKLACHER (1994; Näh. in Kap. A1.2 / S.46 + A 2.2.2 / S.76); diese Form bedarf also noch besonderer Aufmerksamkeit.

Dieser WT IV – steht dem sog. Abschuppen äußerer Borketeile in jener Form nahe, die im Buch als „Vorarbeit zur Ringelung“ bezeichnet ist, bei der es „Schwierigkeiten …. mit der Abgrenzung … gebe“ (Buch S.550; Buch-Foto 132 von einer Flaumeiche, 199+200c,d an Fichte).

WT (V): ab- = ausgespaltene Wunden mit einem ¼ bis max. 2cm langen Rindenspan als Folge mehr oder weniger tangential geführter Schnabelhiebe, besonders oft an Birken.

Zur Herstellung der Ringelwunden bedarf es also noch detaillierter Beobachtungen, speziell zum Wundtyp III und noch viel mehr zum WT IV.

An bereits stärker verborkten Objekten platziert der Vogel seine Ringelwunden teils (v.a. bei Kiefern), meist bei älteren Linden (Buch-Fotos 106e,h,110a,b,117) und offensichtlich ausnahmslos bei Robinien (Buch-Fotos 66-69in Rindenfurchen / Borkeritzen, bei den letzteren sogar schon an jungen Stämmen noch vor der Verborkung; Analoges scheint auch für Bergulmen zuzutreffen. Die hiermit beschriebene Realität zeigt zugleich, daß alle Ringelungshiebe  —  sie seien kerben- oder lochförmig —  optisch gezielt angebracht werden (Näheres s. bei Aspekt 6).

 

Die Ausformung und damit das Erscheinungsbild all dieser orginären Ringelwunden (v.a. bei I + II) ist stark abhängig von der Beschaffenheit der Rinde (Borke) des Baumes bzw. Baumteils, ist also an einer Vogelkirsche (Buch-Foto 70b+c) mit ihrer elastischen Rinde etwas anders als bspw. an einer Buche (spröd). Wie schon gesagt, sind die frischen Ringelungswunden im Allgemeinen ziemlich klein und mitunter unscheinbar, zumal beim Wundtyp I. Sodann nimmt die Vernarbung (s.u.) einen entscheidenden Einfluß auf das Erscheinungsbild als >Denkmal< einer zurückliegenden Beringelung, die in ihrer Gesamtansicht natürlich auch noch von der Anzahl bzw. der üblichen Mehr- bis Vielzahl der Einzelwunden und ihrer Anordnung, seien es einzelne Hiebsreihen oder Ringel aus mehreren Hiebsreihen, abhängt. Einzelwunden sind extrem selten.

Die vorigen Angaben treffen für den Großen Buntspecht (>Ringelspecht Nr.1<) und wohl weitgehend auch für den Dreizehenspecht zu. Zu den Ringelspechten gehört auf Grund der e.o.a. authentischen Beobachtung (Buch S.175) auch der  

Mittelspecht

Verschiedentlich hat man beobachtet, daß der Mittelspecht Blutungssaft von Bluterbäumen auch an nicht selbst hergestellten Ringelstellen konsumiert bzw. solche aktiv sucht (eigene Beobachtung). Die von ihm selbst hergestellten Ringelungswunden sind bisher nirgends genau beschrieben. Da er nach NAUMANN (1824) und HEINROTH (1936) den am meisten zugespitzten Schnabel aufweist (Buch S. 179), ist davon auszugehen, daß sich seine Ringelwunden von denen des Gr.Buntspechts grundsätzlich unterscheiden, v.a. bei der Kardinalform, dem Wundtyp I. Daher verdient sein >Schadbild< besondere Aufmerksamkeit und eigens eine spezielle Dokumentation. Ob die Buch-Fotos 84a-c damit zu tun haben, ist rein spekulativ. Die erst jüngst von mir am >Naturparcours< von Ergenzingen bei Rottenburg (in Feld- / Wiesen-, Steuobstbaumlage) an mehreren Ulmen registrierten >Schadbilder<, dem Anschein nach mehr oder weniger punktförmige Wunden gehen in diese Richtung. Enfernt ähnliche Bilder kommen aber auch an Nadelbäumen, an denen der Mittelspecht als Verursacher ausscheidet, vor (Buch-Foto 189b).

Wichtige aktuelle Ergänzung (aus zeitlichen Gründen ist diese nicht im originalen Textband): Sieht man von einigen oberflächlichen und z.T. falschen Angaben zur Spechtringelung allgemein in dem erst jüngst erschienenen Buch „Spuren und Zeichen …“ von H.H. BERGMANN et al. (2016, Seite 150ff), ab, die zurecht–zu-rücken hier nicht der Ort ist, sind die Angaben zum Aussehen von Ringelwunden des beim Ringeln beobachteten Mittelspechts kurz anzusprechen. Das hierzu auf Seite 173 gezeigte Foto „an einem Obstbaum (sic!) in einer rheinischen Streuobstwiese“ zeigt zwar die vermutete Form der Ringelwunden als runde Löcher, gewissermaßen vom Wundtyp II = >gestanzte Löcher<. Es fehlt jedoch leider jegliche Größenangabe bzw. Maßstab zum Bildobjekt. Nichts zu besagen hat hierbei die Rede von einem „schwachen Schnabel“ bzw. einer „geringeren Schnabelgröße“; die >Spitze< wäre es. So hängt auch die Angabe, daß „mit einigem Aufwand — Vermessen einer größeren Zahl von Ringellöchern — … es möglich sein sollte, die vom Mittelspecht stammenden Löcher … von denen des Buntspechts zu unterscheiden“ (notwendigerweise im Vergleich zum Wundtyp II)  völlig in der Luft. Insofern trifft die Aussage zu, daß derzeitig nach dem „Lochmuster … keine endgültige Unterscheidung zwischen Buntspecht und Mittelspecht“ möglich sei.

Das von BERGMANN authentisch beobachtete Saftlecken des Mittelspechts an einem Bergahorn deckt sich mit SIELMANN (vergleiche hierzu Buch S. 193). Wenn er mit dem von ihm erwähnten „neueren Werk über das Ringeln der Spechte“ mein Buch meinen sollte, insofern es darin heiße, daß das Ringeln „nichts mit dem Nahrungserwerb zu tun habe“, und zwar mit dem „Argument, daß der Spechtschnabel …. für das Trinken nicht geeignet sei“, dann zeigt dies nur, daß BERGMANNN weder meine Darstellung des derzeitigen Kenntnisstandes zum Trinken bzw. Lecken mit der Zunge (Buch S. 188ff), noch meine Widerlegung der Saftgenuß-Theorie ernsthaft studiert haben kann, und daß diese Aussage zum Trinken keineswegs der Kernpunkt meiner Widerlegung ist. Für ihn ist die bisherige Deutung des Ringelns zwecks „Gewinnen von Baumsaft und anfliegender Insekten … nach wie vor schlüssig und überzeugend ….eine anderere schlüssige Hypothese außer der Nahrungsaufnahme gibt es ((für ihn)) nicht“, punktum! Es fehlt eben auch hierbei eine kritische Würdigung aller Fakten, vor allem der baumbiologischen Grundgegebenheiten (s.u. Ziffer 3 und 10 bzw. Kap. A 14.2).

Verschiedentlich hat man beobachtet, daß der Mittelspecht Blutungssaft von Bluterbäumen auch an nicht selbst hergestellten Ringelstellen konsumiert bzw. solche aktiv sucht (eigene Beobachtung.

Die Vernarbung der Ringelungswunden

Da die Vernarbung der Ringelwunden wesentlich zum Erscheinungsbild beiträgt, bisher jedoch mit Ausnahme der manchmal an Kiefern damit erklärten Wülste (sog. Wanzenbäume Kap. A 2.4; s.u.) nirgends näher beschrieben wird (anders als in Nordamerika), rücke ich diesen diskussionsbedürftigen Sachverhalt hier ein.

Erwähnung verdienen zunächst anfänglich kleine Veränderungen an den Ringelwunden: 

Die Vertikalhiebe vom Wundtyp I, also die schlitzchenförmigen Kerben, völlig unabhängig von ihrer Entstehung (nämlich analog bei einem Messerstich) weiten sich infolge der in der Rinde herrschenden Wachstumsspannung in der Kerbenmitte etwas aus und verlängern sich dadurch auch manchmal noch ein wenig nach oben und unten, erscheinen damit länger als sie ursprünglich sind.

Horizontalwunden (analog bei An- / Einbissen vom Siebenschläfer: s. Buch-Foto 294) hingegen reißen meist nach oben oder unten, manchmal auch beidseitig etwas ein, wodurch mitunter der Eindruck entsteht, als wären diese Hiebsstellen durch kreuzweise Hiebe entstanden (Buch-Fotos 1,152, 298).

Die zum äußerlichen Erscheinungsbild führende weitere Vernarbung verläuft ansonsten beim Wundtyp I je nach Baumart in 2 unterschiedliche Richtungen (Buch-Abb. 2–1 + 2–5), dem Prinzip nach wie folgt:

→ Entweder entwickelt sich an jeder Hiebsstelle infolge einer angeregten Wundreaktion eine linsen- bis erbsengroße entfernt kreisförmige Erhebung. Diese grob pustel- oder warzenörmigen Bildungen mit zugleich rauhem grabenförmigen (erhabenen) Rand verflachen im Laufe des Dickenwachstum des Baumes unter einer Vergrößerung, zumal ihrer Breite, um sich schlußendlich zu >verlieren< (= unscheinbar werden), besonders schnell bei borkebildenden Gehölzen.

→ Oder es kommt bei jüngerer Rinde infolge einer Einschränkung des Wachstums an der Wundstelle zu einer jeweils leicht näpfchenförmigen Vertiefung (weil das Rindenwachstum dort zurückbleibt); diese >Senken< (>Dellen<) in der Rinde weiten sich im Zuge des Dickenwachstums horizontal zu einer flach eingesenkten Rinne aus, besonders auffällig bei glattrindigen Baumarten (bspw. der Hainbuche Buch-Foto 46, 48; Roßkastanie Buch-Foto 73). 

Hiebslöcher in toter Borke, so bspw. an Kiefern, bei der Hopfenbuche und manchmal auch in Borkeleisten von Linden (ansonsten in den Rindenfurchen) sind keinem weiteren äußeren Wachstum unterworfen, bleiben verständlicherweise unverändert.

 

 

 

Eine seltene Besonderheit an Kiefern sind die für die sog. Wanzenbäume typischen  Wülste als Folge jahrelang intensiver Bearbeitung gewisser Zonen im Bereich der Spiegelrinde , eine v.a. im  Gebirgswäldern vorkommende Besonderheit (Foto aus Kärnten / Österreich von Forstdir. Dr. Elmar Klein). An deren etwas stärker verborkten tieferen Baumzonen (meist im mittleren Stammbereich) kommen rinnenförmige Bildungen zustande (im französischen sog. stries / Buch-Foto 184e, 186d,e; Buch-Abb. 11+ 15).

<< Zur vorherigen Seite ǀ Zur nächsten Seite >>