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zu Aspekt (8): Die kambiophagen Wundbesiedler

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Fundamental neue Erkenntnisse gingen mit der Klärung der Ursache vom sog. Eichenkrebs an hiesigen Quercus-Arten (nicht an der Roteiche Qu. rubra! Näh. bei  DENGLER 2004), die man fälschlicherweise als eine bis dahin nicht bekannte Erscheinung bezeichnete, resp. der sog. T-Krankheit bei Laubbäumen einher (Näh. in Kap. A 2.6). Die Ursache für dieses Krankheitsbild war bis in jüngere Zeit rätselhaft. Meinen jahrelangen Untersuchungen zufolge ist hierfür i.W. der Befall von Ringelungswunden durch kambiophage Kleininsekten, deren Larven sich im kambialen Gewebe entwickeln, verantwortlich, i.e.L. die etwa 2,5 mm große Gallmücke Resseliella quercivora (Buch-Fotos bei DENGLER 2004, Foto 2+3 zeigt rasterelektronische Aufnahmen vom Fühler des Männchens und des Weibchens), vergleichsweise selten auch die etwa 5-6 mm große Nacktfliegen-Art Chyliza leptogaster (DENGLER 1997a / Lit. Verzeichnis Buch), die beide ziemlich polyphag an Laubbäumen vorkommen. Die Verursacherrolle einer Gallmücke wurde schon vor fast 150 Jahren erkannt (BODEN 1879), was jedoch bald der Vergessenheit anheim fiel. Erst in jüngerer Zeit geriet dieses für die pathologischen Schadbilder hauptverantwortliche Insekt, dessen Erstbeschreibung 1965 ein Fund im Kaukasus zugrunde liegt, im Zusammenhang mit der Erforschung vom Eichenkrebs erneut ins Blickfeld; sowohl in England (GIBBS 1982), als auch in Deutschland (DENGLER 2004) sowie in Frankreich (MATHIEU et al 1994,1998). Das Schadbild fand ich auch an einem Ort in Spanien / Katalanien (Buch-Foto 136), dagegen nicht in Portugal und Sizilien, dies möglicherweise nur als Folge unzureichender Kontrollen, landesweit betrachtet. Auch hierzulande gibt es Örtlichkeiten bis hin zu größeren Gebieten mit Ringelungen an Nichtbluter-Gehölzarten ohne Indizien für Kambiophagen-Befall. In solchen Fällen ist davon auszugehen, dass in jenen Arealen diese Insekten (noch) nicht beheimatet sind.

    

Notiz: Es ist der Erwähnung wert, daß bei den in diesem Zusammenhang sowohl in Deutschland als auch in Frankreich (JACQUIOT 1960; MATTHIEU 1994) angestellten Untersuchungen zunächst die Rolle der Ringelungshiebe gar nicht erkannt bzw. für möglich gehalten wurde; man habe den Specht nicht beim Ringeln beobachtet und die Vielzahl der Ringelwunden sei doch schwerlich anders als durch Spechtinvasionen, die genauso wenig dokumentiert seien (ZOHT1989) erklärlich), beides Ausdruck dafür, wie wenig bisher das Erscheinungsbild und die Wesenheit von Ringelungen der Spechte in der Forstspraxis und unter Biologen (zumal Ornithologen) bekannt war und auch jetzt noch ist.

An Laubbäumen sind mehr oder weniger frische Ringelungswunden in jedweder Höhe (von der Basis bis in die Kronen) ein besonders günstiges Bruthabitat dieser Insekten, v.a. für die nur etwa 2,5 mm große dämmerungs-nachtaktive Gallmücke; die etwa 5-6mm große tagaktive Nacktfliege ist von vergleichsweise geringer Bedeutung. Bei dieser Konstellation handelt es sich um eine sog. Metabiose. Die beiden Insekten-Arten, besonders die Gallmücke, sind geradezu auf Ringelungshiebe hin organisiert. Denn ihre Biologie ist hochgradig auf die zufällige Verfügbarkeit von mehr oder weniger frischen befallsgeeigneten Wundstellen (zumindest bis in den Bast) hin abgestimmt. Dazu gehören u.a. auch folgende Tatbestände: sowohl die Entwicklungszeit der Larven als auch die Generationsdauer, nämlich unter Einbeziehung der Verpuppungszeit, schwankt in einem ungeheuerlich breiten Zeitrahmen, von wenigen Wochen bis weit über 1½ Jahre (Näheres bei DENGLER 2004). Dadurch streut das Vorkommen befallsbereiter Weibchen über die gesamte Schwärm- bzw. Hauptberingelungszeit an Nichtbluter-Laubbäumen, also während der Vegetationsphase.

Der Befall führt zu Nekrosen im Bast, deren Größe von der Anzahl der Larven abhängt. So gut wie immer werden deren Brutkavernen zusätzlich von unterschiedlichen Mikropilzen, die zunächst als Verursacher des Schadbildes angesehen wurden, besiedelt; diesem Sachverhalt ging man v.a. in Frankreich (JACQUIOT 1960, MATTHIEU et al 1994,1998) sowie in England (GIBBS 1982) nach; vermutlich trägt dieser Pilzbefall zu der schwarzbrauner Färbung der Nekrosen bei. Diese gehen nie mit einer Holzfäule einher.

 

Die nekrosebedingten Folgeschäden sind die eingangs genannten Schadbilder, die mehr oder weniger weit über die besagten Punktkrebse hinausgehen; in Extremfällen haben sie bis zu handflächengroße äußerliche Rindenschäden zur Folge entsprechend unterschiedlich sind die Schadstellen im Holz.

Diese beeinträchtigen manchmal dessen Nutzwert; doch so gut wie nie haben sie eine tödliche Folge für den Baum bzw. Baumteile (Buch-Foto 142); auch wird der Zuwachs nicht beeinflusst. Vielmehr wird >lediglich< das äußere Erscheinungsbild der betroffenen Stämme oder Äste mehr oder weniger stark  — in Abhängigkeit von der Größe der Nekrosen — verändert, womit sich der Begriff Krebs erklärt; die Bezeichnung T-Krankheit geht auf das Erscheinungsbild der durch Überwallung der Nekrosen erzeugten Schadbilder in ihrer Querschnitt-Ansicht im Holz in Form einer T-förmigen Narbe zurück: der Stiel vom >T< über der Nekrose ist die Naht, die sich beim Aufeinandertreffen der Überwallungswülste von den Seiten her bildet; denn infolge ihrer Epidermis können diese zunächst und fallweise lange Zeit nicht miteinander verwachsen (Buch-Abb. 2-3 und 25).

Weil beide Insektenarten wie gesagt nur während der Vegetationszeit schwärmen, hierzulande etwa ab Anfang / Mitte Mai bis etwa Ende August / Anfang September, ist das Vorkommen der Schadbilder (äußerlich wie im Holz) jeweils ein Indiz für den Zeitraum der Beringelung. Und die Tatsache, daß das Krankheitsbild nach meinen Befunden nur an Nichtblutern vorkommt, ist  – über die direkten Befunde zum Stellenwert der einzelnen Baumarten hinaus –   ein wichtiger Hinweise auf die Rolle der Nichtbluter als Ringelungsobjekte im Vergleich zu den Blutern. Zudem beruht auf dem Eichenkrebs-Vorkommen, das in die Tausende von Bäumen auf relativ kleinen Arealen gehen kann, u.a. auch die Einstufung der Eichen als bevorzugte Ringelbaum-Taxa.

 

 

 

Daß der Große Buntspecht manchmal größere Brutstellen der Gallmücke ausraubt (Buch-Foto 143-145), gehört mit Blick auf die Speisekammer-Hypothese (A 15.1) in den Zusammenhang der Deutung des Ringelns.

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