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zu Aspekt (5): Die gezielt visuelle Platzierung der Ringelwunden

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Nach Maßgabe der nachfolgend aufgelisteten Befunde und Gegebenheiten, die bisher nie bemerkt oder gar angesprochen wurden, werden sämtliche Ringelwunden nicht blind mechanisch gesetzt, sondern unter visueller Orientierung, also ausnahmslos optisch gezielt platziert, dies ungeachtet des regelmäßig schnellen Ablaufs von Beringelungen. Ich selbst kam erst gegen Ende der Textabfassung zu dieser Erkenntnis; daher ist dieser Gesichtspunkt leider nicht in Form eines eigenen Kapitels in das Buch eingegangen (dort versteut auf den Seiten 46, 48, 75, 297, 304, 312-314, 317, 318, 326, 361, 489, 495).

Es verdient der Erwähnung, daß sich die manchmal vorkommenden Aufreihungen (Abfolgen) mehrerer Horizontalhiebe vom Wundtyp I (s. unter Ziffer1; siehe bspw. Buch-Abb. 1 G+H), deren Entstehung mir jahrelang ein Rätsel war, sich nur durch diese optische Platzierung erklären lassen.  Ihr Zweck ist damit allerdings noch nicht gedeutet (man beachte hierzu meine Anmerkung in den Ausführungen zum Verhaltensatavismus).

Für die optische Orientierung gibt es folgende Anhaltspunkte und Befunde:

  • Zunächst schon der meist überaus gleiche metrische Abstand der Hiebspunkte, am besten sichtbar bei den >Punktmakeln< im Holz, dies jeweils in einer Hiebsreihe bzw. einem Ringel; bei einer willkürlichen Beringelung käme eine derartige gleichmäßige Verteilung nicht zustande. Dabei kann der jeweils tatsächliche Abstand der Hiebspunkte von Ringel zu Ringel höchst unterschiedlich sein; er kann bei wenigen mm liegen oder gar mehreren cm! Nicht bekannt ist, ob der Abstand eine individuelle Eigenschaft des jeweils ringelnden Vogels ist. Manchmal nimmt die Beschaffenheit der Rinde Einfluß auf den Abstand, bspw. durch Rindenrisse und Furchen (s.u.).
     
  • Die Wundtypen II (fransige Löcher), und III (>gestanzte Löcher<), die eine mehr oder weniger punktgenaue Platzierung der Hiebe voraussetzen. Der Wundtyp IV mit abgehobener Borke (Periderm), auf dem die 2-4 (5) Hiebe ziemlich gleichmäßig verteilt sind, lässt sich ebenfalls nur durch ein gezieltes Vorgehen herstellen.
  • Bei einigen Laubbaumarten mit einer im zunehmenden Alter wechselhaft dicken Beborkung werden der Hiebe gezielt in die dünnrindigen Ritzen / Fugen platziert, an den selten bearbeiteten Robinien sowie selbst an Bergulmen bereits bei jungen Bäumen trotz der zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorhandenen unterschiedlichen Dicke, sondern lediglich farblicher Differenz (sic!). An älteren Linden ist die Platzierung in den Rindenfugen die Regel, nicht hingegen an Kiefern; wenigstens werden bei ihnen die Ringelungswunden auch in dickborkige Zonen angebracht.
  • Mit Blick auf die bereits erwähnten Wülste der sog. Wanzenbäume (s.o.), die auf einer überaus engen Abfolge der Ringelungshiebe beruhen, war bereits Fr.BODEN (1879a) zu der Erkenntnis gelangt, daß vorhandene, d.h. alte Hiebspunkte nie erneut angeschlagen werden (s. nächster Abschnitt). Auch in Fällen, wo Ringelhiebe nicht in Reihe, sondern gehäuft beieinander stehen, sind sie getrennt platziert.
  • Ein besonders eindrucksvolles Dokument für eine optische Orientierung beim Ringeln sind die von mir zufällig registrierten Fälle, wo ein Teilringel ergänzt oder in ihn ein neuer Hiebspunkt oder gar mehrere neue Hiebsstellen auf Lücke eingefügt wurden (Buch-Foto 110 e+f).

In diesem Zusammenhang sind auch folgende Tatbestände beachtenswert:

  • Im Zuge der Nahrungsfindung an kranken und toten Bäumen mit Rinden-/ Holzbrüterbefall erfolgt das Ablösen- / Abspalten der Rinde oft mit bewundernswert gezielten Tangentialhieben unter Anbringung präziser Parallelschläge (Buch-Foto 274, 191b, , sowie Abb.16); analoge Bilder kommen auch bei Hackschäden vor (Buch-Foto 263, 272b, 273).
  • Eine optische Orientierung im Dasein unserer Hackspechte zeigt sich auch bei der Herstellung der sog. echten Spechtschmieden (zwecks Ausbeutung von Koniferenzapfen), nämlich bei der Zubereitung des passenden figürlichen Zuschnitts für die jeweilige Zapfenform.
  • Bei der Herstellung von Bruthöhlen werden die Hiebe den Notwendigkeiten entsprechend angebracht, was ein gelegentliches Fehlverhalten (wie im Fall Foto 269 im Buch) nicht ausschließt.

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