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zu Aspekt (6): Bearbeitung alter Wunden

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In jüngerer Zeit wurde wiederholt behauptet, daß der Vogel beim Ringeln die alten Ringelwunden erneut bearbeite. Dies ist barer Unsinn; allein schon fast jedes Bild einer üblichen Beringelung mit Narben aus unterschiedlichen (mehr als 2) Jahren widerspricht dieser Ansicht. An Klarheit fehlt es allenfalls in Fällen, bei denen die Ringelstellen bspw. mit Harz verkrustet sind (s.Buch-Fotos 186f –i). Ein Mal ist sogar von „verklebten“ alten Wunden die Rede, welche der Vogel als „Brunnenlöcher“ das ganze Jahr über bei >Bedarf< wieder öffne (DREYER 1996) bzw. würden „im Folgejahr …. auch über viele Jahre die alten Narben wieder geöffnet“ (BEZZEL 1985), was nicht nur jegliches dendrobiologisch-anatomische Verständnis betr. der Vernarbung in der Rinde und im Holz vermissen läßt; denn durch innere Verholzung sind an punktgenau gleicher Stelle die Gewebsstukturen verändert! Diese Aussagen sind schwerlich etwas anderes als Ausdruck von Gedankenlosigkeit – vor der man selbst nicht gefeit ist – oder / und wie gesagt einer fehlenden Anschauung mehrjähriger Ringelungsschadbilder!

Es ist gerade umgekehrt! Grundsätzlich meidet der Vogel ältere Ringelungswunden, frische wie vernarbte. Dies hat schon vor etwa 150 Jahren der bereits genannte akribisch-scharf beobachtende Fr.BODEN (1879a) festgestellt; fiel aber dem Vergessen anheim, wie auch seine Erkenntnisse über die Ursache vom sog. Eichenkrebs (s.u. Ziffer 7 bzw. Kap. A 2.6). Er hatte auf Grund von Analysen der an Kiefern mitunter vorkommenden Wülste (Wanzenbäume), die auf einer sehr dichten und wiederholten Beringelung bereits vorhandener Ringelstellen beruhen, festgestellt, daß selbst dort die neuen Wunden „wenige mm zwischen, über und unter“ die alten Wunden gesetzt werden. Dies deckt sich mit der von ECKSTEIN (1897) konstatierten ebenfalls analytisch ermittelten Feststellung, daß die in Folgejahren von Hieben herrührenden Farbmakel im Holz nicht von einer erneuten Bearbeitung an exakt dieser Stelle stammen: „Niemals ist der nächste jüngere Jahrgang gerade an der Überwallungsstelle dieser Wunde selbst verletzt“ (s. im Buch Abb.13). Wenn aber an genau der gleichen Stelle im Folgejahr, d.h. in sich anschließender peripherer Position, doch ein Farbfleckchen in Erscheinung treten sollte, erklärt sich dies durch folgenden, im nächsten Abschnitt (= 7) noch einmal aufgegriffenen Tatbestand: die durch die Verwundung ausgelösten Farbfehler im Holz sind in axialer Richtung stets um ein Vielfaches länger als in der Querschnittsansicht; daher treten sie dort auch dann ins Bild, wenn die Hiebswunde auf einer anderen Ebene (darüber oder darunter) angebracht wurde.

Wie am Beispiel einer älteren Linde (Buch-Foto 106 d-j) näher beschrieben ist, kann es unter bestimmten Umständen dazu kommen, daß auch die eine oder andere alte vernarbte Ringelwunde einen neuerlichen Hieb abbekommt (wohl wegen der Ähnlichkeit mit natürlichen Vertiefungen); dies traf an jenem Baum Mitte Mai 2010 und erneut Mitte Mai 2015 zu (eine zufällig bei einem Informationsbegang mit dem Tübinger Zoologen Dr.V.DORKA) vorgefundene ebenfalls nahezu frische Beringelung). Auch an einer alten Hopfenbuche mit ihrer sehr harten spröden Borke (Objekt im Buch-Foto 38; speziell Foto 38d) läßt sich von außen die Situation nicht klar durchschauen.

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