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zu Aspekt (3): Baumsäfte (Baumsaftkartegorien) und die Baumphysiologie

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Baumsäfte und Baumphysiologie (Bauumsaftkategorien)

Nach der bisher herrschenden Meinung fällt den Baumsäften eine essentielle Bedeutung für die Ernährung der Spechte zu, bedingt auch für ihre Verbreitung. Bei sämtlichen Bäumen kommen sie in zwei Kategorien vor, zum einen als Xylem- oder Holz-Saft, der mit den Zellverbänden des Xylems in Verbindung steht und zum andern als sog. Phloemsaft = Assimilatesaft (= „Lebenssaft“ / Ratzeburg 1869) im Bast. Deren Substanzwert ist grundsätzlich so verschieden, wie er unterschiedlicher kaum sein könnte.

Ersterer enthält im wesentlichen nur mineralische Stoffe, aber so gut wie keine organischen Substanzen mit Nährwert, allenfalls zu Anfang der Vegetationszeit etwas Zucker bei den sog. Bluter-Gehölzen (s.u./ zwischen 0,xx– 1,5% bei Hainbuche und Birke, bei Acer samt Zuckerahorn bis 8% / Näh. Buch-Tab.6; Eiweißgehalt nicht nennenswert). Xylemsaft ist daher entgegen manch überschwänglicher Behauptung äußerst nährstoffarm, selbst beim Zuckerahorn mit dem relativ höchsten Zucker-Gehaltswert unter den Waldbäumen. Für den Menschen ist der besagte Zuckergehalt im orginären Holzsaft nicht oder allenfalls andeutungsweise wahrnehmbar, dies entgegen der auch einmal geäußerten Behauptung, daß er „so süß wie Zucker“ sei. Diese Eigenschaft trifft indessen auf den durch die Kohlehydrat–Synthese in den Blättern / Nadeln hervorgegangenen Assimilatesaft-Phloemsaft zu, zumal im Herbst (s.u).

Beide Kategorien unterliegen unterschiedlichen für das Ringeln maßgebenden baumphysiologischen Gesetzmäßigkeiten und Grundgegebenheiten, die bisher kaum einmal beachtet (lediglich von GIBBS1983), sondern völlig übersehen wurden, obwohl sie schon seit der Mitte des 19.Jahrhunderts bekannt waren. Diese mit Blick auf das Ringeln zum Verständnis unabdingbaren elementaren Grundtatsachen sind eigens im Buch in Kap. A 8 dargelegt.

Von grundlegender Bedeutung ist im Zusammenhang mit der Spechtringelung die Unterscheidung zwischen den sog. Bluterund den NichtbluterBaumarten. Zu den ersteren, die allenfalls 5% aller einheimischen Baumarten ausmachen, zählen alle Acer-Arten, die Hainbuche sowie Birken und die Walnuß; die Buche gilt als >schlechter< Bluter. Hingegen ist die sporadisch durch Pflanzung vorkommende Hopfenbuche Ostrya carpinifolia ein starker Bluter, wie auch der Weinstock, die Rebe (Näheres  in Kap. A 8.1). Bei ihnen tritt während einer weitgehend begrenzten Zeit im Vorfrühjahr, vor dem Knospen- und Laubaustrieb (bei Acer specc. ausnahmsweise schon im Dezember) aus den üblichen Ringelungshieben, die mit Ausnahme bei Linden (einem Nichtbluter) regelmäßig bis auf oder in den Splint gehen, der besagte Xylemsaft als sog. Blutungssaft aus; bei Acer spec. mit einer diurnal schwankenden Dynamik setzt dies zusätzlich Frost voraus, zumal Nachtfrost (in Nordamerika sprechen die Zuckerahorn-Saftzapfer von >sugar-weather<), was mitunter Eiszapfen / Eisleisten an Ringelstellen mit sich bringt (Buch-Fotos 10c, 19-22). Die Blutungsstellen treten meist infolge Gärung (durch Hefepilze) nach kurzer Zeit durch weißliche, gelbliche oder auch rötliche bis orangefarbene Verfärbung auffällig in Erscheinung, doch nach meiner Beobachtung gerade nicht bei Acer (vermutlich wegen der nicht kontinuierlichen Exsudation).

Bei allen sonstigen Laubbäumen sowie sämtlichen Nadelbäumen handelt es sich um Nichtbluter.

Im Glauben an die Bedeutung der Baumsäfte als Specht-Nahrung hat man dem Blutungssaft unter z.T. völlig verstiegenen Annahmen und aus der Luft gegriffenen Vorstellungen eine essentielle Rolle beigemessen. Diese Anschauung brachte auch mit sich, daß Beobachter alias Autoren im Zusammenhang mit dem Ringelungsgeschehen (samt Erhebungen bspw. zum Ringelungszeitpunkt) lediglich Bezug auf diesen nährstoffarmen Blutungssaft nahmen und nehmen. Dessen Potential als Nahrung wird nicht dadurch erhöht, daß der Blutungssaft während der fallweise mehrere Wochen anhaltenden Blutungszeit über Ringelwunden verhältnismäßig leicht zugänglich wäre und in großer Menge zur Disposition stünde. In einem fast diametralen Gegensatz zu der legendenhaften Nahrungsrolle steht allein schon die relative Seltenheit der Beringelungen an den Bluter-Gehölzen. Entgegen der bisher herrschenden Ansicht werden die meisten Ringelungen während der Vegetationszeit an Nichtblutern verübt. (Buch-Diagramme 2a+b). Von dem regelmäßig in großer Menge (zumal an Birken und Hainbuchen) verfügbaren Blutungssaft nehmen unsere Ringelspechte offensichtlich nur kleine Quanten durch Lecken auf, ein kleiner Bruchteil der verfügbaren Menge, dies auch wegen die morphologischen Beschaffenheit ihrer Zunge, die im Unterschied zu den amerikanischen Saftleckerspechten zu einer effizienten Nutzung wenig geeignet ist.

An den Nichtblutern tritt aus Ringelwunden in dem besagtem Zeitraum allenfalls, wenn überhaupt, eine winzige Spur von dem grundsätzlich nährstoffreichen sog. Phloemsaft hervor: Zuckergehalt ≤ 20 -30% und etwas Eiweiß (Buch-Tab.7). Später im Jahr, v.a. gegen Ende der Vegetationszeit, kann es bei allen Bäumen, Bluter- wie Nichtbluter-Gehölzen, fallweise und unvorhersehbar (nämlich an entsprechenden Wunden,und unter bestimmten inneren physiologischen Zuständen) ganz kurzfristig zum Austritt von einem oder gelegentlich mehreren Tropfen dieses sodann besonders nährstoffreichen Assimilatesaftes kommen, d.h. in einer in jedem Fall sehr geringen Menge (Buch-Fotos-204-210). Dessen gezielte Erschließung würde eine bestimmte Vorgehensweise voraussetzen: die Einschnitte müssen quer (bis schräg)  zur Faser- = Gefäßrichtung stehen und dürfen nur bis in den Jung- oder Leitbast (einer nur hauchdünnen Gewebeschicht knapp über dem Kambium) gehen, nicht bis in den Splint, denn sonst werden die austretenden Phloemsaft-Tropfen umgehend vom Transpirationswasserstrom infolge Unterdruck eingesaugt (unter >Schlürfgeräusch<; Buch S.224-225; 423 / Fußnote 18). Da der Phloemsaft in den Gefäßbahnen von oben nach unten geführt wird, gibt es weiteren Saft aus den gleichen Gefäßbahnen allenfalls aus oberhalb, also nach oben abgerückt angebrachten neuen Wundstellen. Auch dieser Bedingung tragen unsere Spechte im Unterschied zu den amerikanischen Saftleckerspechten samt deren Ausstattung mit einer angepaßten (Bürsten-) Zunge mit den von ihnen speziell hergestellten Ringelwunden nicht Rechnung (Näh. in Kap. A 14.2; man beachte auch meine Besprechung der Rezension von H.WINKLER). Die Ringelungen unserer hiesigen Spechte verschaffen daher keinen systematischen Zugang zum Phloemsaft.

Unsere Hornissen, die sich gelegentlich auch für den Phloemsaft und das kambiale Gewebe interessieren (v.a. gegen den Herbst zu)  >schälen<, d.h. benagen dazu junge Triebe mancher Laubbäume, bezeichnenderweise fortschreitend auf die Triebspitze zu.  Und unsere Bilche (vorab der Siebenschläfer) kommen ebenfalls auf die ihnen eigene Weise durch überaus unterschiedliche Formen der Rindenbeschädigung an den Phloemsaft sowie auch an das Kambium (Näh. im Buch S. 573 ff).

Vordergründig betrachtet erscheint es unter dem Gesichtspunkt des höchst unterschiedlichen Substanzwertes der beiden Baumsaftkategorien naheliegend, daß Nichtblutergehölze im Vergleich zu den Blutern sehr viel stärker und vor allem weitaus häufiger beringelt werden. Diese Präferenz resultiert nicht aus einer quantitativ besonders starken Nutzung von deren Phloemsaft. Wie noch gezeigt werden wird, sind dessen Ausbeutung baumphysiologisch bedingte enge Grenzen gesetzt. Im entschiedenen Widerspruch zu der den Saftgenuß beigemessenen existenziellen Bedeutung der Baumsäfte steht allein schon das relativ seltene und örtlich nur sporadische Vorkommen von Ringelbäumen gemessen am Potenzial der für die Beringelungen infrage kommenden und gar bevorzugten Baumarten. So trifft auch die bisher als gültig erachtete Saftgenuß-Theorie hinsichtlich der dem Baumsaft bisher beigelegten ernährungsbiologischen Bedeutung nicht zu (s. u. Ziffer 10; im Buch A 14.2, des Weiteren meine Stellungsnahme zur Rezension von H.WINKLER.

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