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Teil III: Experiment

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Ein Experiment zur Spechtringelung an einer Hopfenbuche Ostrya carpinifolia im Stadtwald Rottenburg.

Obwohl aus einem von mir 2014 und 2015 unternommenen >Experiment< kein wesentlicher Erkenntniswert resultierte, will ich von meiner >Machenschaft< kurz berichten. Die von mir geprüfte Fragestellung war mangels einer genauer eingrenzbaren Zielsetzung mit zu viel Beliebigkeit behaftet. Objekt dieses Versuchs war >meine< im Buch gezeigte Hopfenbuche Ostrya carpinifolia (Buch-Foto 38 im Stadtwald Rottenburg Distr. I / Abt. 71 Altstadtberg), eine Bluterbaumart, von der ich durch jahrelange Beobachtungen und Erhebungen wußte, daß sie so gut wie jedes Jahr während ihrer Blutungsphase >vom< Buntspecht aufgesucht wird. Dort liegt folgende zu einem Versuch anregende Konstellation vor: In jenem Laub- (Nadelholz) -Mischwald an einem nur zu Fuß erreichbaren steilen W-Hang auf einem ehemaligem Weinberg kommen 3 ältere Hopfenbuchen Ostrya carpinifolia vor, eine hierzulande seltene südeuropäische Baumart; es sind dies die Exemplare A, B, C (A 200 m, C 25 m von B entfernt). Bei B handelt sich um den im Buch als >meine Hopfenbuche< bezeichneten Baum (Buch-Foto 38 a- ff). Er ist polykorm: von einem tief ansetzenden unten etwa 60 cm starken Zwillingsstamm gehen zwischen o,7 und 3m Höhe 3 starke Seitenäste ab. Im Anhalt an die zuletzt nur etwa 0,5–2,5 mm breiten Jahrringe (Buch-Foto 38d) dürfte sein Alter bei mindestens 150 Jahren liegen. A, ebenfalls polykorm, hat fast die gleiche Dicke und wohl dasselbe Alter. Baum C mit einem Brusthöhendurchmesser von lediglich 30 cm ist monokorm. Alle 3 eine bei dieser Baumart im fortgeschrittenen Alter bezeichnende sehr harte bröckelige Borke auf.

Alle 3 Objekte sind (im Gegensatz zu den Objekten im Tübinger alten wie neuen Botan. Garten) geringelt, A weist mäßig viele, C wenige, B unzählig viele Ringelwunden auf (überschlägig nach Maßgabe der in Zählfenstern ermittelten mittleren Dichte rein rechnerisch mehr als 80.000; s. die Buch-Fotos 38); an diesem Baum müssen schon viele Generationen von Spechten das Ringeln ausgeführt haben. An diesen 3 Objekten habe ich das Beringeln während fast 10 Jahren etwas genauer verfolgt. Im Anhalt an die dadurch ausgelösten Blutungen werden alle diese 3 Bäume alljährlich in Koinzidenz mit der Blutungsphase (meist in der Zeit von Ende Februar / Anfang bis Mitte / Ende März) geringelt, wie gesagt allerdings in höchst unterschiedlicher Intensität, B weitaus am intensivsten. Ihre Blutungsdauer, die etwa mit der Blütezeit der Gemeinen Kornelkirsche Cornus mas und dem Erscheinen vom Zitronenfalter einhergeht, erstreckt sich nach Beginn (jährlich meist verschieden) im unteren Stammbereich über etwa 3-4 Wochen; den Zeitpunkt des Blutungsbeginns ermittelte ich mit Messerstichen. Infolge der Saftgärung nehmen die Blutungsstellen meist schon nach 4 – 5 Tagen eine weißliche Färbung an, die sich allmählich verstärkt; nach insg. (8)10–12 Tagen tritt die Blutungsstelle partiell bis schließlich insgesamt rötlich-orange bis orange ziemlich auffällig in Erscheinung, auch bei kleinen Ringelstellen.

Das an B von mir wiederholt beobachtete Beringeln durch den Gr.Buntspecht ging etwa wie folgt vor sich: der Vogel stellte mit jeweils (2) 4 – 5 Hieben seine einzelnen hier lochförmigen Wunden her, fortlaufend ein Loch nach dem andern. Dabei blieb mir bis zuletzt verborgen, wo und wie genau bei diesem speziellen hartrindigen Objekt die neuen Hiebspunkte mit Blick auf die bereits vorhandenen alten Ringelwunden platziert wurden (Buch S. 312/313); denn grundsätzlich werden diese nicht angeschlagen (siehe Teil I / Ziffer 6). Nach der Fertigstellung einer Hiebsreihe bzw. Stückrings legte er eine Pause ein. Während der er manchmal abflog, aber alsbald zu einer Revision seiner Ringelstelle zurückkam, dies unter Begucken des Ringels mit unruhigem Hin und Her; ein Lecken von Saft, den ich in diesen Fällen zunächst (auch wegen der borkigen Rinde) gar nicht austreten sah, konnte ich zwar nicht beobachten, dürfte aber vorgekommen sein.

Meine Versuchsüberlegung

Diese Gegebenheiten regten mich zu dem Versuch an (vgl. Buch S.171), bei Exemplar B eine gewisse Schaftzone oder mehrere Teilstücke des Baumes mit Packpapier zu umhüllen. Von vornherein war klar, dass ich eine solche Drapierung technisch nur an einem kleinen Abschnitt bzw. in Abschnitten im unteren Stammbereich würde realisieren können.

Ich hegte die Hoffnung, daß die damit künstlich herbeigeführte Konstellation irgendeine Erkenntnis zur Orientierung der Vögel beim Ringeln liefern könnte und zumindest zu erkennen sei, ob der Baum durch eine solche äußerliche Veränderung seine Attraktivität einbüßt. Trotz des damit verbundenen Aufwands habe ich zunächst 2014 in etwa 10 m Abstand einen Tarnschirm aus Reisig aufgebaut, der sich aber als unnötig erwies. Ab der Verpackung nahm ich etwa alle 2-4 Tage eine Kontrolle vor.

Versuch 2014

Am 3.März registrierte ich an A und B minimalen Saftaustritt, an Baum C (linkes Foto) lag bereits ein stark saftender Ringel in 2,5 m Höhe vor; dadurch war dessen Stamm infolge des heftigen Saftflusses schon bis zum Boden herab eingenässt. Abends brachte ich sodann an dem bis dahin unberührten Hauptstamm von B in 0,1 bis 3,5m Höhe eine Umhüllung mit mäßig dickem Packpapier an.

Resultat 2014
Während der Beobachtungszeit von insgesamt 10 Tagen in der Zeit 3.- 27.März habe ich an B bei 4 Visiten einen Buntspecht bzw. 2 Vögel beim Ringeln angetroffen: so am 4.März um 14 Uhr ein BuSp-Weibchen beim Ringeln in 5m Höhe; doch weder jetzt noch in den Folgetagen registrierte ich an dieser Stelle einen Saftaustritt. Zwei Wochen später, am 21.März gegen 9 Uhr waren in 6 bis 8 m Höhe 2 BuSp-Weibchen beim Ringeln; sie zeigten gegenseitig keinerlei Reaktion, am 25. und am 26.März erneut 2 Weibchen in 8–16 m Höhe; der untere Vogel rückte zunehmend höher und kam an den andern bis auf 1,5m heran, ohne daß dieser in irgendeiner Weise reagierte. Darüber hinaus zeigten diese beiden Vögel keine Scheu, als ich offen unter den Baum trat. Auch bei diesen relativ hoch gelegenen Ringelstellen konnte ich nie Saftfluß erkennen; im Einklang damit fehlte in der Folgezeit eine farbliche Markierung; dagegen traten in Übereinstimmung mit der Regel die zu diesen Zeitpunkten tiefer liegenden Saftstellen infolge Vergärung ab etwa dem fünften Tag des Saftflusses durch ihre weißliche und später orangen Färbung deutlich in Erscheinung, auch kleine. An einem abgehenden Seitenstamm waren sie 35, 50 und 60 cm vom papierbekleideten Teil entfernt.   Das Verpackungspapier selbst war an keiner Stelle >betreten<, also völlig unversehrt.

Interpretation 2014
Ich muss mich mit dem simplen Resultat begnügen, daß die helle partielle Papierverkleidung keinen verscheuchenden Effekt ausübte, diese Stammzone bzw. diese Verkleidung vom Specht nie angeflogen oder beklettert wurde. Mit der Distanz seiner Beringelungen zur Ummantelung zeigte der Vogel allenfalls an, daß er die Verkleidung als befremdlich >wahrnimmt<, sich aber im Übrigen nach wie vor von den im Baum vorliegenden Zustand leiten läßt.

Versuch 2015

Gegen Ende Februar safteten nur die Ahorne (es herrschte >sugar-weather<; d.h. an Tagen ohne Frost kein Bluten; Zitronenfalter gesichtet); ein in der Nähe stehender junger Bergahorn mit BHD 10cm saftete am 24.02 aus einem frisch hergestellten Teilring. An Ostrya erstes Anzeichen von Saftaustritt erst um den 8.März; am 10.03 registrierte ich den ersten Ringel an Baum B zwischen o,5 und 1m Höhe. Anders als 2014 gab es bis dahin an Stamm C keinen Ringel. An zunächst allen Kontrolltagen kamen weitere Ringel bis in 1,8 m bzw. 2,2 m Höhe und auch später bis zum Ende der auch diesmal etwa 3 wöchigen Blutungsphase um den 29.März zustande.

Am 13.03 fixierte ich im Unterschied zu 2014 fleckenweise verteilt mit Hilfe eines Tuckers kleine bis größere partielle Umhüllungen bis in etwa 4,5m Höhe mit Papieren, die nach Konsistenz und Farbe leicht unterschiedlich waren.

Resultat 2015

Fast umgehend nach Versuchsbeginn waren einzelne Teile der Papiere durch Blutungssaft aus den Wunden der Tucker-Klammern vernässt und dadurch z.T. farblich vorübergehend leicht verändert. Diese Zonen wiesen in der Folgezeit keine Verfärbungen wie an Ringelstellen auf, wohl deshalb, weil dafür die Gesamtmenge des Saftes im Papier zu gering war. Das Ringeln dauerte über die 3 Wochen anhaltende Blutungszeit hinweg an und trat oft selbst bei kleinen Ringelstellen farblich deutlich in Erscheinung. Mehrere dieser Ringelstellen lagen nur 3-10 cm von einer Papierhülle entfernt. Wie 2014 gab es keinerlei  Spur davon, daß ein Specht das Papier angeflogen hätte oder darauf geklettert wäre.

Im Unterschied zu 2014 traf ich trotz des reichlichen Ringelungsgeschehens bei meinen insg. 11 Visiten nach Versuchsbeginn nie einen Vogel am Baum an.

Interpretation 2015
Die Attraktivität von Baum B als Ganzes ging auch 2015 nicht verloren. Die durch das Papier herbeigeführte unnatürliche optische Beschaffenheit hat das Ringeln wiederum nicht beeinträchtigt oder gar vereitelt, aber wie 2014 die Vögel von der Bearbeitung der ummantelten saftwilligen Stammteile abgehalten; sie rückten sogar sehr nahe an die Papiere heran. Anhaltspunkte für eine taktil wirksame Barriere gab es nicht, insofern keines der Papiere Spuren vom >Betreten< zeigte.

Versuchsergebnis:
Wie schon eingangs gesagt, resultierte aus dem Versuch nicht viel mehr, als dass die Spechte von den verpackten Baumteilen nur insoweit irritiert wurden, dass sie einen Abstand wahrten, in menschlichen Worten gesagt, ihnen diese Teile >nicht ganz geheuer waren<. Der Baum als Ganzes büßte seine Attraktivität durch die partielle Änderung seines Aussehens nicht im Geringsten ein.

Der für 2016 vorgesehene 3.Versuch unter Verwendung von Klarsichtfolie, einhergehend mit der stillen Hoffnung zu einer Filmaufnahme des Ringelns mußte leider wegen unserem Wegzug von Rottenburg während der maßgebenden Zeit entfallen.

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