Klaus Dengler | E-Mail: klaus@denglernet.de | Telefon: +49 (0)7142 966 9550

>Auf einen Blick<

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Vorwort

Als Ringeln der Spechte = Spechtringelung bezeichnet man das wenig bekannte oder kaum beachtete biologische Phänomen, daß manche unserer einheimischen Spechte manchmal zu bestimmten Zeiten im Jahr an absolut gesunden Bäumen am Stamm und auch an Ästen auf eine ihnen eigene Art und Weise Wunden schlagen. Dieses Verhalten ist schon seit weit mehr als 175 Jahren bekannt und war seither immer wieder Gegenstand von Verlautbarungen jedweder Art in naturkundlichen und speziell ornithologischen Schriften bis hin zu größeren Abhandlungen. Sowohl die davon hervorgerufenen >Schadbilder< und als auch die Spechte als Verursacher waren aber schon vorher bekannt gewesen (Anhaltspunkte in der Literatur gehen bis auf etwa 1800 zurück). Als Deutung für das Geschehen wurden im Laufe der Zeit weit mehr als 20 Erklärungen aufgeboten, von denen sich die um 1849 spekulativ aufgekommene sog. Saftgenuß-Theorie langsam durchgesetzt und für die Dauer von fast 125 Jahren bis in unserer Zeit als gültige Interpretation behauptet hat. Sie geht davon aus, daß dieses Ringeln der Gewinnung von Baumsaft zum Zwecke der Ernährung dient und auch eine Bedeutung für die Verbreitung des Großen Buntspechts, dem >Ringelspecht Nr.1< hat.

Eine von mir (Verfasser) in der Zeit um 1980 zufällig registrierte frische Beringelung an Kiefern war seinerzeit für -mich als Lehrer an einer forstlichen Hochschule der geradezu zwingende Anlaß gewesen, mich intensiv und detailliert mit dieser Materie zu befassen. Die systematische Sichtung des gesamten seit etwa Mitte des 19.Jh’s dazu vorliegenden und einsehbaren Schrifttums sowie die eigenen Beobachtungen und speziellen Erhebungen über die Dauer von etwa 3 Jahrzehnten schlugen sich im folgenden 2-bändigen Buch, einer enzyklopädisch-konzipierten Monographie nieder:

DENGLER, K. (2012): „Thesen und Fakten rund um die Spechtringelung“

(ISSN 0940-3689; Textband Nr. 23 –1 = 627 Seiten + Bildband 23 – 2 = 346 Fotos, 29 Abbildungen, 7 Tabellen, 4 Karten sowie als digitales Archiv eine CD-ROM; Nr. 23 der Schriftenreihe der Hochschule für Forstwirtschaft / Schadenweilerhof 72108 Rottenburg., nachfolgend im Text als >Spechtbuch< bzw. kurzerhand als Buch bezeichnet (siehe Webseite: https://www.hs-rottenburg.net/studiengaenge/bsc-forstwirtschaft/praxis/schriftenreihe/).

Im Band 1 = Textband werden kapitelweise sämtliche Einzelaspekte unter Zugrundlegung der jeweils dazu vorliegenden Meinungen und Angaben in der Literatur einschließlich mündlicher Mitteilungen möglichst im Wortlaut oder in einer sinngemäßen Formulierung zusammen mit den eigenen Befunden des Verfassers, in Form eines Kommentars kritisch abgehandelt. Fast jede dieser Erörterungen mündet in ein meist kurzes Fazit als Quintessenz.

Im Band 2 = Bildband sind alle im Text geschilderten und besprochenen Erscheinungsformen von Ringelungen sowie wichtigste Verwechslungsmöglichkeiten mit jeweils vielen einschlägigen Fotos sowie zeichnerischen Abbildungen ausgewiesen; außerdem enthält er Tabellen sowie Diagramme und Karten zu speziellen Fragestellungen.

Ein besonderes Gewicht hat die bis zur Klärung durch den Autor weitgehend unbekannte sog. T-Krankheit an Laubbäumen, bekannt an Eichen als der sog. >Eichenkrebs<. Denn diese steht fast immer in einem engen Zusammenhang mit einer Spechtringelung, nämlich als Folge des Befalls der durch das Ringeln herbeigeführten mehr oder weniger noch frischen Wunden durch kambiophage Kleininsekten. Hauptverantwortlich ist hierbei die Gallmücke Resseliella quercivora (Näheres zu ihrer Biologie, Ökologie und Schadwirkung bei DENGLER, K. 2004: „Forschungen zur kambiophagen Gallmücke Resseliella quercivora“ = Band Nr. 21 der gleichen Schriftenreihe); fallweise ist auch die als Wundbesiedler bisher nicht bekannte Nacktfliegen-Art (Psilidae, Dipt.) Chyliza leptogaster beteiligt (Näheres bei DENGLER 1997a: „Zur Lebensweise von Ch. leptogaster PANZER und Chyliza nova KOLLIN und ihre Bedeutung als Urheber von Bastnekrosen an Laubbäumen.“ Studia Dipterologica 4, 143-164).

Außer dem Ringeln hat das Buch noch sog. Hackschäden, das sog. Abschuppen an gesunden Bäumen und als eine weitere >Machenschaft< sog. Hackuntaten an Gütern der menschlichen Wirtschaft zum Gegenstand.

Bei dieser kritischen Durchleuchtung aller bisher zur Spechtringelung und sonstigen Aktivitäten der Spechte an gesunden Bäumen (>Hackschäden<) publizierten Auffassungen und Verlautbarungen und der eigenen Befunde, die jeweils als sog. Fundstelle in die genannte Publikation eingingen (sie können auf der dem Buch beigegebenen CD-ROM mit Hilfe der Suchfunktion aufgerufen werden), stellte sich mit den kapitelweise daraus generierten Erkenntnissen, den Fazits, heraus, daß nicht nur überaus viele der bisherigen Auffassungen und Darstellungen zu den unterschiedlichsten Aspekten des Spechtverhaltens äußerst oberflächlich, unzulänglich oder gar völlig unzutreffend, mitunter grotesk und einer abenteuerlichen Phantasie entsprungen sind, vereinzelt auch Ausdruck von Gedankenlosigkeit (vor der man aber auch selbst nicht gefeit ist). Besonders verbreitet ist, zumal im Schrifttum jüngerer Zeit, eine unkritische Übernahme und „ewig nachgeschriebene“ Weitergabe „fremder Behauptungen“, was schon vor 150 Jahren ALTUM (1873b), seinerzeit der Altmeister der Forstzoologie, beklagt hat. Auch zeugt die eine oder andere dieser Publikationen davon, daß der Autor eine Beringelung offensichtlich noch gar nicht in der Natur gesehen haben kann.
Besondere Aufmerksamkeit verdient die eingangs genannte Deutung, die sog. Saftgenuß-Theorie = Saftlecker-Hypothese; sie bedarf einer kritischen und subtilen Diskussion. Ihr liegt die Annahme zugrunde, daß die Ringelspechte die den Bäumen innewohnenden Säfte zum Zwecke ihrer Ernährung nutzen und diese Ressource für sie von existentieller Bedeutung ist und auch ihre geographische Verbreitung beeinflußt. Im Abschnitt >Ringelungsursache< = Aspekt 10 gehe ich dieser Auffassung nach. Hier sei lediglich vermerkt, daß diese ernährungsbiologische Erklärung nur vom Ansatz her zutrifft, nicht jedoch in der ihr beigemessenen Bedeutung als elementare und unverzichtbare Nahrung.

 

2017: Kurzfassung des Textbandes

Vorbemerkungen:

Mein Diktum, sämtliche einschlägigen Fundstellen und eigenen Befunde zu einem jeweiligen Aspekt (ca. 80 Kapitel zur Ringelung, 11 zu Hackschäden, jeweils 1 zum Abschuppen und zu den Spechtuntaten) zur Sprache zu bringen, brachte mit sich , dass das Lesen des Buches allein schon seines Umfangs wegen mühsam und zeitraubend, kein flüssiger Lesestoff ist; eher ein enzyklopädisches Nachschlagewerk, das sich in erster Linie an solche Personen richtet, die sich intensiv mit der Materie befassen bzw. befassen wollen. Denn es gibt bisher keine Abhandlung zur Spechtringelung, welche die Materie umfassend erörtert und zugleich nach allen Richtungen hin kritisch darstellt. Daher erschien es opportun, eine Kurzfassung des Textbandes samt einer Auswahl von Fotos aus dem Bildband vorzulegen, um also damit einen breiteren Interessentenkreis anzusprechen. Ihr Text fußt im Wesentlichen auf den aus den Fundstellen generierten kurzen Fazits. Die einschlägigen Fotos (durch Antippen werden sie vergrößert) werden kommentarlos gezeigt; im Text wird fallweise mit dem Hinweis Buch-Foto(s) bzw. Buch-Abb. auf das eine oder andere der vielen weiteren Illustrationen im Buch hingewiesen. Einige Fotos sind erst nach dem Erscheinen des Buches entstanden, sind also dort nicht enthalten.

Nahezu an den Anfang der Kurzfassung sind unter der Ziffernfolge 1-10 die wichtigsten bisherigen Irrtümer, sowie besonders bedeutungsvolle Erkenntnisse zusammengestellt.

Auf die nähere Darlegung der im Buch abgehandelten Themenkreise: HACKSCHÄDEN (Kap.B), ABSCHUPPEN (Kap.C), HACKUNTATEN (Kap.D) wird verzichtet, ferner auf die Darstellung der von Schlafmäusen (im Wesentlichen vom SIEBENSCHLÄFER) verübten vielfältigen Rindenbeschädigungen an gesunden Bäumen, von denen 2 Formen mit Ringelungsbildern verwechselbar sind. Außerdem entfällt die Beschreibung der den Ringelungsschadbildern ähnlichen natürlichen Rindenbildungen, sog. SCHEINRINGELUNGEN, die im Buch eingehend- behandelt sind.

Rezensionen:
Ergänzt wird die Kurzfassung durch die Wiedergabe der zum Buch erschienenen Rezensionen. Von Brisanz ist lediglich die Besprechung von H.WINKLER (2014); sie zwingt zu einer Stellungsnahme, weil der Rezensent glaubt, meine von der Saftgenuß-Hypothese abweichende Deutung des Ringelungsgeschehens allein mit einer singulären Beobachtung in Abrede stellen zu können. Es geht dabei um nichts weniger als um die grundlegende Frage, ob meine Widerlegung der Saftgenuß-Theorie (Kap. A 14.2) zutrifft oder nicht. Des Weiteren glaubt WINKLER, mit seiner Beobachtung die Rolle von Phloemsaft als essentielle Spechtnahrung unter Beweis stellen zu können. Er wie nahezu alle Ornithologen und Naturkundler vor ihm läßt jedoch die für eine Phloemsaftnutzung maßgebenden baumphysiolgischen Mechanismen außer Acht. Des Weiteren bedürfen auch die 4 folgenden von WINKLER aufgegriffenen Aspekte einer seriösen Erörterung:

► ein >6.Sinn< seitens der Ringelspechte,

► die von mir zur Diskussion gestellte Erklärung des Ringelns als >Verhaltensatavismus<

► >methodisch korrekte quantitative Analysen<

► die Möglichkeit >wissenschaftlicher Untersuchungen zur Spechtringelung

 

Kurzfassung des Textbandes vom >Spechtbuch< (2017)

Inhaltsverzeichnis

„Thesen und Fakten rund um die Spechtringelung“
(Textband)

Teil I: Kurzfassung des Textbandes

Erläuterungen
Zum Begriff Ringeln
Definition der Spechtringelung
Der Ringelungsvorgang

Die 10 wichtigsten revisions- und ergänzungsbedürftigen Einzelaspekte:
1) Die Wundtypen (Grundformen I-V und die Vernarbung) 2) Die Ringelbaumarten und Präferenzen 3) Die Baumsäfte u. die Baumphysiologe 4) Der Ringelungszeitpunkt 5) Die visuelle Platzierung der Ringelwunden 6) Die Bearbeitung alter Ringelwunden?? 7) Die Ringelungsmarken im Holz 8) Die kambiophagen Wundbesiedler 9) Harzverzehr? 10) Die Ringelungsursache: Deutungen zur Spechtringelung

Die rätselhafte Objektwahl (Die 5 Sinne und ein 6. Sinn?)

Kurze Angaben zu 14 weiteren Gesichtspunkten (Themenbereiche u.a. >Scheinringelungen<)

Hinweise auf Hackschäden / Abschuppen / Hackuntaten / Rindenbeschädigungen von Siebenschläfern

Teil II: Die Rezensionen:

Buchankündigung durch Dr.B.Kaiser

Die weiteren 8 Rezensionen im Einzelnen
Glutz v. Blotzheim, ders.+ Bénoit 2012, L.B. 2013, Günther
2014, Rapp 2014, P.N.G. 2014, Weiss 2015, Winkler 2014

Stellungsnahme zu H.Winkler:

  • Die Saftgenuß-Theorie, stimmt sie / stimmt sie nicht?
  • Ein >6.Sinn<?
  • Ein >Verhaltensatavismus<?
  • Methodisch korrekte quantitative Analysen?
  • Wissenschaftliche Untersuchungen?
Teil III: Ein Experiment zur Spechtringelung
Teil IV: Ergänzungen: zwischenzeitlich (seit dem Erscheinen des Buches) gewonnene Befunde und Erkenntnisse
Teil V: RESÜMEE >Die Spechtringelung — eine >rätselhafte Handschrift<
Teil VI: Anhang: ein Bericht über den Dreizehenspecht in Finnland als Nutznießer vom Phloemsaft Waldbrand-geschädigter Kiefern samt meinem Kommentar.
Teil VII: Neues Erratum: Fehler / Korrekturen zum Buch

 

Erläuterungen

Ringeln, RINGELUNG, geringelt

Das Wort ringeln und die davon abgeleiteten Begriffe Ringelung bzw. Beringelung und geringelt werden in sehr unterschiedlichen Zusammenhängen und Bedeutungen verwendet. Geringelt ist zunächst ein bildhafter Ausdruck für eine äußerliche wie auch innere Segmentierung, beispielsweise eine m.o.w. ringförmige Anordnung oder Abfolge zumal farblich kontrastierender Zonen von Körperteilen bei Tieren oder Pflanzen (bspw. an Beinen, Stacheln, am Schwanz, ihrem Gehäuse u.v.a.m.), ferner entsprechend gewundene Formen wie bspw. der Ringelschwanz eines Schweineferkels, der Samenstand des Schneckenklees oder eines Triebes bei einem >Korkenzieher<-Haselstrauchs, schließlich liegt auch dem >Ringeltanz< diese Struktur zugrunde.

Des Weiteren bezeichnet man damit die gezielt vorgenommene mechanische Bearbeitung von Pflanzen oder Pflanzenteilen wie bspw. Stamm oder Ast von Bäumen oder Sträuchern durch einen mehr oder weniger tiefen Rundumschnitt oder durch ein streifenweise ausgeführtes Ablösen der Rinde, möglicherweise bis ins Holz, ferner durch Strangulieren mit technischen Materialien (Schnur, Plastikband, Draht o.a.m.). Dies dient der Erzielung einer jeweils bestimmten Wirkung, sei es das Absterben des oberstehenden Organs oder einer Förderung der Fruktifikation auf Grund der Stauung vom Assimilatesaft. Folgerichtig spricht man bei von Insekten sowie von Nagetieren gelegentlich ausgeführten ringförmigen Einbissen und Einschnitten oder deren stückchenweise bis bandförmigen Ablösung der Rinde wie bspw. vom Siebenschläfer ebenfalls von Ringelungen. Genauso bezeichnet man die mit Schnabeleinschlägen hergestellten äußerlichen Beschädigungen an gesunden Bäumen durch Spechte als Ringeln der Spechte. Es gibt auch ähnliche Schadbilder durch andere Tiere und v.a. eine ganze Reihe verwechselbarer natürlicher Baumeigenschaften, die wie Beringelungen aussehen, ihnen zumindest ähnlich sind, alles in allem sog. Scheinringelungen; sie sind ebenfalls >bildbedürftig< und werden daher zwecks der Feldbiologie im Buch in Wort und Bild eingehend beschrieben, ihrer Vielfalt wegen hier jedoch in der Kurzfassung nicht vorgestellt.

 

Spezielle Definition der Spechtringelung

Als Ringeln der Spechte bezeichnet man das Anschlagen der Rinde absolut gesunder Bäume mit einer i.d.R. Mehr- bis Vielzahl perlschnurartig neben / hintereinander angeordneten Hiebswunden am Stamm, manchmal auch an einem Ast, dann am ehesten einem Steilast; ausnahmsweise wird ein horizontal abgehender Ast bearbeitet, mitunter sogar ringsum, also auch auf dessen Unterseite (v.a. bei der besonders beliebten Roteiche). Ganz selten beschränkt sich das Beringeln auf nur wenige oder gar nur ein bis zwei Hiebspunkte. Regelmäßig entsteht von einem Sitzplatz aus jeweils eine sog. Hiebsreihe. Meist schließt sich daran eine weitere Hiebsreihe oder mehrere an. Solche längeren Abfolgen bezeichnet man als sog. Ringel oder Ringe. Als sog. Stück- oder Teilringe umfassen sie das Objekt nur partiell, als sog. Vollringe = Vollringel weitgehend oder ganz, dies am ehesten an klein dimensionierten Objekten.

Die Hiebsreihen und Ringel verlaufen meist ziemlich horizontal, manchmal schnurgerade, ansonsten leicht bogenförmig, mitunter partiell aber auch schräg nach unten oder oben. Ausnahmsweise kommen Stellen vor, wo eine Vielzahl von Hiebswunden nicht in Reihe, sondern gehäuft eng beisammen stehen. Daß auch in diesem Fall die Wunden getrennt angebracht sind, gehört in den Zusammenhang der unter Aspekt 6 erörterten Tatsache, daß alte Wunden grundsätzlich nicht erneut angeschlagen und sämtliche Hiebe optisch gezielt plaziert werden.

 

 

Wie gesagt treten die dabei äußerlich verursachten Verletzungen der Rinde meist erst im Zuge ihrer Vernarbung deutlich sichtbar in Erscheinung, gewissermaßen als >Denkmäler< dieser Spechtarbeit und werden erst dann wahrgenommen. Denn im ursprünglichen Zustand sind die Ringelwunden, zumal im Falle der schlichten sog. >Einstiche< (Wundtyp Nr. I / s.u.) überaus klein und ziemlich unscheinbar. Je nach Baumart und der Rindenbeschaffenheit bleiben die durch ihre Vernarbung hervorgerufenen äußerlichen Schadbilder über kürzere bis fallweise sehr lange Zeit sichtbar. Die im Holz herbeigeführten farblichen und strukturellen Effekte sind auf ewige Dauer konserviert (s.u.).

 

Der Ringelungsvorgang

Da man ringelnde Spechte kaum einmal, also nur zufällig zu Gesicht bekommt, sind die Beschreibungen authentischer Beobachtungen der Vögel beim Ringeln im Schrifttum überaus spärlich. Das Grundprinzip und der Vorgang einer Beringelung, dem man erst im letzten Drittel des 19.Jahrhunderts auf die Spur kam; läßt sich grob wie folgt beschreiben: der Vogel sitzt am Stamm bzw. am Ast und schlägt – eineHiebsreihe als meist tendentiell horizontal ausgerichtete Abfolge von Wunden, dies meist in einem verblüffend gleichen Abstand, teils eng, ja mitunter dicht nebeneinander oder mit größeren Abstand; klar und besonders deutlich belegen dies die davon ausgelösten farblichen Makel im Holz (s.u. Aspekt 5 u. 7).

Sodann nimmt der Vogel oft mit einem kurzen >Sprung< einen Platzwechsel nach der Seite hin vor und hängt als Fortsetzung eine neue Hiebsreihe an und so fort; daraus resultieren die besagten Ringel. Es kann auch sein, daß er um eine Etage höher springt (sehr viel seltener >rutscht< er nach unten), um dort erneut auf dieselbe Weise zu verfahren, so kommen übereinander angeordnete Ringel zustande, was fallweise auch zu einem späteren Zeitpunkt geschieht, in manchen Fällen über die Dauer von Jahren oder gar Jahrzehnten.- Es gibt keine zwingende Norm, weder für die jeweiligen Abstände, noch für die Anzahl der Wunden, noch für die Anzahl übereinander hergestellter Ringe.

 

Die wichtigsten Korrekturen und Ergänzungen zu bisherigen Auffassungen

Bei meiner Durchleuchtung und kritischen Würdigung so gut wie sämtlicher bisheriger Verlautbarungen und Darstellungen zur Spechtringelung stellten sich überaus viele Irrtümer und unzulängliche Angaben heraus. In den wenigsten der 9 zum Buch erschienen Rezensionen (s.u.) werden die von mir aufgedeckten Irrtümer, somit auch die notwendigen Korrekturen und Ergänzungen nicht explizit erwähnt oder gar herausgestellt, obwohl es sich um Kernpunkte des Ringelns handelt.

Als besonders korrektur-, revisions- und ergänzungsbedürftig stellten sich die nachfolgend aufgelisteten Aspekte 1-10 heraus; sie werden in dieser Darstellung unabhängig von der dem Buch zugrundeliegenden Gliederung kurz beleuchtet. Allein schon dieser Korrekturen und Ergänzungen wegen stellt das Buch das Ringeln der Spechte auf eine neue Grundlage.

  1. Die Wundtypen (Grundformen der Ringelungswunden) in ihrer bisher nie beschriebenen rätselhaften Vielfalt sowie die Form ihrer Vernarbung
  2. Ringelbaumarten, Bevorzugung bestimmter Gehölze und Häufigkeit von Beringelungen
  3. Baumsäfte und die baumphysiologischen Grundgebenheiten
  4. Zeitpunkt der Ringelungen unter Berücksichtigung der Unterschiede zwischen Bluter- und Nichtbluter-Gehölzen
  5. Die visuell gesteuerte Platzierung der Ringelwunden
  6. Bearbeitung alter Wunden?
  7. Die Ringelungsmarken im Holz
  8. Kambiophage Wundparasiten
  9. Verzehr von Harz bei Koniferen?
  10. Ringelungsursache: ein Kernpunkt des Buches (A 12.4) ist die Widerlegung der seit über 125 Jahren bis heute als gültig unterstellten Saftgenuß-Theorie. Sie ist eine von mehr als 20 Deutungen, die im Buch im Einzeln näher abgehandelt werden; darunter sind höchst sonderbare und skurille Erklärungen.

 

zu Aspekt (1): Die Wundtypen

Die Grundformen der Ringelungswunden in ihrer Vielfalt sowie ihre Vernarbung.

Während ehedem in der Literatur meist völlig undifferenziert nur von Löchern (holes / punctures / troues) die Rede ist und war, gibt es  –   mindestens 5 grundverschiedene orginäre Formen von Ringelwunden, sei es am Stamm oder an Ästen, die ich als WUNDTYPEN I – V (WT)  bezeichne. Sie wurden bisher noch nie beschrieben. Im Einzelnen fallen sie nicht unbedingt >lupenrein< aus, sind also bis zu einem gewissen Grad variabel:

WT (I): einfache schlitzchenförmige Kerben durch einzelne mehr oder weniger vertikal ausgerichtete Schnabeleinschläge (incisions / incisions), sog. Vertikalhiebe, aber manchmal auch aus einer entsprechenden Kopfhaltung heraus als schräge bis waagerechte Einschläge = sog. Horizontalhiebe , wie dies die nachfolgenden Fotos zeigen, mitunter in aufgereihter Abfolge (letzteres im Buch eindrücklich illustriert mit Hilfe von Pausbildern (Buch S.283 ff: Abb.1 A-H); auf die letzteren wurde nur in der Zeit vor und um die Jahrhundertwende hingewiesen (BODEN 1876, 1879a; LOOS 1893, 1931); dabei geben gerade sie besonderen Anlaß zu Überlegungen zu ihrer Realisierung sowie über ihren Sinn.

 

Bei diesem WT I handelt es sich um die häufigste Form der Ringelwunden, um die Kardinalform. Diese Hiebsschlitzchen, auch als Schnabel-Einstiche bezeichnet, sind im Einklang mit der Größe der schwach meißelförmig ausgeformten Schnabelspitze im originären Zustand sehr klein und ziemlich unscheinbar. Zu ihrer Größe gab es bisher nur spärlichste Angaben, wohl schon deshalb, weil man Ringelungen vom WT I im frischen Zustand (also vor ihrer Vernarbung) kaum einmal zu Gesicht bekommt, so wenig wie einen ringelnden Specht und man in einem solchen Fall dessen Ringelstelle nicht in entsprechender Nähe vor Augen hat, sondern sich diese irgendwo im Stamm-oder Kronenraum befindet. Nach meinen Messungen sind die besagten Einstiche beim Großen Buntspecht, unserem Ringelspecht Nr.1, (1,5) 2 – 2,5 (3) mm lang (Buch Fotos 1, 2, 90) und etwa ½ mm breit, bei elastischer Rinde wie beispielsweise an der Vogelkirsche noch schmäler (Buch-Fotos 70b,c). Beim Schwarzspecht wurde früher meist eine Länge von 3 – 4 mm unterstellt bzw. gemessen (Näh. im Buch A 2.2.2 / Abb.1B).

Manchmal ist die eine oder andere frische Hiebskerbe nicht gleichförmig geradlinig, sondern partiell etwas ausgebeult und – v.a. an ihrem oberen Ende – ausgerundet, als hätte der Specht seinen Schnabel beim Abziehen gedreht (Buch-Fotos 2, 123, 151, 84; Abb.18). Nicht enträtselbar war für mich der eine oder andere Fall, wo zwei in ihrer Größe stark differierende Einstiche in einem >Schadbild< beisammen vorkamen (Buch Foto 189b, sowie, extrem stark, bei 84b). Man beachte die Angaben zum Mittelspecht (s.u.).

An Nadelbäumen fand ich den WT I nur an Kiefern in deren Spiegelrinde-Bereich (Buch Foto 186 h,i, 189a,b); bei dem im Bild gezeigten Fall sind den Vertikal- und Horizontalhieben einige dicht-punktförmige Einstichreihen unbekannten Ursprungs beigemischt. (Analoges zeigt Foto 84a/b von einer Salweide, welches gar den Verdacht einer Ringelung durch den Kleinspecht, nicht nur des Mittelspechts, aufkommen läßt, der bisher als Ringelspecht nicht bekannt ist). An Fichten, an denen sich mir kaum eine Gelegenheit zur Beurteilung bot, konnte ich WT I-artige Ringelwunden nie finden. Ob der Dreizehenspecht am Nadelholz diesen Wundtyp überhaupt ausführt, ist mir mangels eigener Anschaung und unzulänglichem Bildmaterial wegen persönlich nicht bekannt. Nach Maßgabe von Foto 197, 200c,d + 201 sind es beim Dreizehenspecht wie Gr. Buntspecht Ringelungswunden nach Art von WT III (s.u.), also ziemlich runde Löcher von etwa 3-4 mm Durchmesser und wohl ½ (1) cm Tiefe.

WT (II): >fransige< Löcher durch mehrere (2 – 3 oder 4) ziemlich gezielt an jeweils einer Stelle  dicht beieinander platzierte Hiebswunden.

 

WT (III): zylindrisch >gestanzte< runde Löcher (Buch-Fotos  23, 24, 60, 110). Über die Art ihrer Herstellung ist im Detail nichts bekannt. Auf ihrem Grund, d.h. auf dem Xylem seien Abdrücke der Schnabelschneide zu sehen.

WT (IV): als sehr seltene Form daumennagel- bis kleinstfingergroße von der äußeren Rinde entblößte Stellen, auf denen der Vogel mehr oder weniger gleichmäßig ≥(2) – 4(5) Kerben oder lochförmige Wunden platziert (Buch-Fotos 2b, 105a, 106j, 110,121-125,131,132) aus punktgenau angebrachten Einschlägen; manchmal sieht es danach aus, als habe der Vogel seinen Schnabel bei der Herstellung gedreht. Man beachte auch Abb.10 (S.294) von einer Tanne (ALTUM 1880).

 
 

Zu der Herstellung vom WT IV gibt es bisher ebenfalls keine genauen Vorstellungen, lediglich Anhaltspunkte dank einer Beobachtung von BRUCKLACHER (1994; Näh. in Kap. A1.2 / S.46 + A 2.2.2 / S.76); diese Form bedarf also noch besonderer Aufmerksamkeit.

Dieser WT IV – steht dem sog. Abschuppen äußerer Borketeile in jener Form nahe, die im Buch als „Vorarbeit zur Ringelung“ bezeichnet ist, bei der es „Schwierigkeiten …. mit der Abgrenzung … gebe“ (Buch S.550; Buch-Foto 132 von einer Flaumeiche, 199+200c,d an Fichte).

WT (V): ab- = ausgespaltene Wunden mit einem ¼ bis max. 2cm langen Rindenspan als Folge mehr oder weniger tangential geführter Schnabelhiebe, besonders oft an Birken.

Zur Herstellung der Ringelwunden bedarf es also noch detaillierter Beobachtungen, speziell zum Wundtyp III und noch viel mehr zum WT IV.

An bereits stärker verborkten Objekten platziert der Vogel seine Ringelwunden teils (v.a. bei Kiefern), meist bei älteren Linden (Buch-Fotos 106e,h,110a,b,117) und offensichtlich ausnahmslos bei Robinien (Buch-Fotos 66-69in Rindenfurchen / Borkeritzen, bei den letzteren sogar schon an jungen Stämmen noch vor der Verborkung; Analoges scheint auch für Bergulmen zuzutreffen. Die hiermit beschriebene Realität zeigt zugleich, daß alle Ringelungshiebe  —  sie seien kerben- oder lochförmig —  optisch gezielt angebracht werden (Näheres s. bei Aspekt 6).

 

 

Die Ausformung und damit das Erscheinungsbild all dieser orginären Ringelwunden (v.a. bei I + II) ist stark abhängig von der Beschaffenheit der Rinde (Borke) des Baumes bzw. Baumteils, ist also an einer Vogelkirsche (Buch-Foto 70b+c) mit ihrer elastischen Rinde etwas anders als bspw. an einer Buche (spröd). Wie schon gesagt, sind die frischen Ringelungswunden im Allgemeinen ziemlich klein und mitunter unscheinbar, zumal beim Wundtyp I. Sodann nimmt die Vernarbung (s.u.) einen entscheidenden Einfluß auf das Erscheinungsbild als >Denkmal< einer zurückliegenden Beringelung, die in ihrer Gesamtansicht natürlich auch noch von der Anzahl bzw. der üblichen Mehr- bis Vielzahl der Einzelwunden und ihrer Anordnung, seien es einzelne Hiebsreihen oder Ringel aus mehreren Hiebsreihen, abhängt. Einzelwunden sind extrem selten.

Die vorigen Angaben treffen für den Großen Buntspecht (>Ringelspecht Nr.1<) und wohl weitgehend auch für den Dreizehenspecht zu. Zu den Ringelspechten gehört auf Grund der e.o.a. authentischen Beobachtung (Buch S.175) auch der  

Mittelspecht

Verschiedentlich hat man beobachtet, daß der Mittelspecht Blutungssaft von Bluterbäumen auch an nicht selbst hergestellten Ringelstellen konsumiert bzw. solche aktiv sucht (eigene Beobachtung). Die von ihm selbst hergestellten Ringelungswunden sind bisher nirgends genau beschrieben. Da er nach NAUMANN (1824) und HEINROTH (1936) den am meisten zugespitzten Schnabel aufweist (Buch S. 179), ist davon auszugehen, daß sich seine Ringelwunden von denen des Gr.Buntspechts grundsätzlich unterscheiden, v.a. bei der Kardinalform, dem Wundtyp I. Daher verdient sein >Schadbild< besondere Aufmerksamkeit und eigens eine spezielle Dokumentation. Ob die Buch-Fotos 84a-c damit zu tun haben, ist rein spekulativ. Die erst jüngst von mir am >Naturparcours< von Ergenzingen bei Rottenburg (in Feld- / Wiesen-, Steuobstbaumlage) an mehreren Ulmen registrierten >Schadbilder<, dem Anschein nach mehr oder weniger punktförmige Wunden gehen in diese Richtung. Enfernt ähnliche Bilder kommen aber auch an Nadelbäumen, an denen der Mittelspecht als Verursacher ausscheidet, vor (Buch-Foto 189b).

Wichtige aktuelle Ergänzung (aus zeitlichen Gründen ist diese nicht im originalen Textband): Sieht man von einigen oberflächlichen und z.T. falschen Angaben zur Spechtringelung allgemein in dem erst jüngst erschienenen Buch „Spuren und Zeichen …“ von H.H. BERGMANN et al. (2016, Seite 150ff), ab, die zurecht–zu-rücken hier nicht der Ort ist, sind die Angaben zum Aussehen von Ringelwunden des beim Ringeln beobachteten Mittelspechts kurz anzusprechen. Das hierzu auf Seite 173 gezeigte Foto „an einem Obstbaum (sic!) in einer rheinischen Streuobstwiese“ zeigt zwar die vermutete Form der Ringelwunden als runde Löcher, gewissermaßen vom Wundtyp II = >gestanzte Löcher<. Es fehlt jedoch leider jegliche Größenangabe bzw. Maßstab zum Bildobjekt. Nichts zu besagen hat hierbei die Rede von einem „schwachen Schnabel“ bzw. einer „geringeren Schnabelgröße“; die >Spitze< wäre es. So hängt auch die Angabe, daß „mit einigem Aufwand — Vermessen einer größeren Zahl von Ringellöchern — … es möglich sein sollte, die vom Mittelspecht stammenden Löcher … von denen des Buntspechts zu unterscheiden“ (notwendigerweise im Vergleich zum Wundtyp II)  völlig in der Luft. Insofern trifft die Aussage zu, daß derzeitig nach dem „Lochmuster … keine endgültige Unterscheidung zwischen Buntspecht und Mittelspecht“ möglich sei.

Das von BERGMANN authentisch beobachtete Saftlecken des Mittelspechts an einem Bergahorn deckt sich mit SIELMANN (vergleiche hierzu Buch S. 193). Wenn er mit dem von ihm erwähnten „neueren Werk über das Ringeln der Spechte“ mein Buch meinen sollte, insofern es darin heiße, daß das Ringeln „nichts mit dem Nahrungserwerb zu tun habe“, und zwar mit dem „Argument, daß der Spechtschnabel …. für das Trinken nicht geeignet sei“, dann zeigt dies nur, daß BERGMANNN weder meine Darstellung des derzeitigen Kenntnisstandes zum Trinken bzw. Lecken mit der Zunge (Buch S. 188ff), noch meine Widerlegung der Saftgenuß-Theorie ernsthaft studiert haben kann, und daß diese Aussage zum Trinken keineswegs der Kernpunkt meiner Widerlegung ist. Für ihn ist die bisherige Deutung des Ringelns zwecks „Gewinnen von Baumsaft und anfliegender Insekten … nach wie vor schlüssig und überzeugend ….eine anderere schlüssige Hypothese außer der Nahrungsaufnahme gibt es ((für ihn)) nicht“, punktum! Es fehlt eben auch hierbei eine kritische Würdigung aller Fakten, vor allem der baumbiologischen Grundgegebenheiten (s.u. Ziffer 3 und 10 bzw. Kap. A 14.2).

Verschiedentlich hat man beobachtet, daß der Mittelspecht Blutungssaft von Bluterbäumen auch an nicht selbst hergestellten Ringelstellen konsumiert bzw. solche aktiv sucht (eigene Beobachtung.

Die Vernarbung der Ringelungswunden

Da die Vernarbung der Ringelwunden wesentlich zum Erscheinungsbild beiträgt, bisher jedoch mit Ausnahme der manchmal an Kiefern damit erklärten Wülste (sog. Wanzenbäume Kap. A 2.4; s.u.) nirgends näher beschrieben wird (anders als in Nordamerika), rücke ich diesen diskussionsbedürftigen Sachverhalt hier ein.

Erwähnung verdienen zunächst anfänglich kleine Veränderungen an den Ringelwunden: 

Die Vertikalhiebe vom Wundtyp I, also die schlitzchenförmigen Kerben, völlig unabhängig von ihrer Entstehung (nämlich analog bei einem Messerstich) weiten sich infolge der in der Rinde herrschenden Wachstumsspannung in der Kerbenmitte etwas aus und verlängern sich dadurch auch manchmal noch ein wenig nach oben und unten, erscheinen damit länger als sie ursprünglich sind.

Horizontalwunden (analog bei An- / Einbissen vom Siebenschläfer: s. Buch-Foto 294) hingegen reißen meist nach oben oder unten, manchmal auch beidseitig etwas ein, wodurch mitunter der Eindruck entsteht, als wären diese Hiebsstellen durch kreuzweise Hiebe entstanden (Buch-Fotos 1,152, 298).

Die zum äußerlichen Erscheinungsbild führende weitere Vernarbung verläuft ansonsten beim Wundtyp I je nach Baumart in 2 unterschiedliche Richtungen (Buch-Abb. 2–1 + 2–5), dem Prinzip nach wie folgt:

→ Entweder entwickelt sich an jeder Hiebsstelle infolge einer angeregten Wundreaktion eine linsen- bis erbsengroße entfernt kreisförmige Erhebung. Diese grob pustel- oder warzenörmigen Bildungen mit zugleich rauhem grabenförmigen (erhabenen) Rand verflachen im Laufe des Dickenwachstum des Baumes unter einer Vergrößerung, zumal ihrer Breite, um sich schlußendlich zu >verlieren< (= unscheinbar werden), besonders schnell bei borkebildenden Gehölzen.

→ Oder es kommt bei jüngerer Rinde infolge einer Einschränkung des Wachstums an der Wundstelle zu einer jeweils leicht näpfchenförmigen Vertiefung (weil das Rindenwachstum dort zurückbleibt); diese >Senken< (>Dellen<) in der Rinde weiten sich im Zuge des Dickenwachstums horizontal zu einer flach eingesenkten Rinne aus, besonders auffällig bei glattrindigen Baumarten (bspw. der Hainbuche Buch-Foto 46, 48; Roßkastanie Buch-Foto 73). 

Hiebslöcher in toter Borke, so bspw. an Kiefern, bei der Hopfenbuche und manchmal auch in Borkeleisten von Linden (ansonsten in den Rindenfurchen) sind keinem weiteren äußeren Wachstum unterworfen, bleiben verständlicherweise unverändert.

 

 

 

Eine seltene Besonderheit an Kiefern sind die für die sog. Wanzenbäume typischen  Wülste als Folge jahrelang intensiver Bearbeitung gewisser Zonen im Bereich der Spiegelrinde , eine v.a. im  Gebirgswäldern vorkommende Besonderheit (Foto aus Kärnten / Österreich von Forstdir. Dr. Elmar Klein). An deren etwas stärker verborkten tieferen Baumzonen (meist im mittleren Stammbereich) kommen rinnenförmige Bildungen zustande (im französischen sog. stries / Buch-Foto 184e, 186d,e; Buch-Abb. 11+ 15).

 

zu Aspekt (2): Ringelbaumarten und Präferenzen

Die Ringelbaumarten-,Präferenzen und Häufigkeiten

Die Anzahl der Baumarten mit Ringelungsnachweis, kurzweg als Ringelbaumart bezeichnet, beläuft sich jetzt auf etwa das Doppelte früherer Befunde. Summarisch liegen Nachweise von etwa 130 Gehölzarten vor (Buch Tab.1), wobei es sich bei vielen nur um einen einzigen bis wenige Belege handelt. Für sich genommen kommt der neuerlichen Anzahl keine grundlegende Bedeutung bei, denn sie beruht zum Teil nur auf einer intensiveren und räumlich breiteren Nachsuche. Zeitlich bedingt gingen meine Nachweise aus Portugal 2012 und aus Sizilien 2013 nicht in der Monographie ein: rund um den Ätna fand ich reichlich viele Ringelungen an Birken, vereinzelt an einer sommergrünen seinerzeit noch kahlen Eichen-Art (?), ausnahmsweise an einer Steineiche Quercus ilex, ferner an einem (?Berg-)-Ahorn-ähnlichen Acer spec. sowie an dem seltenen Baumstrauch Celtis tournefortii (folgende 2 Fotos). 

An der Blumenesche Fraxinus ornus, der ich wie schon 2007 in Südtirol ihrer physiologischen Eigentümlichkeit wegen (Spendung von Manna-Zucker; Erntezeit wäre nach örtlicher Auskunft im Juli-August) in der Region Madonien besondere Aufmerksamkeit schenkte, entdeckte ich bei der Wallfahrtskirche Santuario de Gibbelmanna / Cefalu  oben auf dem Seitenast eines Stammes (dieser mit 5 Reihen älterer künstlicher Zapflöcher) einen einzigen Spechtringel (siehe Pfeil; mangels einer Leiter war kein besseres Foto möglich).

Sieht man von stark abweichenden örtlichen Gegebenheiten ab (ein ohnehin für das Ringelungsgeschehen bezeichnender Tatbestand), sind Spechtringelungen insgesamt betrachtet, d.h.gemessen am Baumbestand eine seltene Erscheinung. Dies gilt im gesamten planaren, kollinen bis submontanen Bereich besonders für die Nadelbäume. Am ehesten findet man geringelte Kiefern (Buch S.264-267 + 376-377 / Fußnote 3), Fichten sehr viel weniger (was  größere >Events< nicht ausschließt, wie die Vergangenheit lehrt / S. 378).

Aber auch in den von Nadelbäumen geprägten Bergwäldern sind geringelte Koniferen, ungeachtet sich widersprechender Angaben, spärlich vertreten (Buch v.a. S.383 / 384). Bei eigens dazu unternommenen tagelangen Begängen im südlichen Hochschwarzwald (800 – 1200 m ü.NN) fand ich lediglich eine geringelte Tanne, und zuletzt im Werdenfelser Land bei Garmisch-Partenkirchen (in Lagen bis 1500m ü.NN) nur eine einzige und zugleich dürftige, gar fragliche Spur an einer Fichte (siehe Foto; unweit davon stand die stark bearbeitete Bergulme). Insgesamt betrachtet kommen im Vergleich zu Fichten und (Berg-) Kiefern geringelte Tannen (Buch S. 267; Foto 195),und gar Lärchen (S.266, Foto 194, auch hierbei von örtlichen Abweichungen abgesehen; s.Buch S. 265, 378) nur sporadisch vor, so auch geringelte Arven = Zirbelkiefern (Foto 202).

Stellenweise bzw. örtlich sind auch Eiben Gegenstand einer mitunter äußerst intensiven Beringelung, sowohl in kollinen wie in montanen Lagen, gelegentlich sogar bestandesweise. Ich selbst konnte während 3 Jahrzehnten nie eine geringelte Eibe finden (Näh. im Buch S.268). Besonders eindrucksvolle Fälle sind u.a. aus dem Elburz–Gebirge in Persien bekannt.

Exotische (eingebürgerte) Gehölze sind nicht weniger oder stärker attraktiv wie einheimische; es gibt keinen Anhaltspunkt für eine „allmähliche Anpassung an fremdländische Bäume“, wie dies einmal unterstellt wurde (TURČEK 1961 Kap. A 9).

Grundsätzlich wichtig ist allein der Befund, daß es einige bei uns heimische wie eingebürgerte und z.T. zugleich reichlich vertretene Baumarten gibt, von denen bisher kein Ringelnachweis bekannt ist: Platane, Baumhasel, Magnolien, Tulpenbaum, Stechpalme, Holunder, Sanddorn (dies entgegen einer einst missgedeuteten Beobachtung /s. Buch S.257), viele Obstbaumarten wie Pfirsich, Quitte, Mirabelle, … , ferner Zedern, Thuja (man beachte die Rezension von H.WINKLER in Teil II), Tsuga, u.a.m.. Es bleibt dahingestellt, ob es dabei bleibt oder irgendwann doch der eine oder andere ergänzende Nachweis dazukommt, möglicherweise bei der Gemeinen Esche (bisher nach meinen Befunden ein einziger Treffer auf Hunderttausende!! (Buch-Foto 64), sowie für die eben genannte Blumen- = Mannaesche Fraxinus ornus.

Doch würde ein weiterer Zugewinn an Baumarten nichts daran ändern, daß die Attraktivität der Gehölzspezies höchst unterschiedlich ist; dies gilt gleichermaßen für einheimische wie eingebürgerte Gehölze oder sog. Fremdländer.

Entgegen einer verschiedentlich geäußerten Meinung hängt das Beringeln einer Baumart weder mit ihrer häufigen noch seltenen Verfügbarkeit zusammen. So bleibt manchmal, um die Wirklichkeit zu schildern, eine einzelne Roteiche oder zu wenigen vorhandene- Exemplare dieser grundsätzlich bevorzugten Baumart, verschont, obwohl man meinen könnte, daß solche Objekte umso mehr wie ein >Magnet< wirken, d.h. das Beringeln auf sich ziehen müßten. Ebensowenig existieren gesicherte regional unterschiedliche Präferenzen (A 12 / Buch-Karte 2,2b), eher lokale, wie dies manche Situation nahelegt. So berichtete mir jüngst der Zoologe Dr.V.DORKA / Tübingen von gehäuft geringelten Erlen im oberen Schlierenbachtal (östlich von Einsiedel im Schönbuch), während ich im Umfeld von Rottenburg im Rammert im Laufe vieler Jahre nur ein Exemplar (Buch-Foto 2) und einige wenige bei Mössingen am Rand der Schwäbischen Alb finden konnte.

Der Häufigkeitsgrad von Beringelungen ist also zunächst nach Baumarten höchst unterschiedlich. Auf Grund fremder und eigener Befunde sind Eichen a.A. = Quercus specc., zumindest Europa-weit, bevorzugt (Kap. A 9). Einen besonderen Stellenwert hat dabei die Roteiche Quercus rubra; hingegen ist die immergrüne Steineiche Quercus ilex, ein Hartlaub-Gehölz der mediterranen und anderer wintermilder Regionen nur höchst selten Gegenstand einer Beringelung (Buch-Fotos 133/134). Der besondere Stellenwert der Gattung Quercus geht allein schon aus der Tab.1 im Buch hervor, die 28 Eichen (Unter-) Arten mit Ringelungsnachweis aufweist. Inzwischen kann ich ergänzend noch die Arten Qu. falcata und Qu. texicana (Botan.Garten von Dresden) nennen. Entgegen vieler Verlautbarungen werden Linden keineswegs bevorzugt; die Ringelungsbilder sind nur vergleichsweise über sehr lange Zeiträume besonders auffällig; sie rangieren ziemlich weit hinter der Gattung Ulmus, bei welcher die Bergulme Ulmus glabra anscheinend der Favorit zu sein scheint. Dies verdient der Erwähnung unter dem Gesichtspunkt, daß hierzu „methodisch korrekte quantitative Analysen“, wie es sich der Rezensent H.WINKLER vorstellt, allenfalls für kleine Gebietsareale vorliegen und überhaupt möglich wären (s. meine Stellungsnahme). Zum Stellenwert unserer Acer– Arten (ihrer Rangstellung) beachte man meine Anmerkungen im Teil IV.

Zwar sind Ringelbäume in manchen Waldgebieten nahezu allgegenwärtig, zumindest streckenweise. Andernorts fehlen sie auf weiteste Strecken, auch in Gebieten mit Eichen. Mit Blick auf das bereitstehende Arsenal an Bäumen , also insgesamt betrachtet, sind Spechtringelungen selten.

 

zu Aspekt (3): Baumsäfte (Baumsaftkartegorien) und die Baumphysiologie

Nach der bisher herrschenden Meinung fällt den Baumsäften eine essentielle Bedeutung für die Ernährung der Spechte zu, bedingt auch für ihre Verbreitung. Bei sämtlichen Bäumen kommen sie in zwei Kategorien vor, zum einen als Xylem- oder Holz-Saft, der mit den Zellverbänden des Xylems in Verbindung steht und zum andern als sog. Phloemsaft = Assimilatesaft (= „Lebenssaft“ / Ratzeburg 1869) im Bast. Deren Substanzwert ist grundsätzlich so verschieden, wie er unterschiedlicher kaum sein könnte.

Ersterer enthält im wesentlichen nur mineralische Stoffe, aber so gut wie keine organischen Substanzen mit Nährwert, allenfalls zu Anfang der Vegetationszeit etwas Zucker bei den sog. Bluter-Gehölzen (s.u./ zwischen 0,xx– 1,5% bei Hainbuche und Birke, bei Acer samt Zuckerahorn bis 8% / Näh. Buch-Tab.6; Eiweißgehalt nicht nennenswert). Xylemsaft ist daher entgegen manch überschwänglicher Behauptung äußerst nährstoffarm, selbst beim Zuckerahorn mit dem relativ höchsten Zucker-Gehaltswert unter den Waldbäumen. Für den Menschen ist der besagte Zuckergehalt im orginären Holzsaft nicht oder allenfalls andeutungsweise wahrnehmbar, dies entgegen der auch einmal geäußerten Behauptung, daß er „so süß wie Zucker“ sei. Diese Eigenschaft trifft indessen auf den durch die Kohlehydrat–Synthese in den Blättern / Nadeln hervorgegangenen Assimilatesaft-Phloemsaft zu, zumal im Herbst (s.u).

Beide Kategorien unterliegen unterschiedlichen für das Ringeln maßgebenden baumphysiologischen Gesetzmäßigkeiten und Grundgegebenheiten, die bisher kaum einmal beachtet (lediglich von GIBBS1983), sondern völlig übersehen wurden, obwohl sie schon seit der Mitte des 19.Jahrhunderts bekannt waren. Diese mit Blick auf das Ringeln zum Verständnis unabdingbaren elementaren Grundtatsachen sind eigens im Buch in Kap. A 8 dargelegt.

Von grundlegender Bedeutung ist im Zusammenhang mit der Spechtringelung die Unterscheidung zwischen den sog. Bluterund den NichtbluterBaumarten. Zu den ersteren, die allenfalls 5% aller einheimischen Baumarten ausmachen, zählen alle Acer-Arten, die Hainbuche sowie Birken und die Walnuß; die Buche gilt als >schlechter< Bluter. Hingegen ist die sporadisch durch Pflanzung vorkommende Hopfenbuche Ostrya carpinifolia ein starker Bluter, wie auch der Weinstock, die Rebe (Näheres  in Kap. A 8.1). Bei ihnen tritt während einer weitgehend begrenzten Zeit im Vorfrühjahr, vor dem Knospen- und Laubaustrieb (bei Acer specc. ausnahmsweise schon im Dezember) aus den üblichen Ringelungshieben, die mit Ausnahme bei Linden (einem Nichtbluter) regelmäßig bis auf oder in den Splint gehen, der besagte Xylemsaft als sog. Blutungssaft aus; bei Acer spec. mit einer diurnal schwankenden Dynamik setzt dies zusätzlich Frost voraus, zumal Nachtfrost (in Nordamerika sprechen die Zuckerahorn-Saftzapfer von >sugar-weather<), was mitunter Eiszapfen / Eisleisten an Ringelstellen mit sich bringt (Buch-Fotos 10c, 19-22). Die Blutungsstellen treten meist infolge Gärung (durch Hefepilze) nach kurzer Zeit durch weißliche, gelbliche oder auch rötliche bis orangefarbene Verfärbung auffällig in Erscheinung, doch nach meiner Beobachtung gerade nicht bei Acer (vermutlich wegen der nicht kontinuierlichen Exsudation).

Bei allen sonstigen Laubbäumen sowie sämtlichen Nadelbäumen handelt es sich um Nichtbluter.

Im Glauben an die Bedeutung der Baumsäfte als Specht-Nahrung hat man dem Blutungssaft unter z.T. völlig verstiegenen Annahmen und aus der Luft gegriffenen Vorstellungen eine essentielle Rolle beigemessen. Diese Anschauung brachte auch mit sich, daß Beobachter alias Autoren im Zusammenhang mit dem Ringelungsgeschehen (samt Erhebungen bspw. zum Ringelungszeitpunkt) lediglich Bezug auf diesen nährstoffarmen Blutungssaft nahmen und nehmen. Dessen Potential als Nahrung wird nicht dadurch erhöht, daß der Blutungssaft während der fallweise mehrere Wochen anhaltenden Blutungszeit über Ringelwunden verhältnismäßig leicht zugänglich wäre und in großer Menge zur Disposition stünde. In einem fast diametralen Gegensatz zu der legendenhaften Nahrungsrolle steht allein schon die relative Seltenheit der Beringelungen an den Bluter-Gehölzen. Entgegen der bisher herrschenden Ansicht werden die meisten Ringelungen während der Vegetationszeit an Nichtblutern verübt. (Buch-Diagramme 2a+b). Von dem regelmäßig in großer Menge (zumal an Birken und Hainbuchen) verfügbaren Blutungssaft nehmen unsere Ringelspechte offensichtlich nur kleine Quanten durch Lecken auf, ein kleiner Bruchteil der verfügbaren Menge, dies auch wegen die morphologischen Beschaffenheit ihrer Zunge, die im Unterschied zu den amerikanischen Saftleckerspechten zu einer effizienten Nutzung wenig geeignet ist.

An den Nichtblutern tritt aus Ringelwunden in dem besagtem Zeitraum allenfalls, wenn überhaupt, eine winzige Spur von dem grundsätzlich nährstoffreichen sog. Phloemsaft hervor: Zuckergehalt ≤ 20 -30% und etwas Eiweiß (Buch-Tab.7). Später im Jahr, v.a. gegen Ende der Vegetationszeit, kann es bei allen Bäumen, Bluter- wie Nichtbluter-Gehölzen, fallweise und unvorhersehbar (nämlich an entsprechenden Wunden,und unter bestimmten inneren physiologischen Zuständen) ganz kurzfristig zum Austritt von einem oder gelegentlich mehreren Tropfen dieses sodann besonders nährstoffreichen Assimilatesaftes kommen, d.h. in einer in jedem Fall sehr geringen Menge (Buch-Fotos-204-210). Dessen gezielte Erschließung würde eine bestimmte Vorgehensweise voraussetzen: die Einschnitte müssen quer (bis schräg)  zur Faser- = Gefäßrichtung stehen und dürfen nur bis in den Jung- oder Leitbast (einer nur hauchdünnen Gewebeschicht knapp über dem Kambium) gehen, nicht bis in den Splint, denn sonst werden die austretenden Phloemsaft-Tropfen umgehend vom Transpirationswasserstrom infolge Unterdruck eingesaugt (unter >Schlürfgeräusch<; Buch S.224-225; 423 / Fußnote 18). Da der Phloemsaft in den Gefäßbahnen von oben nach unten geführt wird, gibt es weiteren Saft aus den gleichen Gefäßbahnen allenfalls aus oberhalb, also nach oben abgerückt angebrachten neuen Wundstellen. Auch dieser Bedingung tragen unsere Spechte im Unterschied zu den amerikanischen Saftleckerspechten samt deren Ausstattung mit einer angepaßten (Bürsten-) Zunge mit den von ihnen speziell hergestellten Ringelwunden nicht Rechnung (Näh. in Kap. A 14.2; man beachte auch meine Besprechung der Rezension von H.WINKLER). Die Ringelungen unserer hiesigen Spechte verschaffen daher keinen systematischen Zugang zum Phloemsaft.

Unsere Hornissen, die sich gelegentlich auch für den Phloemsaft und das kambiale Gewebe interessieren (v.a. gegen den Herbst zu)  >schälen<, d.h. benagen dazu junge Triebe mancher Laubbäume, bezeichnenderweise fortschreitend auf die Triebspitze zu.  Und unsere Bilche (vorab der Siebenschläfer) kommen ebenfalls auf die ihnen eigene Weise durch überaus unterschiedliche Formen der Rindenbeschädigung an den Phloemsaft sowie auch an das Kambium (Näh. im Buch S. 573 ff).

Vordergründig betrachtet erscheint es unter dem Gesichtspunkt des höchst unterschiedlichen Substanzwertes der beiden Baumsaftkategorien naheliegend, daß Nichtblutergehölze im Vergleich zu den Blutern sehr viel stärker und vor allem weitaus häufiger beringelt werden. Diese Präferenz resultiert nicht aus einer quantitativ besonders starken Nutzung von deren Phloemsaft. Wie noch gezeigt werden wird, sind dessen Ausbeutung baumphysiologisch bedingte enge Grenzen gesetzt. Im entschiedenen Widerspruch zu der den Saftgenuß beigemessenen existenziellen Bedeutung der Baumsäfte steht allein schon das relativ seltene und örtlich nur sporadische Vorkommen von Ringelbäumen gemessen am Potenzial der für die Beringelungen infrage kommenden und gar bevorzugten Baumarten. So trifft auch die bisher als gültig erachtete Saftgenuß-Theorie hinsichtlich der dem Baumsaft bisher beigelegten ernährungsbiologischen Bedeutung nicht zu (s. u. Ziffer 10; im Buch A 14.2, des Weiteren meine Stellungsnahme zur Rezension von H.WINKLER.

 

zu Aspekt (4): Zeitpunkt der Ringelungen

Nach bisher herrschender Ansicht erfolgt das Beringeln nur bzw. hauptsächlich im Frühjahr (stellvertretend folgende Zitate: „Hauptmonate … März bis Mai“ / Handbuch der Vögel Mitteleuropas; „findet nur im Frühjahr statt“ / ALTENKIRCH 2002; Kap. A 10). Dies trifft keinesfalls zu. Bei den Bluterbaumarten beschränkt sich das Beringeln nach jetzigem Kenntnisstand auf den Zeitraum ihrer Blutungsphase, die je nach Baumart in die Zeit vom Nachwinter bis zum Austrieb der Blätter fällt; am Anfang stehen die Ahorne Acer spec. (Beringelungen meist ab Mitte–Ende Januar, gelegentlich schon im Dezember); Hainbuche und Birke bluten hierzulande erst in der Zeit (Februar) März (April). Die Nichtbluter-Bäume (also einschließlich aller Nadelbäume) werden zwar gelegentlich auch schon vor der Vegetationsperiode beringelt, hauptsächlich jedoch während der Vegetationszeit, also etwa in der Zeit von (Anfang) Mitte Mai bis Ende August / Anfang September (im Buch Tab.2a bzw. graphisch Tab.2b).

Eminent wichtig wie bezeichnend ist in diesem Zusammenhang der Befund, daß nach meiner auf vielen Nachprüfungen und Versuchen beruhenden Erkenntnis Schadbilder nach Art vom sog. >Eichenkrebs< bzw. der >T-Krankheit< an den Bluterbaumarten nicht vorkommen; allenfalls vorgetäuscht durch besondere Umstände (s. hierzu Buch-Foto 18). Jene Krankheitsbilder an Laubbäumen sind so gut wie immer eine Folge des Befalls mehr oder weniger frischer Ringelungswunden durch kambiophage Kleininsekten, entweder der Gallmücke Resseliella quercivora oder auch der Fliege Chyliza leptogaster (s. unter Ziffer 8). Diese beiden Organismen schwärmen aber  nur während der Vegetationszeit. So wenig wie man an Bluter-Laubbäumen diese Insekten an Ringelstellen antreffen kann, so wenig von ihnen erzeugte Nekrosen an dieser Baumkategorie (Näh. bei DENGLER 2004). Daher sind die von diesen Insekten an Laubbäumen verursachten Schadbilder ein besonders wichtiges Indiz zum Ringelungszeitpunkt, darüber hinaus auch ein Schlüsselfaktor im Hinblick auf die Präferenz bestimmter Baumarten als Beringelungsobjekte, weil fast alle Laubhölzer Wirtsbäume für die beiden genannten Insekten sind (s.u. Nr. 7).

 

zu Aspekt (5): Die gezielt visuelle Platzierung der Ringelwunden

Nach Maßgabe der nachfolgend aufgelisteten Befunde und Gegebenheiten, die bisher nie bemerkt oder gar angesprochen wurden, werden sämtliche Ringelwunden nicht blind mechanisch gesetzt, sondern unter visueller Orientierung, also ausnahmslos optisch gezielt platziert, dies ungeachtet des regelmäßig schnellen Ablaufs von Beringelungen. Ich selbst kam erst gegen Ende der Textabfassung zu dieser Erkenntnis; daher ist dieser Gesichtspunkt leider nicht in Form eines eigenen Kapitels in das Buch eingegangen (dort versteut auf den Seiten 46, 48, 75, 297, 304, 312-314, 317, 318, 326, 361, 489, 495).

Es verdient der Erwähnung, daß sich die manchmal vorkommenden Aufreihungen (Abfolgen) mehrerer Horizontalhiebe vom Wundtyp I (s. unter Ziffer1; siehe bspw. Buch-Abb. 1 G+H), deren Entstehung mir jahrelang ein Rätsel war, sich nur durch diese optische Platzierung erklären lassen.  Ihr Zweck ist damit allerdings noch nicht gedeutet (man beachte hierzu meine Anmerkung in den Ausführungen zum Verhaltensatavismus).

Für die optische Orientierung gibt es folgende Anhaltspunkte und Befunde:

  • Zunächst schon der meist überaus gleiche metrische Abstand der Hiebspunkte, am besten sichtbar bei den >Punktmakeln< im Holz, dies jeweils in einer Hiebsreihe bzw. einem Ringel; bei einer willkürlichen Beringelung käme eine derartige gleichmäßige Verteilung nicht zustande. Dabei kann der jeweils tatsächliche Abstand der Hiebspunkte von Ringel zu Ringel höchst unterschiedlich sein; er kann bei wenigen mm liegen oder gar mehreren cm! Nicht bekannt ist, ob der Abstand eine individuelle Eigenschaft des jeweils ringelnden Vogels ist. Manchmal nimmt die Beschaffenheit der Rinde Einfluß auf den Abstand, bspw. durch Rindenrisse und Furchen (s.u.).
     
  • Die Wundtypen II (fransige Löcher), und III (>gestanzte Löcher<), die eine mehr oder weniger punktgenaue Platzierung der Hiebe voraussetzen. Der Wundtyp IV mit abgehobener Borke (Periderm), auf dem die 2-4 (5) Hiebe ziemlich gleichmäßig verteilt sind, lässt sich ebenfalls nur durch ein gezieltes Vorgehen herstellen.
  • Bei einigen Laubbaumarten mit einer im zunehmenden Alter wechselhaft dicken Beborkung werden der Hiebe gezielt in die dünnrindigen Ritzen / Fugen platziert, an den selten bearbeiteten Robinien sowie selbst an Bergulmen bereits bei jungen Bäumen trotz der zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorhandenen unterschiedlichen Dicke, sondern lediglich farblicher Differenz (sic!). An älteren Linden ist die Platzierung in den Rindenfugen die Regel, nicht hingegen an Kiefern; wenigstens werden bei ihnen die Ringelungswunden auch in dickborkige Zonen angebracht.
  • Mit Blick auf die bereits erwähnten Wülste der sog. Wanzenbäume (s.o.), die auf einer überaus engen Abfolge der Ringelungshiebe beruhen, war bereits Fr.BODEN (1879a) zu der Erkenntnis gelangt, daß vorhandene, d.h. alte Hiebspunkte nie erneut angeschlagen werden (s. nächster Abschnitt). Auch in Fällen, wo Ringelhiebe nicht in Reihe, sondern gehäuft beieinander stehen, sind sie getrennt platziert.
  • Ein besonders eindrucksvolles Dokument für eine optische Orientierung beim Ringeln sind die von mir zufällig registrierten Fälle, wo ein Teilringel ergänzt oder in ihn ein neuer Hiebspunkt oder gar mehrere neue Hiebsstellen auf Lücke eingefügt wurden (Buch-Foto 110 e+f).

In diesem Zusammenhang sind auch folgende Tatbestände beachtenswert:

  • Im Zuge der Nahrungsfindung an kranken und toten Bäumen mit Rinden-/ Holzbrüterbefall erfolgt das Ablösen- / Abspalten der Rinde oft mit bewundernswert gezielten Tangentialhieben unter Anbringung präziser Parallelschläge (Buch-Foto 274, 191b, , sowie Abb.16); analoge Bilder kommen auch bei Hackschäden vor (Buch-Foto 263, 272b, 273).
  • Eine optische Orientierung im Dasein unserer Hackspechte zeigt sich auch bei der Herstellung der sog. echten Spechtschmieden (zwecks Ausbeutung von Koniferenzapfen), nämlich bei der Zubereitung des passenden figürlichen Zuschnitts für die jeweilige Zapfenform.
  • Bei der Herstellung von Bruthöhlen werden die Hiebe den Notwendigkeiten entsprechend angebracht, was ein gelegentliches Fehlverhalten (wie im Fall Foto 269 im Buch) nicht ausschließt.

 

zu Aspekt (6): Bearbeitung alter Wunden

In jüngerer Zeit wurde wiederholt behauptet, daß der Vogel beim Ringeln die alten Ringelwunden erneut bearbeite. Dies ist barer Unsinn; allein schon fast jedes Bild einer üblichen Beringelung mit Narben aus unterschiedlichen (mehr als 2) Jahren widerspricht dieser Ansicht. An Klarheit fehlt es allenfalls in Fällen, bei denen die Ringelstellen bspw. mit Harz verkrustet sind (s.Buch-Fotos 186f –i). Ein Mal ist sogar von „verklebten“ alten Wunden die Rede, welche der Vogel als „Brunnenlöcher“ das ganze Jahr über bei >Bedarf< wieder öffne (DREYER 1996) bzw. würden „im Folgejahr …. auch über viele Jahre die alten Narben wieder geöffnet“ (BEZZEL 1985), was nicht nur jegliches dendrobiologisch-anatomische Verständnis betr. der Vernarbung in der Rinde und im Holz vermissen läßt; denn durch innere Verholzung sind an punktgenau gleicher Stelle die Gewebsstukturen verändert! Diese Aussagen sind schwerlich etwas anderes als Ausdruck von Gedankenlosigkeit – vor der man selbst nicht gefeit ist – oder / und wie gesagt einer fehlenden Anschauung mehrjähriger Ringelungsschadbilder!

Es ist gerade umgekehrt! Grundsätzlich meidet der Vogel ältere Ringelungswunden, frische wie vernarbte. Dies hat schon vor etwa 150 Jahren der bereits genannte akribisch-scharf beobachtende Fr.BODEN (1879a) festgestellt; fiel aber dem Vergessen anheim, wie auch seine Erkenntnisse über die Ursache vom sog. Eichenkrebs (s.u. Ziffer 7 bzw. Kap. A 2.6). Er hatte auf Grund von Analysen der an Kiefern mitunter vorkommenden Wülste (Wanzenbäume), die auf einer sehr dichten und wiederholten Beringelung bereits vorhandener Ringelstellen beruhen, festgestellt, daß selbst dort die neuen Wunden „wenige mm zwischen, über und unter“ die alten Wunden gesetzt werden. Dies deckt sich mit der von ECKSTEIN (1897) konstatierten ebenfalls analytisch ermittelten Feststellung, daß die in Folgejahren von Hieben herrührenden Farbmakel im Holz nicht von einer erneuten Bearbeitung an exakt dieser Stelle stammen: „Niemals ist der nächste jüngere Jahrgang gerade an der Überwallungsstelle dieser Wunde selbst verletzt“ (s. im Buch Abb.13). Wenn aber an genau der gleichen Stelle im Folgejahr, d.h. in sich anschließender peripherer Position, doch ein Farbfleckchen in Erscheinung treten sollte, erklärt sich dies durch folgenden, im nächsten Abschnitt (= 7) noch einmal aufgegriffenen Tatbestand: die durch die Verwundung ausgelösten Farbfehler im Holz sind in axialer Richtung stets um ein Vielfaches länger als in der Querschnittsansicht; daher treten sie dort auch dann ins Bild, wenn die Hiebswunde auf einer anderen Ebene (darüber oder darunter) angebracht wurde.

Wie am Beispiel einer älteren Linde (Buch-Foto 106 d-j) näher beschrieben ist, kann es unter bestimmten Umständen dazu kommen, daß auch die eine oder andere alte vernarbte Ringelwunde einen neuerlichen Hieb abbekommt (wohl wegen der Ähnlichkeit mit natürlichen Vertiefungen); dies traf an jenem Baum Mitte Mai 2010 und erneut Mitte Mai 2015 zu (eine zufällig bei einem Informationsbegang mit dem Tübinger Zoologen Dr.V.DORKA) vorgefundene ebenfalls nahezu frische Beringelung). Auch an einer alten Hopfenbuche mit ihrer sehr harten spröden Borke (Objekt im Buch-Foto 38; speziell Foto 38d) läßt sich von außen die Situation nicht klar durchschauen.

 

zu Aspekt (7): Die Ringelungsmarken im Holz

Da die Ringelungshiebe regelmäßig bis an / auf oder in den äußersten Splint gehen (Ausnahmen bei Linden: Buch-Foto 110 g-k), führt dies im Holz der meisten Baumarten (kaum bei der Hainbuche / Foto ganz rechts; sie >zeichnet< schlecht), im Querschnitt betrachtet, fast immer zu den in Kreisen der Forst- u. Holzpraxis laienhaft oft als >Punktkrebse< oder als >Punktnekrosen< bezeichneten rundlichen Makel von bräunlicher / schwärzlicher Farbe (Kap. A 2.5).

Von jedem dieser >Punkte< geht in axialer Richtung, also im Längsschnitt betrachtet, nach oben wie unten jeweils eine spindel- oder strichförmige Verfärbung aus, in ihrer Länge stets ein vielfaches des Durchmessers vom Farbmakel. Im Querschnitt, also bei einem entsprechenden Aufschnitt des Holzes, tritt er je nach dessen Position als rundlicher bis winziger Farbnekrose-Punkt in Erscheinung. Ihre beider Position innerhalb eines Jahrringes ist (vor allem im Längsschnitt) ein guter Anhaltspunkt für den Zeitpunkt der zugrunde liegenden Ringelung während der Vegetationsphase (s. Buch-Foto 178).

Durch diese dauerhaft im Holz konservierten kleinen Spuren, deren Ursache den Holzverarbeitern kaum einmal bekannt ist, wird die Verwertbarkeit des Holzes kaum einmal beeinträchtigt; dem Baum schaden sie in keinster Weise. Nie kommt es dadurch zu einer Holzfäule. Manchmal wird ihnen bei Holzprodukten wie bspw. Dekor-Bodenbelägen das Etikett >rustikal< angeheftet; in der Tat bewirken sie ausnahmsweise ästhetische Effekte (Buch-Foto 179; „sometimes it makes a decorativ effect“ in der amerikanischen Literatur).

Anders ist es fast immer dann, wenn sich bei Laubhölzern in den mehr oder weniger frischen Hiebswunden kambiophage Insekten einnisten.

 

zu Aspekt (8): Die kambiophagen Wundbesiedler

Fundamental neue Erkenntnisse gingen mit der Klärung der Ursache vom sog. Eichenkrebs an hiesigen Quercus-Arten (nicht an der Roteiche Qu. rubra! Näh. bei  DENGLER 2004), die man fälschlicherweise als eine bis dahin nicht bekannte Erscheinung bezeichnete, resp. der sog. T-Krankheit bei Laubbäumen einher (Näh. in Kap. A 2.6). Die Ursache für dieses Krankheitsbild war bis in jüngere Zeit rätselhaft. Meinen jahrelangen Untersuchungen zufolge ist hierfür i.W. der Befall von Ringelungswunden durch kambiophage Kleininsekten, deren Larven sich im kambialen Gewebe entwickeln, verantwortlich, i.e.L. die etwa 2,5 mm große Gallmücke Resseliella quercivora (Buch-Fotos bei DENGLER 2004, Foto 2+3 zeigt rasterelektronische Aufnahmen vom Fühler des Männchens und des Weibchens), vergleichsweise selten auch die etwa 5-6 mm große Nacktfliegen-Art Chyliza leptogaster (DENGLER 1997a / Lit. Verzeichnis Buch), die beide ziemlich polyphag an Laubbäumen vorkommen. Die Verursacherrolle einer Gallmücke wurde schon vor fast 150 Jahren erkannt (BODEN 1879), was jedoch bald der Vergessenheit anheim fiel. Erst in jüngerer Zeit geriet dieses für die pathologischen Schadbilder hauptverantwortliche Insekt, dessen Erstbeschreibung 1965 ein Fund im Kaukasus zugrunde liegt, im Zusammenhang mit der Erforschung vom Eichenkrebs erneut ins Blickfeld; sowohl in England (GIBBS 1982), als auch in Deutschland (DENGLER 2004) sowie in Frankreich (MATHIEU et al 1994,1998). Das Schadbild fand ich auch an einem Ort in Spanien / Katalanien (Buch-Foto 136), dagegen nicht in Portugal und Sizilien, dies möglicherweise nur als Folge unzureichender Kontrollen, landesweit betrachtet. Auch hierzulande gibt es Örtlichkeiten bis hin zu größeren Gebieten mit Ringelungen an Nichtbluter-Gehölzarten ohne Indizien für Kambiophagen-Befall. In solchen Fällen ist davon auszugehen, dass in jenen Arealen diese Insekten (noch) nicht beheimatet sind.

    

Notiz: Es ist der Erwähnung wert, daß bei den in diesem Zusammenhang sowohl in Deutschland als auch in Frankreich (JACQUIOT 1960; MATTHIEU 1994) angestellten Untersuchungen zunächst die Rolle der Ringelungshiebe gar nicht erkannt bzw. für möglich gehalten wurde; man habe den Specht nicht beim Ringeln beobachtet und die Vielzahl der Ringelwunden sei doch schwerlich anders als durch Spechtinvasionen, die genauso wenig dokumentiert seien (ZOHT1989) erklärlich), beides Ausdruck dafür, wie wenig bisher das Erscheinungsbild und die Wesenheit von Ringelungen der Spechte in der Forstspraxis und unter Biologen (zumal Ornithologen) bekannt war und auch jetzt noch ist.

An Laubbäumen sind mehr oder weniger frische Ringelungswunden in jedweder Höhe (von der Basis bis in die Kronen) ein besonders günstiges Bruthabitat dieser Insekten, v.a. für die nur etwa 2,5 mm große dämmerungs-nachtaktive Gallmücke; die etwa 5-6mm große tagaktive Nacktfliege ist von vergleichsweise geringer Bedeutung. Bei dieser Konstellation handelt es sich um eine sog. Metabiose. Die beiden Insekten-Arten, besonders die Gallmücke, sind geradezu auf Ringelungshiebe hin organisiert. Denn ihre Biologie ist hochgradig auf die zufällige Verfügbarkeit von mehr oder weniger frischen befallsgeeigneten Wundstellen (zumindest bis in den Bast) hin abgestimmt. Dazu gehören u.a. auch folgende Tatbestände: sowohl die Entwicklungszeit der Larven als auch die Generationsdauer, nämlich unter Einbeziehung der Verpuppungszeit, schwankt in einem ungeheuerlich breiten Zeitrahmen, von wenigen Wochen bis weit über 1½ Jahre (Näheres bei DENGLER 2004). Dadurch streut das Vorkommen befallsbereiter Weibchen über die gesamte Schwärm- bzw. Hauptberingelungszeit an Nichtbluter-Laubbäumen, also während der Vegetationsphase.

Der Befall führt zu Nekrosen im Bast, deren Größe von der Anzahl der Larven abhängt. So gut wie immer werden deren Brutkavernen zusätzlich von unterschiedlichen Mikropilzen, die zunächst als Verursacher des Schadbildes angesehen wurden, besiedelt; diesem Sachverhalt ging man v.a. in Frankreich (JACQUIOT 1960, MATTHIEU et al 1994,1998) sowie in England (GIBBS 1982) nach; vermutlich trägt dieser Pilzbefall zu der schwarzbrauner Färbung der Nekrosen bei. Diese gehen nie mit einer Holzfäule einher.

 

Die nekrosebedingten Folgeschäden sind die eingangs genannten Schadbilder, die mehr oder weniger weit über die besagten Punktkrebse hinausgehen; in Extremfällen haben sie bis zu handflächengroße äußerliche Rindenschäden zur Folge entsprechend unterschiedlich sind die Schadstellen im Holz.

Diese beeinträchtigen manchmal dessen Nutzwert; doch so gut wie nie haben sie eine tödliche Folge für den Baum bzw. Baumteile (Buch-Foto 142); auch wird der Zuwachs nicht beeinflusst. Vielmehr wird >lediglich< das äußere Erscheinungsbild der betroffenen Stämme oder Äste mehr oder weniger stark  — in Abhängigkeit von der Größe der Nekrosen — verändert, womit sich der Begriff Krebs erklärt; die Bezeichnung T-Krankheit geht auf das Erscheinungsbild der durch Überwallung der Nekrosen erzeugten Schadbilder in ihrer Querschnitt-Ansicht im Holz in Form einer T-förmigen Narbe zurück: der Stiel vom >T< über der Nekrose ist die Naht, die sich beim Aufeinandertreffen der Überwallungswülste von den Seiten her bildet; denn infolge ihrer Epidermis können diese zunächst und fallweise lange Zeit nicht miteinander verwachsen (Buch-Abb. 2-3 und 25).

Weil beide Insektenarten wie gesagt nur während der Vegetationszeit schwärmen, hierzulande etwa ab Anfang / Mitte Mai bis etwa Ende August / Anfang September, ist das Vorkommen der Schadbilder (äußerlich wie im Holz) jeweils ein Indiz für den Zeitraum der Beringelung. Und die Tatsache, daß das Krankheitsbild nach meinen Befunden nur an Nichtblutern vorkommt, ist  – über die direkten Befunde zum Stellenwert der einzelnen Baumarten hinaus –   ein wichtiger Hinweise auf die Rolle der Nichtbluter als Ringelungsobjekte im Vergleich zu den Blutern. Zudem beruht auf dem Eichenkrebs-Vorkommen, das in die Tausende von Bäumen auf relativ kleinen Arealen gehen kann, u.a. auch die Einstufung der Eichen als bevorzugte Ringelbaum-Taxa.

 

 

 

Daß der Große Buntspecht manchmal größere Brutstellen der Gallmücke ausraubt (Buch-Foto 143-145), gehört mit Blick auf die Speisekammer-Hypothese (A 15.1) in den Zusammenhang der Deutung des Ringelns.

 

zu Aspekt (9): Harzverzehr?

Aus Wunden bei Koniferen tritt fast immer Harz zutage. Entgegen früherer Überzeugung und wiederholter Behauptungen in der jüngeren Vergangenheit (bspw. BLUME et al. 1961 und weitere; „attiré par le résin et la sève sucrée“ / CLERGEAU et al. 1988) wird aber Harz im Einklang mit früheren Ansichten und mit vielen Magenanalysen nicht gefressen oder gar „gesogen“, wie es einmal heißt; der Specht könnte es ohnehin nicht verdauen, Alle mit Harz zusammenhängenden Befunde und Annahmen sind im Buch (Kap.8) eingehend besprochen.

 

zu Aspekt (10): Die Ringelungsursache – Deutungen zur Spechtringelung

Zur Ursache des Spechtringelns wurden im Laufe der Zeit mehr als 20 Erklärungen (zuletzt noch 2005) aufgeboten, darunter z.T. skurrile bis absurde Deutungen; in der Monographie werden sie im Detail einzeln erörtert (A 14 und A 15). Hier führe ich sie nur namentlich mit einem Stichwort auf:

● Saftlecker-Theorie, ● Perkussions-Hypothese, ● Speisekammer-Theorie, ● Beuteanlockung (angelockt / angeklebt), ● Schnabelschärfung, ● Schnabelsäuberung, ● >Lust und Laune< = Spieltrieb / Bosheit / Langeweile, Übermut ● biozönotische Ursache, ● saubere Wirtschaft, ● Insektenversteck, ● Hervorscheuchen von Beuteorganismen, ● akustische Resonanz, ● territoriale Abgrenzung, ● Trinkwasser-Ersatz, ● Vorbereitung zur Nisthöhlenanlage, ● Erprobung der Schnabelkraft, ● Selbstmedikation und Drogenkonsum, ● „kreative“ bildhauerische Tätigkeit und Klangerlebnis, u.a.m.

Die meisten dieser Thesen konnten schon zu ihrer Zeit widerlegt werden. Die Deutung des Ringelns als Drogenkonsum oder als Selbstmedikamention leitete man von Beringelungen an der giftigen Eibe ab.

Die bereits unter Aspekt 8 genannte Tatsache, daß zwecks Fraß der (Gallmücken-) Larven aus Kambiophagen-Befall herrührenden größeren Befallsstellen vom Specht eröffnet und ausgebeutet werden, liefert keine Erklärung für die sog. Speiskammer-Theorie.

Die Saftgenuß- = Saftlecker-Theorie
samt Diskussion

Inhaltliche Überschneidungen mit
meiner Stellungsnahme zu H.WINKLER sind unvermeidlich

Die als erste aller Deutungsvorschläge schriftlich geäußerte Idee, wonach es den Spechten beim Ringeln um Baumsaft gehen könnte (KÖNIG 1849), hat sich nach >langen Auseinandersetzungen< (Buch S. 403-404) auch gegen anderweitige Erklärungen als sog. Saftgenuß-Hypothese = Saftlecker- oder Saftgenuß-Theorie (A 14.2) etabliert und wird seit etwa 125 Jahren bis in unsere Zeit fast widerspruchslos als gültige Deutung des Geschehens betrachtet. In der jüngeren Vergangenheit wurden kaum noch Einwände gegen diese Deutung präsentiert, etwa wie folgt: beim Ringeln sei die Ursache noch „ungeklärt“ (KÖNIG 1957), es handle sich um eine „umstrittene Funktion“ (BLUME 1966), die „bis heute nicht eindeutig beantwortet“ sei (KUCERA 1972), es gäbe noch keine „adequate explanation“ (GIBBS 1982).

Kern der Saft-Hypothese ist, daß an den von Spechten geschlagenen Ringelwunden Baumsaft verfügbar sei bzw. austrete, der für die Vögel eine wertvolle oder gar unverzichtbare Nahrung darstelle, zumal während der als >insektenarm< bezeichneten Zeit des Nachwinters (von März bis Mai), früher und z.T. bis heute fälschlich als Hauptringelzeit bezeichnet. Ausgedrückt in einfachen Worten: Der Specht schlägt Löcher in die Rinde; dadurch wird Ausfluß von Saft ausgelöst, der dem Specht als wertvolle Nahrung mit einem Anteil bis zu 20-30 % dient, ganz abgesehen davon, dass man sich ein Mal zu der völlig aus der Luft gegriffenen grotesken Größenordnung von 2/3 des Nahrungsbedarfs verstiegen hat. Um seinen Energiededarf zu decken, werde der Gr.Buntspecht im Frühjahr „zum Schluckspecht“ (Buch S.232). Außerdem wird dieser „Nahrungsnische“ eine Bedeutung für die Verbreitung und die Siedlungsdichte der Ringelspechte zugeschrieben (s.u.a. Buch S.233, 409).

Diese Deutung der Spechtringelung basiert auf dem auffälligen Saftausfluß aus Ringelwunden bei einigen wenigen Baumarten, den sog. >Blutergehölzen< in der Zeit vor dem Blattaustrieb, ohne daß man sich der grundsätzlich wichtigen Verschiedenheit zwischen Bluter- und den Nichtbluterbaumarten (an denen die allermeisten Beringelungen stattfinden) bewußt war, auch nicht der beiden Kategorien der Baumsäfte, nämlich Xylemsaft einerseits und Phloemsaft andererseits, deren Regime in den Bäumen sowie deren Beschaffenheit unterschiedlicher fast nicht sein könnte: programmatisch ersterer eine reichlich vorhandene Ressource, jedoch höchst nährstoffarm, letzterer sehr nahrhaft, aber von Natur aus kaum verfügbar.

Von grundsätzlicher Bedeutung ist zunächst die Unterscheidung zwischen den hierzulande wenigen sog. Bluterbaumarten (im Wesentlichen alle Ahorne, Birken und die Hainbuche) und der Masse aller übrigen, den sog. Nichtbluter-Gehölzen. Schon GIBBS (1983) hatte betont, daß man strikt und klar zwischen Beringelungen an Acer sspec. („sycamor and other maples“) und Nichtblutern wie Ulmen und Eichen unterscheiden müsse (Buch S.421). Nadelbäume sind allesamt Nichtbluter und geben auf Grund ihrer inneren Organisation nie Xylemsaft ab (es sei denn bei sog.pathologischem Saftfluß; hierzu Buch A 8.1.1; Buch-Foto 52-58).

Im Laufe der Zeit hat man die Saftgenuß-Theorie auf alle Baumarten ausgedehnt. Über den nur in geringem Maß stattfindenden Verzehr des nährstoffarmen Xylem- = Blutungssaftes (dem entgegen anderer Behauptung ein süßlicher Geschmack abgeht) war man sich bis in jüngste Zeit auch nicht im Klaren; baumartspezifischen Eigenheiten des Blutens schenkte man ebenfalls keine Aufmerksamkeit, so bspw. der diurnalen Dynamik und der Abhängigkeit von der Witterung, v.a. bei Acer specc.. Bei den letzteren setzt das Bluten eine geeignete Witterungskonstellation voraus, sog. >sugar-weather< (ein Begriff der nordamerikanischen und kanadischen Saftzapfer im Blick auf die Ernte des Ahorn-Sirups: nachts Frost und tagsüber warm). Des Weiteren wurde der unzulänglichen Beschaffenheit der Zunge unserer Spechte zu einer effektiven Nutzung dieses Blutungssaftes kaum Beachtung geschenkt; er steht ja nicht als eine Ansammlung zum Schöpfen (eine für das Trinken der Spechte übliche Form / Näh. bei A 7.2) an. Auch spricht das seltene Vorkommen von Beringelungen an den Bluterbaumarten gemessen an ihrer numerischen Verfügbarkeit gegen eine maßgebende Rolle des Xylemsaftes als Nahrung. Auch ist bezeichnend, dass sich die amerikanischen sap-sucker-Spechte zur Ausbeutung des Blutungssaftes mit ihrer dazu angepaßten Zunge hartnäckig stundenlang befassen (Näh. dazu bei A 14.2, Buch S. 416 / 417), während hierzulande kein länger anhaltendes Lecken mit Hilfe ihrer hierzu defizitären Zunge stattfindet, allenfalls über die Zeitdauer von Minuten. Schon daher bekommt man einen ringelnden und leckenden Specht während der Blutungsphase an einem entsprechenden Gehölz so gut wie nie zu Gesicht, sehr viel eher einen aus Ringelwunden blutenden Baum. Gemessen am meist reichlichen Angebot an den jeweiligen Blutungsstellen ist der Verzehr nachweislich höchst bescheiden. Möglicherweise steht das Trinken des äußerst geringwertigen Blutungssaftes mehr im Zusammenhang mit dem relativ hohen Flüssigkeitsbedarf der Spechte denn als Nahrung. Unter dem Gesichtspunktder Ringelungsursache ist noch die Tatsache wichtig, daß Blutergehölze auch dann geringelt werden, wenn bereits blutende Stellen am Baum vorhanden sind.

Was hat es mit dem nährstoffreichen Phloem- = Assimilatesaft; der sowohl sämtlichen Laubbäumen als auch den Nadelhölzern eigen ist, auf sich. Wie meiner Stellungsnahme zur Rezension des Buches von H.WINKLER (s.u. in Teil II) zu entnehmen ist, kann man ihm aus unumstößlichen baumphysiologischen Gründen mit technischen Mitteln nur schwer beikommen, ganz besonders an Koniferen. Er liegt in der extrem dünnen untersten Lage des (Jung-) Bastes = Phloems, der hauchdünnen sog. Safthaut, verborgen und tritt aus Wunden, wenn überhaupt, nur unter bestimmten Bedingungen aus diesem Zellverband (Siebröhren bzw. Siebzellen) hervor und dies, anders als der Blutungssaft, nur für eine höchst kurz begrenzte Zeit (bestenfalls für wenige Sekunden) in einer nur minimalen Menge von 1 bis wenigen Tropfen. Gelegentlich (v.a. im Herbst) kommt dieser Saft an Wunden spontan zum Vorschein, meist aber zögerlich, optisch aber immer gut wahrnehmbar und am süßen Geschmack leicht nachprüfbar. Eine bedeutende Rolle spielt auch die Art und Beschaffenheit der Wunde. So sind Schnittwunden, die aber schräg bis quer zur Faser (also nach Art der Horizontalhiebe der Spechte) liegen müssen (Buch S. 220 / 221), gemäß der eigenen wie fremder Beobachtungen fast immer >ergiebiger< als Kerben oder Bohrlöcher, die oft trocken bleiben, wenn Stichwunden Exsudat hergeben.

Im Übrigen nehmen dynamische physiologische Faktoren, bspw. die Hydratur des Gewebes und der augenblickliche Turgor der verletzten Zellen, alles im Allem über den Tagesverlauf hinweg wechselhafte Gegebenheiten, Einfluß auf das Austreten von Phloemsaft an den Wundstellen; sowohl die Menge als auch der Nährstoffgehalt ist tageszeitlichen Schwankungen, einem unberechenbaren Spiel der Natur unterworfen (Näh. im Buch S. 222-225). Das Resultat kann auf eine kurze oder gar kürzeste Distanz der Wundstellen von wenigen Zentimetern verschieden, ja konträr sein. An Schnittwunden tritt der Saft fallweise, d.h. wenn überhaupt, dann etwa in der besagten geringen Menge in Erscheinung, wie dies auch schon GIBBS (1983) an Ulme und Eiche registriert hat („there is no evidence that any significant exudation occurs“) und was auch ich auch bei meinen vielen Stichversuchen an Laubbäumen immer wieder bestätigt fand, im Großen und Ganzen leicht zunehmend von Frühjahr bis in den Herbst mit den höchsten Werten (Näh. Buch S. 222). Im Unterschied dazu konnte ich an meinen Stichwunden an Fichten und jungen Kiefern nie Austritt von Phloemsaft registrieren, genauso wie der Pflanzenphysiologe HUBER (1956; Buch S. 430), der bei seinen hierauf gezielt angesetzten Versuchen an Kiefern, ferner an Eiben, an denen er zuvor einmal eindeutig etwas Ausfluß von Phloemsaft gesehen hatte, dies auch nicht realisieren bzw. reproduzieren konnte. Doch wollte er Phloemsaft an Koniferen nicht kategorisch ausschließen; „die Akten seien darüber noch nicht geschlossen“. Um einen solchen Fall dürfte es sich vor fast 150 Jahren gehandelt haben, als der akribische Fr.BODEN (1876) gerade an Kiefern das Hervortreten von 1–3 Tropfen Pfloemsaft aus Schnittwunden an solchen Exemplaren registriert hatte, welche Gegenstand einer Beringelung durch den Buntspecht waren oder wurden (? ein 6.Sinn?). Anders die Angabe, wonach man einmal einen Dreizehenspecht dabei gesehen haben will, wie er seine Jungen mit dem Phloemsaft einer nahestehenden geringelten Fichte fütterte, dies unter Wahrnehmung des Saftübertritts; sie steht nicht nur mit der Art der Fütterung bei Spechten (Versenkung des Schnabels in den Schlund des Jungvogels) im Widerspruch, sondern auch nicht im Einklang mit den physiologischen Gegebenheiten an Koniferen („Nadelhölzer … lassen .. keine merkliche (Phloem-) Saftmengen austreten“ (Buch S. 431).

Doch mit Blick auf die Saftgenuß-Theorie muß das Interesse den natürlichen, d.h. vom Specht hergestellten Ringelwunden gelten. Was weiß man von Phloemsaft-Austritt an diesen Stellen? Mir persönlich kam derlei nie zu Gesicht, was nicht verwunderlich ist, weil die Gelegenheit zur Prüfung frischer Ringelungen kaum einmal existiert, und sei es der Position der Ringelstelle am Baum wegen. In einem Bericht über 11 Jahre lange Beobachtungen von Spechtbesuchen an Amerikanischen Linden in Polnisch-Schlesein heißt es lapidar: „Ein Saftaustritt ist vom Förster nicht beobachtet“ (Buch S. 429). BRUCKLACHER (1994), der ein Buntspechtweibchen 3 Stunden lang bei der Beringelung einer Linde aus nächster Nähe mit einem Fernglas beobachtet hat, konnte keine Spur von Saftaustritt feststellen (Buch S. 429, 418; vielleicht lag es aber daran, daß sich dieser erst später zeigte). In dem mit den Fotos 106e bis 106i belegten Fall an einer älteren Linde lagen Mitte Mai 2010 sowie erneut 5 Jahre später ziemlich frische Ringelwunden vor, an denen ich nicht die leisete Spur von Phloemsaft bzw. Rückständen feststellen konnte. Dagegen fand ich andernorts ein Mal in einigen Ringelwunden an einer älteren Linde lackartigen Rest von Phloemsaft. Wie bereits erwähnt, registrierte GIBBS (1983) nicht allein bei Ulmen und an Eichen an frischen Ringelwunden jeweils kleinste Mengen in der Größenordnung von wenigen Tropfen; sondern auch an einer Krimlinde (Buch S. 423). Wichtig sind in diesem Zusammenhang 2 ältere Befunde: an einer im März geringelten Linde füllten sich die „Trichterchen bald mit einem süßen schleimigen Saft“ (BAER 1908; Buch Seite 429). Des Weiteren bezeugt HILDEBRANDT (1919) folgendem Fall von Phloemsaft in Ringelwunden, ebenfalls an einer Linde; ein Buntspecht untersuchte die mit honigglänzenden Phloemsaft gefüllten Ringelwunden vom April, ohne diesen zu trinken: „Auf den Saft also hatte es der Specht offenbar nicht abgesehen, sonst würde er davon genossen haben“ (Buch S. 423, 430).

Die Menge des möglicherweise in Erscheinung tretenden mitunter sirupartigen Assimilatesaftes ist i.d.R. „kaum mehr, als daß sich die Hiebswunden an älteren dickrindigen Linden …. damit partiell füllen könnten“ (Buch S. 429). Aus Rußland gibt es eine Angabe über süßen Saft im Juli in einer Ringelwunde an einer Fichte (Buch S.421). Daß in der Literatur wiederholt von ausfließendem und auch nachgeflossenem Saft bei Nadelbäumen (also Phloemsaft) die Rede ist, allerdings ohne eine glaubhafte Dokumentation, sei beiläufig erwähnt; es sind spekulative Annahmen, die der Saftlecker-Hypothes geschuldet sind. Phloemsaft an einer Fichte registrierte ich nur ein einziges Mal an einer größeren Hiebswunde (also keiner Ringelung; s. Foto 200b); dagegen an oder in den Ringelwunden am gleichen Objekt sowie an weiteren der nahestehenden geringelten Fichten keine Spur davon, auch nicht an einer Jahre später im Mai 2005 frisch geringelten Fichte (Foto 201). Es läßt sich noch die von H.WINKLER in seiner Rezension an einem „Ringeltrichter“, was immer das gewesen sein mag, erwähnte kleine Phloemsaft-Ansammlung an einer Thuja nennen. Man sieht, im Einklang mit der baumphysiologischen Organisation der Phloemsaft-Regie (Näheres dazu in meiner Stellungsnahme zu H.WINKLER) mangelt es an Daten über die Verfügbarkeit von Phloemsaft in Ringelwunden, ohne die eine Abschätzung des Säftekonsums grundsätzlich nicht möglich erscheint. Ohnehin würden sich dabei allenfalls Anhaltspunkte für einzelne ringelnde Spechte ergeben, d.h. nicht für das Kollektiv der Ringelspechte. Lt. GLUTZ von BLOTZHEIM (1980) entziehen sich Baumsäfte „als pflanzliche Nahrungsquelle … so gut wie vollständig der Erfassung“ und mit Magenuntersuchungen läßt sich Saft quantitativ nicht erfassen (OSMOLOVSKAJA 1946), was gleichermaßen für die als „unmäßige Säufer< bezeichneten amerikanischen Saftleckerspechte gilt (Buch S. 410). Wie ich aber gleich aufzeigen werde, führt ein Denkansatz, welcher sich am Vorgehen jener Spechte orientiert, zu dem Schluß, daß sich auch ohne die  Kenntnis dieser Parameter eine effiziente Phloemsaft-Nutzung durch unsere Spechte grundsätzlich ausschließen läßt.

Auf Grund der geschilderten Situation, zumal angesichts des Mangels an überzeugenden Belegen zum Saftverzehr beschränkte ich mich früher auf meine im Buch vertretene Ansicht, daß, kurz gefaßt, >die Spechte zwar nach Baumsaft ringeln, ungeachtet dessen, ob nutzbarer Saftfluß ausgelöst wird oder nicht< (Buch S 436 / 438): „Der Specht ringelt nach Saft ohne Rücksicht darauf, ob er ihn bekommt“ bzw. inwieweit er davon Gebrauch machen kann (Buch S 498). Läßt man den Blutungssaft in Anbetracht seiner nahezu fehlenden Nahrungsqualität beiseite, lag meine Auffassung nahe, daß der ökonomische Nutzen der Ringelungen insgesamt für die Spechte nur äußerst gering sein kann, was im Widerspruch zu der bisher üblichen Vorstellung und der Interpretation mit ihrem Nährwert-Mythos steht! Dabei betraf mein schon im Buch konstatierter Zweifel an der Gültigkeit der Saftgenuß-Theorie einzig und allein den Nutzen des Ringelns für die Spechte im Allgemeinen, also die Ökonomie dieser Tätigkeit. Denn es besteht nicht der leiseste Zweifel daran, daß es den Spechten beim Ringeln um die Baumsäfte geht!

Angesichts der nicht ganz einfachen Konstellation habe ich schon früher (Buch S. 431) betont, daß >dieses Feld gespickt sei mit Problemen und Widersprüchen zwischen den physiologisch bedingten Tatsachen und Gesetzmäßigkeiten einerseits und den Verlautbarungen im ornithologischen Schrifttum andererseits<. Ein beredtes Beispiel hierfür ist für mich der mir erst jüngst bekannt gewordene Bericht aus Finnland zur Phloemsaft-Nutzung an brandgeschädigten Kiefern durch den Dreizehenspecht (s. Anhang = Teil VII, gewissermaßen eine neue Fundstelle). Dort ist vom Trinken des Phloemsaftes aus den Ringellöchern, deren Größe  – dieser Situation sollte man sich bewußt sein —  mit nur wenigen mm Weite und wohl kaum viel mehr als ½ (1) cm Tiefe (eingedenk des >Abschuppens<) zu veranschlagen wäre, die Rede, jedoch nirgends von nachweislichem Vorkommen des Saftes in oder an den Ringelstellen. Eine Antwort auf meine dezidierte Nachfrage nach einer Überprüfung zu diesem Sachverhalt liegt noch nicht vor. In diesen Zusammenhang gehört als ein älterer Einwand aus Finnland gegen die Saftlecker-Theorie, „daß nicht hätte ergründet werden können, was die Spechte aus den Löchern bekommen“ (PYNNÖNEN 1943; Buch S.413 / Fußnote 6, S.422).

Bis in jüngste Zeit hat die Saftgenuß-Hypothese mitunter wie eine Fessel gewirkt, seltsame Fantasien geweckt und u.a. die eine oder andere aussichtslose Erhebung ausgelöst, insofern man sich im doktrinären Glauben an diese Deutung spekulativ von der Vorstellung >blutender Nichtbluter< (bspw. Eichen, ja sogar Nadelhölzern) und aus Spechtringeln sich ergießendem bzw. nachfließendem Phloemsaft leiten ließ, davon triefende Wunden unterstellte, was alles es aus physiologischen Gründen (die in der Stellungsnahme zu WINKLER näher beschrieben sind) grundsätzlich nicht geben kann. Es ist, wie es bei A.FORSYTH einmal heißt: „Die Theorie bestimmt, was wir sehen“ bzw. was wir nicht sehen!

Doch auch ohne eine quantitative Erfassung und energetische Bewertung der von unseren Ringelspechten möglicherweise verzehrten Menge an Saft liegt die geringe oder fehlende Bedeutung der Baumsäfte, speziell des Pjhloemsaftes für ihrer Ernährung bei folgender Überlegung auf der Hand. Legt man die den Bäumen innewohnende Organisation zwecks Sicherung ihres für sie selbst wichtigen Assimilatesaftes zugrunde, also die unverrückbaren Gesetzmäßigkeiten und dazu mobilisierten Mechanismen  (cum grano salis, d.h. ungeachtet geringer naturgemäßer Toleranzen; Näh. dazu in meiner Stellungsnahme zu H.WINKLER „Die Saftgenuß-Theorie,stimmt sie, stimmt sie nicht?“), dann ist eine effiziente Phloemsaft-Nutzung nur dann möglich, wenn beim Ringeln jene Barrieren und Reaktionen im Ringelbaum durch ein entsprechendes Vorgehen außer Kraft gesetzt werden, gewissermaßen dieses Regime hintergangen, anders ausgedrückt >ausgetrickst< wird, so wie dies die amerikanischen Sapsucker bei ihrer evolutionär erworbenen Form der Bearbeitung bewerkstelligen (Näh.im Buch S.425-427), übrigens ohne Rücksicht auf die Gesundheit des jeweiligen Ringelbaumes; dieser wird nämlich dabei in einem vom gewöhnlichen Ringeln höchst verschiedenen Grad geschädigt; nicht selten ruinieren diese Vögel ihre Ringelobjekte im Laufe der Zeit nachhaltig (Näheres auf der dem Buch beigegebenen CD-ROM im Anhang I: Amerik Saftleckerspechte unter dem Suchbegriff >Absterben<). Da unsere Spechte mit ihrer Form der Beringelung (noch) keine solche Machenschaften und Mechanismen zwecks Freisetzung des unter Verschluß stehenden Phloemsaftes aufbieten, ist der Schluß erlaubt, daß sie zu dessen Erschließung, also zu einer gezielten Nutzung im Sinne der Saftgenuß-Theorie als essentielle Nahrungsbeschaffung (noch) nicht befähigt sind, was in den Zusammenhang mit der Deutung der Spechtringelung als Atavismus gehört! Mit diesem Ansatz ist zugleich die Saftgenuß-Theorie als Deutung der Spechtringelung widerlegt!

Schon im Buch (S.427) habe ich konstatiert: „Eindrucksvoller als mit dem Vorgehen der Saftleckerspechte könnte gar nicht bewiesen werden, daß unsere Spechte den Phloemsaft nicht ausbeuten“ (können). Es gibt keinen einzigen Anhaltspunkt dafür, daß sie bei ihrer Art und Weise des Ringelns an Laub- und Nadelbäumen zu einem den Saftleckern analogen Vorgehen in der Lage sind.

Fazit zur Saftgenuß-Theorie
Bis heute gilt so gut wie vorbehalts- wie widerspruchslos die sog. Saftgenuß-Theorie, wonach die Spechte ringeln, um Baumsäfte als wichtige Nahrung zu nutzen. Zwar besteht keinerlei Zweifel daran, daß es den Spechten beim Ringeln um die Baumsäfte geht. Jedoch erlauben die vorliegenden Befunde zu dieser angeblichen Ressource keine Vorstellung von der Rolle und dem Umfang des Säftekonsums. Der Frage nach der „energetischen Bedeutung“, die GLUTZ v. BLOTZHEIM (1980) vor Jahrzehnten als „untersuchungsbedürftig“ bezeichnet hatte, wurde bis heute nie nachgegangen. Für eine ernährungsbiologisch geringe oder gar fehlende Rolle der Spechtringelung spricht auch der Tatbestand, daß Ringelbäume gemessen am Baumpotential rar sind, geradezu exobitant selten im Blick auf die Nadelbäume. So ist der Schluß erlaubt, daß die bisherige Deutung der Spechtringelung ein Mythos ist.

Zusammenfassend lässt sich konstatieren: Zwar wird an Bluterbaumarten von dem leicht und reichlich verfügbaren nährstoffarmen Xylemsaft nachweislich manchmal eine gewisse Menge konsumiert; auch das Trinken einer kleinen Menge des nahrhaften Phloemsaft läßt sich nicht ausschließen. Im besten Fall könnte es sich um unbedeutende Mengen des Assimilatesaftes handeln. Noch ist nicht einmal bekannt, ob die Spechte den gelegentlich ganz kurz in 1 bis wenigen Tropfen an Ringelstellen verfügbaren Phloemsaft überhaupt verzehren. Eine effiziente Nutzung des nährstoffreichen Phloemsaftes ist unseren Spechten infolge der inneren Organisation der Bäume zur Sicherung dieses für sie wertvollen Saftes (Näh. in meiner Stellungsnahme zur Rezension von H.WINKLER „Die Saftgenuß-Theorie, stimmt sie oder stimmt sie nicht?“) verwehrt, weil sie keine Vorgehensweise wie die amerikanischen Saftleckerspechte besitzen, mit der das Saft-Regime der Bäume unterlaufen wird. Ohne Berücksichtigung der physiologischen Organisation der Bäume sieht man sich schnell mit der Wahrheit von GOETHES Wort konfrontiert: „Wer das erste Knopfloch verfehlt, kommt mit dem Zuknöpfen der Knopflochleiste nicht zu Rande.“

Somit ist auf Grund aller vorgetragenen Gesichtspunkte: der baumphysiologischen Gegebenheiten, ● der Art der Ringelwunden, ● vom Saftfluß, ● der Saftqualität, ● der Häufigkeit von Ringelungen gemessen am Potenzial von Ringelbäumen, ● ferner im Vergleich mit der effizienten Saftnutzung der hierzu angepassten nordamerikanischen Saftlecker-Spechte, kein anderer Schluss möglich, als dass die Deutung der Spechtringelung unserer Spechte als Saftgenuß-Theorie mit ihrer Nahrungsdoktrin, d.h. hinsichtlich der dem Saft bisher beigemessenen Bedeutung als fundamentale und unverzichtbare Nahrung, nicht zutrifft. Befreit von der Nahrungsdoktrin als einem „grundlegenden Irrtum, …Mythos“ (Buch S. 499) handelt es sich beim Ringeln, wie ein Mal früher schon konstatiert wurde, „nicht um eine lebensnotwendige Tätigkeit“ (O. WINKLER 1931).

Die Widerlegung der Saftgenuß-Theorie in ihrer bisherigen Bewertung ist jedoch nur eine Seite der Spechtringelung, aber eben noch nicht deren Deutung. Es muß noch erwähnt werden, daß indessen J.WEISS in seiner Rezension zugunsten der Saftlecker-Theorie geltend macht(e), daß es sich beim Ringeln auch dann um ein funktionsgetragenes Verhalten der Vögel handle, wenn keine handfesten Mengen von Saft verzehrt würden, sondern nur kleine oder gar kleinste Mengen. Diesen quantitativen Gesichtspunkt hatte schon GIBBS (1983) in Erwägung gezogen, der aber als einziger während über 125 Jahren der auf Saftgenuß beruhenden Deutung mit Blick auf die Baumphysiologie eine entschiedene Absage erteilt hatte: Ringeln sei nicht mit der Spechternährung, d.h. dem Saftlecken identisch („woodpecking is not synonymous with sap-suckinng“). Die Auffassung von WEISS als Deutungsansatz würde auch voraussetzen, daß das Ringeln energetisch betrachtet ökonomisch sein müßte. Ein Nutzen des Verhaltens im Vergleich zum Aufwand läßt sich aber mangels von Daten nicht beurteilen, ist aber im höchsten Grad unwahrscheinlich.

Revision meiner früheren Beurteilung im Buch
Im Buch habe ich abschließend behauptet (A 16 + A 17), dass das Ringeln den Spechten so gut wie keinerlei Nutzen verschaffe, vielmehr diese Tätigkeit weitgehend bis völlig unvernünftig, zweck-und nutzlos („sinnleer“) sei. Dem wurde von Seiten der Ornithologen im Rahmen ihrer Rezensionen widersprochen (J. WEISS, H. WINKLER); GLUTZ von BLOTZHEIM wollte sich „nicht ohne Weiteres damit anfreunden“ (briefliche Mitteilung). Da aber von einem gewissen Verzehr des geringwertigen Xylemsaftes ausgegangen werden kann und sich auch das Trinken einer kleinen Menge des nahrhaften Phloemsaft nicht ausschließen lässt, muss ich von dieser meiner bisher kategorisch vertretenen Wertungen leicht abrücken. Es lässt sich nur festhalten, dass die Saftgenuß-Theorie nicht zutrifft, soweit man den Baumsäften eine wichtige ernährungsbiologische Rolle beimisst.

 

Die rätselhafte Objektwahl
Die 5 Sinne und ein 6.Sinn?

Mit Blick auf die von Spechten bearbeiteten Bäume erfolgt das Ringeln nicht wahllos, sonst gäbe es keine Gehölze, die kaum oder überhaupt nie geringelt werden, ferner keine Präferenzen für bestimmte Baumarten. Daher stellt sich zwangsläufig die Frage, wodurch und von welchen ihrer 5 Sinne die ringelnden Vögel bei der Wahl eines Objektes geleitet werden bzw. wurden. In diesem Zusammenhang verdienen zunächst die folgenden 2 Beobachtungen der Beachtung. Zum einen nahm ein Gr.Buntspecht das Ringeln erst auf, nachdem er eine Weile am Stamm einer Buche bzw. einer Birke herumgeklettert war. Dagegen begann ein vom Boden den Stamm einer Robinie anfliegender Grünspecht und ein vom Boden auf den Seitenast einer Birke fliegender Gr.Buntspecht am Landeplatz sofort mit dem Ringeln (hierbei mit den Ergebnissen Buch-Fotos 66 bzw. 26), so als hätte eine Fernerkundung vorgelegen.

Damit zu den 5 Standard-Sinnen eines Spechtes. Der bei fast allen Vogelarten nicht vorhandene Geruchssinn läßt sich gewiß ausschließen, wohl auch der Tastsinn; denn wie und wodurch sollte dieser wirksam werden. Schwieriger ist die Beurteilung des im Schnabel und zumindest auf der Zunge angesiedelten Geschmackssinnes. Zu denken gibt hierzu folgende Meinung des äußerst akribischen Fr.BODEN (1870, 1879a) vor fast 150 Jahren: im Rückschluss zu Feststellungen bei Kiefern an mit einem kleinen Messer angebrachten Wunden will er einen engen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem Beringeln und der Wahrnehmung von etwas Saft (in diesem Fall einzig und allein Phloemsaft; Xylemsaft gibt es an Koniferen nicht!) beobachtet haben; demnach wäre die Prädisposition zu einer Beringelung an die substantielle Präsenz von etwas Phloemsaft in Hiebswunden geknüpft, für die es jedoch keinerlei äußerlichen Anhaltspunkte gibt! Auch zum Ringeln an Eichen konstatierte er, dass „der Specht nur dann ringelt, wenn er vom Eintritt des Saftflusses überzeugt ist“; dies war jedoch eher spekulativ als exemplarisch nachgewiesen. So gesehen müsste es auf einer optischen oder auf einer sensorischen Orientierung wie der Schnabel- / Zungenspitze eines mit Hilfe von Probierhieben ermittelten Zustandes beruhen, für die es keine schlüssigen Beweise gibt (A 1.3.3); mehr Informatives gibt die Literatur hierzu nicht her.

Nun zur Beteiligung des Gesichtssinnes bei der Objektwahl. Beim Ringelungsvorgang selbst steht dessen Bedeutung außer Frage (s.o. unter Ziffer 5). Auch fliegt der Vogel nicht blindlings einen x-beliebigen Baum an, sonst würden auch die Baumarten ohne Nachweis (Platanen, Baumhasel, Eschen und weitere) besucht, was nicht bekannt ist; es gibt wenigstens keine entsprechenden Beobachtungen. Ferner hat mein in Teil III beschriebenes Verpackungsexperiment zumindest ergeben, dass der optische Eindruck der Baumoberfläche im Spiel ist! Aber ansonsten gibt es keine Befunde, wonach das Aussehen und die optische Beschaffenheit der Rinde, die Wuchsform eines Baumes und letztlich auch die Dimension (ganz junge Bäumchen außer Acht lassend; der Durchmesser allein kann hierfür nicht entscheidend sein, wie die Nachweise geringelter Kronenäste alter Eichen belegen / s. Buch Foto.145N/1-8), also daß diese äußerlichen Eigenschaften für das Zustandekommen von Ringelungen einerseits und andererseits für deren Fehlen an Baumarten ohne Nachweis verantwortlich sein könnten. Spechte sind keine Botaniker (wie schon bei MARSHALL / 1889 konstatierte) und taxieren einen Ringelbaum wohl nicht allein unter morphologischen Parametern; die Auswahl ihres Ringelbaumes erfolgt zumindest nicht nach taxonomischen Kriterien.

Bleibt noch der Gehörsinn. Mit Blick auf die Tatsache, dass die Bluterbaumarten in Koinzidenz mit der Phase der Saftmobilisierung aufgesucht und dann zunächst basisnah und schwerpunktmäßig auf der frühesten erwärmten Baum beringelt werden, wollte J.BRUCKLACHER in einem persönlichen Gespräch den Gehörssinn nicht ausgeschlossen wissen; er dachte dabei an möglicherweise mit Hilfe eines Stethoskops nachweisbare Geräusche des Saftstroms. Aber der Vogel müßte ja schon vor der Wahrnehmung eines solchen Geräusches am Baum sein. Und treten nicht alle Baumarten nach der Ruheperiode in eine Phase der Saftmobilisierung, auch solche, für die jeglicher Nachweis als Ringelbaumart fehlt! Wie läßt sich erklären, dass eine Beringelung bei der Bluterbaumart Walnuss im Vergleich zu den ebenfalls zerstreutporigen Ahornen oder der Hainbuche, allesamt Bluter, kaum einmal vorkommt, was allerdings nicht ausschließt, daß auch sie sich in inneren physiologischen Prozessen unterscheiden.

Die 5 Sinne liefern somit keine stichhaltige Erklärung für die Auswahl der Bluter während ihrer Blutungsphase, in der allein ihre Beringelung stattfindet und sie gezielt angeflogen werden, desgleichen auch nicht zur differenzierten Selektion unter den Nichtbluter-Baumarten. Wie also läßt sich erklären, daß die Bluterbaumarten nur in Koinzidenz mit ihrer Blutungsphase aufgesucht werden. In Ermanglung plausibler sinnlicher Ursachen für die Objektwahl nahm ich schon bisher unter Geltendmachung weiterer Gesichtspunkte >Zuflucht< bei einem 6.Sinn, für was auch immer (A 11.6; s. u.); es kommen bei Vögeln ja durchaus Sinnesleistungen vor, die über die 5 Standard-Sinne hinausgehen, bspw. zur Orientierung beim Vogelzug und beim Heimfindungsvermögen (speziell bei den Brieftauben); man geht von einer Orientierung am Erdmagnetfeld aus. Seiner Natur nach würde ein solcher 6.Sinn nicht etwa auf einer besonders hoch entwickelten Ausprägung von einem der genannten 5 Sinne beruhen. Die von mir für einen 6.Sinn geltend gemachten weiteren Anhaltspunkte finden sich in meiner speziellen Abhandlung in der Stellungsnahme zu H.WINKLER.

In Anlehnung an die Vorgehensweise der amerikanischen Spechte zur Saftnutzung gibt es verschiedenene Anhaltspunkte dafür, daß sich das Ringeln aus der Entwicklungsgeschichte der hiesigen Spechte erklären läßt, nicht mehr und nicht weniger. Dieser Frage gehe ich unter dem Gesichtspunkt Atavismus in meiner Stellungsnahme zur Rezension von H.WINKLER nach.

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zu: Weitere Themenbereiche

Über die vorigen Themen hinaus werden im Buch noch überaus viele weitere Aspekte der Spechtringelung abgehandelt, bei denen keine oder wenig grundlegende Berichtigungen bisheriger Ansichten erforderlich sind und waren. Auch dazu sind im Buch kapitelweise alle verfügbaren Beobachtungen, Befunde und Meinungen zusammengeführt und münden jeweils in ein kurzes Fazit. Das Nähere zu den nachfolgend genannten Themenbereichen findet sich also in der Monographie.

►►▬ Von den einheimischen Spechtarten zählen zu den Ringelspechten Gr.BuSp, DrZSp, MiSp, randständig der SchwSp und der GrünSp. Die meisten Beringelungen verübt der Gr.BuSp; im Gebirge sowie in nordischen Breiten Europas und Asiens kommt der DrZSp dazu. Die anderen Spechtarten beteiligen sich nach heutigem Kenntnisstand wenig bis kaum einmal an diesem Geschehen; vom GrauSp und vom Kleinspecht sind keine Ringelungen bekannt. (A 6.3)

►►▬ Es gibt zwar Anhaltspunkte dafür, daß es sich beim Ringeln um ein individuelles Verhalten handeln könnte; die Auffassungen sind nicht einheitlich; offen ist auch die Frage, ob es sich beim Ringeln um ein Verhalten ohne oder mit Lernverhalten handelt (A 7.3). Ein besonderes Gewicht messe ich hierbei meinen Befunden zu Acer (s.Teil IV) bei. Gegen diese These einer individuellen Eigenschaft sprechen jene Fälle, bei denen Bäume über sehr lange Zeiten, nämlich über Generationen der Lebenszeit von Spechten hinaus und hinweg bearbeitet werden. Denn dies würde die wiederholte bis fortlaufende Existenz entsprechender Spechtindividuen voraussetzen, was wenig wahrscheinlich erscheint.

►►▬ Die Frage nach der Kontinuität stellt sich unter vielen Aspekten: ♦ unter dem Aspekt des Geschehens in Folgejahren an einer Örtlchkeit, ♦ nach der Fortdauer an den jeweiligen Ringelbäumen; es gibt Objekte mit nur einmaliger Bearbeitung und Fälle mit einer Bearbeitungsdauer von nachweislich weit über !00 Jahre, dabei nicht in jedem Jahr, ♦ nach der Dauer und Wiederholung während einer Ringelungssaison, dies mit dem Blick auf die Menge der an einem Baum zustandekommenden Hiebsmarken, die zwischen einigen wenigen und vielen Tausend variert. Es gibt keinerlei Norm (A 10.2).

►►▬ Die maximale Lebensdauer der Spechte, speziell für den Gr.Buntspecht als Ringelspecht Nr.1 (früher mit etwa 5-7 Jahre veranschlagt, inzwischen nach oben korrigiert). Dies und ihre Sinne sowie die für das Ringeln möglicherweise relevanten körperlichen und biologischen Ausstattungen und Eigenschaften (bspw. Schnabel- und Zungenmorphologie, Magen, Kletterverhalten) sowie Verhaltensweisen und anderes mehr werden in Kap. A 7.1 kurz angesprochen.

Das mittlere Alter der Spechte ist für das Phänomen des Ringels insofern von Bedeutung, als es immer wieder Bäume mit Ringelungsnarben aus Jahrzehnte–langer Bearbeitung gibt, was diese Objektwahl über Generationen hinweg voraussetzt.

►►▬ Das Trinkverhalten der Spechte ist nicht in allen Details geklärt. Die übliche Form der Flüssigkeitsaufnahme ist an offen zugänglichen Wasserstellen das sog. Schöpfen (A 6.2, A 7.2), was jedoch entgegen wiederholter völlig oberflächlicher Behauptungen nicht für die Aufnahme von Baumsaft an oder aus Ringelwunden zutreffen kann. Dies geschieht durch Lecken mit ihrer hierfür wenig geeigneten >Häkchen<- = >Harpunen<-Zunge. Ziemlich obskur ist die Unterstellung der Befähigung zum Saugen, vom Saft oder gar von Harz !

►►▬ Die Wahl der Objekte nach Maßgabe der äußeren Beschaffenheit von Ringelbäumen und bearbeiteter Baumteile, nach ihrem Alter, ihrer Dimension und nach ihrer Position (im Bestand, solitär freistehend) ist verschieden, also völlig uneinheitlich. Äußerliche Merkmale für eine auf einer inneren Beschaffenheit des Ringelbaumes beruhenden Prädisposition (A 11.4) gibt es nicht.

►►▬ Die Tiefe der Ringelungshiebe, die (außer bei Linden) stets bis ins Kambium, d.h. bis auf oder noch ein wenig in das Xylem gehen, was bei den Blutergehölzen zum Bluten führt!

►►▬ Weiteres zum äußerlichen Erscheinungsbild von Ringelungen: der Abstand der Hiebswunden sowie der Ringel, ihre Anzahl / Menge ist keiner festen Norm unterworfen.

Bezeichnend ist >nur< der meist gleichmäßige Abstand der Wunden bei dem jeweiligen Ringel, soweit nicht Rindenfurchen ihre Platzierung bestimmen

►►▬ Das Alter geringelter Bäume variert zwischen etwa 10 – 200 oder gar mehr Jahren, v.a bei den Laubbäumen. Hinsichtlich der Dimension geringelter Baumzonen werden schwerpunktmäßig Stammteile und Äste mit einer Dicke von etwa 5–15 cm und einer noch geringen bis mäßigen Verborkung bearbeitet; die unterste Grenze liegt bei 2 (1,5) cm, dies am ehesten bei jungen Bäumen, also nicht im äußersten Kronenraum älterer Objekte. Bei den selten bearbeiteten Nadelhölzern werden anscheinend nur ältere Stämme beringelt.

►►▬ Die Höhe am Baum: ausnahmsweise kommt es zur Beringelung am Stammfuß, im äußersten Fall sogar auf einem Wurzelanlauf. Zwar verlagern sich die Ringelungszonen mit zunehmendem Baumalter und zunehmender Verborkung meist in die höheren Baumzonen, aber keinesfalls zwingend. So ist oder bleibt gelegentlich auch ein dickes Objekt und basisnaher Baumteil Gegenstand einer nicht nur einmaligen, sondern langfristigen Beringelung (Fotos im Buch). An Alt-Eichen findet man ringelungsbedingten >Eichenkrebs< im oberen Kronenraum (Buch-Fotos 145N1-8). Dagegen werden an Kiefern anscheinend die allerobersten Zonen im Spiegelrinde-Bereich nicht angenommen. Doch fixe Positionsgrenzen (bspw. daß das Ringeln oberhalb 1 m einsetze) gibt es nicht.

►►▬ Himmelsrichtung: eine gewisse, manchmal ganz auffällige Bevorzugung zeigen südlich und südwestlich ausgerichtete Stammseiten. Bei den Bluterlaubbäumen sind dies schwerpunktmäßig die zuerst blutenden stammfußnahen Zonen, im Einklang mit der baumphysiologischen Tatsache, daß das Bluten an den am stärksten erwärmten Baumseiten zuerst in Gang kommt (A 8.1.1). Die manchmal behauptete Ausrichtung gegen offene Ränder oder Sichtschneißen zwecks der Wahrnehmung von Feinden trifft nicht zu.

►►▬ Lage / Standort, Häufigkeit und Vergesellschaftung von Ringelbäumen sowie deren geographische Verbreitung: Über das mir durch die Literatur bekannt gewordene Vorkommen in allen mitteleuropäischen samt skandinavischen Ländern sowie in Asien (Russland samt Sibirien, in Persien: nachweislich im dortigen Elburz-Gebirge, v.a. an Eiben / s.Buch S.268) hinaus fand ich geringelte Bäume in Dänemark, in den Mittelmeerländern Spanien, Portugal (2012) und Sizilien (2013). Anscheinend kommt das Ringeln im gesamten Verbreitungsgebiet vom GrBuSp vor. Ringelbäume findet man sowohl einzeln verstreut wie in Mehr- bis Vielzahl an einem Ort; es gibt keine feststehende Regel zum einzelweisen, zerstreuten – oder zum gruppenweisen Vorkommen.

Direkt an Straßen sind sie höchst höchst selten (bspw. Buch-Fotos 120, 158; zuletzt 2 von 16 Linden vor dem Dorf Nienhagen nahe von Cismar in der Holsteinschen Schweiz und 2 von 5 im Ort selbst. Grundsätzlich schließen aber menschliche Behausungen in nächster Nähe Beringelungen nicht aus (Buch-Fotos 119, 160, 242; jüngst noch mein Nachweis an einer halbwüchsigen Eiche im Hof einer Schule = Mädchen-Gymnasium in Hamburg-Altona / Max Brauerstraße).

►►▬ Die Schadbilder im Holz reichen ungeachtet aller Verwechslungsmöglichkeiten von einfachen punktförmigen oder strichförmigen Farbmakeln bis zu den aus Befallsnekrosen kambiophager Insekten hervorgehenden vielgestaltigen inneren Schäden; wirtschaftlich bedeutend betr. der Holzverwertung sind sie nur in bestimmten Verwendungsfeldern wie bspw. der Furnierindustrie (A 2.6.3 und A 2.6.4).

 

Für die Feldbiologie ist die Kenntnis von

►►▬ SCHEINRINGELUNGEN, die bisher keine oder nur wenig Beachtung fanden, wichtig. Das sind den Ringelungen entfernt ähnliche oder verwechselbare Formen natürlicher Rindenbeschaffenheit (bspw. Lentizellen-Bildungen), durch äußere Einwirkungen herbeigeführte oder genetisch bedingte Rindenanomalien (querverlaufende dünne Wülste, Leisten mit proventiven Knospen, als auffällige Erscheinung die sog. Schuppenschürzen-Kiefern u.v.a.m.), dazu auch Rindenbeschädigungen von Nagetieren, so vom Siebenschläfer Glis glis. Aus der Vielzahl der von diesem Nager hergestellten Schadbilder ist aber im Wesentlichen nur eine Form mit Ringelungen m.o.w. identisch, zumal nach ihrer Vernarbung. Wegen der überaus großen überaus großen Vielfalt der Verwechslungsmöglichkeiten sei hierzu nur auf das Buch verwiesen (Buch-Fotos 220-241).

Des Weiteren werden im Buch noch folgende Spechtaktivitäten vorgestellt und erörtert:

►▬ sog. HACKSCHÄDEN an gesunden Bäumen.

Auch auf diesem Feld existieren irreführende Behauptungen. So geistert ein zweifellos vom Eichhörnchen vor etwa 100 Jahren verübter Schälschaden noch heute als Schwarzspecht-Arbeit durch das Schrifttum (Kap. B 2.4). Die Hackschäden mit all ihren Facetten sind ein nicht weniger rätselhaftes Phänomen wie das Ringeln (hierzu Kap. B 7).
►▬
das als ABSCHUPPEN (Ablösen äußerer Rinden- / Borkenteile) dient meist der Suche nach versteckten Beuteorganismen (Buch-Fotos 278-281). Manchmal steht es aber auch in Verbindung mit einer Ringelung, gewissermaßen als Vorarbeit, v.a. beim Dreizehenspecht an Nadelbäumen (Näheres bei den Argumenten zum Verhaltensatavismus in meiner Stellungsnahme zu WINKLER)

►▬ sog. HACKUNTATEN, nämlich Beschädigungen an materiellen Gütern der menschlichen Wirtschaft, seit geraumer Zeit besonders oft an wärmegedämmten Gebäuden (Buch -Fotos 284ff).

Eigens sind im Buch auch die

►▬ RINDENBESCHÄDIGUNGEN VOM SIEBENSCHLÄFER dargestellt (Buch-Fotos 285-337), dies mit folgender Begründung: Die von diesen Nagern auf herbeigeführten Schadbilder (analog gelegentlich auch vom Gartenschläfer) sind in ihrer Vielfalt und Beschaffenheit noch nicht hinreichend bekannt. Dabei geht diesen Tieren meist nicht allein um den Phloemsaft, sondern auch um das Kambium, insofern sie dieses dann mit den Zähnen abschaben, vergleichbar dem Abraspeln der Hornissen mit ihren Mandibeln. Unter den Rindenbeschädigungen der Bilche ist zumindest eine Form (sog. Anbisse / Einbisse), die in ihrem Erscheinungsbild der Hauptform der Spechtringelungen (Wundtyp I) entfernt ähnlich oder gar mitunter nach Art der sog. Horizontalhiebe) völlig identisch sein kann (Buch-Fotos 292-298); bedingt ist auch eine weitere Form (sog. >schuppige Anbisse bis Anrisse< / Buch-Foto 299-303) fallweise auf den ersten Blick ähnlich. Nicht von ungefähr spricht man auch von Ringelungen der Bilche.

In Ermanglung einer sachlich fundierten, d.h. unter kritischer Verarbeitung der Literatur abgefassten Abhandlung über Siebenschläfer-Schadbilder bzw. Schäden schien es angebracht, im Buch/2012 das ganze Spektrum in Wort (Bd. 1, S. 573ff) und Bildern (Bd. 2 Foto 285ff) aufzuzeigen, dies zugleich zur Sicherung meiner Befunde und Erkenntnisse sowie Fotos aus vieljährigen Beobachtungen.

Wie schon erwähnt führt das gelegentlich (v.a. gegen den Herbst zu) von Hornissen (bsp. foto rechts) verübte Benagen von Laubholztrieben auch zu Schadstellen, die aber (zumindest im frischen Stadium) weder mit Siebenschläfer-Schälstellen, noch mit Spechtringelungswunden verwechselbar sind.

Auf der dem Buch 2012 im Anhang beigegebenen CD-ROM finden sich folgende Angaben:

  • zu den in der Zeit um 1900 jahrzehntelang geführten Auseinandersetzungen zur Nützlich- bzw. Schädlichkeit der Spechte, der sog.Spechtfrage,
  • zu den seinerzeit maßgebenden Wissenschaftlern
  • Angaben zu den amerikanischen Saftleckerspechten,
  • zu Begriffen zur Ringelung aus dem deutschen, englischen u. französischen Schrifttum als Glossar:

Die im Band 2 = Bildband abgedruckten Fotos, Abbildungen, Tabellen und Karten sind zunächst nichts anderes als Dokumente zu den im Textband erörterten Sachverhalten, welcher Art auch immer. Beringelungen sowie Scheinringelungen (Verwechslungsmöglichkeiten) sind bildbedürftig. Darüber hinaus sind die Bilder eine Grundlage zur Feldbiologie, also für die Beurteilung und das Ansprechen von Rindenbeschädigungen in der Praxis.

WALDPÄDAGOGIK

Zum Schluß erscheint folgender Hinweis angebracht: Das biologische Phänomen der Spechtringelung ist aus mehreren Gründen (Verfügbarkeit / Präsenz von Schauobjekten, Anschaulichkeit und Verständlichkeit der äußerlichen Erscheinungsbilder und der Spuren im Holz, den vielen Deutungsversuchen und der Rätselhaftigkeit des Geschehens) ein hervorragender Gegenstand der Waldpädagogik; dies setzt allerdings entsprechende Kenntnisse zu diesem biologischen Phänomen voraus. Denn mit der bloßen Kenntnis von Ringelungsbildern, den >Denkmälern< des Geschehens, ist es nicht getan, wird man dem Thema nicht gerecht.

 

Teil II: Die Rezensionen

Vorbemerkungen

Bei Google heißt es (Stand Anfang 2017) „… Rezension schreiben“ bzw. „.Es wurde keine Rezension gefunden“. Dies trifft in Wirklichkeit nicht zu. Vorab seien die im Netz stehenden Hinweise auf das Buch nach dessen Erscheinen genannt, teils nur mit den bibliographischen Angaben (Titel; Bezugsquelle), teils mit kurzen Angaben zum Inhalt: im Schwarzwälder Boote / Tageszeitung vom 20.06.2013; eine Kurznotiz von der 24.Jahretagung der Fachgruppe Spechte der Deutschen Ornithol. Ges. vom 14.-16.Juni 2013 am Feldberg,eine Anzeige der Schweiz.Zeitschr. f.Forstwesen 164 (2013) mit Inhaltsverzeichnis vom Buch;eine Buchtitel-Anzeige unter „Neue Buchbesprechungen zum Pflanzenschutz“ mit folgenden Hinwesi: „Eine detailliert aufbereitete Darstellung zu einem (scheinbar) wenig bekannten forstlichen Schad-Phänomen an Gehölzen mit dem Ergebnis des Autors, dass die bisher geltende Saftlecker-Theorie nicht zutrifft. Zudem ist das Werk ein Beispiel dafür, dass es sich immer lohnt, alte fortgeschriebene Wahrheiten einmal einer näheren und intensiven Überprüfung zu unterziehen.. Sodann erschien der Abdruck der Rezension von H. Winkler als Auszug vom Ornithologischen Anzeiger Bd. 53 / 2014, zum einen unter Ilmenauer Discovery Tool / Position 12; zum andern unter Schriftenschau-Zobodat als Anzeige der Ornithologischen Gesellschaft Bayerns 53 (2013).

 

Realiter!

Eigens zum Buch erschienen 9 Rezensionen, eingeschlossen dessen Bekanntmachung 2012 durch die folgende Ankündigung seitens des Rektors der Forstlichen (Fach-) Hochschule Rottenburg Dr.Bastian KAISER auf deren >home-page< „Rottenburger Professor räumt mit Legenden auf“. Seine weiteren Worte galten zunächst meiner Person als Lehrkraft, schwenken dann zu dem seit mehr als 150 Jahren beschriebenen „sehr speziellen Phänomen“ der Spechtringelung über. Ein besonderes Gewicht habe das Werk durch meine Widerlegung der „gängigsten Deutung, der sogenannten Saftgenußtheorie“, eine von den im Laufe der Zeit aufgebotenen „fast 20, teils skurillen, durchweg irrigen Erklärungen, weil bei dieser Erklärung von völlig falschen Grundgegebenheiten ausgegangen“ werde. Das Buch sei ein „fundierter Beitrag zu einem öffentlichen Diskurs. Darin werden … Kollegen nicht einfach kritisiert oder – schlimmer noch – ignoriert, sondern in fast >detektivistischer Weise eindrucksvoll widerlegt. Eine Art >wissenschaftlicher Streitkultur<, die früher gerade in der Forstwirtschaft mit zu ihrer internationalen Vorreiterstellung und Vordenkerrolle geführt hat …. und in Zeiten schneller Medien und der mangelden Geduld auch in der Wissenschaft leider weitgehend verloren gegangen“ sei. KAISER sieht „im Buch ein „wunderbares Beispiel für einen aktiven, engagierten und fundierten Beitrag zu einem öffentlichen Diskurs. … Insofern steht das Buch … in einer großen Tradition und schlägt über die Schnelllebigkeit und das unkritische Abschreiben hinweg eine Brücke zur tatsächlichen wissenschaftlichen Auseinandersetztung mit einer konkreten Fragestellung, aber auch mit Kolleginnen und Kollegen weltweit.“
Eine derartige Behandlung der Thematik war von Anbeginn mein Ansinnen gewesen, weil viele Verlautbarungen und Schriften zum Ringeln der Spechte, zumal in jüngerer Zeit, eine kritische Sicht vermissen lassen und zu weiten Teilen in der Weitergabe bisher vorhandener Meinungen bestehen. Ob ich in allen Punkten den von KAISER gesetzten Vorgaben gerecht geworden bin, zumal hinsichtlich der Würdigung konträrer Ansichten, sei dahingestellt (man beachte die Besprechung von E.Günther 2014).

In stark verkürzter Form erschien diese Besprechung auch unter dem Stichwort >BÜCHERTISCH< im Holzzentralblatt 138.Jg (2012), Nr.49.

Erwartungsgemäß fielen die 8 eigentlichen Besprechungen nicht einheitlich aus, doch würdigen die meisten Rezensenten die Monographie durch meine Verarbeitung fast der gesamten Literatur aus 150 Jahren unter Verwertung eigener Beobachtungen und Befunde aus mehr als 25 Jahren als einen höchst lobenswerten Verdienst. Sie rechtfertigen meine eigene Auffassung, daß durch die enzyklopädisch konzipierte Abhandlung die Materie Spechtringelung auf eine neue Grundlage gestellt ist. Von besonderer Bedeutung sind die Korrekturen vieler grundlegender Irrtümer, speziell zu den oben bereits abgehandelten Aspekten (1) – (10). In der von mir auf Sachverhalten und Überlegungen gestützten Widerlegung der bisher als gültig erachteten Saftgenuß-Theorie (im Buch A 14.2, hier unter Aspekt 10) sah ich bereits bisher einen Kernpunkt meines Buches; meine Interpretation als ein Verhaltensatavismus habe ich dort nur zur Diskussion gestellt.

Nachfolgend sind diese weiteren 8 Besprechungen im Wortlaut abgedruckt. In Anbetracht der vielen verschiedenen Themenkreise: Ringeln, Hackschäden und Hackuntaten u.a.m. und weiteren Einzelaspekten mit insgesamt über 90 Kapiteln ist es verständlich, daß in fast keiner Rezension sämtliche thematischen Inhalte (am ehesten von U.N.Glutz v. Blotzheim / 2013) zur Sprache gebracht werden.

Während die meisten der Besprechungen allenfalls Anlaß zu Anmerkungen geben, zwingen H.WINKLERs Auslassungen zu einer Stellungsnahme. Da aber hierzulande ein Votum nach Art einer Erwiderung bei Buchbesprechungen prinzipiell nicht üblich ist bzw. mir in seinem Publikationsorgan verweigert wurde, nehme ich die Chance wahr, auf dieser website auf dessen Einwendungen (v.a. gegen meinen Standpunkt, wonach die bisher gültige Deutung des Ringelns, die Saftgenuß-Theorie ein Mythos sei), einzugehen. Mit dem von mir im Buch postulierten geringen oder gar fehlenden ökonomischen Nutzen des Ringelns (A 17) konnten sich aber die beiden Rezensenten H.WINKLER und J.WEISS nicht abfinden und kann sich auch U.N.GLUTZ v. BLOTZHEIM nicht anfreunden (schriftliche Mitteilung 2012). Bei der Stellungsnahme zu WINKLER geht es um nichts weniger, als um die Frage, ob und inwieweit die vom mir im Buch vertretene Deutung zutrifft. Daß ich meinen Standpunkt inzwischen etwas revidieren muß, habe ich bereits im Text zu dem Aspekt 10 = Ringelungsursache erklärt.

Des weiteren bedürfen noch die 3 folgenden von WINKLER angerissenen Aspekte einer Erörterung:

  • Der von mir vermutete „6. Sinn“ ringelnder Spechte,
  • „Methodisch korrekte quantitative Analyse“ zum Stellenwert der geringelten Baumarten,

Die Frage nach weiterführenden „wissenschaftlichen Untersuchungen“.

Zu Recht besteht der von mehreren Seiten geäußerte Vorwurf >handwerklicher Mängel< (orthographische und sprachliche Fehler, angeblich auch zu viele „Wiederholungen“ und die „Breite und Ausuferung“, der eine oder andere fehlerhafte Verweis) und ein partiell noch nicht ausgreifter Wortlaut. Nicht zu vergessen daß in WORD abgefaßte Dateien als Druckvorlagen problematisch und fehlergeneigt sind, was tatsächlich gewisse Defizite beim Druck nach sich zog (bspw. die Schriftänderung von S. 195 / 196). Da die Mängel so gut wie nie sinnentstellend sind, kreidete mir U.N.Glutz von Blotzheim, von dem ich sehr früh Zuspruch für meine umfassende enzyklopädische Darstellung erhalten habe, diese Defizite in Anbetracht meiner fundierten Darlegungen >nur< als „Schönheitsfehler“ an. Entgegen meiner persönlichen Auffassung sah er davon ab, diese auch ihm bekannten Mängel (einschließlich der mir eigenen weitschweifenden Darstellung) in seiner Rezension zu erwähnen. Wichtiger war ihm,daß meine Arbeit möglichst bald erscheinen sollte; ins Stammbuch schrieb er mir die Devise: „Die beste Lösung taugt nichts, wenn sie zu spät kommt.“ Entscheidend war aber letzlich folgende Konstellation: Die Druckanstalt, welche uns einen Gefälligkeitspreis eingeräumt hatte, drängte mich kurz vor einer Auftragslücke zur Aushändigung der Datei, dies zu einem Zeitpunkt, als die Endfassung noch nicht ausgefertigt war und ich – wie bisher ohne Lektor – vor einer weiteren Durchsicht stand. Ich konnte gerade noch meine ganz zuletzt gewonnene Einsicht unterbringen, daß die Vögel ihre sämtlichen Ringelungshiebe gezielt visuell kontrolliert platzieren, dies versteut in mehreren Kapiteln; die wünschenswert eigenständige Erörterung wie nun hier in der Kurzfassung (s. Aspekt Nr.5) ließ sich in der Eile nicht mehr realisieren.

 

Die weiteren 8 Rezensionen im Einzelnen

► Prof. Urs N. Glutz v. Blotzheim (in Ornithologischer Beobachter“ Bd. 110 /1, p.60+61 März 2013 (Anmerkung: Mit nahezu gleichem Wortlaut des Weiteren auch in der Schweiz..Z..f.Forstw. 164 / 3: (2013), p. 83-86 sowie in die „Vogelwarte“ 51 (2013) p. 223;). Es handelt sich um die erste eigentliche Besprechung aus dem Leserkreis; sie hat nach den bibliografischen Angaben folgenden Wortlaut: „Die als „Ringeln“ bezeichnete in der Regel perlschnurartige Aneinanderreihung von Hiebswunden an gesunden Laub-und Nadelbäumen durch Spechte ist ein seit langem beschriebenes Phänomen. Von den vielen versuchten Deutungen gilt die 1848 formulierte Saftgenuß-Hypothese seit etwa 100 Jahren fast unwidersprochen als gültige Erklärung. Sie wurde später durch die Annahme ergänzt, dass Baumsaft für Spechte einen wichtigen, für deren Verbreitung sogar mitbestimmenden Nahrungsbestandteil bedeute. Für die Skepsis des Autors (1985 – 2000 Professor für Waldschutz und Entomologie an der Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg / Baden-Württemberg) gegenüber der Saftgenuß-Hypothese war das von Harzfluß geprägte Schadbild an frisch beringelten Kiefern vor etwa 3 Jahrzehnten aus baumphysiologischen Gründen das Schlüsselerlebnis. Seither hat er die Literatur minutiös durchforstet und die publizierten Beobachtungen und Deutungen, ergänzt durch unzählige eigene Beobachtungen und Deutungen geprüft. Er entlarvt nun mit akribischer Gründlichkeit die Saftgenuß-Hypothese als einen Mythos. Ganz abgesehen von der völlig unzulänglichen Befähigung westpaläarktischer Spechte zu entsprechendem Saftverzehr hat man die baumphysiologischen Gegebenheiten zum Wasser-und Stofftransport (Xylem- -und Phloemsaft) von Bluter-und Nichtbluter-Baumarten sowie die Qualität ihrer Säfte nie korrekt bewertet. Dabei verfügten einige Gelehrte schon um 1840-1925 über baumphysiologische Kenntnisse, die vor späteren Irrungen hätten schützen müssen (eine beim heute in Lehre und Forschung leider weit verbreiteten Snobismus gegenüber älterer Literatur beherzigenswerte Feststellung!). Nach der Erörterung aller sonstigen Deutungen stellt der Autor als eigene Interpretation der Ringelung einen Verhaltens-Atavismus (zwecklose Triebhandlung) zur Diskussion. Das umfangreiche, weit überdurchschnittlich vielseitig und instruktiv illustrierte Werk ist nicht nur für Spezialisten von Interesse. Es mahnt den Leser an konkreten Beispielen (z.B. Fußnote 2 S.24) immer wieder sorgfältiger zu beobachten, bei der Interpretation seiner Beobachtungen umsichtiger vorzugehen und zwischen sachlicher Erklärung und Spekulation klar zu unterscheiden. Dies gilt für alle, vom Generalisten bis zum Artspezialisten, vom interessierten Laien bis zum Hand-oder Lehrbuch Autor, vom Vogelfreund bis zum Förster, Waldeigentümer und Holzverwerter. So ist geradezu spannend zu lesen, was Dengler im Laufe der Jahre über den Ringelzeitpunkt, die Wahl der Ringelbäume, deren Häufigkeit und Verbreitung, das Trinken der Spechte, Hackschäden anderer Art, Rindenbeschädigungen durch Siebenschläfer und Eichhörnchen u.a.m.. zusammengetragen hat und was er vom angeblichen Verzehr von Harz, vom erneuten Bearbeiten alter Ringelwunden und von den Folgen des Ringelns auf das Wachstum des Baums, für eventuellen Befall durch kambiophage Insekten und auf die Verwertbarkeit des farblich und / oder strukturell veränderten Holzes hält. Für viele Leser wird es nicht leicht sein, >lieb gewordene Erklärungen< zugunsten einer offenbar nutzlosen Tätigkeit aufzugeben. Die nachvollziehbare, mitunter sehr ausführliche und eindringlich wiederholte Gründlichkeit, mit der Dengler seine Kritik untermauert, lässt wohl keine andere Wahl. Die CD-ROM erlaubt 1.) den digitalen Zugang zum Text-und Bildband, enthält 2.) eine Auflistung von Begriffen aus der deutschen, englischen und französischen Literatur, die soweit nötig knapp erklärt werden, so wie 3) – 5) chronologische Auflistungen von Zitaten und Verlautbarungen zum Ringeln, inhaltlich bedeutsamen Textstellen über amerikanische Saftlecker-Spechte und die einst heftig diskutierte Rolle der Spechte im Wald. Das Preis-Leistungsverhältnis dieses Werkes könnte vorteilhafter nicht sein; dafür namens aller Interessierten Dank an Hochschule und Sponsoren.“

Meine Anmerkungen: Dieser Besprechung liegt das Bemühen zugrunde, im Rahmen des hierbei möglichen Umfangs das Gewicht der grundlegenden Korrekturen bei vielen Einzelaspekten zum Ausdruck zu bringen, von denen mehrere wesentliche Sachverhalte im einzelnen benannt werden. Selbst die anderweitigen Spechtaktivitäten wie beispielsweise die Hackschäden bleiben nicht unerwähnt.

Es verdient der Erwähnung, dass mir der Rezensent im Vorfeld seiner Besprechung sein Bedauern über die oben genannten handwerklich-redaktionellen Fehler persönlich mitgeteilt hat. In Anbetracht der bedeutsamen neuen Erkenntnisse im Buch hat er sie wohlwollend als „bedauerliche Schönheitsfehler“ hingenommen und entgegen meiner Ansicht unerwähnt gelassen. Damit nahm er auf sich, diese Mängel nicht bemerkt zu haben. Ihm war indessen wichtig, dass meine kritische Arbeit bald zugänglich sein sollte, getreu der Devise: „Die beste Lösung taugt nichts, wenn sie zu spät kommt“.

Aus der von diesem Ornithologen gemeinschaftlich mit Francois Benoit abgefaßten „Revue“ (Revue Bibliograpique in «Nos oiseaux» / Vol 60/1, N0. 511, 2013)

„Je profite de l’article de P. Reymond (Nos oiseaux 59 / 201-202), pour attirer l’attention des ornithologues francophones sur cette étude importante concernant les perforations en couronne (= Beringelungen) sur des troncs d’arbre, qui attestent souvent la présence du Pic tridactyle ou du Pic épeiche. L’étude analyse aussi les nombreuses tentatives d’explications de ce comportement. Jusqu’à présent c’est essentiellement dans la littérature allemande et suisse alémanique qu’on trouve des observations de ce genre. Dengler prouve, dans son travail miniutieux, que non seulement des ornithologues mais aissi des forestiers ne sont pas suffisamment critiques en observant et en expliquant ce comportement. Trop souvent, ils ne tiennent pas compte de la physiologie des arbres. La consommation de sève par les pics est loin de l’importance que bien des observateurs attribuent. Dans beaucoup de cas, surtout en ce concerne les résineux, il n’y a pas une goûte de sève s’écoule qui exsude des petits trous des arbres annelés par les pics. La résine qui suinte n’est jamais mangée parles pics. Quand la sève s’écoule des blessures caussée par le pic, la quantité absorbée par les oiseaux est négligeable dans la grand majorité des cas. La valeur nutritive de l’exsudat n’atteint jamais le niveau soupconné par la plupart des observateurs. Malheureusement, il faut oublier bien des détails résumés de toutes les observations qui ont fait l’objet de publications dans des périodiques ou dans des ouvrahes de spécialistes – même dans notre «Handbuch der Vögel Mitteleuropas»: Les perforations en couronne exécutées par les pics ne sont, selon Dengler, q’une expression d’instinct qui n’aboutit à rien, tout au plus un atavisme. Dengler discute en détails chaque observation relatée dans la littérature parue depuis un siècle et demi. Il relève ses propres observations et expérimentations en documentant avec plus que 346 photos et dessins, qui décrivent aussi d’autres blessures d’écorce causéees par des pics ou d’autres animaux. Il démontre aussi des anomalies qui pourraient, à tort, être prises pour des perforations en couronne. En conséquence, plus aucun ornithologue ne devrait publier quoi que ce soit sur l’absorption de sève par des oiseaux, sans avoir consulté cet ouvrage important qui tort le coup à bien des anecdotes insufissament ètayèes.»

Meine Anmerkung: Da diese Besprechung nur wenig Auskunft über das Buch gibt, setze ich ihren Schlußsatz (auf deutsch) an den Anfang:: Jeder Ornithologe, der sich zukünftig mit dem Saftkonsum von Vögeln zu befassen gedenkt, wird nicht darum herumkommen, dieses wichtige Buch zu Rate zu ziehen, in dem so gut wie allen unzureichend belegten Auffassungen >der Hals umgedreht< werde.

Eingangs konstatiert der Rezensent, dass im Vergleich zur deutschsprachigen Literatur dem Ringeln der Spechte seitens der französischen Ornithologen bisher wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Dann nimmt er einige wenige Aussagen in den Blick; so ließen es die bisherigen Publikationen an einer kritischen Darstellung fehlen und würden dabei vor allem die baumphysiologischen Faktoren außer Acht gelassen. Häufig würden die Ringelungshiebe keinen Saftausfluss auslösen, zumal an den Nadelbäumen; das austretende Harz werde nicht gefressen. In Fällen, wo Saftaustritt erfolge, sei die davon getrungene Menge meist vernachlässigbar. Deren unterstellter Nährwert sei geringer als dabei von den meisten Beobachtern angenommen werde. Viele der in Zeitschriften und selbst in Arbeiten von Spezialisten wie bspw. im „Handbuch der Vögel Europas“ zusammenfassenden Angaben, (was wohl auf die Deutungen der Spechtringelung gemünzt ist), seien nichtig. Laut Dengler seien die Ringelungen nutzlose Instinkthandlungen, gewissermaßen ein Atavismus. Schließlich würden alle seit eineinhalb Jahrhundert gemachten Beobachtungen samt „Anomalien“ (Verwechslungsmöglichkeiten) detailliert beschrieben zusätzlich die eigenen Befunde und Experimente. Das alles werde mit 346 Fotos und Zeichnungen dokumentiert.

Kerninhalte, v.a. so wichtige Erkenntnisse wie die Widerlegung der bisher gültigen Deutung, ferner die Rolle der Ringelungen an Laubbäumen für die kambiophagen Kleinstinsekten sowie andere grundlegende Korrekturen, bspw. zur Ringelungszeit werden, von den fast unzählig anderen Aspekten abgesehen, nicht in den Blick genommen. Immerhin kann der Schlußsatz Interesse an der Monographie wecken und die Leser auf die Spur dieser fazettenreichen rätselhaften Materie bringen.

LB in ORNIS 6 / 2013 , S.46. Über diese unter >Kurz besprochen< erschienene Verlautbarung aus lediglich 6 Sätzen läßt sich hinwegsehen. Es sei „ein Buch für Fachpersonen, die sich im Detail mit der Thematik auseinandersetzen möchten.“ Zum Inhalt heißt es nur, dass „der Autor… nach der Aufarbeitung sämtlicher verfügbarer Literatur und eigenen Beobachtungen zum Schluss kommt, das ses sich bei der Saftlecker-Theorie – dass Spechte Bäume ringeln, um vom Pflanzensaft zu trinken“, um einen Mythos handle. Vom sonstigen substantiellen Inhalt des Textbandes ist mit keinem Wort die Rede. Und zum Fotoband heißt es lediglich, er enthalte „eine riesige Menge an Fotos sowie einige Tabellen und Karten. Die Fotos sollen helfen, Spuren der Spechtringelung an Bäumen zu finden und zu deuten.“ Nein! Zuvorerst sind es Dokumente zu den im Textband erörterten Inhalten. Die Sachverhalte bei der Spechtringelung sind überaus bildbedürftig.

Egbert Günther (im Ornithol. Jahresbericht Museum Heineanum 32 / 2014) beginnt seine Rezension mit folgenden anerkennenden Worten: „…Wer sich künftig mit Spechtringelungen befaßt, wird an dem Werk nicht vorbeikommen: Die Fülle an Informationen ist selbst für denjenigen beeindruckend, der sich schon einmal näher mit dem Thema vertraut gemacht hat. Spätestens jetzt dürfte allen klar sein, dass es unsinnig ist, einzelne Ringelbäume oder Beobachtungen zu publizieren, wie noch in jüngster Zeit geschehen. Die Stärke des 2-bändigen Werkes ist vor allem die wohl lückenlose Auswertung aller Quellen. Bei allem Lob für die Fleißarbeit ist dennoch einiges kritisch anzumerken. Der in mehrere Abschnitte gegliederte Text wirkt auf den ersten Blick gut erschließbar, jedoch beim näheren Hinschauen zergliedert und deshalb unübersichtlich; u.a. wegen der vielen Hervorhebungen und Fußnoten. Im Bd. 2 erschlägt die Masse an Fotos …., teils noch untergliedert… Die Fotos, überwiegend in Farbe, sind allerdings oft unscharf und von mäßiger Qualität, meist jedoch ausreichend für die getroffenen Aussagen. Abgebildet ist vor allem allerlei> Schadholz< , der Leser, der mit dem Thema bisher wenig zu tun hatte, könnte daher auf den Gedanken kommen, er hat den Katalog einer Holzhandlung in der Hand. Mag maßlos übertrieben sein, doch geradezu befremdend wirkt die Verwendung des Wortes >Schaden< in unterschiedlichen Kombinationen in den Bildunterschriften. Da ist von noch banal klingenden „Holzschäden“ bis zu „dramatischen Beschädigungen“ zu lesen.. An der Stelle fragt man sich, um was geht es eigentlich? Hatten wir im Titel nicht etwas von „Spechten“ gelesen?

Also, um was geht es? Spechtringelungen sind ein weitgehend unbekanntes Phänomen, das selbst Forstleute, die vorgeben, etwas von Bäumen zu verstehen und Ornithologen, die glauben zu wissen was Vögel so treiben, in Erklärungsnotstände bringt. Nach bisheriger Auffassung dient das Ringeln den Spechten der Aufnahme von Baumsaft. Im Handbuch ist dazu folgendes zu lesen: beim Ringeln schlagen die Spechte in „waagrechten oder seltener spiraligen Linien Löcher in die Rinde“ des Stammes oder größerer Äste. Weiter erfahren wir: „Wie P. major ist P. tridactylus überdies ein ausgesprochener Ringelspecht“, und Letzterer soll „zeitweise im Frühjahr die Hälfte der Nahrungserwerbszeit“ dafür verwenden. Neben diesen beiden Arten wurde auch der Mittelspecht beim aktiven Ringeln beobachtet. Genau damit, dieses Verhalten könnte etwas mit dem Nahrungserwerb zu tun haben, räumt DENGLER gründlich auf. Er hat weitere Erklärungen zum Ringeln gründlich analysiert, nennt selbst die „dubiosesten und skurrilsten Ansichten“ und ist sich nicht zu schade, „glossenhafte Begebenheiten“ – so folgende durch Zufall in einem Gespräch mit einer „interessierten Person“ aufgegriffene Äußerung – sogar im Fettdruck wiederzugeben: „Wollen vielleicht die Männchen den Weibchen zeigen, was für schöne Ringeln sie zu machen imstande sind?“… Darüber hinaus hat DENGLER selbst Beobachtungen angestellt und kann daher aus eigener Anschauung klarstellen, wie Spechtringelungen von Rindenbearbeitungen durch Siebenschläfer und Eichhörnchen zu unterscheiden sind; weiter geht er auf >Scheinringelungen< ein.

Während die Einen in dem minutiöser Kleinarbeit Ringelbäume und gar einzelne Einschläge zählten und versuchten, saisonale Abhängigkeiten zu erkennen, hat DENGLER, der emeritierte Forstprofessor für Waldschutz und Entomologie, diese Verhaltensweise der Spechte aus der Sicht der Pflanzenphysiologie betrachtet. Der Hintergrund ist, dass bisher die physiologischen Eigenschaften der Leitbündel eines Baumes, des Xylems und Phloems, die bzw.. Nährstoffe transportieren, außer Acht gelassen wurden. Bei den Bluterbaumarten (Ahorn, Birke, Hainbuche) lösen die Verwundungen einen Saftfluß aus dem Xylem aus, diesen Nährwert äußerst gering ist. Deshalb hält DENGLERdie Aufnahme des Xylemsaftes durch Spechte zur Überbrückung von Nahrungsengpässen für unrealistisch. Bei den Nichtblutern kommt es nur unter bestimmten Voraussetzungen zum Austritt des nährstoffreichen Phloemsaftes und nur in unbedeutenden Mengen. Unsere heimischen Spechte sind bei der Saftaufnahme auch deshalb benachteiligt, weil sie nicht wie die amerikanischen Saftlecker-Spechte über eine darauf spezialisierte Zunge verfügen. An die Stelle der Saftgenuß-Hypothese setzt er einen Verhaltensatavismus, „einen genetischen Erbteil aus der evolutionären Vergangenheit der Spechte unter dem Gesichtspunkt der Nutzung von Baumsäften als Nahrungsquelle“, oder vereinfacht gesagt, eine inzwischen nutzlos gewordene Handlung. Es wird schwer sein, nach dieser gründlichen Arbeit diese Theorie zu widerlegen. Dennoch frage ich mich, warum der Dreizehenspecht, der viel Zeit mit dem Ringeln zubringt, wie wir oben gehört haben, nicht regelmäßig mit leerem Magen vom Baum fällt? Aber damit sollen sich zukünftige Generationen von Fachleuten beschäftigen.

Eine Bemerkung in eigener Sache: im Meinungsstreit ist Kritik erlaubt und mit dieser hat DENGLER teilweise wohl durchaus zu Recht – nicht gespart. Aber bekanntlich macht der Ton die Musik. Markige Formulierungen, wie „unsinnig“, unbrauchbar“, und das auf mehreren Seiten, können durchaus verletzend sein. Man hätte dasselbe mit netteren Umschreibungen sagen können. Dadurch entsteht der Eindruck, dass der Rezensent, der gleich mehrfach in dieser unschönen Form zitiert wurde, stellvertretend für die Zunft der Ornithologen herhalten sollte. Kritische Anmerkungen fließen leicht aus der Feder, wenn die die betreffende Person relativ unbekannt ist und aus einem fernen Bundesland kommt. Es ist müßig, die einzelne Kritik. zu analysieren und würde den Rahmen einer Rezension sprengen. Doch überrascht schon, eine ganze Arbeit mit den Worten „grundsätzlicher Fehlansatz“ zu disqualifizieren, nur weil angeblich nicht zwischen Bluter-und Nichtbluterbaumarten unterschieden wurde. Die Schwierigkeit des Erkennens bei den Nichtblutern einräumend, bleibt es bei meiner damaligen Aussage, dass die Spechte im nördlichen im nordöstlichen Harz überwiegend Berg-und Spitzahorn und nicht die Traubeneiche ringeln. Es wurde nämlich nicht nur mit einem guten Fernglas die Kronen der verhältnismäßig niedrigen Eichen (15 – 20 m) abgesucht, sondern auch die Eichenstangenhölzer. Der Ansatz des Buchautors, nun endlich einmal mit der „herrschenden Doktrin“ über das Ringeln aufräumen zu müssen, ist fast durchgehend erkennbar. So werden Kollegen genüsslich gescholten, die über Ringelbäume im Harz berichten, weil sie „Marshall, W. (1889): Die Spechte (Pici), Leipzig“ nicht zitieren. Es ist eine der wenigen Quellen aus dem 19.Jahrhundert, in der über diese Erscheinungen auf gut 1½ Seiten berichtet wird und in der u.a. Ringelbäume aus diesem Gebirge erwähnt werden. Verschwiegen wird allerdings, dass diese wichtige Quelle auch in hochgelobten Arbeiten aus Forstkreisen fehlt.

Prof. DENGLER stellte seine „Thesen und Fakten“ auf der Tagung der Projektgruppe Spechte 2013 am Feldberg im Schwarzwald vor. Ich hatte daher das Vergnügen, ihn dort zu erleben und ausführlich zu sprechen. Für ihn war es sichtlich ein unerwartetes Zusammentreffen, das meinen hier geschilderten Eindruck sehr bestärkt hat.

Wer sich die beiden Bände nicht in den Bücherschrank stellen möchte, dem sei die Zusammenfassung seines Vortrags von der Specht Tagung empfohlen (s. Vogelwarte 52, 2014, 80-81). Darin werden die Ergebnisse deutlich sachlicher und moderater vorgestellt. Es geht doch, man muss nur einmal mit den Spechtleuten reden

Er fährt fort: Den Auftritt von Prof. DENGLER am Feldberg faßt – wie immer – David Eggeling in dem folgenden Limerick zusammen: >Klaus DENGLER spricht lang, kreuz und quer, vom Ringeln der Spechte, und mehr! Daß sich nah der Karwand dann ein Ringelbaum fand, ein Prachtexemplar, das freute uns sehr.<“

Meine Anmerkungen: Auch wenn E.GÜNTHER nur wenige der im Buch abgehandelten Einzelaspekte der Spechtringelung im Einzelen erwähnt, läßt seine Besprechung erkennen, daß er sich wie kaum ein anderer umsichtig mit den weitläufigen Inhalten des Buchs befaßt hat. Den Mißmut über manche meiner Formulierungen, zumal zu den Deutungen, bei denen seiner Auffassung nach eine gefälligere Umschreibung angebracht gewesen wäre, registrierte ich mit Bedauern. Das trifft vollends darauf zu, daß ich eine seiner Arbeiten mit den Worten „grundsätzlicher Fehlansatz“ disqualifizert hatte. Denn schon beim Lesen dieser mit großem Fleiß durchgeführten Feldbeobachtungen stand mir mein Respekt für seine Mühe vor Augen; im Buch (S.374) bringe ich dies aus sachlichen Gründen als eine von der Saftgenuß-Hypothese fehlgeleitetete Arbeit zur Sprache und daß dies mit Blick auf seine großen Zeit-„Aufwendungen und bemühten Studien … bedauerlich“ sei.

GÜNTHER selbst bringt es aber in der Tat fertig, den einen oder anderen Aspekt heiter zu beleuchten, so mit der rethorisch lockerem Frage zur Widerlegung der Saftgenuß-Hypothese, „warum der Dreizehenspecht, der viel Zeit mit dem Ringeln zubringt, …. nicht regelmäßig mit leerem Magen vom Baum fällt?“ Und seine Besprechung rundet er mit einem heiteren Spottvers ab, das eine wie das andere eine beneidenswerte persönliche Qualität.

Sein Mißbehagen beim Anblick der vielen Fotos zu den ringelungsbedingten Spuren im Holz (>Holzhandlung<) kann ich nicht ohne Weiteres teilen. Die Metabiose zwischen Ringelungen an Laubbäumen und den mit dem Befall durch kambiophage Insekten einhergehenden Folgen, darunter auch Schadenswirkungen im Holz, ist nicht nur für die Kenntnis von deren Ursache samt Verwechslungsmöglichkeiten wichtig. Mit Blick auf den Zeitpunkt der Beringelungen und auf die wichtigsten Ringelbaumarten fällt ihnen eine Schlüsselrolle zu. Daß bei den von ihm untersuchten örtlichen Gegebenheiten Acer im Nordharz einen hohen Stellenwert hat, ist beachtenswert, ein Beispiel für die höchst wechselhafte Realität bei der Spechtringelung.

Hermann J. Rapp (unter >Buch-Tipps< in Forstliche Mitteilungen der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar,-Umwelt 67.Jg. (2014) Nr. 2, p. 24. Dieser Forstmann schreibt: „So ein Werk bekommt man nur selten in die Hände. In jahrzehntelanger Arbeit hat der pensionierte Waldschutzprofessor sich einem Problem mit größter Passion gewidmet, das den meisten Forstkollegen wohl kaum bewusst geworden ist, aber bereits seit nahezu 200 Jahren zu intensiver fachlicher Auseinandersetzung und einer erstaunlichen Literaturfülle geführt hat. Es geht um die Ringelung fast aller Baumarten durch Spechte. Im Geiste bewährter wissenschaftlicher Streitkultur hat der Autor mit fast einmaliger Akribie umfangreiches Fotomaterial gesammelt, Daten erhoben und damit die bisher gängige Auffassung von der Saftlecker-oder Saftschlecker-Theorie widerlegt. Stattdessen geht er von einem Verhaltens-Atavismus, also einer zwecklosen Triebhandlung, aus. Zusätzlich geht er auf die zum Teil ähnlichen Schadbilder, die durch Siebenschläfer und Eichhörnchen verursacht werden ….. Insgesamt ist ein Kompendium entstanden, das Forstleute wie Ornithologen begeistern wird, die höchste Ansprüche an wissenschaftliche Vorgehens-und Argumentationsweise stellen. Deshalb lohnt sich die zeitaufwändige Beschäftigung mit diesen beiden Büchern und macht das Lesen zum Genuss“.

Meine Anmerkungen: Unter Verzicht auf nähere Angaben zum substantiellen Inhalt, also zu den Kerninhalten, lässt der Rezensent seiner Freude samt Begeisterung für das Thema freien Lauf; dies zu vermitteln ist sein Anliegen und kann Neugierde wecken.

P.N.-G. in der französischen Zeitschrift Alauda 82/ 2 (2014), p. 154: >>Nombreux sont ceux parmi les ornithologues qui ont pu observer et se sont interrogés en découvrant des perforations en couronne sur les tronc d’arbres. Ayant à l’occasion entendu parler ou l’ayant lu préalablement dans une publication, ils avaient cru reconnaître là, le travail d’un Pic épeiche! De la même facon, ils avaient conclu à une recherche alimentaire de sève dont cette espèce serait friande, un comportement original qu’elle partagerait de sève qu’elle partagerait avec le Pic tridactyle. K.Dengler, Professeur au Collège de Foresterie de Rottenburg près de Tübingen en Allemagne a réalisé une étude approfondie qu’il a publiée en deux volumes et un CD (pas moins !), une étude qui remet tout en question en s’appuyant sur ses propres observations et expérimentations accompagnées de 346 photographies, 29 dessins et une bibliographie de 587 références principalement germanophones (allemandes et suisses alémaniques) depuis une siècle et demi et où l’ornithologie francaise, avouons le, fait bien pâle figure. Ce comportement singulier n’est pas seul fait des oiseaux et certains mammifères, tel que le Cerf, ne s’en privent pas en infligeant à certaines arbres de graves blessures. K.Dengler souligne le manque d’ esprit critique des ornithologues certes et a fortiori des forestiers qui se sont limités à des observations superficielles et a des conclusion très hâtives. Il nous apprend ainsi que nombre des plaies ne sont en fait que des anomalies végétales, qu’ il ne suinte pratiquement aucune sève des conifères attaqués, sève que les pics ne consommeraient d’ailleurs pas, que les sèves d’arbres à feuilles caduques prétendues consommées à l’occasion par certaines espèces d’oiseaux ne seraient absorbées qu’en très faible quantité, des sèves qui de toute facon, n’auraient qu’une très faible valeur nutritive. …Pour lui il n’y aurait là qu’une expression d’instinct, tout au plus un atavisme. Ne pourrait-on pas alors y voir une relation avec ces dégâts occasionnés par des Pics verts sur des volets d’habitations au grand dam de leurs propriétaires? Cessons de nous limiter à des anecdotes et à l’instar de K.Dengler, avouons modestement que la biologie des oiseaux comporte encore bien des inconnues et peut nous offrir encore, outre les simples identifications d’oiseaux rares, des occasions d’observation originales et passionnantes.

Meine Anmerkung: Ähnlich wie die Besprechung von Fr.Bénoit werden, ausgehend von der geringen Beteiligung am Thema seitens französischer Ornithologen und Forstleuten, nur wenige Inhalte des Buches direkt angesprochen, u.a. der oft recht oberflächliche unkritische Umgang mit der Thematik durch die Ornithologen und Forstleute, sodann die Ungereimtheiten hinsichtlich Vorstellung des Konsums von Baumsäften (der Menge und ihrem Nährwert nach). Die revisionsbedürftigen bisherigen Anschauungen werden im Einzelnen nicht erwähnt, auch nicht die einzelnen Erklärungen zum Ringeln, selbst nicht meine Widerlegung der Saftlecker-Theorie, indessen aber meine Deutung als Atavismus. Ein Seitenblick gilt beiläufig den Hackuntaten des Grünspechts (an Fensterläden). Mit Blick auf die Verwechslungsmöglichkeiten mit Rindenbeschädigungen durch andere Tiere ist der Hinweis auf die Schälschäden des Rotwildes (Cerf = Hirsch) ein Fehlgriff, der vermutlich meiner Erörterung der Schäden seitens des Siebenschläfers (französisch loir) gilt.

Dr.Joachim Weiss in Charadrius; 51.Jg. = 2015 / H.1): „Das Ringeln der Spechte beschäftigte Ornithologen und Forstleute seit dem 19.Jahrhundert immer wieder. Es ist ein interessantes und keineswegs ab schließend geklärtes Verhalten. Regelmäßig tauchen Publikationen auf, die den Sachverhalt beschreiben und Interpretationen liefern. Die gängigste und bisher weitgehend unstrittige Erklärung ist die der Aufnahme von Baumsaft. Durch punktuelle Verletzungen des Baumes werden energiereicher Baumsaft erschlossen, von denen sich die Spechte ernähren würden. Teilweise wurde in der Literatur diese flüssige Nahrungsaufnahme als saisonal wesentlich dargestellt. So zum Beispiel im Vorfrühling, wenn andere Nahrungsquellen knapp seien. Eingehende Untersuchungen zur Bedeutung des Ringelns fehlen aber weithin.

Nun hat sich Klaus Dengler eine unbeschreibliche Mühe gemacht, und das Thema in einer nie dagewesenen Gründlichkeit mittels Recherche der gesamten verfügbaren Literatur – auch der historischen – mit knapp 600 Quellen unterstützt durch eine baumphysiologische Betrachtung und durch eigene Feldbeobachtungen sowie einer ausführlichen Fotodokumentation einer kritischen Betrachtung und Bewertung unterzogen. Die Ergebnisse seiner Arbeit sind in 2 Büchern und einer CD dokumentiert. Der weit über 600 Seiten zählende Hauptband behandelt Diskription und Definitionen des Spechtringelns, die entstehenden „Schadbilder“, die ringelnden Spechtarten, ringelrelevante baumphysiologische Grundlagen, Zeitmuster und Verbreitung des Ringelns sowie bisherige Deutungen, an die er eine eigene Interpretation anschließt. Darüber hinaus werden auch mit dem Ringeln „verwandte“ Spechttätigkeiten wie Hackschäden und Abschuppen von Rinde behandelt. Der zweite Band (noch mal 350 Seiten) enthält über 300 Fotos zum Thema sowie weitere Abbildungen, Skizzen, Tabellen und Karten. Auf der CD werden die Literaturbelege mit kurzen Zitaten konkretisiert, Daten zu den amerikanischen Saftlecker-Spechtarten und biografische Angaben zu einigen bedeutenden Forstleuten und Ornithologen mitgeteilt. Ein deutsches, englisches und französisches Glossar und eine digitale Version von Text-und Bildband runden die CD ab.

Es ist das Verdienst des Autors, das Thema Ringeln europäischer Spechte in Form und Ausprägung aufgearbeitet zu haben, es in Zusammenhang mit baumphysiologischen Gegebenheiten zu stellen und seine biologische Bedeutung vor diesen Hintergründen zu diskutieren. Dieses Mammutwerk, das zweifellos eine enorme Fleißarbeit darstellt, die Respekt auslöst, ist für den Leser jedoch kaum zu bewältigen und überfordert ihn bezüglich seines Zeitbudgets, seines Durchhaltevermögens und seiner Geduld. Die enzyklopädisch angelegte Datensammlung ist von deutlichem wissenschaftlichen Wert, nur ist sie nicht effektiv erschließbar. Die einzelnen Kapitel sind zwar einheitlich gegliedert und jeweils mit einer Zusammenfassung versehen, doch fehlt im Textband ein Stichwortverzeichnis, das die vielseitigen Aspekte zum Nachschlagen erschließt: Die Breite und Ausuferung der Darstellungen halte ich schlicht für übertrieben und für die Klärung der Ringelfrage nicht angemessen. Am hinderlichsten – und gleichzeitig auch ärgerlich – sind die ständigen Wiederholungen, sowohl innerhalb der Kapitel als auch zwischen ihnen und die dabei immer wieder schon Gesagtes aufgreifende Argumentationsweise. Das macht nicht nur ein zügiges und informierendes Lesen unmöglich, sondern erschwert auch den Zugang zum enzyklopädischen Wert des Werkes. Ich bin sicher, man hätte die wichtigsten Fakten und Argumentationen auf etwa einem Zehntel des Gesamtumfanges darstellen können.

Aber nun einige Hinweise und Kommentare zum Inhalt. Hauptakteure des Ringelns sind in Mitteleuropa Buntspecht und Dreizehenspecht, nachgeordnet der Mittelspecht, für den weitere gut dokumentierte Detailbeobachtungen wünschenswert wären. Sehr selten ringeln Schwarz-und Grünspecht, für den Grau-, Weißrücken-, Blut- und Kleinspecht ist dieses Verhalten ungeklärt bzw. ohne Beleg. Der Dreizehenspecht beringelt im mitteleuropäischen Raum fast ausschließlich Nadelbäume, der Buntspecht eine breite Palette verschiedener Gehölze. Die Ringeltätigkeit variiert im Jahresverlauf, keineswegs wird nur im Vorfrühling geringelt, sondern auch im Sommer und Herbst (was eine übersichtliche Tabelle zeigt). Es gibt deutliche geographische Unterschiede bei der Ringelhäufigkeit, zumindest was die publizierten Belege anbelangt, die in einer entsprechende Karte anschaulich dargestellt werden. Dabei ist das Nordwestdeutschen Tiefland einschließlich NRW auffallend dünn mit Nachweisen vertreten.

Der zentralen Frage, warum die Spechte ringeln, wird viel Raum gegeben. Der Autor setzt sich kritisch mit den vielfältigen sicherlich tradierten und kaum mal näher geprüften Annahmen der Saftlecker-Hypothese auseinander, wobei er auch und vor allem baumorphologische und baumphysiologische Grundlagen berücksichtigt. Die meisten Autoren gehen aber a priori davon aus, dass beim Ringeln flüssige Nahrung aufgenommen wird. Kaum einer hat sich bisher die Mühe gemacht, die Xylem- und Phloemsäfte des Baumes zu differenzieren und ihre Ergiebigkeit ihre. Erreichbarkeit durch Ringelhiebe zu prüfen. Dengler räumt hier mit manchen Vorurteilen bzw. oberflächlichen oder gewagten Interpretationen auf, unterliegt dabei hier und dort aber auch einem zu rigorosen (und manchmal auch voreingenommenen) „Vom-Tisch-Fegen“ der von ihm kritisierten Überlegungen oder Schilderungen anderer Autoren. Er zeigt auf, dass die Xylemsäfte – vor allem bei den sog. Bluter-Baumarten wie Ahornarten, Walnuss, Hainbuche oder Birke – zwar schon im Vorfrühling vor dem Laubaustrieb, also zu einer aktiven Ringelzeit zur Verfügung stehen, sie aber in der Regel kaum nährstoffreich sind und wegen der Unterbrechung der Saugspannung durch die Ringelverletzung der Leitungsbahnen nur in geringsten Mengen aufgenommen werden können. Dengler betont, dass die relativ häufig geringelten nichtblutenden Baumarten (insbesondere Eichen und Nadelbäume) im Frühjahr bei Verletzung des Xylems keinen Saft spenden. Die Phloemsäfte sind zwar nährstoffreich (hoher Gehalt an Saccharose) – sie transportieren ja die Assimilate der grünen Blätter – stehen aber erst in der Vegetationszeit zur Verfügung. Sie können aufgrund baumbiologischer Gegebenheiten durch einfache Ringelwunden kaum in nennenswertem Umfang ausgebeutet werden. Die amerikanischen Saftlecker-Spechte haben dagegen spezielle Bearbeitungstechniken für den Rindenbast entwickelt und besitzen eine an die Saftaufnahme optimierte Zungenmorphologie. Beide Anpassungen ermöglichen eine höhere Saftausbeutung.

Der Autor kommt in seiner Analyse zum Ergebnis, dass aufgrund baumbiologischer Gegebenheiten und der von hiesigen Spechten angewandten Technik nur in sehr geringen Mengen – wenn überhaupt – eine Ausbeutung von Baumsäften durch Ringeln möglich ist und dieses Verhalten daher keinen quantitativ entscheidenden Beitrag zur Ernährung der europäischen Spechte liefern kann und trotzdem findet es zumindest bei 2 europäischen Spechtarten regelmäßig statt.

Die Schlussfolgerung des Autors, das Ringeln sei wohl ein Atavismus, kann nicht überzeugen. Ein Verhaltensatavismus im strengen Sinne kann es nicht sein, denn dabei handelt es sich um individuelle „Rückschläge“ auf phylogenetisch alte Verhaltensmuster. Eher könnte es ein rudimentäres Verhalten sein, ein mitgeschlepptes Erbe stammesgeschichtlicher Entwicklung, das grundsätzlich noch allen Individuen einer Art bzw. Population eigen wäre. Das regelmäßige Ringeln der Spechte – in der Häufigkeitsart spezifisch unterschiedlich – passt weder zum Atavismus im engeren Sinne, noch ist es zufriedenstellend als rudimentäres Verhalten interpretierbar. Beide Erklärungen setzen ja voraus, dass das Ringeln bei den stammesgeschichtlichen Vorfahren verbreitet war und für sie eine höhere Bedeutung als für die heutigen Arten hat. Dies müsste kritisch im Zusammenhang mit der Evolution der Spechte beleuchtet werden, was jedoch unterbleibt. Die Regelmäßigkeit des Ringel-Verhaltens spricht m.E. dafür, dass es ein normales, funktionsgetragenes Verhalten ist, das jahreszeitlich und individuell unterschiedlich häufig auftritt in Abhängigkeit sowohl vom physiologischen Zustand der zum Ringeln geeigneten Bäume als auch von eigener Erfahrung und von situationsspezifischen Erfolgen. Es ist biologisch nicht nachvollziehbar, dass das Ringeln keinen „Nutzen“ erbringt und „zwanghaft“ und zum „zwecklos“ ausgeübt wird. Es müssen ja keine quantitativ für die Ernährung wesentlichen Mengen an Baumsäften erbeutet werden – auch nicht saisonal, denn kleine und kleinste Mengen an Baumsaft könnten biologisch auch einen Sinn machen, z..B. als Nahrungsergänzung. Auch der gelegentliche Verzehr vegetabiler Kost zur Brutzeit (z.B. von Früchten) durch Spechte nimmt quantitativ keinen wesentlichen Anteil an der Ernährung ein, er ist situationsgesteuert und tritt unterschiedlich häufig auf. Es sollten hier weitere Untersuchungen und Überlegungen ansetzen, insbesondere zur Saftaufnahme aus dem durch Ringeln verletzten Phloem. Darüber hinaus spricht die Bevorzugung bestimmter Ringelbäume, zum Teil über Generationen hinweg, ähnlich wie es bei der Bevorzugung von Trommelbäumen oder anderer Requisiten im Spechtrevier beobachtet werden kann, für ein hochorientiertes und funktionsgebundenes Verhalten.

Beim Ringeln der Spechte bleiben weiterhin manche Fragen offen – trotz der vorliegenden Studie von Dengler. Dass die Studie weitere Untersuchungen und Überlegungen zu Ringelfrage auslöst, wäre ihr sehr zu wünschen“

Meine Anmerkungen: Auf >Schritt und Tritt< erkennt man, wie aufmerksam sich WEISS mit meiner Arbeit befaßt hat und mit deren Besprechung er lt. schriftlicher Mitteilung seine >liebe Not< hatte. Und trotzdem zollt er meiner „unbeschreiblichen Mühe … in einer nie dagewesenen Gründlichkeit“ größten Respekt und er anerkennt die Ausführlichkeit der Monographie den enzyklopädischen Wert des „Mammutwerks“. Einiges vom Buchinhalt bleibt unerwähnt: Hackschäden, Abschuppen, Spechtuntaten, die beiden Gehölzkategorien Bluterbaumarten und Nichtbluter, ferner die feldbiologisch wichtigen >Scheinringelungen<, schwerwiegender, der Befall von Ringelwunden an Laubbäumen durch kambiophage Kleinstinsekten und deren Folgeerscheinungen und der Schlüsselrolle dieses Befalls für den Zeitpunkt und zur Häufigkeit des Ringelns während der Vegetationszeit. Auch erwähnt er nicht die durch mich erstmals beschriebenen rätselhaft-unterschiedlichen Formen der Ringelwunden. Die Saftgenuß-Theorie ist zwar kurz angerissen, aber es fehlt die klare Aussage, daß es sich bei dieser über 125 Jahre lang und bis heute vertretenen Deutung um eine >Legende< handelt, jetzt widerlegt, ein Kerninhalt des Buches.

Eine Rezension gibt im Kern die vom besprochenen Autor vertretene Sicht der Dinge wieder. J:WEISS geht mit seinen Äußerungen im Blick auf die von mir postulierte fehlende Ökonomie des Ringelns (A 17) darüber hinaus, indem er seine davon abweichende Anschauung kund tut und näher erklärt. Gegen meine auf baumphysiologischen Tatsachen fußenden Auffassung eines ziemlich nutzlos erscheinenden Ringelungsgeschehens hebt er auf ein „funktionsgetragenes Verhalten“ ab, was soviel heißt, dass sich der Vogel vom Ringeln einen Vorteil nicht bloß verspricht, erhofft, sondern diesen auch hat. Es seien möglicherweise nur kleine, ja kleinste Mengen von (Phloem)-Saft, die an Ringelwunden nicht unbedingt sichtbar in Erscheinung treten müssten. Mit der Frage, ob nicht der Saft ohne Umwege direkt beim Ringeln in den Schnabel gelangt, also rein mechanisch beim Einschlag, hat man sich schon vor 150 Jahren befaßt (Buch S.188).

An lobenden Worten läßt es WEISS nicht fehlen, aber auch nicht an Vorwürfen; diese sind vor allem grundsätzlicher Natur. So beanstandet er, ob zu recht oder nicht, „ständige Wiederholungen“. Diesen Einwand finde ich nicht nur überspitzt und unberechtigt, was mir auch mein eigenes Nachlesen bestätigt. Wegen der Vielzahl der Kapitel (also der Einzelaspekte) und der sich überschneidenden Themen, ferner unter der Annahme, dass bei Interesse an einer Fragestellung das entsprechende einschlägige Kapitel einzeln gelesen werden dürfte, sowie des meiner Diktion (Erörterung sämtlicher Fundstellen samt Fazit) geschuldeten Textumfangs wegen, habe ich zwecks Vermeidung von Hinweisen auf andere Kapitel (also zugunsten einer leichteren Lesbarkeit und Stoffbewältigung) manche Sachverhalte absichtlich wiederholt und darauf bereits in der Einleitung (S.30-31) hingewiesen. Sollte die Meinung von WEISS darauf beruhen, daß bestimmte Fälle immer wieder auftauchen, dann diente dies der Beleuchtung jeweils unterschiedlicher Fragestellungen; bei sehr vielen Überlegungen spielen gerade die Einzelfälle eine wichtige Rolle. Sicherlich leistet meine für ihn weitschweifend erscheinende Darstellung, ihre „Breite und Ausuferung“ einem Leseverdruss Vorschub, erschwert also „ein „zügiges und informiertes Lesen“, macht sie aber nicht, – wie er schreibt – „unmöglich.“

Völlig unbegreiflich ist indessen seine abträgliche Aussage, daß „man die wichtigsten Fakten und Argumentationen auf etwa 1/10 des Gesamtumfangs hätte darstellen können“; für mich ein Schlag ins Gesicht. Ist dies seitens von WEISS, der ansonsten besonnen an die Arbeit herangeht, – man verzeihe mir – nicht schlichtweg töricht, ja >dumm<!! Zweifellos würde sich dies bei einer Aneinandereihung aller Fazit-Texte ergeben, wie dies allein schon diese Kurzfassung belegt. Eine solcherart um 90 % eingeschrumpfte Darlegung hätte nicht nur meiner absichtlich verfolgten Diktion, explizit sämtliche bisher publizierten Meinungen und Beobachtungen in den Blick zu nehmen und offen zu legen, ein Wesenszug meiner Arbeit, widersprochen. Und keine einzige der als Quitessenz resultierenden Aussagen (Fazits) könnte ohne den Hintergrund der verarbeiteten Literatur überzeugend sein; etwa mit dem Hinweis, daß das zugrundliegende Schrifttum (Fundstellen) auf der CD-ROM einsichtig sei; der Sache wäre nicht im Geringsten gedient gewesen. Zweifellos habe ich gerade mit meiner kompendiumartigen und lexikalischen Abhandlung dem an der Materie interessierten Personenkreis einen Dienst erwiesen, weil ihm die Nachforschung in den orginalen Texten (hier als Fundstellen) erspart bleibt.

Auch kann ich den Vorwurf von WEISS, wonach „im Textband ein Stichwortverzeichnis, das die vielseitigen Aspekte zum Nachschlagen erschließt“, fehle, nicht nachvollziehen. Zum einen hätte ein solches Register unter Seitenangabe mit sich gebracht, daß viele Einzelgesichtspunkte im Unterschied zu andern (mit vielleicht nur einer Nennung) mit geradezu unzähligen Nennungen einhergingen. Auch sind schon die Überschriften zu den einzelnen Kapiteln richtungsweisend, wenn nicht gar zielführend! Zum andern erlaubt die beigegebene CD-ROM ein beliebiges Nachschlagen mit der Text-Suchfunktion für sämtliche Teile des Buches, also nicht nur im Text- und Bildband, sondern auch zu den Fundstellen und zu den übrigen Anhängen (s. Inhaltsverzeichnis im Buch S.13).

Den von mir unterstellten 6.Sinn erwähnt WEISS zwar nicht expressis verbis; aber er selbst spricht in diesem Sinn von unterschiedlich häufigem Beringeln „in Abhängigkeit … vom physiologischen Zustand der zum Ringeln geeigneten Bäume“, was eine entsprechende Befähigung zum Erkennen voraussetzt. Was er indessen kategorisch ausschließt, ist ein nutzloses Ringeln, wie ich es mit Blick auf den Phloemsaft postuliert habe (Kap. A 17).

Auch mit der von mir zur Diskusssion gestellten Deutung als Verhaltensatavismus findet er sich nicht ab. Er erwähnt diesen nicht nur als Buchinhalt, sondern er tritt meiner Vorstellung mit Argumenten entgegen, die eigentlich in den Rahmen einer von mir erwünschten strengen Diskussion gehören, da eine Rezension hierfür nicht das geeignete Forum bietet. Immerhin leisten diese Gedanken von J.WEISS einen ersten Beitrag zu der von mir erhofften Diskussion zu meiner Vermutung, die jedoch einer besseren Plattform bedarf. An dieser Stelle konstatiere ich hierzu lediglich den in meiner Stellungsnahme zur Rezension von H.WINKLER näher ausgeführten Gedanken, daß man den Gesichtspunkt Verhaltensatavismus möglicherweise auch anders sehen kann, nämlich als ein Stadium einer nicht gänzlich vollzogenen Entwicklung, und zwar als ein Relikt der evolutionären Vergangenheit, gewissermaßen als ein Blick in die >Werkstatt der Natur< (Näheres dazu s.dort).

Daß WEISS versehentlich einige fehlerhafte Angaben macht, bspw. die Nadelbäume bei den häufig beringelten Objekten einreiht, daß Phloemsaft allein in der Vegetationszeit zur Verfügung stehe, kann man dahingestellt sein lassen, ferner ein mir nachzusagendes „rigoroses …. „manchmal … voreingenommenes >vom-Tisch–fegen< … von Überlegungen oder Schilderungen anderer Autoren , dies steht in Parallele zur Kritik von GÜNTHER (s.o.), was ich bedauern müßte und sich mit dem mir von J.KAISER zugebilligten Ansatz stoßen würde.

Wichtiger ist der Aufruf von WEISS zu weiteren „Untersuchungen und Überlegungungen … zur Saftaufnahme aus dem durch Ringeln verletzten Phloem und zu sonstigen durch meine Studie aufgedeckten noch offenen Fragen.“ Insgesamt gesehen handelt es sich um eine aufmerksame, sehr engagierte und zugleich anregende Besprechung, bedauerlich nur die mir verpaßte völlig unvernünftige unsinnige >Ohrfeige<.

 

► Die Besprechung von Hans Winkler (Ornith. Anzeiger 53 / 2014 p.115-116) läßt sich, wie eingangs gesagt, nicht so einfach abtun.

„Das umfangreiche, zweibändige Werk, blättert man es zum ersten Mal durch, genügt im Großen und Ganzen dem Anspruch des Titels. Im ersten Band, dem Textband, werden zahlreiche Beobachtungsdaten und Thesen zum Thema Spechtringeln vorgebracht und im zweiten mit zahlreichen Fotografien, grafischen Darstellungen und Tabellen ergänzt.

Der Text ist in 6 Abschnitte gegliedert, die folgende Titel tragen: Spechtringelung, Hackschäden, Abschuppen, Hackuntaten, Rindenbeschädigungen vom Siebenschläfer und Rindenbeschädigungen vom Eichhörnchen. Schon die Wortwahl zeigt, dass der Autor aus der Forstwirtschaft und –wissenschaft kommt, was ihn für das Thema perfekt zu qualifizieren scheint. Der Abschnitt über das Ringeln der Spechte ist mit 468 Seiten der umfangreichste und weist eine Fülle an Thesen und Fallbeschreibungen auf, die in jedem Kapitel mit einem >Fazit< abgeschlossen werden, was das Lesen des Werkes einigermaßen ersprießich und erträglich macht. Aber bevor ich mich zu Stil und Lesbarkeit der Texte äußere, möchte ich versuchen, den Inhalt kurz zusammenzufassen.

Das Ringeln der Spechte ist ein weit verbreitetes Phänomen und wird allgemein als Methode der Baumsaftgewinnung angesehen. Darauf spezialisierte Spechte, wie die amerikanischen Saftlecker und der Braunkehlspecht Dendrocopos hyperythrus Asiens, besitzen eine dafür spezialisierte Zungenspitze. Heimische Spechte, vor allem Bunt-und Dreizehenspecht, Ringeln ebenfalls häufig, weisen aber keine dafür spezialisierte Zunge auf. Diese Spechte schlagen kleine Löcher, oft in regelmäßigen Reihen, aus denen sie nach gängiger Interpretation Baumsaft gewinnen. Der Autor setzte sich das Ziel, zu diesem Thema die Literatur umfassend auszuwerten. Dabei ging er zunächst sehr gründlich (fast 600 Arbeiten werden zitiert) und objektiv vor und bemühte sich, das Ringeln von anderen Aktivitäten der Spechte und anderer Tiere (Siebenschläfer, Eichhörnchen) abzugrenzen. Ausführlich werden auch die baumphysiologischen Hintergründe des Saftflusses dargestellt. Dabei trifft der Autor eine für ihn sehr wichtige Unterscheidung zwischen „ >Bluterbäumen< und >Nichtblutern<. Nur Laubbäume zählen zu den Blutern, von denen Ahorne, Walnuss und die Hainbuche die wichtigsten sind. Nichtbluter umfassen die restlichen Laubbäume (z.B. Eichen) und alle Nadelbäume, aus denen bei Verletzung kein Xylemsaft austritt. Im Gegensatz zum Xylemsaft ist der Phloemsaft sehr nährstoffhaltig, fließt aber nur ganz kurz, eine bis wenige Sekunden lang. Nach vertikalen Schnabelhieben trete überhaupt kein Saft aus. Insgesamt deutet Dengler die Befunde dahingehend, dass Spechte den Phloemsaft speziell von Nadelbäumen nicht nutzen können.

Äußerst penibel wurden Daten zur Baumartenwahl, jahreszeitlichen Vorkommen des Ringelns und seine Verbreitung in Europa zusammengetragen. Sicherlich eine wertvolle Quelle für jeden, der an dem Thema interessiert ist.

Bevor ich zu den zentralen Aussage des Werkes komme, möchte ich einige Bemerkungen zu den genannten Kapiteln anbringen. Obgleich immer formal zwischen Kommentar, Datendarstellung und Fazit getrennt wird, spürt man die Voreingenommenheit des Autors in fast jeder Zeile. Er unternimmt es auch nicht, weder aus den Literaturdaten, speziell jenen, die er als >authentisch< bezeichnet, noch den eigenen Beobachtungen methodisch korrekte quantitative Analysen zu generieren. Dies ist speziell im Zusammenhang mit der Diskussion um die Bevorzugung von Baumarten oder -individuen sehr auffällig und bereitet dadurch in gewissem Umfang den Boden für Denglers recht eigenwillige Interpretation des Wahlprozesses vor. Damit wäre ich bei den seltsamsten Thesen des Buches. Seltsam deswegen, mir fällt kein besseres Wort ein, weil sie wissenschaftlich nicht besonders naheliegend sind, aber gleichzeitig zum ersten Mal im Zusammenhang mit dem Spechtringeln diskutiert werden. Der erste, eher am Rande auftauchende betrifft die Wahl der Ringelbäume durch die Spechte. Sie weise auf einen 6.Sinn hin, ähnlich jenem, der Tiere Erdbeben vorausahnen lässt. Dieser Spürsinn unbekannter Natur komme wenigstens einigen Individuen zu und befähige sie, die inneren physiologischen Vorgänge im Baum zu erkennen. Ich will dies nicht weiter kommentieren.

Die Hauptaussage, in der einige Hundert Seiten Text gipfeln, ist schließlich die, dass unsere Spechte nicht wegen des (Phloem-) Saftgewinns ringeln. Das wird so apodiktisch argumentiert, dass ich das selbst mit einer nur anekdotischen Beobachtung widerlegen kann. Ich konnte einen nahen Verwandten unseres Buntspechts (Weißflügelspecht Dendrocopos leucopterus) beim Nutzen eines Ringeltrichters an einer Thuje beobachten und wegen dessen geringen Höhe mich selbst als Saftlecker betätigen. Entgegen dem, was nach der langwierigen Buchlektüre zu erwarten gewesen wäre, konnte ich Süßes genießen, was mir in der öden Berglandschaft sehr willkommen war. Wie auch immer, die zentrale Schlusskette Denglers lautet, die Spechte können aus dem Phloemsaft keine Vorteile ziehen und das könne man nur damit erklären, dass es sich hier um einen Verhaltens-Atavismus handle. Damit ist auf Seite 491 die Katze endlich aus dem Sack. Ringeln ist demnach ein instinkthafter, zweckloser Automatismus. Einem inneren Zwang folgend, betreiben die Spechte also Unsinn. Positive Argumente, die diese im Kern phylogenetische Hypothese belegen würden, fehlen vollkommen. Unter anderem würde diese These bedeuten, daß Ringeln und die damit einhergehenden morphologischen Strukturen Anpassungen an der Basis der Spechtstammesgeschichte sind. Dagegen sprechen alle bisherigen phylogenetischen Arbeiten über Spechte.

Nun will ich selbst zum Fazit kommen. Klar ist, dass hier eine Fülle von interessanten Ideen und Daten zusammengetragen wurde. Der Text ist wegen seiner Gestaltung (zahlreiche Formen von Hervorhebungen) und Langatmigkeit und Wiederholungen nur schwer lesbar. Das Fehlen eines Index macht ihn nicht gerade benutzerfreundlich (die CD-Version kann man mit Text Suchwerkzeugen besser nutzen). Es stellt auch keine konventionell strukturierte wissenschaftliche Arbeit dar. Dafür enthält sie neben den genannten Beispielen zu viele handwerkliche Mängel, auf die hier einzugehen nicht der Platz ist. Für mich ist das Werk eine zu umfangreich geratene Einleitung zu einer wissenschaftlichen Arbeit, die für jene, die bereit sind, sich ihr zu widmen, eine Fülle von Anregungen zu spannenden wissenschaftlichen Untersuchungen bietet.“

Meine Anmerkungen: Lob und Tadel stehen auch hier eng beisammen. Den mir bekannten leider vorkommenden handwerklichen Mängeln (s. Fußnote 2) mißt WINKLER anscheinend mehr Bedeutung bei, als sie wohl verdienen; mangels Platz macht er dazu keine näheren Angaben. Aber an respektablen lobenden Worten zur Arbeit als Ganzes fehlt es auch nicht!. Sie münden in dem Gedanken, daß sie „eine wertvolle Quelle für jeden, der an dem Thema interessiert ist“ und sie eine „Fülle von Anregungen zu spannenden wissenschaftlichen Untersuchungen“ bereit halte. Aber von den substantiell-konkreten Inhalten des Buches, die den Textband mit mehreren 100 Seiten, also den größten Teil ausmachen, zumal zu den vielen bisherigen Irrtümern und ihrer Korrektur, erfährt der Leser so gut wie nichts, also entgegen dem, was man von einer Buchbesprechung erwarten darf, zumal diese Informationen von fundamentaler Bedeutung sind und >Appetit< zum Lesen wecken könnten.

Die Unterscheidung zwischen Bluterbaumarten und Nichtblutern ist im Zusammenhang mit der Spechtringelung prinzipieller Natur, also keinesfalls ein nur für mich wichtiger Standpunkt, wie es nach WINKLERs Aussage den Anschein haben könnte.

Die Behauptung, daß ich meiner Auffassung zur Deutung des Ringelns als Verhaltensatavismus (S.491) auf mehreren 100 Seiten apodiktisch darauf ausgerichtete Aussagen vorausschicke, ist eine Fehlinformation an den Leser. Vielmehr werden in etwa 50 Kapiteln die unterschiedlichsten Gesichtspunkte des Ringelns ohne Bezug zur Ursache der Spechtringelung abgehandelt.

Die mir von WINKLER in den Mund gelegte Aussage, daß die Spechte den Phloemsaft speziell von Nadelbäumen nicht nutzen können, lautete korrekt: daß sich dieser Saft auf Grund der bei Bäumen vorliegenden physiologischen Gegebenheiten mit der von unseren Ringelspecht ausgeführten Art der Beringelungen nicht effektiv nutzen läßt, zumal an Koniferen.

Gewiß, es läßt sich nicht erwarten, dass in einer Besprechung eines so umfangreichen Werkes sämtliche Aspekte zur Sprache kommen. Aber einige gravierende Defizite seien hier genannt: ●  Zunächst fehlt jeder Verweis auf die bisher noch nie beschriebenen und wohl nie bemerkten grundverschiedenen Formen der Ringelwunden. ●  Man mag die vielen Verwechslungsmöglichkeiten, die sog. Scheinringelungen ungeachtet ihrer feldbiologischen Bedeutung dahingestellt sein lassen, selbst auch die anderweitigen an gesunden Bäumen verübten Rindenbeschädigungen (i.e.L. die Hackschäden). Aber es ist nicht zu verstehen, dass die Rolle der Ringelwunden an Laubbäumen für kambiophage Kleininsekten nicht einmal erwähnt wird, diese bisher so gut wie unbekannte Ursache der sog. >T-Krankheit< bzw. vom >Eichenkrebs<, dazu mit der Schlüsselrolle dieses Befalls für den bisher nicht bekannten Schwerpunkt des Zeitpunktes der Beringelungen während der Vegetationszeit. ● Völlig unverständlich ist es, dass der Leser von meiner mir seinerzeit im Buch ziemlich kategorisch vertretenen Widerlegung der bisher gültigen Saftgenuß-Hypothese, die ein Kernpunkt des Buches ist (A 14.2), nur auf dem Umweg über eine anekdotische Beobachtung, die WINKLER zur Ehrenrettung der alten Saftgenuß-Theorie aufbietet, erfährt.

Im Übrigen kapriziert sich WINKLER auf 3 eher randständige Aspekte, die im Buch zwar nur wenige Seiten einnehmen, aber durchaus wichtig sind. Um der Sache willen unterwerfe ich diese daher unter den nachfolgend genannten Thematas einer kritischen Erörterung, ergänzt um einen weiteren von ihm wie beiläufig auch von WEISS erwähnten Gesichtspunkt, nämlich wissenschaftlichen Untersuchungen zur Spechtringelung.

Saftgenuß-Hypothese, „6.Sinn“, Verhaltensatavismus? methodisch korrekte quantitative Analysen“, wissenschaftliche Untersuchungen.

Ich nehme dazu nach Art einer Publikation Stellung, d.h. unter Literatur-Verarbeitung (Quellenverzeichnis an deren Ende bzw. im Buch) = Teil II

Ergänzend schildere ich mit Blick auf den letzten Aspekt ein Experiment zum Spechtverhalten beim Ringeln an >meiner< Hopfenbuche Ostrya carpinifolia = Teil III

 

Meine Stellungsnahme zur Rezension von H.WINKLER / 2014

Die SAFTGENUSS-THEORIE, stimmt sie oder stimmt sie nicht?

Inhaltliche Überschneidungen mit meiner Abhandlung
unter dem Aspekt 10 (= Deutungen) sind unvermeidlich

Meinen Einwendungen gegen die Saftlecker-Theorie (A 14.2) begegnet WINKLER mit einem Plädoyer für die bisher gängige Deutung, indem er dazu seine „anekdotische Beobachtung“ aufbietet. Er glaubt, damit der Interpretation des Ringelns als Methode der Nahrungsgewinnung wieder volle Geltung verschaffen zu können, und zwar mit Blick auf den Phloemsaft. Er will einen Weißflügelspecht Dendrocopos leucopterus bei der Nutzung von (Phloem-) Saft aus einem „Ringeltrichter“, was immer das gewesen sein mag (diese undifferenzierte Angabe spricht eher für einen >Hackschaden<), an einer Thuje gesehen haben. Er selbst habe den Saft mit Hochgenuß gekostet; dieser sei süß gewesen, dies  – man höre und staune –  „entgegen dem, was nach der Buchlektüre zu erwarten gewesen wäre“. Diese Behauptung ist allerdings eine völlige Verdrehung. Nicht allein, daß der aus der Synthese von Zucker hervorgegangene Assimilations- oder „Lebenssaft“ (RATZEBURG 1869) = Phloemsaft, der an Nadelbäumen einzig in Frage kommt (Xlemsaft gibt es an Nadelhölzern allenfalls durch pathologischen Saftfluß / Näh.A 8.1.1) grundsätzlich per se mehr oder weniger süß ist (A 1.22 und 8.2.2). Vielmehr ist fast über das ganze Buch verstreut expressis verbis von „süßem Phloemsaft“ (1 Mal „süßem Assimilatesaft“ bzw. „süßer … Substanz) die Rede (S. 22, 54, 222, 225, 430, 431, 462, 575, 586, abrufbar auf der CD-ROM mit der Suchfunktion).

Lassen wir diesen Mißgriff beiseite! Auch sei dahingestellt, ob WINKLERs Beobachtung überhaupt in den Zusammenhang mit dem Ringeln gehört. Daß Ringelungen an Thuja bisher nicht bekannt sind, wäre nicht der springende Punkt, würde aber Beachtung verdienen; es könnte eine noch unbekannte Gegebenheit des Ringelungsgeschehens oder eben doch >nur< ein Hackschaden gewesen sein! Was gibt WINKLERs Beobachtung her? Mit der bloßen Anwesenheit eines Spechtes an einer Wunde mit einem gewissen Assimilate-Vorkommen wäre das von ihm daran geknüpfte Trinken dieses Exudats nicht bewiesen. In einem vor 100 Jahren näher geschilderten Fall interessierte sich ein ein aus nächster Nähe beobachteter Gr.Buntspecht nicht für die mit honigartigem Phloemsaft gefüllten Ringelwunden an einer Linde. Dieser „untersuchte die Löcher, wozu er seinen Körper bald nach rechts und bald nach links bog, um die Löcher genau zu besichtigen. Auf den Saft also hatte es der Specht offenbar nicht abgesehen, sonst würde er davon genossen haben“ (HILDEBRANDT 1919). Überhaupt gibt es bisher keinen überzeugenden Beleg für das Trinken des selten und dann aus physiologischen Gründen nur kurz aus einer Ringelwunde in einem oder nur wenigen Tropfen hervortretenden süßen Phloemsaftes (Näheres unter Aspekt 10). An dessen Beschaffenheit (Geschmack) konnte es schwerlich liegen, ist doch vom Gr.Buntspecht das Lecken von Nektar aus Fackellilien-Blüten (Buch S.194) und das Aufnehmen von Zucker- und Honigwasser aus Glasampullen bekannt (GATTER mündlich 2010 = Buch-Foto 283a,b).

Ohnehin lässt sich eine geringe kurzzeitige Ansammlung von Assimilatesaft an einer Wunde nicht ausschließen. An einer Fichte (Buch-Foto 200b) registrierte ich ein Mal Ausfluß von etwas Phloemsaft aus einer größeren offenen Wunde (nicht Ringelung!). Auch in Rußland stellte man ein Mal im Sommer mit „süßem Saft“ gefüllte Ringelwunden an einer Fichte fest (Buch S. 229). Ferner erinnere ich mich an den Fall, wo ich in einem jungen Eichenstangenholz (Laubbäume!!) durch Gährungsgeruch (Ethylalkohol) und das Flugbrummen von Hornissen auf Schälwunden vom Siebenschläfer, die das von Phloemsaft durchtränkte Kambium freilegen, aufmerksam wurde; dieses Gärungsprodukt setzt eine Mindestmenge von Phloemsaft-Ausfluß bzw. Ansammlung voraus (man beachte Buch-Foto 212+213). Die anderweitigen Befunde zum Vorkommen von Phloemsaft in Ringelwunden finden sich in der Darlegung unter Aspekt 10.

Aber das Problem stellt sich anders: Selbst dann, wenn der Weißflügelspecht den Saft geleckt hätte, was WINKLERs Angabe: Nutzung des >Ringeltrichters< nahe legt, sagen die angeführten Befunde nichts über die tatsächliche Möglichkeit der gezielten Nutzung des in der hauchdünnen sog. Safthaut des Phloems (der innersten Gewebslage des Bastes) geführten Assimilatesaftes durch unsere Ringelspechte aus. Entscheidend sind hierbei die unumstößlichen baumphysiologischen Grundgegebenheiten hinsichtlich der Verfügbarkeit und dem Zugriff auf diese Ressource. Zwar hat der Pflanzenphysiologe HUBER (1956) im Unterschied zu GATTER (2000) „beim Anschnitt von Eiben zeitweilig eindeutig Siebröhrensaft austreten gesehen“, konnte dies aber bei späteren Versuchen nicht wiederholen und auch an Kiefern mit darauf ausgerichteten intensiven Experimenten eine „ältere Angabe über Zuckersaftfluß bei Kiefern nicht reproduzieren“. Dies deckt sich mit der schon lange zuvor bekannten Erkenntnis, daß sich wegen den baumphysiologischen Gegebenheiten bei Nadelbäumen (= Gymnospermen; A 8.1.2), ich zitiere, „im Unterschied zu den Laubbäumen kein Phloemsaft abzapfen läßt, auch nicht durch Nachschneiden“ (LYR 1992 / s.S.225). Etwas weniger streng hatte es schon früher geheißen, daß „Nadelhölzer keine merklichen Saftmengen austreten lassen“ (BÜSGEN-MÜNCH 1927).

Diese kategorische Ansicht mag, wie weitere von mir nachfolgend aufgezeigte Befunde zeigen, nicht in jedem Fall zutreffen; die Natur hat stets Toleranzen. Doch hat es mit der Saftführung im Bast der Bäume eine besondere Bewandtnis, die in diesem Fall maßgebend sind, zumal bei Nadelgehölzen. Deren Siebzellen haben gegenüber den Siebröhren der Laubbäume eine weit geringere Leitfähigkeit und es liegen Grundgegebenheiten vor, welche eine effektive Nutzung des Phloemsaftes aus Ringelwunden, soweit diese nach der von hiesigen Spechte ausgeführten Art beschaffen sind, ausschließen. Selbst an Laubbäumen ist „die Gewinnung von … Phloemsaft schwierig“, weil sich die den Saft führenden Gefäße „wahrscheinlich mit Hilfe des P-Proteins selbst versiegeln, sobald sie verletzt werden“ (SCHOPFER et al. 2010) und weil durch „die Anwesenheit von Substraten im Phloemsaft sowie den Enzymen Saccharose-Synthase und Callose-Synthase … die Siebporen beschädigter Siebröhren durch Callosebildung versiegelt und die Siebröhren auf diese Weise stillgelegt werden (HELDT et al. 2008). P-Protein, „ein spezifisches Phloem-Protein“, früher als >Schleim< bezeichnet, zieht in Form von „Strängen durch die Siebporen“ (KULL 1993) bzw. „befindet sich entlang der Peripherie der Siebröhrenelemente“ und wird nach dem durch eine Verletzung bewirkten Druckabfall mitsamt dem Zellinhalt „an den Ort des Drucknachlasses gespült und akkumuliert auf den Siebplatten. … Die Funktion von P-Protein scheint darin zu bestehen, verletzte Siebelemente durch Verstopfen der Siebplattenporen abzudichten, … um einen weiteren Verlust des zuckerreichen Phloemsaftes zu verhindern“ (TAIZ et al. 2000). Dieser kommt zwar, besonders gegen den Herbst zu (Theodor HARTIG sprach daher von „Herbstsaft“) manchmal in Form einzelner Tropfen zum Vorschein (selten mehrere; s. hierzu meine Tab.5 bzw. Buch-Foto 204-213); danach ist (vielleicht mit Ausnahmen wie bspw. bei der Manna-Esche) Schluß. Selten tritt er mehr als eine bis allenfalls wenige Sekunden lang aus (s. Tab.5). Beiläufig angemerkt: nach meinen Beobachtungen blieben die allerallermeisten der von mir in Analogie zu den Ringelungshieben hergestellten Wunden trocken.

Doch gehört auch noch folgender von mir oft an Laubbäumen gemachte Befund an Wunden mit Phloemsaft-Austritt: zur Gewinnung von Phloemsaft dürfen die schräg bis quer angebrachten Einschnitte nur bis in den inneren Bast gehen und nicht weiter (HUBER 1956: Der Schnitt muß sorgfältig gerade bis in in die Safthaut geführt werden; Näh. s. Buch S.432 + 424 Fußnote 18+19). Wie immer wieder einmal beobachtet, mag etwas Phloemsaft zum Vorschein kommen. Aber im Fall, wo der Schnitt doch etwas tiefer ging bzw. geht, d.h. bis in den äußeren Splint, was im Anhalt an die Punktnekrosen auch bei vielen Ringelungshieben zutreffen dürfte, wird dieser Siebröhrensaft infolge des Unterdrucks und dem Sog des dabei angeschnittenen Verdunstungswasserstroms „in die Gefäße (des Xylems!) gezogen“ (zumindest bei Laubhölzern; bei manchen Baumarten, v.a. den ringporigen, unter hörbarem Schlürfgeräusch; Buch S.224;423 / Fußnote 18). In solchen Fällen steht kein Saft in der Ringelungswunde an!

Und noch einmal: Bei den Gymnospermen (also auch bei Thuja) mit ihren weniger differenzierten Gefäßelementen in ihrer gleichermaßen hauchdünnen Safthaut sind die physiologischen Umstände für die Gewinnung von Phloemsaft oder gar dessen Ausbeutung noch ungünstiger und schwieriger als bei Laubbäumen (mündlich Prof.S.FINK / Forstbotanik Univ.Freiburg)!

Aufschluß zu diesen Konstellationen geben auch folgende praktischen Erfahrungen. Bei der Beschaffung von Phloemsaft von Laubbäumen zu analystischenn Zwecken gingen einst die gelehrten und geduldigen Botaniker wie bspw. Robert HARTIG an Laubbäumen mit Hilfe von Schnittwunden wie folgt vor; man sammelte die zufällig und unvorhersehbar aus entsprechend angebrachten Einschnitten hervortretenden Phloemsafttropfen mit einem Haarpinsel oder mit Hilfe einer Saugpipette ein. Laut HUBER (1956) bringe ein geschickter Sammler in Abhängigkeit von der Baumart und der Jahreszeit „bei guter Saftergiebigkeit stündlich an die 40 Milliliter zusammen“, dies aber nur unter Nachschneiden! In jüngerer Zeit bedient man sich zur Beschaffung von Untersuchungsmaterial zur Dünnschicht-Chromatographie, für die weit kleinere Quanten ausreichen, schlecht und recht der Hilfe Phloemsaft-saugender Läuse (davon gibt es an Thuja mehrere Arten), indem man den zuvor betäubten Tieren mit einem Lasertrahl den Rüssel durchtrennt (KLOFT et al. 1985; RAVEN et al. 2006, HELDT et al. 2008, SCHOPFER et al. 2010); infolge des hydraulischen Drucks in den zielgenau besaugten Phloemzellen treten aus den verbleibenden Rüsselstümpfen Mikromengen des benötigten Phloemsaftes hervor: obwohl in diesem Fall „diese Exsudation von Siebröhrensaft … noch viele Stunden andauert“ (RAVEN et al. 2006), sind es minimale Quanten, die sich nur mit Mikropipetten (Glaskapilaren) einsammeln lassen.

Alle diese Befunde dank der von WINKLER ohne Bedacht auf die Physiologie der Bäume in Anschlag gebrachten Beobachtung zeigen, wie verwickelt und zugleich unberechenbar die Phloemsaft-Gegebenheiten sind. Die komplexen Konstellationen erlauben keine effiziente Nutzung des Assimilatesaftes durch unsere hiesigen Spechte mit Hilfe ihrer Ringelwunden, ganz abgesehen von der Beschaffenheit ihrer Zunge? Kurz gesagt: der Phloemsaft läßt sich mit den Formen der Ringelungen unserer Spechte weder an Laubbäumen und vollends nicht an Nadelbäumen ohne Weiteres erschließen. Nicht umsonst bedienen sich die Saftleckerspechte zwecks der Phloemsaft-Gewinnung eines speziell auf die Baumphysiologie zugeschnittenen Vorgehensweise (der Anlage spezieller Ringelwunden / A 14.2) sowie ihrer spezialisierten Zunge; die zugleich die Nutzung des durch die Wunden freigelegten Kambiums erlaubt. Letzteres erinnert an unsere Hornissen und an die Schälwunden vom Siebenschläfer; beide kommen auf die ihnen jeweils eigene >einfache< Art und Weise an dieses äußerst dünne, aber umso wertvollere Substrat heran.

Somit dürfte auch verständlich sein, daß der Bericht aus Finnland (s.Anhang Teil VII) über die Nutzung des Phloemsaftes von Waldbrand-geschädigten Kiefern durch den Dreizehenspecht irritiert. Dort wurde von dessen Verfügbarkeit zwecks Ausbeutung ohne Wenn und Aber ausgegangen, als gäbe es keine mengenmäßige Einschränkung (s. mein Kommentar). Daß eine kurz vorhandene Möglichkeit des Vorkommens von Phloemsaft an Ringelwunden bei Kiefern bestehen könnte, wird allenfalls durch die Beobachtung von BODEN (1876, 1879a) vor fast 150 Jahren gestützt, der an Schnittwunden den Austritt von 1-3 Tropfen Phloemsaft an solchen Exemplaren feststellte, die Gegenstand der Beringelung waren und wurden. Man sieht, wie schwierig es auf diesem Sektor ist, Unverbrüchliches zu behaupten

Die relative Seltenheit der Spechtringelung als wichtiges Indiz gegen die Nahrungsdoktrin wurde unter Aspekt 10 bereits dargelegt.

In Anbetracht des schwierigen Zugriffs auf den Phloemsaft, dessen zweifellos mengenmäßig höchst geringe Nutzung durch unsere Ringelspechte, könnte im Blick auf die Deutung der Spechtringelung der von WEISS in seiner Rezension entwickelte Gedanke weiterführen, daß auch kleine Mengen, die an Ringelungswunden nicht unbedingt deutlich sichtbar in Erscheinung treten müssen, die Unterstellung eines „funktionsgetragenen“ Verhaltens im Sinne der Saftgenuß-Hypothese rechtfertigen. Früher schon hat GIBBS (1983) angesichts der von ihm an Ringelwunden bei Ulme und Eiche registrierten wenigen Tropfen von Phloemsaft wie folgt >räsoniert<: „It might be possible that some phloem sap might be available, but there is no evidence that any significant exudation occurs“; möglicherweise gehe es dem Specht gerade um diese „small drops of phloem sap. Perhaps is this that the woodpeckers are seeking.“

Fazit:
WINKLERs „anekdotische Beobachtung“ ist kein brauchbares Argument zugunsten der Saftgenuß-Theorie; die Gesetze der Baumphysiologie werden damit nicht außer Kraft gesetzt. Durch den Diskurs sind meine von ihm verworfenen Zweifel an der ernährungsbiologischen Bedeutung der Baumsäfte für die Ringelspechte noch mehr untermauert und ist die Widerlegung der Saftgenuß-Theorie (s.Buch A 14.2) in ihrem bisherigen Sinn erneut unter Beweis gestellt.

WINKLER muß sich noch folgenden Vorwurf gefallen lassen: Er hat sich nicht nur mit der als Beweismittel unzulänglichen Beobachtung vertan, sondern grundsätzlich mit der Aufbietung einer lediglich singulären Situation, zumal zu einer so gewichtigen Fragestellung. Unter dem Gesichtspunkt eines wissenschaftlichen Anspruchs hat in der Tier- wie Pflanzenwelt gleichermaßen eine einzelne Feststellung grundsätzlich noch wenig zu besagen, so auch auf dem Gebiet der Pflanzenphysiologie. In der dazu vorliegenden Literatur sind die Resultate zum Stofftransport in den Bäumen, den Stoffflichkeiten, dem Zeitpunkt und der Dauer von Saftaustritt, dem Saftdruck u.v.a.m. oft von einer verwirrenden Vielfalt samt Regelwidrigkeiten, Uneinheitlichkeit und Widersprüchlichkeit, sei es eine bis in den Sommer hinein blutende Birke, einzelne aus dem Stock blutende Nichtbluter wie Eichen und sogar Nadelbäume, also auch „in der Periode voller Belaubung stattfinden kann“ (HARTIG 1862 / S.89; weitere Fundstellen hierzu in Kap. A 8.1.1 und 8.2.2 über mehr als ein Jahrhundert hinweg), so bei Forschungen im 19.Jahrhundert bis hin zu HUBER / 1956, der bei seinen intensiven Bemühungen um die Reproduktion von zuvor zweifelsfrei festgestellter Tatbestände scheiterte, sowie bei vielen weiteren Resultaten der jüngeren Vergangenheit. Schon ein Gelehrter wie RATZEBURG / 1866 stöhnte einst über die von ihm selbst ermittelten widersprüchlichen Ergebnisse zum Bluten: „Wer kann sich daraus einen Vers machen?“). Vorläufige oder als abschließend konstatierte Erkenntnisse laufen so gut wie immer auf „in der Regel“, „im Allgemeinen“, „gewöhnlich“ hinaus; was früher zu manch heftig ausgefochtener fachlichen Kontroverse geführt hat. Für unseren Fall trifft genau das zu, was einst der Ornithologe v.HOMEYER / 1879 im Streit mit dem Zoologen B.ALTUM zur Nützlichkeit der Spechte (zur sog. Spechtfrage / s. Buch-Anhang Teil IV) konstatiert hat: „Übereilte Erklärungen auf unerwiesene Annahmen und ungenügende Beobachtungen hin sind die Feinde gründlicher Forschung. Wer sich lange und viel mit dem Leben der Thiere beschäftigt hat, der wird wissen, daß einzelne Beispiele sehr wenig bedeuten, indem sie theils auf Eigenthümlichkeieten des Individuum, theils auf Zufälligkeiten beruhen können, ….. Allgemeine Regeln sind daher mit grosser Vorsicht aufzustellen, namentlich dann, wenn sie zu negativen Beweisen führen sollen“.

Wie mir jüngst verschiedentlich zu Ohren kam, wird nach wie vor die alte Deutung >verzapft<, bspw. bei einer ornithologischen Steinadler-Gebirgsexkursion 2016 vom LBV = Landesbund f.Vogelschutz / Bayern betr. eines geringelten Nadelbaumes im Hintersteiner Tal in den Allgäuer Hochalpen): „Der DrZSp mag den Saft und frißt Insekten, die im herunterlaufenden Saft hängen bleiben“, so der Bericht. Auch in dem jüngst erschienenen populärwissenschaftlichen Buch über „Spuren und Zeichen der Vögel Mitteleuropas“ (H.H. Bergmannn et al. 2016; s. hierzu meine Anmerkungen zum Mittelspecht unter Aspekt 1 = Wundtypen) wird das Ringeln der Spechte als „mit dem Gewinnen von Baumsaft und anfliegender Insekten“ (s. Buch A 15.3 S. 456ff) erklärt. Diese Deutung sei „nach wie vor schlüssig und überzeugend“; „eine andere schlüssige Hypothese für das Ringeln außer der Nahrungsaufnahme gibt es nicht“. So einfach und unkritisch sollte man es sich bei der Deutung der Spechtringelung nicht machen!

Wichtige Notiz:

Eine Stellungsnahme nahezu identischen Inhalts habe ich 2016 dem Ornithologischen Anzeiger, H.WINKLER’s Publikationsorgan mit der Bitte um Veröffentlichung vorgelegt. Der als interner Gutachter herangezogene Ornithologe E.BEZZEL stellte sich hinter H.WINKLER, doch mit welcher Begründung! Seine Meinung, daß eine Rezension, die der Karriere nicht schade, zulässig und des Weiteren, daß mir dessen Ansicht offensichtlich nur „mißliebig“ sei, kann man getrost beiseite lassen. Deprimierend ist für mich bis heute jedoch dessen Vorwurf, daß ich keine „neuen wissenschaftlichen Ergebnisse …, keine belastbaren neuen Daten“ anzubieten hätte, trifft letzteres doch gerade auf H.WINKLER’s „anekdotische Beobachtung“ zu, die es sachlich-kritisch zu erörten galt. E.BEZZELs Meinung, daß „das Thema … mit neuen Fakten belebt  … werden müsste“, ist ebenfalls unsinnig. Es bedarf keiner neuen Daten, sondern, wie hier geschehen, lediglich der Anwendung bzw. der Diskussion naturwissenschaftlicher Erkenntnisse, in diesem Fall zur Baumphysiologie. Diese maßgebenden Grundgegebenheiten wurden bis in jüngste Zeit von fast allen Naturkundlern, zumal von den Ornithologen, außer Acht gelassen; sonst hätte H.WINKLER seine >anekdotische Beobachtung< nicht so unbekümmert in die Waagschale geworfen. Und E.BEZZEL, der wie andere vor und mit ihm die Saftlecker-Theorie als „Merkwürdigkeit im Nahrungserwerb“ noch auf seiner Fahne stehen hat (1985,1990) , Nichtbluter unter die Blutergehölze einreiht (1995),  ferner behauptet, daß die Vogel den an Laub- wie Nadelbäumen „in den Löchern angesammelten Saft mit dem Unterschnabel schöpfend“ trinken, was die nötige Einsicht sowohl zur morphologischen Wirklichkeit und eben auch zur Baumphysiologie, als auch zur Realität des Trinkens (Kap. A 7.2) vermissen läßt. Ferner gehört er zum Kreis derer, welche die Wiederbearbeitung alter Ringelwunden (s.unter Aspekt 6) unterstellen; dabei genügt schon ein einziges Ringelungsschadbild aus 2 oder mehr Jahren der Beringelung als Gegenbeweis; an Klarheit fehlt es allenfalls in Fällen, bei denen die Ringelstellen bspw. mit Harz verkrustet sind (Buch-Fotos 186f –i). BEZZEL verschloß sich also den von mir vorgelegten fundierten Tatsachen, sonst hätte er sich seine Einwendungen erspart. Man ist an GOETHEs Einsicht erinnert, dass „einer Wahrheit … nichts schädlicher ist als ein alter Irrtum“.

Literatur: Die ergänzend zum bisherigen Schrifttum (s. Buch) hinzu gekommene Literatur:

HELDT, H. et al. (2008) Pflanzenbiochemie, 4.Auflage; Spektrum-Verlag; KLOFT, W.J.  et al. (1985) Waldtracht und Waldhonig in der Imkerei, Ehrenwirth- Verlag; KULL, U. (1993) Grundriß der allgemeinen Botanik; G.Fischer-Verlag; RAVEN, P.H. et al. (2006) Biologie der Pflanzen / 4.Auflage; Verlag de Gruyter; SCHOPFER, P. et al. (2010) Pflanzenphysiologie, 7.Auflage; Spektrum-Verlag; TAIZ, L. et al. (2000) Physiologie der Pflanzen. Spectrum-Verlag.

 

Ein >6.SINN< ?

Die Annahme von einem >6.Sinn<, für was auch immer, scheint H.WINKLER einer Diskussion nicht wert zu sein. Ergänzend zu der bereits unter dem Stichwort „Rätselhafte Objektwahl“ eingeleiteten Diskussion mit Ausrichtung auf die Sinnesleistungen der Spechte stelle ich nachfolgend meine weiteren Überlegungen zu dieser Fragestellung vor. Denn meiner Hypothese von einem >6.Sinn< liegen die folgenden rätselhaften fast durchweg objekt- oder funktionsgebundenen Gegebenheiten zugrunde.

► Das Ringeln findet nicht an allen Baumarten statt, einige werden total gemieden und bestimmte Gehölze ungeachtet ihres Alters bevorzugt. Mit den 5 Standard-Sinnen fassbare äußerliche Eigenschaften lassen sich dafür nicht in Anschlag bringen..

► Innerhalb einer Baumart werden regelmäßig nur bestimmte Objekte bearbeitet, ohne dass sich diese in äußerlichen Eigenschaften von den übrigen grundlegend unterscheiden. Demnach kommen nur innere Eigenschaften führt diese Auswahl in Betracht. Bei den gewählten Objekten liegen keine äußerlich erkennbaren Eigenschaften vor, die möglicherweise einen Einfluss auf deren innere, d.h. deren physiologische Beschaffenheit ausüben. Entgegen anderer Meinung (TURCEK 1954, 1961; S. 351) kann es nach meinen Befunden weder am Wuchs des Baumes, noch an einer Verletzung (geschält) oder sonstigen Beschädigungen (geknickt, geköpft, stark beschnitten, niedergebogen sowie einer anderen äußeren „abnormalen Beschaffenheit“ (S. 351-3 52) oder sonstigen „hervorstechenden Eigenschaft“ wie bspw. einer starken Blattchlorose (A 11.5) liegen. Zwar gibt es Fälle, wo dem Standort eine maßgebende Rolle beigemessen wurde (sonnenseitig exponierte bzw. aufgerissene Bestände / Buch-Foto 200a; Buch S.345) oder ein vorangegangener Waldbrand (A 11.4; ferner der Bericht aus Finnland / Anhang Teil VII); doch kommen derartige Konstellationen im Wald immer wieder, gar oft vor, ohne dass Beringelungen damit einher gehen.

► Das Ringeln an den Bluterbaumarten findet nur während ihrer Blutungsphase statt, die gemäß der atmosphärischen Konstellation allein auf einem inneren Zustand und physiologischen Vorgängen beruht, für die es keine äußerlichen Anhaltspunkte gibt.

► Über diese Koinzidenz hinaus nimmt das Beringeln im Einklang mit der Verlauf der Saftmobilisierung seinen Anfang im Basisbereich und schwerpunktmäßig auf der am frühesten erwärmten Baumseite (Buch S.335), wofür es ebenfalls keine äußerlichen Anhaltspunkte gibt.

► In Fällen, wo geringelte unterschiedliche Baumspezies in engster Nachbarschaft zueinander stehen, vollends ein Ringelbaum an eine andere Baumart angelehnt ist oder gar deren beider Kronen ineinander greifen (2 von mir angetroffene Fälle: in Rottenburg Ostrya und Spitzahorn = Foto 38, in der Pfalz ein Mal Roteiche und Ahorn (Buch S. 260), springt der Vogel trotz der räumlich direkten Nähe nicht von dem ausgewählten Objekt auf den anderen Baum über, dies sogar in dem erstgenannten Fall (2 Bluterbaumarten), deren Blutungsphase sich zumindest zeitweilig überschneiden. Auch dies kann nicht an optischen oder mechanischen Unterschieden liegen, da dies selbst innerhalb vom Baum uneinheitlich ist, ferner nicht an der jeweiligen Saftverfügbarkeit.

Folgt man dem Bericht aus Finnland (2017; Anhang Teil VII = neue Fundstelle), dann reagierte der Dreizehenspecht dort umgehend auf einen Waldbrand, indem er als Saft- = Ringelbäume ausnahmslos brandgeschädigte Kiefern auswählte, und dies unabhängig vom Grad äußerlicher Brandwirkungen (in unterschiedlichem Grad angekohlte Exemplare), vielmehr offensichtlich auf Grund einer inneren veränderten Beschaffenheit, wahrscheinlich der Saftchemie (auch ein schon vor bereits 100 Jahren und später erörteter Gesichtspunkt: s. Buch A 11.4). Auch hierfür gab es keine äußerlichen Merkmale. Schon vor bald 150 Jahren hatte BODEN (1876) festgestellt, dass der Buntspecht nur solche Kiefern beringelte, bei denen sich an Schnittwunden 1-3 Tropfen Phloemsaft zeigte, dies also auf Grund ihres inneren Zustandes.

Fazit: Alle diese Fakten, die auf verborgenen inneren Zuständen beruhen, lassen keinen anderen Schluss zu, als dass die Vögel ein Sensorium für irgendeinen im jeweiligen Baum vorliegenden Zustand oder ablaufenden Prozess, zumal für physiologische Konstellationen besitzen, demnach einen >Spürsinn< unbekannter Natur für was auch immer. Daher nahm ich ich, wie bereits unter Aspekt 10 dargelegt, >Zuflucht< zu einem 6.Sinn. Dort ist auch darauf verwiesen, dass bei manchen Vogelarten für bestimmte Leistungen ein 6.Sinn unterstellt wird bzw. bekannt ist.

 

► Ein Verhaltensatavismus?

Der Versuch einer Deutung

H.WINKLER nimmt heftigsten Anstoß an meiner „im Kern phylogenetischen Hypothese“, wonach es sich beim Ringeln um einen Verhaltensatavismus handeln könnte. Diesen Gedanken habe ich lediglich zur Diskussion gestellt und keineswegs als schlüssige Deutung wie „die Katze aus dem Sack gelassen“ und ist keine von mir bis zur Seite 491 apodiktisch verfolgte Doktrin. Denn in diesem mehrere hundert Seiten umfassenden Teil sind in über 50 Kapiteln die unterschiedlichsten Themen ohne irgendeinen Bezug zur Deutung und ohne die mir unterstellte „in fast jeder Zeile (spürbare) Voreingenommenheit“ abgehandelt. Außerdem lege ich im Nachwort zu meinem Buch (S. 590) dar, daß ich mir menschlicher Irrtumsanfälligkeit bewußt bin.

Die von mir nun modifizierte Saftgenuß-Theorie geht mit dem Eingeständnis einher, dass es sich beim Ringeln hiesiger Spechte nicht bloß um ein noch nicht völlig geklärtes Phänomen handelt, sondern um ein wenig nützlich erscheinendes Verhalten. Nach dem Stand der derzeitigen Bewertung und Einsicht können unsere Spechte aus dem Phloemsaft mangels eines geeigneten Vorgehens wenige Vorteile ziehen, zumindest an Koniferen, weit entfernt von der dem Ringeln bisher nachgesagten ernährungsbiologischen großen Bedeutung.

Das mir von WINKLER unterstellte Verdikt, wonach „unsere Spechte (….) nicht wegen des (Phloem-) Saftgewinns ringeln“, verlangt indessen eine richtige Interpretation. Auf Grund verschiedenster Anhaltspunkte besteht kein Zweifel, daß dem Ringeln hiesiger Spechte der Wunsch nach Saft zugrunde liegt, den sie aber abgesehen vom nährstoffarmen Blutungssaft (welchen sie mangels geeigneter Zunge nicht effizient nutzen können) und als Phloemsaft schwerlich, kaum oder gar nicht bekommen, weil ihre Ringelwunden im Unterschied zu denen der amerikanischen Saftlecker-Arten hierfür wenig tauglich sind. Ich wiederhole meine schon früher gewonnene Ansicht, daß „der Specht auf Saftfluß hin ringelt, unabhängig davon, ob es dazu kommt und in wieweit er davon Gebrauch macht“ (im Buch S.498);

Als von WINKLER vermisste „positive Argumente“ für ein Atavismus-Verhalten sowie für den Wunsch nach Saft mache ich die folgenden 11 Gesichtspunkte geltend:

1) Zugunsten dieser Annahme spricht zunächst das immer wieder beschriebene Gebaren des jeweiligen Vogels bei der Revision seiner frischen Beringelungen, also nach der Fertigstellung seiner Hiebsreihen (A 6.1); sein Hin und Her bei anschließenden Visiten unter Beäugen und mitunter unter Prüfung der Wunden mit eingelegtem Schnabel, ferner das einmal beobachtete züngelnde virtuelle Leckverhalten eines Buntspechts an seiner völlig trocken bleibenden Ringelungsstelle an einer Zitterpappel (BAER et al.1898).

2) Ein weiteres Indiz sehe ich darin (wiederholte Beobachtung), daß ein Specht seine Beringelung oft erst während des Kletterns urplötzlich vornimmt, so, als läge ihm dieses Verhalten, anthropomorph ausgedrückt, als verborgene Wesenheit >im Blut< und als sei das Ringeln eine Reaktion auf einen latent im betreffenden Baum vorliegenden Reiz in Verbindung mit einer inneren Stimmung des Vogels, dies gleichermaßen sowohl gegenüber einheimischen wie fremden Baumarten. In diesem Lichte sehe ich auch die Vielzahl von Beringelungen mit lediglich 1-2 (4) kurzen Stückringen, zumal an Bluterbäumen als Folge einer solchen Konstellation? Im Widerspruch dazu steht die Tatsache, daß manche Baumarten überhaupt nie bearbeitet werden (A 9), obwohl man annehmen möchte, daß ihnen ähnliche innere baumphysiologische Gesetzmäßigkeiten eigen sind. Möglicherweise fehlt diesen aber doch jener Auslösereiz, der anderen (wie bspw. der Roteiche) in besonderem Maß innewohnt.

3) Ein schon im Buch genannter überaus wichtiger Gesichtspunkt ist, daß der Specht an Bluterbaumarten (an denen dies offen zutage tritt: Färbung durch Gärung; s. Foto 38 + Teil III: Experiment) auch dann ringelt, wenn blutende Ringelstellen oder eine anderweitige Blutersaft-Quelle (bspw. aus abgesägtem Ast) schon vorhanden sind, also die Gelegenheit zum Saftgenuß bereits gegeben wäre. Saftverfügbarkeit schließt die Realisierung des Ringelns nicht aus (Buch S.494). Das Ringeln sieht nach einem >Naturtrieb aus, dem das Tier Folge leisten muß<.

4) Sieht man vom Zeitpunkt der Ringelungen, der sich in einem bestimmten Zeitrahmen bewegt, ab, so ist ein hohes Maß an Zufälligkeit nach allen sonstigen Richtungen bezeichnend. Zu den >Beliebigkeiten< zählen ● der Standort: solitär, vereinzelt, in gehäufter Vielzahl verstreut an einem Ort oder gar an einer mitunter befemdlich erscheinenden Stelle, so gelegentlich an einem Straßenbaum (Buch S. 271, 274 / Fußnote 13), mitunter mitten in einer Stadt (Buchfoto 158, 160, jüngst noch ein Nachweis an einer halbwüchsigen Eiche auf dem Schulhof eines Gymnasiums in Hamburg-Altona / Max Brauerstraße sowie an 3 Zelkoven in einer etwas engen Passage der Anlagen der Stuttgarter Wilhelma (s.Foto ganz hinten), ● der bereits genannte höchst heterogene Beringelungsgrad: vereinzelte Hiebsreihen bis massenhaft gehäuft, ● betr. das Baumalter: ganz junge bis alte Objekte, wenn auch unter Bevorzugung noch nicht oder erst schwach verborkter Stammteile, gelegentlich auch von Ästen. ● die Höhe am Baum: von der Basis und bis hoch hinauf in der Krone alter Bäume. ● die Unabhängigkeit des Ringelns von der Häufigkeit des Vorkommens einer Gehölzart bzw. deren Verfügbarkeit (ein Wesenszug der Spechtringelung / Buch .S. 256). Ist dies alles nicht ein Ausdruck eines noch nicht ausgereiften zweckdienlichen Verhaltens! Hinter all diesen Gegebenheiten sehe ich eben kein durchgehendes System, kein Konzept, keine eindeutige Linie.

5) In diesen Zusammenhang gehört für mich, insgesamt betrachtet, auch die grundsätzliche Seltenheit geringelter Bäume, zumal von Nadelbäumen, nämlich gemessen an der Unzahl der zur Disposition stehenden Objekte, also dem Potenzial an Ringelbaumarten bzw. Ringelbäumen, gleichermaßen an Blutern wie Nichtblutern. Zwar kommen Ringelbäume in manchen Gebieten streckenweise oft vor, mitunter fast auf Schritt und Tritt, andernorts unter ähnlichen Gegebenheiten nicht oder kaum  — soweit man dies behaupten darf. Denn man muß sich darüber im Klaren sein, daß in Bezug auf ein bestimmtes Gebiet, es sei klein oder gar groß,man Ringelungen eher nachweisen als das Fehlen mit absoluter Sicherheit garantieren kann.

6) Zur tatsächlichen Verbreitung des Ringelns sind die Befunde und Meinungen sehr uneinheitlich (Kap. A12), genauso die Auffassungen zur Individualität ringelnder Spechte (A 7.3). Doch besteht kaum ein ernsthafter Zweifel daran, daß gebietsweise und v.a. örtlich große Unterschiede bestehen und es mit Ringelbaumarten bestockte Areale ohne Ringelungen in Größen gibt (dies nicht bloß in Nadelwaldgebieten), die weit über das Aktionsgebiet vom GrBuSp, dem Ringelspecht Nr.1 und auch vom DrZSp hinausgehen.

Lt. WEISS (Rezension) sei es für Atavismen bezeichnend, daß nicht alle, sondern nur einzelne Tiere ein reliktisches, in der Evolutionsgeschichte wurzelndes Verhalten an den Tag legen. Gerade dies würde mit dem Ringelungsgeschehen im Einklang stehen, insofern das Ringeln im Anhalt an verschiedene Befunde eine individuelle Eigenschaft zu sein scheint (man beachte hierzu meine Ausführungen zu Acer in Teil IV).

 

7) Besonders geben mir die vom Specht fallweise eingestreuten optisch gezielt angebrachten Horizontal (Quer-)hiebe vom Grundtyp I, gar in einer reihigen Abfolge (bspw. Buch-Foto 205, Pausbilder-Abb.1C, G, 1H), zu denken; denn unnötig für den Blutungssaft wären sie erforderlich, um überhaupt mit diesem Wundtyp an den Phloemsaft heranzukommen (s.o. Saftgenuß-Theorie; Buch-Text S. 220, 221; Buch-Fotos 204-209).

8) Darüber hinaus gibt es, wenn auch nur selten, die von mir als Wundtyp IV bezeichneten Ringelwunden (Buch-Fotos 2b, 105,106,121-125, 131, 132, ferner Abb.10 von 1880 betr.Tanne), die unter Entfernung kleiner oberflächlicher Rindenteile zustande kommen. Sie erinnern an die für die Saftleckerspechte typischen „troughs“ (A 14.2; Buch-Foto 214), sind jedoch nicht tief genug, sie gehen nämlich nicht bis zur Safthaut im Frühbast und bleiben daher absolut trocken. Würden sie entspechend etwas, d.h. nur wenige mm tiefer liegen, wäre je nach dem im Objekt aktuell herrschenden physiologischen Zustand ein Austritt von Phloemsaft möglich; allerdings, woher die passende Zunge nehmen? Dabei geht es hierbei lediglich darum, daß der Specht damit der Saftquelle zwar näher kommt, aber noch nicht der Position zu einer Saftgewinnung.

Besondere Aufmerksamkeit verdient in diesem Zusammenhang auch das dem Wundtyp IV nahestehende Verhalten ringelnder Spechte (Gr.Buntspecht und Dreizehenspecht), nämlich das nicht immer scharf abgrenzbare Abschuppen als >Vorarbeit zur Ringelung< (Buch S.550-551) an Fichten, dies beim Gr.Buntspecht (Buch-Foto 200b,c,d) und v.a. beim Dreizehenspecht (Buch-Fotos 199, 200c,d,201b), wie dies auch in dem neuen Bericht aus Finnland / s.Teil VII = Anhang betr. von Kiefern beschrieben wird (ein entsprechendes Foto von einer Bergföhre aus dem Schweizer Nationalpark liegt mir von Herrn J.Denkinger / Olten vor). Das Abstemmen von Borketeilen zur Freilegung von versteckter Beute (Spinnen, Insekten: Buch Kap. C / S. 548; Buch-Foto 281a-e) steht auf einem völlig anderen Blatt! Eigenartigerweise geschieht das besagte Abschuppen meist in Verbindung mit dem Ringeln, wozu es nicht zwingend nötig ist! Ohnehin geht es fast immer beträchtlich und fallweise sehr sehr weit über die eigentlichen Ringelstellen hinaus und ist dann flächig mehr oder weniger ausgedehnt! Wie beim Wundtyp IV kommt der Vogel hierdurch dem innersten Bast, der sog. Safthaut, wo der Phloemsaft beheimatet ist, auf ausgedehnteren Rindenarealen näher, was in den Rahmen vom >6.Sinn< fallen würde. Schon vor mehr als 100 Jahren hieß es, daß dadurch „tiefere Rindenparthien“ zum Vorschein kommen (Buch S. 548). Mehr hat der Vogel von diesem Verhalten nicht, so wenig wie vom WT IV selbst, insofern dieser noch keinen Saft bringt. Demnach wäre dieses der Ringelung vorausgehende oder begleitende energieaufwändige Abschuppen ein sinnloser >Luxus<, so daß man sich, um mit E.GÜNTHER (s.o.) zu sprechen, wundern muß, daß der Vogel nicht mit leerem Magen erschöpft vom Baum fällt. Das Ringeln selbst erfolgt dem äußeren Anschein und meinen Erkenntnissen nach v.a. mit dem Wundtyp III = gestanzte Löcher, so bei der Fichte (Foto 197, 200c,d), die im Fall von Linden am äußeren Rand oft noch etwas nachbearbeitet (?) oder vorbereitet, d.h. etwas erweitert sind (s.Foto 106 e-f, oder 106 h) und z.T. in Richtung WT IV gehen (Foto 106 i + j). Es fehlt >nur<, daß der Specht seine Hiebe als Horizontalhiebe quer zur Faserrichtung zugunsten von Phloemsaft-Austritt (s.o.) setzen würde. Darf man über diese Fakten so einfach hinwegzugehen?

In Parallele zum vorbereitenden Abschuppen steht bei Laubbäumen mit grober Rinde / Borke das Faktum, daß an ihnen der Specht seine Hiebswunden weitgehend oder ausschließlich, also gezielt (vgl. unter Aspekt 5) in die Rindenritzen / Furchen platziert, so an älteren Linden und Robinien (s. hierzu die vielen Fotos im Buch, bspw. 66-69, 106-110), als wolle er auch hier der Phloemsaft-führenden Safthaut näher kommen — und dies, weil Borke den Zugang erschwert und einen größeren energetischen Aufwand erfordert, um die Hiebe in der Nähe der saftführenden Strukturen zu platzieren. Sieht nicht auch dies, gewagt gesagt, nach Experementieren des Vogels aus?

Die geschilderten Wundtyp IV- Konstellationen erwecken indessen den Eindruck, als ob unter phylogenetischer Betrachtung (zu der ich mich in der Tat aus mangelnden Kenntnissen nicht äußern kann) unsere hiesigen Spechte im Vergleich zu den sapsucker-Spechten hinsichtlich der Phloemsaft-Nutzung, gewagt bildhaft und menschlich ausgedrückt, >auf halbem Weg stehen geblieben< sind, also nicht über diese >Vorarbeit< hinausgekommen sind. Demnach würden sie sich beim Ringeln an Nichtblutern in einer reliktischen Phase befinden, die der sinnvollen Technik der Saftlecker-Spechte zur Phloemsaft-Erschließung vorangegangen sein könnte? Weder deren Zunge noch ihr Vorgehen zur Phloemsaft-Gewinnung fiel fertig vom Himmel; beides war doch das Ergebnis einer evolutionären Entwicklung. (Frage: Kam bei den Saftlecker-Spechten vor ihrer Bürstenzunge die Häkchen-Zunge nach Art unserer Spechte?). Sind nicht alle als sinnvoll erscheinenden Verhaltensweisen und körperlichen Eigenschaften bei Tieren schrittweise Errungenschaften der Evolution?

Zwar verbietet es sich, trotz der hier vorliegenden Gegebenheiten von einem gezielten Prozeß zu reden, weil es im Evolutionsgeschehen eine final ausgerichtete Entwicklung nicht gibt. Dennoch erscheint es mir, als zeuge das Ringeln von einem Relikt der Specht-Evolution und als gewähre ihr zur Phloemsaftgewinnung unzulängliches Ringeln einen Blick in die >Werkstatt der Natur<. Anthropomorph fortgesponnen würde die Ausage lauten, dass mit Blick auf die Saftnutzung unsere Spechte >noch< auf Evolutionskurs sind.

Absurd, unsinnig? Mit J.H FABRE >weiß< ich, was es heißt, sich auf das Terrain einer spekulativen Deutung zu begeben (im Buch S.491). Ich nehme in Kauf, wegen meiner Vorstellung als naiv gescholten zu werden. Könnte man nicht darüber reden, wie ich es mir zu meinem Deutungsansatz Verhaltensatavismus gewünscht hatte! Unerheblich wäre es, wenn sich meine Überlegung nicht mit dem Begriff Atavismus vertragen sollte.

9) Überhaupt geben die so unterschiedlichen Wundtypen I – IV grundsätzlich zu denken; denn für deren Unterschiede gibt es keine einleuchtende durchgehend schlüssige Erklärung; allein an der Beschaffenheit der Rinde kann es nicht liegen. Antropomorph gesprochen hat es gar den Anschein, als probiere der Vogel unterschiedliche Möglichkeiten, um an den Phloemsaft zu gelangen.

10) Im Einklang mit dem Ziel der Saftgewinnung kann man schlußendlich auch die Tatsache stellen, daß der Vogel neue Hiebswunden grundsätzlich nicht direkt in alte Hiebsstellen platziert (man beachte v.a. die Besprechung unter Aspekt 6). Mit Blick auf die Saftgewinnung wäre ein solches Vorgehen widersinnig. Denn das Abheilen der jeweiligen Verletzung, die Vernarbung, führt in der Rinde und bedingt auch im Holz– vereinfacht gesagt, – allemal zu einer >Verholzung<, d.h. einer Veränderung des Gefäß- und Strukturverlaufs und zur Einlagerung von Schutzstoffen (A 2.5); punktgenau könnte wohl gerade dort am allerwenigsten Austritt von Saft erfolgen.

11) Damit komme ich zum wichtigsten Gesichtspunkt, dem Nutzen von Ringelungen für die Vögel.  GLUTZ v. BLOTZHEIM (1980) bezeichnete die „energetische Bedeutung“ als „untersuchungsbedürftig“; was fehle, sei „eine kritische quantitative Analyse“. Auch wenn meine Darlegungen dieser Forderung nach strengen Maßstäben nicht Rechnung tragen, läßt sich nach Maßgabe der vorliegenden Fakten behaupten, daß der Nutzen für den Specht sehr begrenzt zu sein scheint, d.h., daß dem Verzehr der Baumsäfte entgegen der bisherigen Ansicht der Saftgenuß-Theorie keine fundamentale oder gar unverzichtbare Bedeutung als Nahrung beizumessen ist (s. unter Aspekt 10), es sich beim Ringeln also nicht um „eine lebensnotwendige Tätigkeit“ handelt (WINKLER 1931; Buch S.499).

Mit der von mir hier vorgestellten >Idee< einer Entwicklungsstufe würde auch im Einklang stehen, wenn sich meine Auffassung bewahrheiten sollte, daß das Ringeln unserer Spechte weitgehend nutzlos, unter dem Gesichtspunkt der Ökonomie also ziemlich unsinnig ist (A 17). Damit kann sich GLUTZ von BLOTZHEIM nicht „ohne Weiteres“ anfreunden (frühere schriftliche Mitteilung) und wird von J.WEISS mißbilligt (s.o.) und von allen noch an der Saftgenuß-Theorie festhaltenden Personen entgegen der baumphysiologischen Grundgegebenheiten kategorisch abgelehnt.

Fazit:
Sind all die hier aufgeführten Gegebenheiten etwa keine Argumente, die Respekt verdienen und bedacht sein müssen? Wie zuvor schon J. WEISS geltend gemacht hat, mag der von mir plakativ verwendete Begriff >Atavismus< nicht zutreffen; aber dieser liefert gewissermaßen eine Metapher für einen Bogen über alle von mir einzeln aufgebotenen 11 Gesichtspunkte bzw. realen Gegebenheiten. Was mir lt. H:WINKLER in der Tat abgeht, ist die Kenntnis „bisheriger phylogenetischer Arbeiten über Spechte.“

Es verdient der Erwähnung, dass früher schon GATTER (2000) die Frage aufgeworfen hatte, ob „das Ringeln ein Verhaltensrest … aus einer früheren Entwicklungsphase ist“ (s. Buch S. 497), also identisch mit meiner schon im Buch postulierten Ansicht, wonach es sich um ein Relikt aus der Entwicklungsgeschichte handeln dürfte; dies ist nun verbal leicht dahingehend verändert, dass ich das Ringelungsgeschehen einer Phase dieser Evolution zuschreibe.

Fest steht auf jeden Fall, dass unsere Spechte an der systematischen Erschließung des Phloemsaftes allein schon durch ihre hierzu unzulängliche Form ihrer Ringelwunden scheitern, ja scheitern müssen. Eine effiziente Nutzung des Phloemsaftes würde eine Vorgehensweise voraussetzen, welche die den Bäumen innewohnenden physiologischen Mechanismen gegen den Verlust dieses für sie wichtigen Assimilatesaftes unterläuft. Die amerikanischen Saftlecker schaffen dies durch ihre evolutiv zustande gekommene eigenwillige Art und Weise ihrer Beringelung (A 14.2 / Buch S. 426-427), die für den jeweiligen Baum abträglich, ja schädlich ist; damit werden nämlich die Ringelbäume ruiniert (Näheres dazu auf der dem Buch beigegebenen CD-ROM im Anhang I: Amerikanische Saftlecker-Spechte unter dem Suchbegriff >Absterben<). Im Blick auf die Phloemsaft-Nutzung treiben unsere Spechte also bis zu einem hohen Grad „einem inneren Trieb folgend Unsinn“ (Formulierung aus H.WINKLER), agieren unökonomisch. Jovial und antropomorph ausgedrückt bemühen sich unsere Ringelspechte schon seit wohl >urdenklichen Zeiten< um die Erschließung dieser Ressource, jedoch bis jetzt ohne Erfolg.

Vorausgesetzt, daß meine schon im Buch 2012 vertretene Vorstellung zutrifft, wonach das Ringeln unserer Specht aus der Evolution heraus zu erklären ist, wäre dies ein Beispiel dafür, dass es „leichter ist, eine neue Wahrheit zu entdecken, als sie zur allgemeinen Anerkennung zu bringen“ (J.B.LAMARCK).

 

„Methodisch korrekte quantitative Analysen“?

Mit Blick auf meine Rangliste geringelter Baumarten bemängelt WINKLER das Fehlen einer „methodisch korrekt (generierten) quantitativen Analyse“. Ist er sich dessen überhaupt bewußt, wie es um die verfügbaren Aussagen und Daten zu dieser Fragestellung in der Literatur und um deren Zustandekommen bestellt ist? Offensichlich nicht. Eine quantitative Analyse der realen Gegebenheiten ist, wie schon im Buch dargelegt (S. 256), allenfalls für ein eng begrenztes Areal möglich, wie sie beispielsweise bei den Untersuchungen zum sog. >Eichenkrebs< in Frankreich und in Deutschland (A 2.6.1) zu dieser aufs Engste mit der Spechtringelung zusammenhängenden T-Krankheit vorlagen. In beiden Fällen standen jeweils Tausende junger geringelter Eichen auf einem ha, während man andernorts unter analogen Bestandesgegebenheiten keine Beringelungen findet. Ergebnisse solcher numerischer Erfassungen einer örtlichen Situation, beispielsweise in einem Forstrevier oder in einem Einzelbestand, sind äußerst rar (A 9; A 12, GATTER 1972, MIECH 1986). Hieraus einige Passagen: Die vorliegenden Angaben sind „ein Sammelsurium …. gutächtlicher Ansichten“ (S.375), „ höchst selten … Daten .., die einen numerischen Vergleich hinsichtlich der Attraktivität verschiedener Gehölze erlauben…“ (S.263), „fast immer Einschätzungen ohne numerisch fundierte Erhebungen“ (S. 380); dazu die „Schwierigkeit der „Bemessung“ (S.256): Ist ein Baum mit nur einem oder wenig Ringeln gleichwertig einem dicht mit Narben übersäten Objekt und v.a.m.? Die „kaleidoskopartige Vielfalt … der Einschätzungen“ erlauben „keine allgemeingültige Aussage zur Häufigkeit“ (S.381). Wie ich in Kap.A 12 des Langen und des Breiten darlege, sind die verfügbaren Angaben, wenn überhaupt, meist gutächtliche Häufigkeitseinschätzungen geringelter Objekte einer Gehölzart, ausnahmsweise im Vergleich mit anderen Gehölzen (MIECH 1986). Manche „größeren Örtlichkeiten bis hin zu Landstrichen sind frei von Ringelbäumen“, während andernorts „eine bisher nicht vermutete Dimension der Ringeltätigkeit“ vorliegt (Buch S. 371-381). Dabei würde die Forderung von WINKLER eine großräumige, ja flächendeckend gebietsweit einheitliche Erfassung, die es nie geben kann, voraussetzen.

Zur Veranschaulichung hierzu einige wenige Beispiele aus den mir verfügbaren Angaben und eigenen Befunden zu den örtlichen Gegebenheiten: ● So schreibt ein Autor, der bis dahin das Ringeln der Spechte überhaupt nicht kannte, daß „Ahorne … wegen des hohen Zuckergehaltes besonders beliebt“ seien (ohne Beleg; PFISTER et al. 2006); für einen Vergleich mit anderen Baumarten fehlte ihm ohnehin die nötige Baumartenpalette. Zwar kenne ich eine Mehr- bis Vielzahl geringelter Ahorne. Aber vor dem geistigen Auge stehen mir Tausende, ja Abertausende nicht geringelter Ahorne (Berg-, Spitz- und Feldahorn) an vielen Orten, landauf-landab, ob hier im Enztal, in den hiesigen Gäulandschaften (Hecken-, Stroh-, Zaber- und Korngäu, Kraichgau), im Neckarland, am Schönbuch-Rand, ob im Umfeld von Hamburg, in der Holstein’schen Schweiz und zuletzt auch im Bergwald (bspw. des Werdenfelser Landes). Selbst der Zuckerahorn, beispielsweise in Botanischen Gärten, ist nicht öfter geringelt als die weniger Zucker-haltigen sonstigen Acer-Species (S. 238). ● Ein anderer Autor schreibt die Rolle der Roteiche, die nach Meinung mehrerer kritischer Kenner der Materie, hierzulande die am meisten angenommene Baumart ist, schlichtweg ihrer Natur als „Fremdländer“ zu (REISCH 1974; analog betr. Hackschäden bei GÖHRE 1952), ohne daß ein Vergleich mit anderen eingebürgerten Baumarten oder regelrechten Exoten zugrunde liegt. Dabei sind fremde Gehölze grundsätzlich weder mehr noch weniger angenommen als einheimische. Bei überaus vielen anderen Angaben über Präferenzen handelt es sich unter numerischen Gesichtspunkten um aus der Luft gegriffene und zugleich völlig irrtümliche Meinungen so wie beispielsweise die Nennung blutender Linden, Eschen oder gar von Nadelbäumen usw., die es weder gibt noch geben kann. Hierzu einige konkrete Angaben ● Im Park des Klosters Melk in der Wachau ist keine der vielen Linden geringelt, dagegen im Schlosspark von Schönbrunn nahezu jede. Die unzählig vielen von mir angetroffenen nicht geringelten Linden in Wald-+Stadt-+Feldlage, die unter Berücksichtigung großer Lindenwälder landesweit in die Tausende gehen, erlauben mir die Einschätzung, daß diese Baumart keineswegs die >am häufigsten geringelte Baumart< (WIMMER et al. 2010) ist. Fündig wird man sehr viel eher an Ulmen und noch viel häufiger an Eichen. ● In einer der besten Dokumentationen überhaupt, einer 14 Jahre lang quantitativ erfassten Situation bei Berlin-Spandau auf 25 ha mit etwa drei Tausend registrierten Ringelbäumen, darunter zu 100 % bearbeitete Ahorne (Eichen hier in etwas geringerem Grad), wird die dortige Situation als „Berliner Verhältnisse“ bezeichnet (MIECH 1986); dabei ist nach meinen Befunden die Lage wenige km entfernt in vergleichbar stark diversifizierten Parkanlagen (Schloß Charlottenburg sowie im Berliner Tiergarten) völlig konträr (im Buch dargestellt!). ● MIECH fand in seinem Kontrollgebiet nur 2 beringelte Kiefern; RUGE (1973) gibt für ganz Baden-Württemberg, man höre und staune, 4 Funde an. Allein im Rottenburger Stadtwald sind mir etwa 20 bekannt, und vor 100 Jahren sah sich BODEN (1876, 1879a) in seinem Gemeindewald Arloff in der Voreifel bei Euskirchen mit „Hunderten Ringelkiefern“ konfrontiert. ● GATTER (1972), ein Forstmann mit mehr als nur revierweitem Überblick, ergänzt seine numerische Angabe von 260 bearbeiteten Spitzahornen an einem Ort mit der Bemerkung, daß diese Baumart „selten geringelt“ werde; die Favoriten in seinem Forstrevier am Albtrauf seien zum einen die Bergulmen und mehr noch die Eichen.

Wie auch anderswo findet man in Beständen mit potentiellen Ringelbaumarten oft auf km-langen >Wegstrecken< keine Spur, dann – hoppla – doch einen Ringelbaum, der einem selbst wenigstens beweist, daß das Ringeln auch an dieser Örtlichkeit vorkommt; andernorts sind es, wie gesagt, mitunter mehr als Tausend geringelte Eichen (junge Bäume) auf einem ha, ohne daß dort ein Vergleich mit anderen Gehölzen möglich wäre.

Eine von mir auf kurzer Strecke probeweise unternommene Linientaxation lieferte auf 2 parallel verlaufenden >Transektlinien< völlig uneinheitliche Ergebnisse, kam doch hier eine Mehrzahl, auf Steinwurfweite daneben keine Beringelung vor. Dazu Fragen über Fragen! Hat ein Baum mit einer Hiebsreihe bis wenigen Ringelsystemen den gleichen Stellenwert wie ein Stamm mit Aberhunderten von Einschlägen? Wie lässt sich die Situation bei älteren oder gar alten Bäumen ernstlich sicher beurteilen; an Alteichen konnte ich in den von mir kontrollierten Fällen den Tatbestand Ringelung erst an den gefällten Bäumen in ihrem Kronenraum feststellen (Buch- Foto 145N 1-8). Heterogener geht es nicht !!

Fazit: Wie soll aus derartigen überwiegend >beliebigen< Angaben und einem Potpourri hypothetischer Wertungen das von WINKLER vermißte quantitative Resultat abgeleitet werden? Solcherlei Angaben ließen sich nur für kleine Areale mit einer zugleich größeren Gehölzpalette, also fallweise „generieren“, womit dem Anspruch einer hinreichend gültigen allgemeinen Beurteilung nicht Rechnung getragen würde. Numerische Werte im Sinn der von WINKLER gewünschten Rechengrößen würden Genauigkeit vortäuschen, dies im Entferntesten nicht gibt. Und überhaupt: Qui bono eine rechnerische Größe, wo doch der Einzelfall so völlig abweichend sein kann?

 

Wissenschaftliche Untersuchungen?

Abschließend sei noch eine Anmerkung zu der von WINKLER und auch von WEISS angemahnten Notwendigkeit weiterführender wissenschaftlicher Untersuchungen erlaubt. Was soll, was kann man sich darunter vorstellen? Ich frage mich, wie WINKLER derlei anzustellen gedenkt. BEZZEL hat durchaus damit recht, daß ich über die „Möglichkeiten … wissenschaftlich-experimenteller Untersuchungen … und die Möglichkeiten der Bearbeitung derartiger Fragen mit Hightech-Feldarbeit nicht informiert“ bin. Dies ist die eine Seite; ich wage zu behaupten, daß für Feldversuche kaum einmal geeignete Voraussetzungen vorliegen. Zum einen sind die relativ kurzlebigen Spechte unter Freilandbedingungen mit Blick auf das Ringeln keiner kontrollierbaren Manipulation zugänglich, zum andern sind die von den Spechten ausgewählten Ringelungsobjekte nur in Ausnahmefällen im Voraus bekannt (s.u. Teil III). Zum Zugriff auf ringelnde Spechte konstatiere ich aus der Sicht und Breite meiner eigenen Befunde aus 3 Jahrzehnten: insgesamt betrachtet stößt man in einem Wald eher auf einen geringelten Baum als auf Lebenszeichen eines Großen Buntspechts und vollends gar auf einen ringelnden Vogel (beim DrZSp ist die Chance größer). Ein Fall wie die von mir mehr als ein Jahrzehnt lang kontrollierte Hopfenbuche Ostrya carpinifolia (Buch-Foto 38), bei der alljährlich während der Blutungszeit mit dem Auftreten eines Vogels gerechnet werden konnte, ist einer der seltenen Glücksfälle. In Volieren ließ sich bisher lediglich der eine oder andere Befund zur Nahrungsfindung im Holz ermitteln (v.BERLEPSCH 1929) und im Zusammenhang mit Hackuntaten der Widerstand von unterschiedlichen Materialen prüfen (HAVELKA 1997). Welcher Natur könnten Versuche überhaupt sein und was kann man sich von ihnen versprechen, dies im Bewußtsein folgender Worte aus GOEHTES FAUST (Teil 1): „Geheimnisvoll am lichten Tag, läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben. Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag, das zwingt du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben“

Nach wie vor dürfte man in erster Linie wie bisher auf Feldbeobachtungen angewiesen sein. Allein schon die Art des Zustandekommens des rätselhaften Wundtyps IV (von der äußeren Rinde entblößte Ringelstellen) sind eine Herausforderung.

Die mir jüngst zugegangene Publikation aus Finnland (s. Teil VII = Anhang, gewissermaßen eine neue Fundstelle), die in Bezug auf den Phloemsaft viele Lücken zu den dort abgehandelten Konstellationen aufweist (siehe meinen Kommentar), lenkt meinen Blick auf folgende wünschenswerte Erhebung: eine genaue Prüfung von frischen Ringelungshieben an Nichtbluter-Baumarten auf ihren Inhalt, zumal in Fällen, wo äußerlich kein frischer Phloemsaft oder eindeutige Rückstände davon sichtbar sind, dies im Bewußtsein, daß die Ringelwunden klein sind (Größenordnung nur im mm – bis ½-¾ cm-Bereich!!). Dafür geeignete Möglichkeiten dürften sich am ehesten beim Dreizehenspecht bieten, weil er ziemlich Beobachteter-tolerant ist und oft recht bodennah ringelt (s.Table 1).

Der springende Punkt für die richtige Interpretation der Spechtringelung könnte durchaus die geringe Menge des den Spechten zum Verzehr verfügbaren Phloemsaftes sein, wie dies von GIBBS (1983) und neuerlich von J.WEISS in seiner Rezension angesprochen wurde (s.o.). Derartige Kontrollen würden in den Rahmen der von U.N.Glutz v.Blotzheim (1980) geforderten Überprüfung der energetischen Bilanz der Spechtringelung gehören.

 

Teil III: Experiment

Ein Experiment zur Spechtringelung an einer Hopfenbuche Ostrya carpinifolia im Stadtwald Rottenburg.

Obwohl aus einem von mir 2014 und 2015 unternommenen >Experiment< kein wesentlicher Erkenntniswert resultierte, will ich von meiner >Machenschaft< kurz berichten. Die von mir geprüfte Fragestellung war mangels einer genauer eingrenzbaren Zielsetzung mit zu viel Beliebigkeit behaftet. Objekt dieses Versuchs war >meine< im Buch gezeigte Hopfenbuche Ostrya carpinifolia (Buch-Foto 38 im Stadtwald Rottenburg Distr. I / Abt. 71 Altstadtberg), eine Bluterbaumart, von der ich durch jahrelange Beobachtungen und Erhebungen wußte, daß sie so gut wie jedes Jahr während ihrer Blutungsphase >vom< Buntspecht aufgesucht wird. Dort liegt folgende zu einem Versuch anregende Konstellation vor: In jenem Laub- (Nadelholz) -Mischwald an einem nur zu Fuß erreichbaren steilen W-Hang auf einem ehemaligem Weinberg kommen 3 ältere Hopfenbuchen Ostrya carpinifolia vor, eine hierzulande seltene südeuropäische Baumart; es sind dies die Exemplare A, B, C (A 200 m, C 25 m von B entfernt). Bei B handelt sich um den im Buch als >meine Hopfenbuche< bezeichneten Baum (Buch-Foto 38 a- ff). Er ist polykorm: von einem tief ansetzenden unten etwa 60 cm starken Zwillingsstamm gehen zwischen o,7 und 3m Höhe 3 starke Seitenäste ab. Im Anhalt an die zuletzt nur etwa 0,5–2,5 mm breiten Jahrringe (Buch-Foto 38d) dürfte sein Alter bei mindestens 150 Jahren liegen. A, ebenfalls polykorm, hat fast die gleiche Dicke und wohl dasselbe Alter. Baum C mit einem Brusthöhendurchmesser von lediglich 30 cm ist monokorm. Alle 3 eine bei dieser Baumart im fortgeschrittenen Alter bezeichnende sehr harte bröckelige Borke auf.

Alle 3 Objekte sind (im Gegensatz zu den Objekten im Tübinger alten wie neuen Botan. Garten) geringelt, A weist mäßig viele, C wenige, B unzählig viele Ringelwunden auf (überschlägig nach Maßgabe der in Zählfenstern ermittelten mittleren Dichte rein rechnerisch mehr als 80.000; s. die Buch-Fotos 38); an diesem Baum müssen schon viele Generationen von Spechten das Ringeln ausgeführt haben. An diesen 3 Objekten habe ich das Beringeln während fast 10 Jahren etwas genauer verfolgt. Im Anhalt an die dadurch ausgelösten Blutungen werden alle diese 3 Bäume alljährlich in Koinzidenz mit der Blutungsphase (meist in der Zeit von Ende Februar / Anfang bis Mitte / Ende März) geringelt, wie gesagt allerdings in höchst unterschiedlicher Intensität, B weitaus am intensivsten. Ihre Blutungsdauer, die etwa mit der Blütezeit der Gemeinen Kornelkirsche Cornus mas und dem Erscheinen vom Zitronenfalter einhergeht, erstreckt sich nach Beginn (jährlich meist verschieden) im unteren Stammbereich über etwa 3-4 Wochen; den Zeitpunkt des Blutungsbeginns ermittelte ich mit Messerstichen. Infolge der Saftgärung nehmen die Blutungsstellen meist schon nach 4 – 5 Tagen eine weißliche Färbung an, die sich allmählich verstärkt; nach insg. (8)10–12 Tagen tritt die Blutungsstelle partiell bis schließlich insgesamt rötlich-orange bis orange ziemlich auffällig in Erscheinung, auch bei kleinen Ringelstellen.

Das an B von mir wiederholt beobachtete Beringeln durch den Gr.Buntspecht ging etwa wie folgt vor sich: der Vogel stellte mit jeweils (2) 4 – 5 Hieben seine einzelnen hier lochförmigen Wunden her, fortlaufend ein Loch nach dem andern. Dabei blieb mir bis zuletzt verborgen, wo und wie genau bei diesem speziellen hartrindigen Objekt die neuen Hiebspunkte mit Blick auf die bereits vorhandenen alten Ringelwunden platziert wurden (Buch S. 312/313); denn grundsätzlich werden diese nicht angeschlagen (siehe Teil I / Ziffer 6). Nach der Fertigstellung einer Hiebsreihe bzw. Stückrings legte er eine Pause ein. Während der er manchmal abflog, aber alsbald zu einer Revision seiner Ringelstelle zurückkam, dies unter Begucken des Ringels mit unruhigem Hin und Her; ein Lecken von Saft, den ich in diesen Fällen zunächst (auch wegen der borkigen Rinde) gar nicht austreten sah, konnte ich zwar nicht beobachten, dürfte aber vorgekommen sein.

Meine Versuchsüberlegung

Diese Gegebenheiten regten mich zu dem Versuch an (vgl. Buch S.171), bei Exemplar B eine gewisse Schaftzone oder mehrere Teilstücke des Baumes mit Packpapier zu umhüllen. Von vornherein war klar, dass ich eine solche Drapierung technisch nur an einem kleinen Abschnitt bzw. in Abschnitten im unteren Stammbereich würde realisieren können.

Ich hegte die Hoffnung, daß die damit künstlich herbeigeführte Konstellation irgendeine Erkenntnis zur Orientierung der Vögel beim Ringeln liefern könnte und zumindest zu erkennen sei, ob der Baum durch eine solche äußerliche Veränderung seine Attraktivität einbüßt. Trotz des damit verbundenen Aufwands habe ich zunächst 2014 in etwa 10 m Abstand einen Tarnschirm aus Reisig aufgebaut, der sich aber als unnötig erwies. Ab der Verpackung nahm ich etwa alle 2-4 Tage eine Kontrolle vor.

Versuch 2014

Am 3.März registrierte ich an A und B minimalen Saftaustritt, an Baum C (linkes Foto) lag bereits ein stark saftender Ringel in 2,5 m Höhe vor; dadurch war dessen Stamm infolge des heftigen Saftflusses schon bis zum Boden herab eingenässt. Abends brachte ich sodann an dem bis dahin unberührten Hauptstamm von B in 0,1 bis 3,5m Höhe eine Umhüllung mit mäßig dickem Packpapier an.

Resultat 2014
Während der Beobachtungszeit von insgesamt 10 Tagen in der Zeit 3.- 27.März habe ich an B bei 4 Visiten einen Buntspecht bzw. 2 Vögel beim Ringeln angetroffen: so am 4.März um 14 Uhr ein BuSp-Weibchen beim Ringeln in 5m Höhe; doch weder jetzt noch in den Folgetagen registrierte ich an dieser Stelle einen Saftaustritt. Zwei Wochen später, am 21.März gegen 9 Uhr waren in 6 bis 8 m Höhe 2 BuSp-Weibchen beim Ringeln; sie zeigten gegenseitig keinerlei Reaktion, am 25. und am 26.März erneut 2 Weibchen in 8–16 m Höhe; der untere Vogel rückte zunehmend höher und kam an den andern bis auf 1,5m heran, ohne daß dieser in irgendeiner Weise reagierte. Darüber hinaus zeigten diese beiden Vögel keine Scheu, als ich offen unter den Baum trat. Auch bei diesen relativ hoch gelegenen Ringelstellen konnte ich nie Saftfluß erkennen; im Einklang damit fehlte in der Folgezeit eine farbliche Markierung; dagegen traten in Übereinstimmung mit der Regel die zu diesen Zeitpunkten tiefer liegenden Saftstellen infolge Vergärung ab etwa dem fünften Tag des Saftflusses durch ihre weißliche und später orangen Färbung deutlich in Erscheinung, auch kleine. An einem abgehenden Seitenstamm waren sie 35, 50 und 60 cm vom papierbekleideten Teil entfernt.   Das Verpackungspapier selbst war an keiner Stelle >betreten<, also völlig unversehrt.

Interpretation 2014
Ich muss mich mit dem simplen Resultat begnügen, daß die helle partielle Papierverkleidung keinen verscheuchenden Effekt ausübte, diese Stammzone bzw. diese Verkleidung vom Specht nie angeflogen oder beklettert wurde. Mit der Distanz seiner Beringelungen zur Ummantelung zeigte der Vogel allenfalls an, daß er die Verkleidung als befremdlich >wahrnimmt<, sich aber im Übrigen nach wie vor von den im Baum vorliegenden Zustand leiten läßt.

Versuch 2015

Gegen Ende Februar safteten nur die Ahorne (es herrschte >sugar-weather<; d.h. an Tagen ohne Frost kein Bluten; Zitronenfalter gesichtet); ein in der Nähe stehender junger Bergahorn mit BHD 10cm saftete am 24.02 aus einem frisch hergestellten Teilring. An Ostrya erstes Anzeichen von Saftaustritt erst um den 8.März; am 10.03 registrierte ich den ersten Ringel an Baum B zwischen o,5 und 1m Höhe. Anders als 2014 gab es bis dahin an Stamm C keinen Ringel. An zunächst allen Kontrolltagen kamen weitere Ringel bis in 1,8 m bzw. 2,2 m Höhe und auch später bis zum Ende der auch diesmal etwa 3 wöchigen Blutungsphase um den 29.März zustande.

Am 13.03 fixierte ich im Unterschied zu 2014 fleckenweise verteilt mit Hilfe eines Tuckers kleine bis größere partielle Umhüllungen bis in etwa 4,5m Höhe mit Papieren, die nach Konsistenz und Farbe leicht unterschiedlich waren.

Resultat 2015

Fast umgehend nach Versuchsbeginn waren einzelne Teile der Papiere durch Blutungssaft aus den Wunden der Tucker-Klammern vernässt und dadurch z.T. farblich vorübergehend leicht verändert. Diese Zonen wiesen in der Folgezeit keine Verfärbungen wie an Ringelstellen auf, wohl deshalb, weil dafür die Gesamtmenge des Saftes im Papier zu gering war. Das Ringeln dauerte über die 3 Wochen anhaltende Blutungszeit hinweg an und trat oft selbst bei kleinen Ringelstellen farblich deutlich in Erscheinung. Mehrere dieser Ringelstellen lagen nur 3-10 cm von einer Papierhülle entfernt. Wie 2014 gab es keinerlei  Spur davon, daß ein Specht das Papier angeflogen hätte oder darauf geklettert wäre.

Im Unterschied zu 2014 traf ich trotz des reichlichen Ringelungsgeschehens bei meinen insg. 11 Visiten nach Versuchsbeginn nie einen Vogel am Baum an.

Interpretation 2015
Die Attraktivität von Baum B als Ganzes ging auch 2015 nicht verloren. Die durch das Papier herbeigeführte unnatürliche optische Beschaffenheit hat das Ringeln wiederum nicht beeinträchtigt oder gar vereitelt, aber wie 2014 die Vögel von der Bearbeitung der ummantelten saftwilligen Stammteile abgehalten; sie rückten sogar sehr nahe an die Papiere heran. Anhaltspunkte für eine taktil wirksame Barriere gab es nicht, insofern keines der Papiere Spuren vom >Betreten< zeigte.

Versuchsergebnis:
Wie schon eingangs gesagt, resultierte aus dem Versuch nicht viel mehr, als dass die Spechte von den verpackten Baumteilen nur insoweit irritiert wurden, dass sie einen Abstand wahrten, in menschlichen Worten gesagt, ihnen diese Teile >nicht ganz geheuer waren<. Der Baum als Ganzes büßte seine Attraktivität durch die partielle Änderung seines Aussehens nicht im Geringsten ein.

Der für 2016 vorgesehene 3.Versuch unter Verwendung von Klarsichtfolie, einhergehend mit der stillen Hoffnung zu einer Filmaufnahme des Ringelns mußte leider wegen unserem Wegzug von Rottenburg während der maßgebenden Zeit entfallen.

 

Teil IV: Ergänzungen

Ergänzungen aus zwischenzeitlich gewonnenen Befunden und Erkenntnissen

Betr. SPECHTRINGELUNG:

Zu ACER

Ergänzung zu meinen Angaben zum Regime der Blutungen an Ahorn: maßgebenden Einfluss hat Frost während der Nacht und auch bei Tage (s. Fußnote 6 / S. 208, 209, 219); dies ist hierzulande nicht anders als in Nordamerika / Kanada. Dabei ist in erster Linie Nachtfrost während der Blutungsphase von Bedeutung. Die dortigen >Saft-Zapfer< sprechen von „sugar weather“, zumal dann, wenn der Folgetag warm ist. Ungeachtet der baumindividuellen Unterschiede (s.S. 208) beläuft sich die Saftflußmenge (Ergiebigkeit) beim Zuckerahorn lt. STEINER (1998) auf 40-50 l je Baum und Saison; dies ist auch eine von Birken bekannte Größenordnung (s. Fußnote 10 / S. 215).

Rangstellung von Acer: Wie ich schon im Buch (A 9, S. 278-279) darlege, sind in meinen Augen Ringelungen an Ahorn-Bäumen gemessen am Baumangebot, insgesamt gesehen, sehr selten, zumal im Vergleich mit Eichen, Ulmen, Linden. Dazu sind sie unter Berücksichtigung fremder und meiner neuerlichen Befunde (2011 – heute) möglicherweise gegendweise unterschiedlich; so sind lt. E.GÜNTHER der Bergahorn zusammen mit dem Spitzahorn im Nordharz die am meisten geringelten Baumarten (s.S 277; s. seine Rezension sowie persönliche Mitteilung). Auch kommen sie manchmal örtlich und zonenweise in Mehrzahl vor (so bspw. hier bei Bietigheim); stellenweise hatte ich den Eindruck, als hätte der jeweilige Vogel die nahebei oder verstreut vorkommenden Ahorne (also unter Auslassung der anderen Gehölze wie bspw. Eschen) reihum angeflogen (ähnlicher Zustand der Vernarbung), ein möglicherweise individuelles Verhalten. Auf Grund verschiedener Anhaltspunkte bzw. Befunde komme ich immer mehr zu der Auffassung, daß das Ringeln nur von einzelnen Tieren verübt wird (situationsbedingt durch einen vom Baum ausgehenden Reiz). Überhaupt spricht für einen solchen Wesenszug der Spechtringelung als Individual-Verhalten das stellenweise höchst unterschiedliche Vorkommen geringelter Ahorne über größere Waldgebiete hinweg, wie es mir hier in der Umgebung von Bietigheim v.a.vom Bergahorn begegnet), nämlich unter Einschränkung der geringelten Bäume auf meist kleinere Zonen; analoge Gegebenheiten liegen möglicherweise auch bei der Roterle vor (s.unter Aspekt 2).

     

Die Höhe der Ringel an Ahorn-Bäumen und die Beringelungsdichte:

Bemerkenswert sind aufgrund der von mir stellenweise bis örtlich immer wieder registrierten angetroffenen Narben, v.a. am Bergahorn (weit mehr als am Spitzahorn), die folgenden 2 Befunde:

1.) Bevorzugt an arm- bis beinstarken Ahorn-Stämmchen (so auch im Anhalt die an älteren Bäumen vorgefundenen alten sodann meist sehr weitständigen Narben); sie befinden sich meist in der unteren Stammzone, d.h. in einer Höhe von (0,1) 0,2 – 1,5 (2)m, äußerst selten höher am Baum oder gar in der Baumkrone (s. hierzu die Buch-Fotos 20-22 mit Eiszapfen).

2.) Zum andern handelt es sich so gut wie immer um wenige Ringel, nicht selten sind es nur 1-2 Ringel aus einem Jahr (vgl. Buch-Foto 9); nie fand ich bisher einen Ahorn mit einer Vielzahl von Beringelungen. Dies ist keineswegs ihrer Kategorie als Bluter geschuldet. Dies zeigt schon ein Vergleich mit der Hainbuche, an der ich lange Zeit nur geringe Ringelungsgrade registrierte. Schließlich (daher ohne Foto im Buch) stieß ich an 2 Stellen im Stadtwald Rottenburg auf mehrere Exemplare mit einer ähnlich starken Beringelung über kurze bis lange Stammzonen hinweg etwa wie an den mit Fotos gezeigten Buchen (Buch-Fotos 86, 89, 97a, 167), Ulmen (Buch-Fotos 101-103) und Linden (Buch-Fotos 104, 106, 107, 110, 113), Roteichen (Buch-Fotos 149 –153), Nadelhölzern (Buch-Fotos 184, 189, 195), dies im Einklang mit der mit einer mehr als 150 Jahre zurückliegenden Angabe, wonach bei der Hainbuche „manche ganz schwach…, andere vollständig dicht (geringelt)“ waren (ALTUM 1873a,b / S.97). Man beachte auch die extrem unterschiedliche Bearbeitung von 3 Hopfenbuchen Ostrya carpinifolia (Foto 18; Näh. bei Teil III = Experiment) als ausgesprochene Bluterbaumart. Daß auch bei der Birke an manchen Bäumen eine hochgradig dichte Beringelung vorkommen kann, zeigt die Angabe aus Russland, wo eine Birke 890 Hiebsstellen je 20 cm Schaftlänge aufwies (Buch S. 97).

Gärung der Saftausflüsse an Acer:

Eine interessante weitere Eigenschaft, die möglicherweise nur den Ringelungen an Acer- Arten eigen ist: bei ihnen registrierte ich an Stämmen mit frischen Ringelstellen grundsätzlich nie eine durch Vergärung vom Saftausfluss an Ringelstellen herbeigeführte farbliche Änderung (als Ausnahme ein farblich schwacher krustiger Belag auf der Schnittfläche eines Baumstocks vom Spitzahorn = Buch-Foto 361; analog bei Birken weitgehend auch nur auf Baumstümpfen, aber immerhin an Ringelstellen schmierig-gallertige Substanz / Buch-Foto 28), all dies anders als bei Hainbuche, der Hopfenbuche oder dem Pagodenhartriegel (Buch-Foto 50). Ich mutmaße, dass dies eine Folge der für Ahorne bezeichnenden Wechselhaftigkeit des Saftausflusses ist, diurnal wie abhängig von der Witterungskonstellation, also selten länger ohne Pausen anhaltend, sodaß sich wohl nicht hinreichend genug Saft ansammelt.

 

Sonstiges

Zu Wiederbearbeitung alter Wunden (Kap A 10.2)

Zu dem auf S.313 beschriebenen Fall, dem mir bis dahin einzigen Beispiel, wo nachweislich ein Specht an einer stark geringelten älteren Linde im Mai 2010 und dann erneut 2015 (was ich zusammen mit dem Zoologen / Ornithologen Dr.Volker DORKA/ Tübingen angelegentlich eines Informationsbegangs registrierte) eine m.o.w. frische Beringelung einige seiner neuen Hiebspunkte auch in vernarbte Löcher einer vermutlich 10-20 Jahre alten Ringelung platziert hatte, wie dies Buch-Foto 106 zeigt. An meiner damals konstatierten Erklärung ist nichts zu ändern: dem Vogel dürften hierbei die alten Wundnarben den ansonsten gewählten natürlichen Furchen in der Borke ähnlich erscheinen.

Zum Konkurrenz-Verhalten ringelnder Spechte?

Beim Ringeln kommt es nach bisherigen gelegentlichen Beobachtuingen anscheinend nicht zu einem Konkurrenzverhalten; es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass ein Specht einen anderen am gleichen Baum dabei beeinflusst. Zum einen sah ich während einer stärkeren Frostphase im Februar 1992 (Buch-Fotos 20-22 mit Eiszapfen) an mehr als einem Tag gemeinsam 2 bis 3 Gr.Buntspechte an einem (gefrorenen) Ahorn beim Ringeln. Analoges gemeinschaftliches Beringeln ist vom Dreizehenspecht bekannt.

Im März 2014 traf ich, wie in Teil III beschrieben, 2 Mal jeweils 2 Spechtweibchen beim Ringeln an meiner >Hopfenbuche< an, die sich in einem Fall ohne irgend welche Anzeichen gegenseitiger Beachtung allmählich bis auf 1,5 m näher kamen. Ob die an manchen Bäumen extrem hohe Dichte von Ringelungen (s. obige Angaben mit Blick auf die Hainbuche) fallweise auf die Beringelung durch mehr als einem Vogel zur gleichen Zeit zurückgehen, ist nicht bekannt.

Zur Häufigkeit geringelter Kiefern (sichtbarer Harzfluß als Indikatior für geringelte Kiefern)

In Kap. A 12 ist des Langen und des Breiten die Häufigkeit von Ringelbäumen erörtert. Sowohl dort, als auch in meinem Kommentar zur Rezension von H.WINKLER konstatiere ich, wie fragwürdig fast alle Angaben zur Häufigkeit von Ringelbäumen unter numerischen Gesichtspunkten grundsätzlich sind und dass dies kaum anders sein kann; so gut wie „jeder Beurteilung haften Unsicherheiten“ an.

Speziell zur Häufigkeit geringelter Kiefern habe ich in der Fußnote 3 (im Buch S.377) eine örtliche Situation im nördlichen Deutschland nach Maßgabe von Kieferrn mit Harzfluß angestellt, und dabei weithin sichtbare sog. „Harzschürzen (Foto 187) bis „Hartztünche“ (Foto 188) zugrundegelegt. Da es aber unter geringelten Kiefern nach einigen meiner früheren als auch einigen neuerlichen Beobachtungen auch Exemplare gibt, bei denen lediglich unscheinbare einzelne >Harztränen< (Foto 193) vorkommen oder überhaupt kein äußerlich sichtbarer Harzaustritt in Form der genannten Bilder vorliegt bzw. „auf Dauer ganz ausbleibt“ (Foto 184, 185, 189a,b), von mir als „Versager“, genauer als „unerklärliche Fälle“ bezeichnet (s.S.246 / 4.Zeile), ist die in der oben genannten Fußnote daran geknüpfte numerische Angabe von „Abertausenden ungeringelter Objekte“ an jenem Ort spekulativ, also fragwürdig.

Zum Computer-Tomographen (im Buch CT-Bild auf S.122)

Die wichtigste wünschenswerte Analyse würde darin bestehen, dass die Flecken im Holz getrennt nach Jahrringen, d.h. geordnet nach dem Ablauf der Beringelung über ganze Jahre hinweg, für Baumteile oder gar einen ganzen Stamm aufgezeigt werden. Dies ist anscheinend technisch nicht möglich, schon deshalb, weil die Ringe bei dieser Technik nicht in der nötigen Schärfe hervortreten, d.h. nicht klar erfassbar sind, da die Erfassung auf Dichte- und nicht auf Farbunterschiede im Holz beruht.

Zur Ringelungszeit bei Bluterbaumarten und die Schlüsselrolle der kambiophagen Insekten

Die im Buch (S.289) erörterten Befunde zur Ringelungszeit bei Bluterbaumarten bedürfen folgender Ergänzung. Alle Spezies dieser Gehölzkategorie, hierzulande i.W. Acer, Betula, Carpinus, sind potentielle Wirte für die kambiophage Gallmücke Resseliella quercivora (Dengler 2004) sowie für Chyliza leptogaster, nachgewiesenermaßen an 24 Baumarten, Bluter wie Nichtbluter-Gehölzen (Dengler 1997); beide sind polyphag! Wie bei anderen Baumarten führt der Befall durch diese Insekten je nach dem Befallsgrad (in Abhängigkeit von der Anzahl der Larven) zu kleinen bis flächigen Nekrosen im kambialen Bereich (s. oben unter Ziffer 8 bzw. in Kap. A 2.6). Sieht man von den kleinsten inneren Wundstellen, etwa bis Reiskorngröße, ab, führt die Abheilung unter Bildung von Beulen und anderen Deformationen zu den als T-Krankheit (T-Krebs, im speziellen Eichenkrebs) bezeichneten Schadspuren im Holz.

Nach meinen Befunden und Analysen kommen aber solche Schäden bei beringelten Bluterbäumen grundsätzlich nicht vor. In einem näher untersuchten Fall an einem Spitzahorn (Buch-Foto 18a-f) erwies sich das Schadbild als Folge einer vom Specht im Vorfrühjahr herbeigeführten primären größeren Rindenverletzung, die allenthalben an Blutern immer wieder vorkommen. Meine bis zuletzt betriebene Nachsuche nach eindeutig von ringelungsbedingten T-Schadbildern an den Bluterbaumarten blieb erfolglos. Grund hierfür sind 2 Tatsachen:1.) Die genannten Bluter werden nur während ihrer Blutungsphase geringelt 2.) Beide Insekten schwärmen erst mit oder nach Beginn der Vegetationszeit, hier etwa ab (Anfang-)Mitte Mai. Bezeichnend ist auch, dass ich an diesen Gehölzarten weder an Ringelstellen noch an zu dieser Zeit angebrachten künstlichen Wunden eines dieser beiden Insekten angetroffen habe.

Eine Schlüsselrolle der Metabiose zwischen der Spechtringelung und den kambiophagen Insekten besteht also darin, dass mit der T-Krankheit behaftete Laubbäume, welcher Art auch immer, a) einen Beleg für die Ringelungszeit während der Vegetationszeit und b) Anhaltspunkte zur Rangstellung der Baumart als Ringelobjekt liefern.

Zur Literatur zur Ringelung an EIBEN

Ergänzend zu C.Wolf (2002) ist zu nennen: C.Wolf (2004) „Beobachtungen von Stammkrebs und Spechtringen“, in >Der Eibenfreund< Heft 11 / S.15o betr. ein Eibenvorkommen beim Schloß Prunn: „Eine Reihe stattlicher Eiben …. fast an jedem Stamm … Spechteinschläge“.

In dieser zeitschriftartigen Reihe / Cambia-Rare e.V. / Markgröningen mit jährlich einem Heft finden sich über die Angaben zu Eibenvorkommen hinaus immer wieder Hinweise und Bilder zu geringelten Eiben, zumal im IRAN, so im Heft 21 / 2015 / S.77 bzw. S.79.

Des Weiteren siehe E.Richter (2014) / AFZ 20 / S. 41-43 mit Fotos betr. Vorkommen im IRAN (Elburz-Gebirge).

Zu: Ringelbaumarten

Obwohl es unerheblich ist, wenn ein weiterer Ringelungsbeleg für ein bis dahin nicht registriertes Gehölz oder für eine bereits bekannte Ringelbaumart dazu kommt, nenne ich folgenden Zugang:

1) Zelkova serrata
Auf der Internat. Gartenausstellung 2017 in Berlin-Marzahn fand ich auf dem ca. 10 ha großen Gelände (mit wenigen Ringelbaumarten, davon sporadisch kaum mehr als ein beringelter Baum) schließlich dann noch in einem der unter dem Begriff „Internationale Gartenkabinette“ gestalteten Anlagen, im thailändischen sog. „Garden of mind” (= Garten des Geistes) an 1 der dort gepflanzten jungen Zelkoven Zelkova serrata / >Sorte< „Green Vase“ / kaum armdick, einige Ringelstellen. Ein extrem stark beringeltes Exemplar, eine ältere bereits dicke Kaukasische Zelkove ist mir aus dem Forstbotanischen Garten Hann. Münden bekannt (s. Buch-Tab.1 / Seite 314).

Des Weiteren stehen in der Passage zwischen dem Ausgang des Parkhauses und der Umfassungsmauer der Wilhelma / Stuttgart am Weg zur Eintrittskasse auf dort leicht beengtem Raum ≥ 3 geringelte Zelkoven (s.Foto).

 

2) Eschen
In wieweit der von mir in Sizilien an einer Blumen-oder Mannaesche Fraxinus ornus, die ihrer Phloemsaft-Besonderheit wegen spezielle Aufmerksamkeit verdient, entdeckte Halbringel (s.Foto bei Aspekt 2) überhaupt für diese Baumart repräsentativ ist, sei vorerst dahingestellt; alles sonstige Suchen (zunächst Jahre zuvor im Tessin) war ergebnislos geblieben. Fürs Erste liegt also eine Parallele zu unserer einheimischen Esche Fr. excelsior vor, von der ich trotz >2 Jahrzehnte langer Kontrolle unter Abertausenden von kontrollierten Bäumen nur ein einziges geringeltes Objekt hatte ausfindig machen können (Buch-Foto 64).

Ungerufen und wie gerufen stieß ich gegen Ende 2017 auf der Höhe über Bietigheim, unserem jetzigen Wohnort, bei der sog. Lug in Feld-/ Garten- und Weinberglage auf die im Foto gezeigte Gemeine Esche Fraxinus excelsior (BHD etwa 15 cm) mit sehr vielen auffälligen, leicht beulenartigen Narben, ihrer Anordnung nach hochgradig verdächtig als Folge einer Spechtringelung (Foto b+c). Der schließlich erlaubte Aufschluss des Holzes (ca. 15 Durchschnitte) bestätigte diesen Verdacht; somit ist es die 2. geringelte Esche innerhalb von etwa 25 Jahren der Nachsuche, insofern bemerkenswert. Das Schadbild (Foto b+c; beim Probestück Flechten abgebürstet) weist eigenartige Besonderheiten auf. Die Beringelung liegt bei allen Probestücken nur 2 Jahre zurück. Die originären sehr weitständig, aber gleichmäßig verteilten Wunden, die an der Jahrringgrenze liegen, waren zweifellos nicht nach Art vom Wundtyp I (wie bei Foto 64), sondern überwiegend offensichtlich in Form von >Schmissen< in der Größe von wohl etwa 20 mm ² angebracht gewesen; es besteht eine Parallele zu dem im Buch gezeigten und dort diskutierten Spitzahorn Foto 18. Anhaltspunkte für die Beteiligung und überhaupt für das Vorkommen der Gallmücke Resselliella quercivora gab es nicht und fand ich ohnehin in der hiesigen Gegend (noch) nicht. Und das Querschnittbild sämtlicher Anschnitte (Foto d)  zeugt von einem verblüffend heftigen hypertrophen Wachstum (s. die Jahrringbreiten) im Folgejahr. Die Beringelung dürfte gegen Ende der Vegetationszeit 2015 erfolgt sein (sie liegen im dunklen Jahrring).

Foto a

Foto b

Foto c

Foto d

 

 

3) Pathologischer Saftfluß an Linde
Es bot sich hier die Gelegenheit, das Foto einer alten Linde (Näh. im Buch S.211/ Fußnote 7) mit zeitweilig eindeutig pathologischem Saftfluß (im Buch S. 217-219) aus einer alten Wunde im Nachwinter 2011 / 2012 zu zeigen, das ich aus redaktionellen Gründen nicht mehr in das Buch  / Bildband hatte einfügen können. Es ist forstbotanisch zwar unbestritten, daß Linden grundsätzlich keinen Wintersaft im Stamm führen. Doch bei Fäulnis im Holz ist dies möglich.

Betr. HACKSCHÄDEN (Kap. B, betr. Objektwahl)

an Roteichen

Im Buch fehlt die Literaturstelle von REISCH / 1974 (S. 463). Im Blick auf Fremdländer, speziell der Roteiche im Heisteralter konstatiert er, dass diese Baumart nicht nur Gegenstand von Beringelungen sei, sondern an ihr auch das „Herausreißen von Rindenfetzen“ vorkomme..

an Robinien

Im Buch fehlt die Literaturstelle von GÖHRE / 1952 / im Buch S.259 / Marg.5); dort sind Gr.BuSpecht und Schwarzspecht als „gelegentliche Robinienfeinde“ genannt; sie würden „namentlich fremdländischen … v.a. vor-und schnellwachsende Hölzern“, so auch der Robinie „vielleicht aus Übermut einzelner Stücke in der Paarung-und Brutzeit im Frühjahr und Vorsommer durch Anschlagen und Zerfetzen der Rinde („Spechtbäume“) zusetzen“, v.a. wenn die Bäume „mit bodenständigen Holzpflanzen zusammen stehen“. Dabei wird auf 3 Publikationen verwiesen: ALTUM 1880, 1881 = Forstzoologie I-III; ECKSTEIN 1897 = Forstliche Zoologie sowie HESS–BECK 1927 (5. Auflage), die aber Robinien gar nicht zum Gegenstand haben. Der Wortlaut erlaubt ohnehin den Schluß, daß es sich nicht um das Beringeln der Robinie handelte, sondern um Hackschäden.

 

Teil V: Resümee

DIE SPECHTRINGELUNG – EINE >RÄTSELHAFTE HANDSCHRIFT<

Gewissermaßen eine Zusammenfassung der wichtigsten in Teil I bis IV dargelegten Inhalte,
wodurch sich zwangsläufig dort formulierte Aussagen und Erkenntnisse  wiederholen.

Das sog. Ringeln einheimischer Spechte an gesunden Bäumen ist ein facettenreiches, bisher nur ansatzweise geklärtes Geschehen. Nach Maßgabe der von mir während mehreren Jahrzehnten ermittelten Befunde und Erkenntnisse sind viele der dazu seit etwa 1850 in der Literatur vorliegenden Beschreibungen, Ansichten und Erklärungen nicht nur unzulänglich, sondern zu Teilen völlig unzutreffend; dies gilt besonders für die in Vielzahl der aufgebotenen Deutungen. Dies veanlaßte mich zu meiner grundlegenden kritischen Darstellung aller Aspekte dieser sog. Spechtringelung unter den hiesigen Gegebenheiten, dies unter Verarbeitung der gesamten (d.h. erreichbaren) Literatur samt der Korrektur der grundlegenden Irrtümer, soweit dies möglich ist. Letzten Endes handelt es sich aber noch immer um ein nicht abschließend gelöstes Phänomen. Zum weiteren Umfeld der Spechtringelung gehören auch die von Spechten herbeigeführten sog. Hackschäden und des Weiteren die an Gütern der menschlichen Wirtschaft verübten Hackuntaten, die allesamt bis zu einem gewissen Grad ebenfalls noch rätselhaft sind.

Das Ringeln besteht darin, daß unsere sog. Ringelspechte, möglicherweise im Wesentlichen einzelne Individuen, an den Stämmen, seltener an Ästen den von ihnen gewählten Objekten in perlschnurartiger Abfolge Wunden schlagen, dies meist in einer mehr oder weniger horizontaler Ausrichtung, was zu den als Hiebsreihen bzw. als Ringel bezeichneten Bildern führt. Aber es gibt auch bogenförmig verlaufende und mitunter sogar steil nach oben oder unten verlaufende Hiebsreihen. Ausnahmsweise kommen Ringelungsstellen vor, wo die Hiebspunkte auf einer kleinen Fläche gehäuft dicht beisammen stehen, aber auch dabei sind sie getrennt voneinander plaziert. Zwar ist das Beringeln fast von allen unseren Spechtarten bekannt (nicht vom Kleinspecht), aber nach Häufigkeit und Intensität in einem höchst unterschiedlichen Grad. Ringelsspecht Nr.1 ist der Große Buntspecht, in Gebirgswaldungen und borealen Regionen hat der Dreizehenspecht örtlich einen ähnlichen Stellenwert; vergleichsweise selten ist der Mittelspecht beteiligt, von den anderen Spechtarten ganz zu schweigen.

Eigenartigerweise gibt es unterschiedliche Formen von Ringelwunden, zumindest 5 Wundtypen (die Grundtypen I bis V), die bisher noch nie beschrieben wurden. Die wichtigste Form, gewissermaßen der Standardtyp sind – gemäß der Schnabelmorphologie fast erwartungsgemäß —  schmale kerbenförmige ziemlich kleine feine Schlitzchen (auch als Einstiche bezeichnet), dies vorwiegend auf relativ glatter, noch nicht stärker verborkter Rinde. Sie sind meist vertikal ausgerichtet, manchmal jedoch durch entsprechend Kopfhaltung des Vogels auch schräg und gar horizontal angebracht, mitunter sogar in Mehrzahl in einer linearer Aufreihung. Der Abstand der Hiebswunden ist, zumal bei diesem Wundtyp, auffallend gleichmäßig, er sei eng oder weit. Dies wie weitere im Text näher beschriebene Anhaltspunkte lassen keinen Zweifel daran, daß die Hiebe unter optischer Kontrolle plaziert werden, so wie auch in den vielen Fälle, bei denen die Hiebswunden zielgenau in Rindenrisse / Rindenfurchen gesetzt sind, dies meist in Form runder >gestanzt erscheinender< Löcher, des Weiteren gibt es auch einen Wundtyp, bei dem der Vogel mehrmals auf eine Hiebsstelle einschlägt. Außerdem sind es manchmal in ebenfalls sehr gleichmäßigem Abstand mit tangential angebrachten Hieben hergestellte Wundstellen mit jeweils einem abgespaltenen Rindenspan. Besondere Rätsel vom Sinn wie der Herstellung gibt jener 5.Typ auf, bei dem von der äußeren Rinde bis Borke bis auf das Periderm kleine Rindenflecken (selten größer als in Fingernagelgröße) abgetragen und auf diese Stellen mehrere Einschläge platziert werden.

Im Anhalt an die durch das als Ringeln herbeigeführten Beschädigungen, v.a. durch deren Vernarbung herbeigeführten >Denkmäler<, erfolgt dieses Geschehen an einer Vielzahl von Baumarten, den sog. Ringelbaumarten, die aber in höchst unterschiedlichem Grad davon betroffen sind; nur von einigen wenigen Gehölzarten sind keine Nachweise bekannt. Fremdländische Gehölze sind prinzipell nicht weniger betroffen als einheimische. Zur Rangfolge der geringelten Laubbaumarten gibt es zwar keine feste Regel. Aber insgesamt betrachtet, ungeachtet lokal völlig abweichender Gegebenheiten (einer für dieses Geschehen ohnehin bezeichnenden Gegebenheit), sind Eichen (-Arten) die hierzulande und europaweit am meisten geringelten Gehölze, vor allem die Roteiche. An zweiter Stelle dürften Ulmen stehen, dies entgegen vieler Behauptungen noch weit vor den Linden, welche jedoch immer wieder mit  besonders eindrucksvollen Beispielen aufwarten. Koniferen sind vergleichsweise höchst selten Gegenstand dieser Spechtarbeit, letzteres vornehmlich im Gebirge bzw. in mehr borealen Regionen.

Im Zusammenhang mit der Spechtringelung muß man bei den für das Beringeln in Betracht kommenden Gehölzen grundsätzlich zwischen den sog. >Bluterbaumarten< und den Nichtblutern unterscheiden. Die ersteren sind hierzulande nur mit ganz wenigen Gehölzarten vertreten, im Wesentlichen sind es alle Acer-Arten, die Birken, die Hainbuche, (die Walnuß). Bei ihnen tritt während ihrer sog. Blutungsphase im Nachwinter (bei Acer mitunter schon im Dezember) bis zum Austreiben der Blätter zu etwas unterschiedlichen Zeiten für die Dauer von einigen Tagen (bei Acer sehr witterungsabhängig) bis Wochen aus Wunden, die bis auf oder in das Holz gehen, Baumsaft in Form des äußerst nährstoffarmen sog. Xylemsaftes aus, kurzweg als Blutungssaft bezeichnet. Alle übrigen Laubbäume sowie sämtlich Nadelgehölze zählen zur Kategorie der Nichtbluter, bei denen allenfalls unter pathologischen Gegebenheiten Xylemsaft zum Vorschein kommt. Die zweite Kategorie der Baumsäfte, nämlich der in der Rinde (dem innersten Bast) beheimate sog. Phloem- oder Assimilatesaft, ein nährstoffreiches Produkt der Assimilation (Zucker!), der gleichermaßen den Bluter- wie Nichtbluterbaumarten eigen ist, tritt aus Rindenwunden bestenfalls ganz kurz und dann in einer minimalen bis ganz geringen Menge zutage.

Ringelungsnachweise sind zwar auch von allen Bluter-Gehölzarten bekannt und stellenweise bis örtlich sogar häufig; aber insgesamt betrachtet werden diese im Vergleich zu den Nichtblutern selten bearbeitet; die Hauptmasse aller Spechtringelungen findet an Nichtblutern statt und zwar an den Nichtbluter-Laubgehölzen.

Jahreszeitlich findet das Ringeln an den Blutergehölzen nach Maßgabe vieler authentischer Nachweise als auch nach anderen Indizien (Position der Spuren im Holz) und im Anhalt an das Fehlen von Befall dieser Wunden durch die erst während der Vegetationszeit schwärmenden kambiophagen Wundbesiedler nur während deren Blutungsphase statt. Zwar werden in der gleichen Zeit auch Nichtbluterbaumarten (zu denen wie gesagt auch alle Nadelbäume, bspw. die Kiefer zählen) bearbeitet, doch erfolgt die Spechtringelung schlechthin, entgegen der bisher herrschenden Meinung schwerpunktmäßig während der Vegetationszeit, also nicht >im Frühjahr< wie bisher fast durchweg behauptet.

All dessen ungeachtet besteht kein Zweifel daran, daß es den ringelnden Spechten um Baumsaft geht; die treibende Kraft zu dieser Tätigkeit der als Ringelspechte bezeichneten Arten (hierzulande wie gesagt v.a. der Gr.Buntspecht sowie der Dreizehenspecht) sind also die Baumsäfte beider Kategorien: zum einen der Phloemsaft von Laub- und Nadelbäumen, zum andern bei den sog. Bluterbaumarten der Xylemsaft,.

Besonderes Augenmerk verdient die Deutung der Spechtringelung. Zur Erklärung des Ringelungsgeschehens wurden im Laufe der Zeit weit mehr als 20 Erklärungen aufgeboten (Aspekt 10), von denen viele skurill bis geradezu absurd und leicht zu widerlegen sind. Von allen Anschauungen hat sich nach langen Auseinandersetzungen die vor 175 Jahren formulierte Vorstellung (1849) durchgesetzt, wonach es den Spechten beim Ringeln um Baumsaft gehen könnte, dies in Form der bis jüngst als gültig erachteten sog. Saftgenuß-Hypothese = Saftlecker-Theorie. Ihr liegt die Auffassung zugrunde, daß die beiden Baumsäfte, Xylem- wie Phloemsaft  eine essentielle oder gar unverzichtbare Rolle als Nahrung für die Vögel haben und dieser Saftkonsum außerdem zur Verbreitung der ringelnden Spechtarten beiträgt. Diese so gut wie widerspruchslos seit etwa 100 Jahren vertretene Ansicht (nur ein Mal seitens des englischen Wissenschaftlers GIBBS / 1982 mit dem Satz in Frage gestellt, wonach das Ringeln nicht mit Saftlecken gleichgesetzt werden dürfe: „woodpecking is not synonymous with sapsucking“) wird von den vorliegenden Fakten in keinster Weise gestützt. Zum einen wird der von den Bluterbaumarten während der Blutungsphase an Hiebswunden meist üppig verfügbare, jedoch nährstoffarme weitgehend geschmacklose Xylemsaft (Blutungssaft) nur bzw. allenfalls in höchst bescheidenem Umfang genutzt; dazu trägt auch die für das Trinken wenig geeignete Zunge unserer hiesigen Spechte (nach Art einer Leimrute und mechanisch wirksamen Insekten-Angel) bei. Auch in Anbetracht der recht seltenen Bearbeitung der Blutergehölze gemessen an dem vielerorts üppig zu Gebote stehenden Potential ist davon auszugehen, daß dieser Sektor des Saftkonsums für die Ernährung der Vögel ziemlich bedeutungslos ist, möglicherweise bis zu einem gewissen Grad ein Ersatz für das bei den Spechten allfällige Trinkbedürfnis. Bezeichnenderweise erfolgt das Ringeln auch dann, wenn am Baum bereits Blutungsstellen vorhanden sind. Sofern ansonsten bei Nichtbluter-Bäumen irgendwo geschmackloser Saft (bezeichnenderweise ohne Insekten-Besuch) hervortritt, dann stammt dieser aus inneren Wunden und handelt es sich um ein pathologisches Bluten / s. im Buch A 8.1.1), was im Zusammenhang mit der Spechtringelung nicht von Belang ist.

Bei den Nichtblutern, gleichermaßen Laub- wie Nadelbäumen, kann das Beringeln aus baumphysiologischen Gründen allenfalls bzw. nur auf den überaus nahrhaften und süßen Phloemsaft ausgerichtet sein. Dieser ist aber durch histologische Strukturen sowie baumphysiologische Mechanismen im Baum zum Schutz vor dem Verlust der Assimilate weitgehend >unter Verschluß<, wie ich dies in meiner Stellungsnahme zu der Rezension von H.WINKLER anhand eindeutiger wissenschaftlicher Befunde zur Botanik der Bäume näher darlege. Aus solchen Gründen haben unserer Ringelspechte mit den von ihnen hergestellten Wunden, ungeachtet der Baumart keinen Zugriff auf diese Ressource. Er steht den Spechten, wenn überhaupt, an ihren Ringelwunden nur in Form des Austritts einiger weniger Tropfen, also in geringer Menge und im Unterschied zum Blutungsgeschehen nur ganz kurz zur Verfügung; danach ist Schluß; gleichermaßen läßt sich mit künstlichen Wunden dem Phloemsaft kaum beikommen; am Schwierigsten ist die Phloemsaft-Gewinnung bei den Nadelbäumen. Wegen dieser Konstellation und zugleich auch hierbei in Anbetracht der grundsätzlichen Seltenheit von Ringelungen (gemessen am Baumbestand) ist davon auszugehen, daß auch der Konsum von Phloemsaft, wenn überhaupt, nur höchst bescheiden ist. Dieser Aspekt, die schon vor Jahrzehnten von GLUTZ v.BLOTZHEIM (1980) angemahnte Erfassung der „energetischen Bedeutung“ des Saftkonsums bedarf noch der Klärung, eingedenk der zugleich von ihm konstatierten Meinung, daß sich Baumsäfte „als pflanzliche Nahrungsquelle … so gut wie vollständig der Erfassung“ entziehen und sich mit Magenuntersuchungen quantitativ nicht erfassen läßt (OSMOLOVSKAJA 1946). Auf jeden Fall fehlt es allein schon an einschlägigen Beobachtungen dazu, ob und wie die gelegentlich aus Hiebswunden austretenden wenigen Phloemsaft- Tropfen von dem ringelnden Vogel verzehrt werden.

Indessen ergibt sich die Lösung der Frage, ob die Saftgenuß-Theorie unter ernährungsbiologischem Gesichtspunkt für unserer Spechte zutrifft, von selbst, wenn man einen Vergleich mit der durch die Evolution erworbenen effizienten Saftnutzung der amerikanischen Saftleckerspechte anstellt. Anders als jene sind unsere Ringelspechte zur Ausbeutung der Baumsäfte, zumal des Phloemsaftes mit Hilfe ihrer Ringelwunden gar nicht befähigt; mit diesen kommen sie nicht in der nötigen systematischen Weise an den wertvollen Saft heran. Das heißt: Allein schon durch ihre dafür unzulängliche Form und Beschaffenheit ihrer Ringelwunden müssen unsere Spechte an einer effektiven Erschließung des Phloemsaftes scheitern. Die >sapsucker-Spechte< hingegen setzen sich mit Hilfe ihrer durch die Evolution erworbenen Art der Beringelung bzw. Form ihrer Ringelwunden (s.Buch S.426 – 427) über die den Bäumen innewohnenden Mechanismen und Barrieren gegen den Verlust des auch für sie wertvollen Phloemsaftes hinweg, unterlaufen also diese ungeachtet der den Ringelungsobjekten dabei zugefügten Schäden (Näheres dazu auf der dem Buch beigefügten CD-ROM im Anhang I: Amerikanische Saftleckerspechte unter dem Suchbegriff „Absterben“). Da unsere Ringelspechte also keine derartigen Machenschaften zum >Hintergehen< der physiologischen Konstellation aufbieten bzw. entwickelt haben, ist damit zugleich die auf der Nahrungsdoktrin beruhende Saftgenuß-Theorie zur Spechtringelung in ihrem bisherigen Sinn widerlegt. Das Ringeln bringt unseren Spechten keinen oder allenfalls minimalen Nutzen, ist demnach – man mag es wenden wie man will – in hohem Grad unökonomisch wenn nicht gar sinnlos, also ein Verhalten, bei dem der Vogel „einem inneren Trieb folgend Unsinn treibt“ (Formulierung aus der Rezension von H.WINKLER).

Nach meiner Überzeugung sprechen sehr viele Gesichtspunkte für die Deutung, daß es sich beim Ringeln der hiesigen Spechte um, wie schon GATTER (2000) vermutete, ein Relikt aus ihrer Evolution handelt, also um einen sog. Verhaltensatavismus, in diesem Fall um eine Phase ihres zur Saftausbeutung noch nicht ausgereiften Verhaltens, wie ich dies im Kapitel >Verhaltensatavismus< (Stellungsnahme zu H.WINKLER) näher darlege. Sprachlich >jovial< und antropomorph ausgedrückt wollen die hiesigen Ringelspechte seit >urdenklichen Zeiten< mit ihrem Ringeln den Bäumen den nährstoffreichen Phloemsaft abtrotzen, jedoch bis heutigentags mangels eines entsprechend tauglichen Vorgehens (noch) erfolglos. Dies würde mit der ziemlich berechtigten (nämlich durch mancherlei Befunde gedeckten) Annahme im Einklang stehen, daß das Ringeln eine weitgehend individuelle Eigenheit und keinesfalls Teil der jeweiligen Spechtart eigenen Lebensweise ist, also ein noch nicht ausgereiftes Verhalten zugunsten von Phloemsaft-Genuß. Für Atavismen ist bezeichnend, daß sie regelmäßig bei Einzelindividuen zutage treten. Meine Annnahme läuft also darauf hinaus, daß ich das Ringeln der >Laune< einzelner Vögel zuschreibe; diese Auffassung will noch näher geprüft und bewiesen sein.

Insofern sind die von der Spechtringelung herrührenden äußerlichen Schadbilder, die infolge der Vernarbung zumindest eine Zeit lang als ziemlich auffällige >Denkmäler< in Erscheinung treten bzw. zurückbleiben, eine >rätselhafte Handschrift<.

Auch für die an gesunden Bäumen gelegentlich von Spechten verübten sog. HACKSCHÄDEN, die im Buch (Kap.B = B1 – B8) näher dargestellt sind, gibt es keine überzeugende stichhaltige Erklärung.

Zur Ursache von sog. HACKUNTATEN an Gütern der menschlichen Wirtschaft, bspw. an Telefonmasten, an Gebäuden u.a.m. gibt es einige einleuchtende Anhaltspunkte (Näh. im Buch Kap. D).

Ein besonders wichtiger Nebenaspekt der Spechtringelung an Laubbäumen ist der Befall der während der Vegetationszeit verübten Rindenbeschädigungen durch kambiophage Kleinstinsekten (im Wesentlichen 2 Arten), was den als Eichenkrebs oder T-Krankheit bezeichneten Kreis von äußerlichen und inneren Schadbildern zur Folge hat. Die Biologie dieser Organismen, zumal der Gallmücke Resselliela quercivora ist eindrucksvoll auf die Ringelungen der Spechte abgestimmt (Buch A 2.6).

Fazit:
Bei der Spechtringelung handelt es sich also um ein rätselhaftes, noch nicht abschließend geklärtes Verhalten. Im Widerspruch zu der bisher herrschenden Saftgenuß-Theorie, die nun als widerlegt zu gelten hat, kann der ökonomische Nutzen der Ringelungen nur gering sein. Meine im Buch noch vertretene fast kategorische Leugnung jeglichen Nutzens (A 17) für die Spechte muß ich allerdings etwas zurücknehmen. Man muß nämlich davon ausgehem, daß der eine oder andere ringelnde Specht eine kleine Menge des extrem nährstoffarmen Xylem- und möglicherweise des energiereichen Phloemsaftes aufnimmt. Nach wie vor fehlt es an der von GLUTZ v. BLOTZHEIM geforderten energetischen Bilanz eines solchen Saftkonsums. Ob und inwieweit es auf die von J.WEISS in seiner Rezension vertretene Anschauung hinausläuft, daß es sich auch dann um ein funktionsgesteuertes Verhalten handelt, wenn die Spechte keinen handfesten Nutzen aus einem solchen Verzehr von Baumsäften ziehen können, weil es sich um den Konsum einer nur ganz kleinen Menge handelt, sei  offen gelassen.

Nach meiner auf vielen Anhaltspunkten beruhenden Ansicht erklärt sich das Ringeln, wie unter Aspekt 10 näher dargelegt, als ein Verhaltensatavismus aus der Evolution unserer hiesigen Spechte. Dies schließt meine inzwischen gewonnene Vermutung mit ein, daß das Ringeln eine individuelle Eigenheit zu sein scheint.

Vielleicht gehört das Ringelungsgeschehen zum Kreis jener Fragestellungen, von denen GOETHE in den Gesprächen mit ECKERMANN konstatiert hat, daß der Mensch bei allen seinen Forschungen doch „zuletzt zugestehen müsse, dass manchen Dingen nur bis zu einem gewissen Grad beizukommen ist und die Natur immer etwas Problematisches hinter sich behält, welches zu ergründen die menschlichen Fähigkeiten nicht ausreichen.“

Klärende Feldversuche dürften sich kaum realisieren lassen. Dagegen sind nach wie vor weitere Feldbeobachtungen wünschenswert, ja unverzichtbar, so bspw. zur Klärung des Zustandekommens vom Wundtyp IV, zur Frage nach dem Verzehr der gelegentlich vereinzelt aus Wunden hervortretenden Phloemsaft-Tropfen und deren abgreifbare substantielle Menge in oder an Ringelwunden, zur Frage nach der Individualität ringelnder Spechte u.a.m., des Weiteren zum Erscheinungsbild von Beringelungen durch den Mittelspecht samt deren Unterschied zum Gr. Buntspecht, dem Ringelspecht Nr.1.

 

 

Teil VI: Anhang: ein Präzedenzfall?

Ich habe Anlaß, abschließend eine mir von Herrn Prof Glutz von Blotzheim / Schweiz (Dies mit der Bemerkung, daß mein Buch zur Spechtringeung in Finnland noch nicht bekannt sein dürfte. Denn das Autorenteam kennt offensichtlich diese Monographie (noch) nicht.) unlängst übersandte Publikation von 2017 über eine näher untersuchte Ringelung des Dreizehenspechtes nach einem Waldbrand in Finnland zum Gegenstand einer Erörterung zu machen.

Es handelt sich dabei um eine Schilderung und die Deutung eines Ringelungsgeschehens an Koniferen, speziell an Kiefern in Finnland nach einem induzierten Waldbrand. Mit der Darstellung  dieses Falls wird noch ein Mal die Frage nach der Gültigkeit der Saftgenuß-Theorie, die ich für widerlegt glaube, aufgeworfen, zumindest unter der Fragestellung, ob an der Saftlecker-Hypothese doch etwas dran ist, etwa nach Art der von  J.WEISS / s. Rezensionen vermuteten Vorstellung, daß es sich um ein funktionsgebundenes Verhalten der Spechte auch dann handelt, wenn den Vögeln dabei kein bedeutender Nutzen erwächst, insofern die Vögel dabei nur minimalste bis minimale Mengen von (Phloem-) Saft aufnehmen. Ich messe der hierbei zur Diskussion stehenden Publikation samt meinem Kommentar eine solche Bedeutung bei, daß ich den Text der Abhandlung nicht nur in meiner deutschen Übersetzung abdrucke, sondern auch im orginalen Wortlaut auf englisch. Ich behandle den Stoff wie eine neue Fundstelle nach Art einer Stellungsnahme.

 

Der Bericht aus Finnland (2017)

Phloem sap in fire-damaged Scots pine treees provides instant foraging opportunities for Three-toed Woodpeckers Picoides tridactylus

TIMO PAKKALA, JARI KOUKI, MARCUS PIHA & JUHA TIAINEN

ORNIS SVECICA 27: 144-149, 2017

Abstract: Three-toed Woodpeckers Picoides tridactylus are known to use phloem sap of conifer trees as a food ressource mostly in springtime. A local pair instantly began to forage sap of Scots pine Pinus sylvestris trees that were damaged in a prescribed forest burning; before the fire they had used phloem sap elswhere in their territory. During three weeks after the fire, the pair intensively used sap of Scotch pines which were exposed to fir. The woodpeckers were probably attracted by nutrients induced by damage reaction of the burned trees. Rapid sap use of newly burned trees has not been described before, and it indicates behavioural plastcity how this woodpecker species can use resources in disturbance driven, dynamicc forest environments. // Followed  by personal dates on the 4 authors.

Introduction
Three-toed Woodpeckers Picoides tridactylus predominantly feed on arthropods, but especially in springtime they also use phloem sap of conifer trees (Lit.). Phloem sap is energy-rich and nutritionally valuable containing sugars, amino acids and minerals (Lit.). Three-toed Woodpeckers can gain phloem sap by excavating often horizontal rows of small holes into the bark of living trees; these may be used during several years (Lit.).

Three-toed Woodpeckers and some other woodpecker species favour areas with burned trees (see Lit.), but known situations are linked to increased amounts of insects gathered to the burned areas (Lit.) Therefore, the woodpecker responces are generally detected not until the increase of local insect populations (Lit.).

Here we report a quick reaction of Three-toed Woodpeckers to move to a burned area and use the sap of the partially burned and damaged Scots pines Pinus sylvetris. We describe this previously undocumented phenomenon and discuss possible mechanics and reasons for the observed patterns.

Material and methods

Study area.

A prescribed burning was conducted on 10 May in 2016 in a forest area of ca. 4 ha within the southern boreal vegetation zone in southern Finland (61° 12’ N; 25° 09’ E). Most of the trees were harvested from the area prior to burning, but a group of Scots pines and scattered silver birches Betula pendula and Noreway spruces Picea abies were left standing in the area that was mostly surrounded by coniferous dominated forests.

Three-toed Woodpeckers and their sap trees in the area

The burned area was situated in the middle of a long-term territory of the Tree-toed Woodpecker (Lit.). Breeding and foraging activities of this pair were observed already earlier in the spring before the burning. Intensiv mapping of sap trees within the territory was carried out by the TP in 2015 and 2016. No old sap trees from the pre-burn time were situated in the newly burned area.

The size (diameter at breast height, DBH) of the sap trees in the burned area and the height of the charred zone on their bark from the ground were measured. The numbers, heights and compass points of sap rows were monitored during field visits of 1-5 hours 1,4, 11, 15, 23 and 43 days after the burning. The foraging behaviour of the Three-toed Woodpeckers and the time used to sap feeding were observed at the visits.

Results

The sap tree use after burning
The group of Scots pines in the burned area included 37 trees of the age of ca. 40 years within an area of 0,5 ha. The bark of several of the trees was charred although usualy only in the base to less than one meter above the ground (Figure 1). However, the charred surface reached a height of 2 –3 meters but mostly on the southern sides of some trunks. The Three-toed Woodpeckers used a total of 11 trees to sap feeding during the period of 11 May to 22 June (Table 1). DBH of selected trees varied between 20 –28 cm and they had various amounts of charred surface in their trunks (Table 1, Figure 1). The three-toed Woodpeckers used the southern surfaces of the trunks in marking the sap rows (Table 1. Figure 1) and generally pecked new rows above old ones.

The Three-toed Woodpecker pair was present in the area already in the the next day after the burning, and the birds examined potential saptrees by scaling small areas of the bark of the pines, and some sap holes were also pecked to at least five of the trees (Table 2). Four days after the fire, the woodpeckers were detected to use several hours of foraging time pecking new sap sap rows and feeding on the sap. The sap use was intensive until early June, and 23 days after the fire a total of 215 sap rows were made. The sap trees were visited also later in June, but the number of additional new rows was only 27 during the period 3 – 22 June (Table 2).

Feeding behavior
The feeding behavior was restricted to typical patterns of sap use with scaling narrow horizontal bands into the outermost layer of the trees, pecking small sap holes in the middle of the these bands, and then drinking sap with their bills. The trunks of the partially charred pines were intact around the sap rows and there was some resin flow from the sap holes.

During the two weeks after the burning, the male and female were often observed together in the burning area, but most by feeding at seperate trees. In the later periods male and female were most often detected sap – feeding at seperate time periods. Feeding behaviour connected  to gathering insects (scaling irregular areas of bark, tapping, pecking larger irregular holes, probing, gleaning etc. see Lit.) was not observed, and no signs of this kind of behaviour were detected in the trunks of of the pines in the burning areas. Neither were potential food item insects observed in the trunks or sap holes during the observation period.

Discussion
The Tree-toed Woodpeckers instantly responded to burning and started to exploit damaged trees by feeding on the sap. This kind of pattern has not been described before. Before at at the time of prescribed burning, the local pair was actively using the sap of Norway spruce trees in nearby forest areas,but they also searched trees for arthropod food. The area of the prescribed burning was not observed to be used for feeding prior to the burning. After the burning, the pair still occasionally used spruc sap trees, but the birds were observed to use substantial part of foraging time in sap feeding at the burned Scots pines.

Phloem sap is rich in nutrients and contain high concentrations of sugar that provide a good source of carbon and energy, nitrogen (mostly in the form of amino acids), and various mineals (Lit.). Woodpeckers are known to select sap trees based on on the individual , e,g. sap amount and qaulity (Lit.). Compared with insect larvae, the nitrogen of the phloem sap is , however, considerably lower quality because of low concentrations of several essential amino acids. The amounts of minerals, e.g. calcium, are also on order of magnitude smaller in phloem sap than in insects (Lit.).

The sap trees with increased stress levels or visible damages are likely to have higher amounts of nitrogen, amino acids or proteins in their phloem sap than healthy trees (see Lit.). In a forest fire, the trees are exposed to high temperatures that likely affect the composition of phloem sap. A. & D. (Lit.) studied the shock and acclimation reactions of the Brutian pine Pinus brutia in a simulation of forest fire. They found a clear increase of non soluble proteins in phloem alredy after two hours but particularly one day after the fire. The levels of these proteins were significantly higher still one week after the fire compared with the pre-fire situation. Phloem soluble sugars and amino acids also tended to accumulate one day after the fire, but their concentrations had significantly decreased a week after the fire. The phloem transport velocity also increased significantly after the fire, and it was still higher one day after the fire in comparison with the pre-fire situation. It is probable that the Three-toed Woodpeckers reacted to similar changes in the phloem of the burned Scots pines. The Three-toed Woodpeckers have been observed to favour partially burned pines for sap feeding several years after the fire (T.P. / author) indicating that also some long-trem effects of fire exposure may be important.

Woodpeckers can also themselves induce increased sap flow by their feeding technique: new sap rows are often pecked above the old sap holes (Lit.) that is thought to be linked to the accumulation of sap in tree tissues above the old roes (Lit.). The Three-toed Woodpeckers used this technique in the burned area, but it is also possible that the fire injured the tissue structures of the trees in a way that nutrients were blocked to be usable by the woodpeckers. Woordpeckers in general are located on the southern surfaces of trees probably for their beneficial thermal conditions (T.P. / author), and we do not know if the observed directionality of the sap rows in the burned area was related to the severity and damages that fire caused on trees.

The Three-toed Woodpeckers use phloem sap generally prior to nesting in spring (Lit.). The woodpeckers used the pine sap trees actively during three weeks after the fire to early June, but then their use clearly decreased. The activity period matches the pre-nesting season of the local pair, which was forced to delay its nesting attempt because the nest cavity was taken by over by the Great Spotted Woodpecker Dendrocopos major, and they were not able to start nesting until in early June.

The reported case shows that a fire-related damage to conifer trees may be advantageous for the woodpeckers also due to increased sap provision. Thus, in addition to the previously documented positive effect via the increased availability of bark beetles after fire, the Three-toed Woodpecker shows remarkable flexibility in taking advantage of disturbance-driven dynamic landscapes.

Acknoligments
Lammi Biological Stationprovided excellent working facilities to TP (author) during the field season.

References 16 Literature dates

Sammanfattning (= Zusammenfassung) in finnischer Sprache

 

Hier meine Übersetzung aus dem englischen Orginal in die deutsche Sprache;
(daher in anderer Schrift)

= Phloemsaft Waldbrand-geschädigter Kiefern als eine sofort nutzbare Nahrungsquelle für den Dreizehenspecht.

Einleitung:
Der Dreizehenspecht Picoides tridactylus ernährt sich v.a. von Arthropoden; jedoch nutzt er v.a. im Frühjahr auch den Phloemsaft von Koniferen (Lit.). Dieser ist energiereich und für den Vogel auf Grund seines Gehalts an Zuckern, Aminosäuren und mineralischer Bestandteile eine ernährungsbiologisch wertvolle Nahrung (Lit.). Die Dreizehenspechte gelangen an den Phloemsaft, indem sie in der Rinde lebender Bäume kleine Löcher in oft horizontaler Abfolge anbringen; diese können während mehrerer Jahre zu diesem Zweck benutzt werden (Lit.).

Solche >Ringelbäume< werden von dem Autorenteam, also auch hier im Weiteren als Saftbäume (sap trees) und die Löcher-Reihen selbst kurzweg als Saftringel (sap rows) bezeichnet.

Gegenstand des Berichts ist die schnelle Reaktion des Dreizehenspechts auf die Möglichkeit zur Nutzung des Phloemsaftes Waldbrand-geschädigter Kiefern Pinus sylvestris. Dieses bisher noch nicht dokumentierte Phänomen wird beschrieben und mögliche Mechanismen und Ursachen für Hitze-bedingte Änderungen der Baumphysiologie werden erörtert.

Material und Methode

Das Untersuchungsgebiet:
Inmitten eines von Koniferen dominierten Waldes in Südfinnland simulierte man auf einem etwa 4 ha großen Waldareal am 10. Mai 2016 einen Waldbrand nach Art eines sog. >kontrollierten< Feuers. Die meisten Bäume auf der Untersuchungsfläche hatte man zuvor geerntet und lediglich eine kleine Gruppe von Kiefern, vereinzelte Birken und einige Fichten belassen.

Der Dreizehenspecht und seine Saftbäume auf dem Untersuchungsareal:
Die Brandfläche gehört zu einem Dauer-Brutrevier dieses Spechtes. Schon vor dem Brand hatte man das Brutgeschehen und die Aktivität der Nahrungssuche des ansässigen Brutpaares erfaßt. Die bisherigen saptrees innerhalb des Reviers hatte man schon 2015 bis 2016 lokalisiert; keiner von diesen stand auf der Brandfläche.

Die Maße der Kiefern (BHD) und das Ausmaß der vom Feuer geschädigten Rindenzonen am Baum wurden tabellarisch festgehalten. 1, 4, 11, 15, 23 und 43 Tage nach dem Brand wurde jeweils folgende Situation registriert: die Anzahl, Höhe und Himmelsrichtung der Saftringe.

Die Ergebnisse

Die Nutzung der Saftbäume nach dem Brand
Die Gruppe der Kiefern auf der Brandfläche bestand aus 37 etwa 40-jährigen Bäumen auf 0,5 ha. Die Borke von einigen war angekohlt, meist bis weniger als 1 m Höhe, an manchen jedoch bis 2-3 m; so gut wie überall auf deren Südflanke. Zwischen dem 11..Mai und 22..Juni legten die Vögel Saftringel an insg. 11 Bäumen auf eben deren Südflanke an, neue Ringe fast durchweg fortschreitend nach oben. Diese Saftbäume hatten einen Brusthöhendurchmessser von 20-28 cm und wiesen angekohlte Rinde in einen unterschiedlichem Grad auf (Tab.1). Die Spechte machten sich auf der Südflanke der Bäume unter Anbringung der Saftringel zu schaffen, wobei sie neue Ringel grundsätzlich oberhalb der alten anlegten.

Schon am 1.Tag nach dem Brand stellte sich das ansässige Spechtpaar auf der Brandfläche ein. Dabei examinierten beide Vögel potentielle Saftbäume und unter Abschuppen der Borke und der Anbringung von einigen Saftringel an zumindest 5 Bäumen (Tab.2). 4 Tage nach dem Feuer waren sie mit der Nahrungssuche während mehrerer Stunden eben unter Schlagen neuer Saftringel und mit Saftgenuß (feeding on sap) beschäftigt, dies intensiv bis Anfang Juni; 23 Tage nach dem Brand lagen insgesamt 215 Saftringel vor. Die Saftbäume wurden aber noch im Juni besucht, aber in der Zeit 3.- 22. Juni nur noch 27 weiter Ringe angebracht (Tabelle 2), dabei ein Endstand von 242 erreicht.

Verhalten beim Nahrungserwerb
Die Stämme der angekohlten Kiefern waren im Bereich der Saftringel rundum gesund und es kam etwas Harz aus den Saftlöchern zum Vorschein.

Beim Nahrungserwerb gingen die Vögel nach einem bestimmten Verhaltensmuster vor, indem sie auf einer bandartigen Zone zunächst die äußere Rinde abschlugen (abschuppen) und sodann in deren Mitte nacheinander aufgereiht die kleinen Saftlöcher anbrachten, um sodann den Saft mit dem Schnabel aufzunehmen.

2 Wochen lang nach dem Brand waren das Männchen und das Weibchen oft zusammen auf der Brandfläche, dabei meist getrennt an unterschiedlichen Bäumen. Später dann waren sie meist zu unterschiedlichen Zeiten auf der Fläche. Futtersuche nach Art der in der Literatur (2006) beschriebenen Vorgehensweise = Abschuppen unregelmäßig großer Rindenzonen, Klopfen, Hacken größerer unregelmäßiger Löcher, sondieren und ausräumen usw. (Lit.) wurde nicht beobachtet, auch nicht an den Stämmen auf dem Brandareal. Es zeigten sich aber auch keine Insekten als potentielle Beute weder an ihnen noch an den Ringellöchern.

DISKUSSION der Autoren

Auf den Brand reagierte der Dreizehenspecht umgehend mit der Ausbeutung des Saftes der geschädigten Bäume. Dieses Verhalten war bisher noch nicht bekannt bzw. beschrieben. Vor und während des Brandes hatte sich das Vogelpaar an den Saft der Fichten im angrenzenden Wald gehalten, wo es auch nach Arthropoden suchte. Das Brandflächen-Areal selbst hatten die Vögel zuvor nicht genutzt. Nun aber befassten sie sich zwar auch mit einzelnen Fichten, aber der Großteil ihrer Futtersuche entfiel auf die Saftnutzung an den Kiefern der Brandfläche.

Baumsaft ist reich an Nährstoffen, weist einen hohen Zuckergehalt auf und liefert reichlich Kohlenhydrate und Energie, sowie Stickstoff (meist als Aminosäuren / (Lit.). Spechte sind dafür bekannt, dass sie die Ringelbäume nach deren individuellen Eigenschaften: Menge und Qualität des Saftflussses aussuchen (Lit.). Verglichen mit Insekten ist der Eiweißgehalt des Phloemsaft beträchtlich geringer infolge eines geringen Konzentration verschiedener essenzieller Aminosäuren; der Gehalt an mineralischen Stoffen, in erster Linie Calcium, ist vergleichsweise ebenfalls um einen hohen Grad geringer.

Es scheint so, dass bei Saftbäumen unter verstärktem Stress oder durch sichtbare krankhafte Schäden der Phloemsaft höhere Mengen an Stickstoffverbindungen, Aminosäuren oder Proteinen aufweist (im Vergleich zu gesunden Bäumen // (Lit.). Bei einem Brand sind die Stämme extremen Temperaturen ausgesetzt, die wahrscheinlich eine Änderung der Zusammensetzung des Pflanzensaftes bewirken.

Versuchsweise habe man einmal Pinus brutia dem Schock und der Anpassung auf Hitzeeffekte ausgesetzt (Lit.). Dabei ergab sich eine Zunahme von nicht löslichen Proteinen im Phloem schon nach 2 Stunden und v.a. am Folgetag. Deren Gehalt war nach einer Woche signifikant höher als vor der Hitze. Phloem-eigene lösliche Zucker und Aminosäuren neigten am Folgetag auch zu einer höheren Konzentration, die dann eine Woche später zurückging. Auch hatte die Transportgeschwindigkeit während des Feuers signifikant zugenommen und war noch am Folgetag im Vergleich zur Situation vor dem Feuer. Es scheint, dass an Kiefern ähnliche Änderungen stattfinden. Die Vögel favorisierten geschädigte Bäume auch noch lange Jahre danach (Beobachter XY), was auf wichtige Langzeiteffekte schließen läßt.

Die Spechte können einen verstärkten Saftfluss auch selbst durch ihr Nahrungserwerb-Verhalten herbeiführen: Dazu legen sie neue Saftringel meist oberhalb der älteren an (Lit.), was auf den Stau von Phloemsaft beruhe (Lit.); dergestalt verhielt es sich auch auf der Brandfläche, aber es ist nicht auszuschließen, dass eine Brandsituation Änderungen der Gewebsstrukturen bewirkt, was infolge Saftblockierung eine leichtere Nutzung durch die Vögel erlauben würde. Alle Saftringel befanden sich auf der Südflanke der Bäume (Tab. 1) in Übereinstimmung mit der dort stärksten Hitzeeinwirkung; aber wir sind nicht sicher, ob diese Himmelsrichtung allein eine Folge des Schadgrades durch das Feuer ist.

Der Dreizehenspecht bedient sich (gemäß (Lit.). des Phloemsaftes vor der Brutzeit. Während 3 Wochen nach dem Brand bis gegen Anfang Juni nutzte er den Saft der Kiefer besonders aktiv; danach ging diese Aktivität deutlich zurück. Dies deckte sich mit der Brutzeit jenes lokalen Paares, welche aber wegen der Besetzung ihrer Nisthöhle durch den Großen Buntspecht bis Anfang Juni verschoben wurde.

Diese Studie zeige unter anderem, dass die durch einen Waldbrand an Koniferen herbeigeführten Schäden auch Vorteile für die Spechte dank einer verbesserten Phloemsaft-Konstellation mit sich bringen kann. Dies erfolgt zusätzlich zu einem durch einen Waldbrand herbeigeführten Zunahme von Insekten, wobei der Dreizehenspecht eine bemerkenswerte Flexibilität auf dynamische Veränderung des Waldes zeigt.

Tab. 1: Angaben zu den Eigenschaften der Bäume hinsichtlich ihres Durchmessers, dem Schadensgrad durch den Brand, der Anzahl der Ringe und deren Höhe am Baum, hierbei nie unter 1 m, im übrigen zwischen 1-10 m, zur Himmelsrichtung im Detail (durchweg zumindest partiell südwärts)

Tab. 2: Zeitangaben zu den beobachteten Spechtaktivitäten zwischen dem 11.Mai und 22.Juni 2016 in Relation zum Branddatum, sowie zur Anzahl der Ringel, die sich von 15 an 5 Bäumen am 1.Tag auf 242 an 11 Bäumen steigerte.

Dank, Literaturverzeichnis, Zusammenfassung (finnisch)

 

Mein Kommentar zu dem finnischen Artikel über den
Dreizehenspecht: ein Präzedenzfall?:

Dieser Fall zwingt zu einer Erörterung nach mehreren Richtungen hin
(auch unter Verweisen auf das Spechtbuch).

Allgemeine Anmerkungen
Der Schwerpunkt der Beringelung an den sonnsetigen Baumflanken gehört zu den üblichen Gegebenheiten einer Spechtringelung (Näh. im Buch A 11.2 / S. 334 / „Himmelsrichtung“) und ist keine Besonderheit dieses Falles. Der konstatierte Befund von nach oben abgesetzten neuen >Saftringen< beruht auf den baumbiologischen Mechanismen nach einem bereits erfolgten Anschnitt des Phlomsaft-führenden Gewebes (Siebzellen bzw. Siebröhren; Näh. in meiner Stellungsnahme zu H.WINKLER) und ist eine Vorbedingung für weiterem Phloemsaft, geschieht also keineswegs zwecks Erhöhung des Saftertrags.

Die Phloemsaft-Nutzung an den brandgeschädigten Kiefern
Dem Versuch und dessen Beschreibung liegt die überkommene Saftgenuß-Theorie zugrunde, wonach Baumsäfte für die Ernährung der Spechte von elementarer Bedeutung sind. In diesem Fall handelte es sich um Kiefern, bei denen als Nadelbäume allenfalls Phloemsaft, wie hier unterstellt, in Betracht käme. Die Versuchsansteller ließen sich bei ihrer Untersuchung von der aus der Literatur entnommenen Prämisse leiten (Lit.-Angaben), wonach das Interesse des Dreizehenspechts auf diesen nährstoffreichen Phloemsaft der Bäume als eine essentielle Grundlage ihrer Ernährung ausgerichtet ist. Bei den im Text erwähnten „bisherigen Saftbäumen innerhalb des Reviers“ des Dreizehenspecht-Paares handelte es sich wohl um nichts anderes als schlichtweg um geringelte Koniferen, so wie sie allenthalben auch hierzulande und anderswo in Europa vorkommen. Der bestehende Wortlaut suggeriert indessen, daß es sich dabei um von den Spechten erfolgreich als Saftressource genutzten und weiterhin nutzbaren Saftbäumen handelt, wobei eine Saftnutzung nach der hier beschriebenen Art und Weise nach Maßgabe der baumbiologischen Gesetzmäßigkeiten gar nicht möglich ist bzw. eines Beweises bedürfte, was Thema und Kern dieser meiner Stellungsnahme ist.

Es sieht nicht danach aus, daß sich die Autoren über die innere Organisation der Nadelbäume mitsamt der prinzipiellen Schwierigkeit des Zugriffs auf den gewissermaßen >unter Verschluß< liegenden Phloemsaft und der Möglichkeit zu dessen Ausbeutung im Klaren waren. Vielmehr wird der Eindruck erweckt, daß es zu dessen Gewinnung und Nutzung lediglich der Anbringung jener kleinen Löcher („small holes“) in der Rinde bedarf, wie sie von den Spechten beim Ringeln in der ihnen eigenen Manier in einer meist horizontalen Abfolge hergestellt werden. Das von den Vögeln dabei herbeigeführte Schadbild an den dazu ausgewählten Saftbäumen entspricht voll und ganz den auch sonst in Europa vom Dreizehenspecht als auch vom Gr.Buntspecht durchgeführten Beringelungen. Auch wird ergänzend noch das an diesen Koniferen übliche dem Ringeln vorausgehende sog. Abschuppen („scaling of the outermost layer of the bark“) erwähnt. Es resultieren von Saftringeln („sap rows“) gemusterte Stämme (wie es das beigegebene Foto zeigt), die bei der Kiefer regelmäßig auch von Harzausfluß geprägt sind. Daß die Spechte jeweils nach der Fertigstellung der „sap rows“ den Phloemsaft trinken, wird ohne Wenn und Aber mit folgenden Worten konstatiert: „then drinking sap with their bills“, was voraussetzen würde, daß sich überhaupt Phloemsaft in den Ringellöchern befindet oder auch nur zeigt, also nach der Beringelung dort sofort oder später vorhanden ist! Baumphysiologisch bedingte Grenzen der Verfügbarkeit werden nicht angesprochen, auch nicht andeutungsweise. Die gesamte Darstellung vermittelt die Vorstellung, dass sich die Spechte an den von ihnen gewählten Saftbäumen nach Belieben und uneingeschränkt des Phloemsaftes bedienen können, was vollkommen im Widerspruch zu den in den Bäumen herrschenden Strukturen und Mechanismen zum Schutz diese wertvollen Assimilatesaftes steht; der Phloemsaft steht wie gesagt gewissermaßen unter Verschluß, sodaß es, wie von mir in meiner website beschrieben (Stellungsnahme zu H.WINKLER bzw. im Resümee), zu seiner >Ausbeutung<  besonderer >Machenschaften < bedarf.

Absolut unzutreffend ist die Ansicht, daß die Löcher mehrere Jahre lang nutzbar seien, werden doch alte Wunden grundsätzlich nicht wieder bearbeitet (s.u. Aspekt 6); dies ist hier jedoch nicht relevant. Und manche der von den Autoren angegebene Literatur, die sie zugrundelegen, ist schlichtweg falsch und überholt (gem. den im Buch  und auf der Website dargelegten Irrtümern), was hier im Einzelnen nicht dargelegt werden kann.

Daß in der Schilderung, beiläufig gesagt, manche wünschsenswerte Details fehlen, so zur Größe (+ Form) und zum Abstand der Ringelwunden sowie eine genaue Beschreibung zum Ablauf der Anbringung der >Saftlöcher<: denn interessant wäre, im Detail zu erfahren, ob die Saftlöcher nach dem Abschuppen („scaling“), ein besonders für den Dreizehenspecht bezeichnendes, aber auch vom Gr.Buntspecht bekanntes Verhalten (zumal an Fichten / Buch S.550 sowie an Kiefern) gemäß der meist schnellen Herstellung von Spechtringeln in einem Zug angebracht und erst danach Loch für Loch untersucht und wie es heißt, >ausgetrunken< wird  und wie dies vollzogen wird, ob leckend oder auf eine andere Art? Oder ob der Vogel Loch für Loch bedächtig anlegt (ziemlich unwahrscheinlich und so nie beschrieben) und dann vor der Herstellung des nächsten >ausgebeutet<, sofern hierzu Substanz überhaupt vorhanden ist? Denn nach der Schilderung hat es den Anschein, dass der jeweilige Specht umgehend nach der Herstellung eines jeweiligen Lochs den Saft mit dem Schnabel aufnehmen kann, also trinkt und so Loch für Loch fortfährt, als komme der Saft sofort zum Vorschein. Meist kommt Phloemsaft, wenn überhaupt (!!) nur sehr zögerlich.

Die Einschätzung der „energetischen Bedeutung“ des Saftverzehrs, was GLUTZ von BLOTZHEIM (1980) bereits vor Jahrzehnten als „untersuchungsbedürftig“ bezeichnet hat, würde zunächst eine mengenmäßige Erfassung des Saftverzehrs erfordern. Dies ist schlichtweg unmöglich (s. Aspekt 10 bzw. Stellungsnahme zu H.WINKLER sowie Resümee); ich kenne keine einzige Erhebung zu dieser Fragestellung. Das Trinken des Phloemsafte wird im Text wiederholt konstatiert. Solcherart wird die Ausbeutung des Phloemsaftes kurzerhand unterstellt, nicht bewiesen. Der grundsätzlich entscheidende Mangel bei diesem Bericht ist, daß mit keinem Wort die Menge von verfügbarem bzw. aufgenommenem Phloemsaft zur Sprache kommt oder zumindest Anhaltspunkte über das Erscheinen von Phloemsaft in oder an den Ringellöchern genannt werden. Unter baumphysiologischen Betrachtung könnte es nur ein ganz kleines Quantum in den einzelnen Ringelwunden sein. Zur Kiefer ist lediglich der Bericht (vor etwa 150 Jahren) des akribischen Franz BODEN über Phloemsaft-Austritt aus Schnittwunden >bekannt< (1 bis wenige Tropfen, s.unten). Man ist an einen anderen aus Finnland stammenden Befund angelegentlich einer Spechtringelung erinnert, bei dem es heißt, daß nicht ergründet werden konnte, „was die Spechte aus den (Ringel-) Löchern bekommen“ (PYNNÖNEN 1943; Buch S. 422). Dies deckt sich mit der immer wieder gemachten Beobachtung, daß der Vogel seine Ringellöcher inspiziert, oft wiederholt, und dies auch dann, wenn nachweislich kein Saft austritt (gleichermaßen Züngeln an trocken bleibenden Ringelwunden).

Somit stellt sich zunächst die Frage, ob das Ringeln des DrZSp’s an den brandgeschädigten Kiefern auf die hier erfolgte Art und Weise überhaupt Saftfluß ausgelöst hat. Von einem sichtbaren Erscheinen des Phloemsaftes an den Saftringeln bzw. an den einzelnen Löchern ist nirgends die Rede, auch nicht von dem in vielen anderen Publikationen erwähnten >angestautem Saft< (s. Buch bspw. S. 192).  Daß der Leser gläubig oder ungläubig dies zur Kenntnis nehmen muß, dürfte nicht etwa nur den kleinen Löchern  von vermutlich wenigen mm Durchmesser und ½ (- 1) cm Tiefe geschuldet sein. Die Aufmerksamkeit der Versuchsansteller war ja immerhin so groß, daß zum einen – erwartungsgemäß – Harzaustritt aus den Ringellöchern  sowie das Fehlen von — auch dies der Erwartung gemäß —  von angelockten Insekten an den Ringelwunden ausdrücklich erwähnt wird. Dabei ist das Ausbleiben von sichtbarem Saftaustritt nach Maßgabe der baumphysiologischen Strukturen und Mechanismen im Phloem-Gefäßsystem (der sog. Safthaut als innerste Lage des Jungbastes) verständlich, weil ein Zugriff auf den Phloemsaft auf dem Wege über lochförmige Wunden (mehr noch als bei horizontalen Schnittwunden), wenn überhaupt, nach Menge und Zeit grundsätzlich äußerst beschränkt und ein Saftaustritt an geöffneten Phloemsaft-Gefäßen in jedem Fall zeitlich und materiell äußerst eng begrenzt wäre; der Menge nach sind es im besten Fall einige wenige Tropfen; dann >versiegt< eine solche Miniatur-Saftquelle auf Dauer (anders als beim Bluten von Xylemsaft bei den Bluterbaumarten). Auch gehört es zur Baumbiologie, daß eine weitere Safterschließung die Anlage neuer Ringelstellen wie im beobachteten Fall in Richtung nach oben voraussetzt (s.o.). Bekanntlich muß man bei der grundsätzlich schwierigen Beschaffung von Phloemsaft (z.B. zwecks einer stofflichen Untersuchung) mit Hilfe von Schnittwunden nach oben hin nachschneiden (Näheres in meiner kritischen Stellungsnahme zu H.WINKLER bzw. im Buch Kap. A 14.2).

Die Ausbeutung des Phloemsaftes, von der im Text einmal die Rede ist, würde eine entsprechende Beschaffenheit (Lage) der Wunde und das richtige Vorgehen der Vögel nach Art der amerikanischen Saftleckerspechte voraussetzen, d.h. unter Unterlaufen der baumeigenen Sicherungssysteme gegen den Phloemsaft-Verlust.. Nicht von ungefähr bedienen sich diese einer speziellen anderen Form samt dem ihnen eigenen Vorgehen bei ihrer vergleichsweise optimierten Ausnutzung des Phloemsaftes, ganz abgesehen von ihrer dazu angepaßten Beschaffenheit ihrer Zunge (Buch A 14.2). Würde es sich anstelle der wohl runden Löcher um Schnittwunden handeln, müßten diese schräg oder quer zur Faser gesetzt sein, also nach Art der zunächst schwer zu deutenden Quer- = Horizontalhiebe der Spechte beim Wundtyp I, was schon früher nicht nur die alten Botaniker konstatierten (Buch S.220), sondern auch der gewissenhafte BODEN (1876, 1879a) bei seinen Untersuchungen an geringelten Kiefern ausdrücklich betont hat. Nach meinen eigenen und fremden Befunden erfolgt Phloemsaft–Austritt aus kräftigen Kerben bis lochförmigen Wunden, wenn überhaupt, vergleichsweise zögerlicher und geringer als an Schnittwunden. An Laubbäumen, die im Blick auf Phloemsaftgewinnung nicht ganz so schwierig sind wie Koniferen, gibt es eine etwas größere Anzahl von Feststellungen zu Phloemsaft-Ausfluß an Wunden, aber auch dort nur in kleinster Menge.

Soweit es in dem Bericht heißt, daß die Spechte vor dem Brand den Saft von Fichten konsumiert hätten, wäre zunächst festzuhalten, daß dies so wenig wie bei den Kiefern nicht ohne Weiteres möglich ist. Offen an Nadelbäumen zutage tretender Phloemsaft wurde (lt. der Literatur nach meinen Kenntnissen) in Rußland 1 Mal an einer Fichte registriert (Buch S.229), von mir 1 Mal an einer Fichte angetroffen (Buch A 8.1, Foto 200b) und an Kiefern vor fast 150 Jahren von BODEN (1876, 1879a). Ich selbst konnte bei meinen vielen Stichversuchen an jungen Kiefern über Jahre hinweg nie Phloemsaft registrieren, so wenig wie der Pflanzenphysiologe HUBER (1956) bei seinen gezielten Schnitt-Versuchen zwecks Phloemsaft-Gewinnung an Kiefern zur Analyse, nur störenden Harzfluß (Buch S.56, S.360). Der Bericht aus Finnland gibt mir also Rätsel auf.

Die Prädisposition für die Beringelung:

Auch früher schon hat man u.a. „abnormale Eigenschaften“ unterschiedlichster Art als Grund für Beringelungen unterstellt (Buch S.351); dabei handelte es sich aber alles in Allem um Eigenschaften, die sich durch eine Unzahl von gegenteiligen Befunden widerlegen ließen. Auch machte man bereits damals eine „veränderte Saftchemie“ für eine Prädispopsition zur Beringelung verantwortlich. Konkret greifbar ließ sich diese aber nicht feststellen. Mit Blick auf die in Finnland geltend gemachte Auswahl der >Saftbäume< ist nur der von BODEN vor 150 Jahren experimentell mit Probeschnitten festgestellte Tatbestand von Belang, daß nach dessen Befund der Specht nur Kiefern beringelte, „wenn er vom Eintritt des Saftflussses überzeugt…“ war; das waren für ihn Bäume, bei denen sich an künstlichen kleinen Schnittwunden 1-3 Tropfen „süßlicher Saft“ zeigte (Buch S.227, 350). Es verdient der Erwähnung, daß seine Objekte Teil einer dem Fall Finnland nahestehenden Gegebenheit war, nämlich ein Kiefernbestand 2 Jahre nach einem Waldbrand (was unter den genannten „Langzeiteffekt“ zu rechnen wäre) mit „Hunderten“ wohl vom Gr. Buntspecht geringelter Kiefern (Buch z.B. S.265).

Dies würde zugleich und notwendigerweise das Vermögen der Spechte zur Erkennung des entsprechenden inneren physiologischen Zustandes belegten würde, wie überhaupt das beschriebene Ringelungsgeschehen  mehrere Anhaltspunkte für einen von mir vermuteten 6.Sinn wofür auch immer (s. 1.Kapitel nach der Stellungsnahme zu H.WINKLER) liefert. Ungeachtet aller Zweifel an der Interpretation des Geschehens ist der hier dokumentierte Fall aus Finnland ein beredtes Beispiel für einen sensorischen Spürsinn des Dreizehenspechtes für innere physiologische Zustände in Bäumen (? 6.Sinn? / s. Kap. „Rätselhafte Objektwahl“ bzw. eigenes Kap. nach de Stellungsnahme zur Rezension von H.WINKLER), was sich in der Wahl der Objekte als auch der Stammseite (nur Teilringe auf der sonnseitigen Flanke), wie dies auch dem Gr.Buntspecht eigen ist (Buch A 11.6 / S. 363-365), niederschlug. In diesen Zusammenhang würde auch die von den Autoren behauptete Auswahl der Saftbäume auf Grund individueller Eigenschaften gehören.

In einer gewissen Analogie zu dem Brand-induzierten Ringelungsgeschehen in Finnland stehen mehrere dokumentierte größere Ringelungsfälle (regelrechte >events<) seitens des Gr.Buntspechts an Fichten, zum einen nach deren plötzlicher Freistellung samt Aufastung und „beginnendem Rindenbrand“ (infolge Untersonnung) sowie in 2 vom Sturm aufgerissenen Beständen (Buch S. 352-353). 

 

Zusammenfassung meines Kommentars (Stellungsnahme zur Schilderung)

Dem hier vorliegenden Bericht über das Beringeln Waldbrand-geschädigter Kiefern durch den Dreizehenspecht liegt die Unterstellung einer grundlegend wichtigen ernährungsbiologischen Bedeutung des Phloemsaftes für diese Vögel zugrunde; demgemäß wird dessen Verzehr („feeding on the sap“) in einem entsprechenden Ausmaß angenommen. Hierfür fehlt jedoch jeglicher Beleg; selbst Anhaltspunkte für ein substantiell eindeutiges Saftaufkommen an bzw. in den Ringelwunden werden nicht genannt. Es liegt eine Analogie zu einer von PYNNÖNEN (1943; s.o.) einst schon in Finnland konstatierten Konstellation vor, wonach seinerzeit nicht ergründet werden konnte, „was die Spechte aus den ((Ringel-)) Löchern bekommen“ .

Die geschilderte Situation unter wiederholter Nennung des Trinkens des Phloemsaftes steht aber im Widerspruch zu den histologischen Strukturen in den Bäumen bzw. zu deren physiologischen Mechanismen zwecks Verhinderung von Phloemsaft-Verlust (Näh. in meiner Stellungsnahme zu H.WINKLER). Da es sich dabei  – ungeachtet der für die Natur allemal bezeichnenden Toleranzen – um unstrittige baumbiologische Basisgegebenheiten und unverbrüchlich ablaufende Vorgänge handelt, beruhen die Ausführungen von T.PAKKALA, J.KOUKI, M.PIHA und J.TIAINEN zur Ernährung des Dreizehenspechtes mit Phloemsaft nach meiner Einschätzung allein auf der Unterstellung  der der Untersuchung zugrunde gelegten Prämisse gemäß der Saftgenuß-Theorie; demnach würde es sich um eine Fehlinterpretation dieses Ringelungsgeschehens an den waldbranntgeschädigten Kiefern handeln. Den finnischen Ornithologen bleibt es vorbehalten, ihre Auffassung zum Phloemsaft-Konsum vom Dreizehenspecht gemäß der Schilderung durch gesicherte Beobachtung unter substantiellem Nachweis des Saftes in den Ringelwunden zu untermauern, selbst wenn es sich nur um minimalste Mengen handeln sollte. Damit würde ein grundlegender Beitrag zur Rolle des Ringelns unserer Spechte geleistet. Ohne Berücksichtigung der Baumphysiologie kann man der Spechtringelung nicht gerecht werden; man ist an GOETHES Wort erinnert: „Wer das erste Knopfloch verfehlt, kommt mit dem Zuknöpfen nicht zurande.“

Nicht im mindestens beanspruche ich für mich durch bloßen Widerspruch auf dem Boden meiner Widerlegung der Saftgenuß-Theorie eine gültige Interpretation dieses Falles. Es sollte einzig und allein darum gehen, zur gegenseitigen Zufriedenheit die Situation sachlich zu klären.

Ich fand es wert, den eindrucksvollen Bericht aus Finnland gerade wegen der noch ungelösten Fragestellung samt deren grundsätzlichen Bedeutung als Anhang meiner kurz-gefaßten Abhandlung zum Ringeln der Spechte (als neue Fundstelle) anzufügen; so erklärt sich meine Bezeichnung als Präzedenzfall.