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Teil VII: Anhang

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Bericht aus Finnland (2017)

Phloem sap in fire-damaged Scots pine treees provides instant foraging opportunities for Three-toed Woodpeckers Picoides tridactylus

Timo Pakkala, Jari Kouki, Marcus Piha & Juha Tiainen in ORNIS SVECICA 27: 144-149, 2017

 Hier meine Übersetzung aus dem englischen Orginal in die deutsche Sprache

= Phloemsaft Waldbrand-geschädigter Kiefern als eine sofort nutzbare Nahrungsquelle für den Dreizehenspecht.

 

Einleitung:

Der Dreizehenspecht Picoides tridactylus ernährt sich v.a. von Arthropoden; jedoch nutzt er v.a. im Frühjahr auch den Phloemsaft von Koniferen (Lit.). Dieser ist energiereich und für den Vogel auf Grund seines Gehalts an Zuckern, Aminosäuren und mineralischer Bestandteile eine ernährungsbiologisch wertvolle Nahrung (Lit.). Die Dreizehenspechte gelangen an den Phloemsaft, indem sie in der Rinde lebender Bäume kleine Löcher in oft horizontaler Abfolge anbringen; diese können während mehrerer Jahre zu diesem Zweck benutzt werden (Lit.).

Solche >Ringelbäume< werden von dem Autorenteam, also auch hier im weiteren als Saftbäume (sap trees) und die Löcher-Reihen selbst kurzweg als Saftringel (sap rows)bezeichnet.

Gegenstand des Berichts ist die schnelle Reaktion des Dreizehenspechts auf die Möglichkeit zur Nutzung des Phloemsaftes Waldbrand-geschädigter Kiefern Pinus sylvestris. Die Autoren erläutern Diese bisher noch nicht dokumentierte Phänomen wird beschrieben  und mögliche Mechanismen und Ursachen für Hitze-bedingte Änderungen der Baumphysiologie erörtert..

Material und Methode

Das Untersuchungsgebiet:

Inmitten eines von Koniferen dominierten Waldes in Südfinnland simulierte man auf einem etwa 4 ha großen Waldareal am 10. Mai 2016 simulierte man einen Waldbrand, indem man ein sog. >kontrolliertes< Feuer durchführte. Die meisten Bäume auf der Untersuchungsfläche hatte man zuvor geerntet und lediglich eine kleine Gruppe von Kiefern, vereinzelte Birken und einige Fichten belassen.

Der Dreizehenspecht und seine Saftbäume auf dem Untersuchungsareal

Die Brandfläche gehörte zu einem Dauer-Brutrevier dieses Spechtes. Das Brutgeschehen und die Aktivität der Nahrungssuche des ansässigen Brutpaares hatte man schon vor dem Brand erfaßt. Die bisherigen Saftbäume innerhalb des Reviers hatte man schon 2015 bis 2016 lokalisiert; keiner von diesen stand auf der Brandfläche.

Die Maße der Kiefern (BHD) und das Ausmaß der vom Feuer geschädigten Rindenzonen am Baum wurden tabellarisch festgehalten. 1, 4, 11, 15, 23 und 43 Tage nach dem Brand wurde jeweils fogende Situation registriert: die Anzahl, Höhe und Himmelsrichtung der Saftringe.

Die Ergebnisse

Die Nutzung der Saftbäume durch den Dreizehenspecht
Die Gruppe der Kiefern auf der Brandfläche bestand aus 37 etwa 40-jährigen Bäumen auf 0,5 ha. Die Borke von einigen war angekohlt, meist bis weniger als 1 m Höhe, an manchen jedoch bis 2-3 m; so gut wie überall auf deren Südflanke. Zwischen dem 11.Mai und 22.Juni legten die Vögel Saftringe an insg. 11 Bäumen auf eben deren Südflanke an, neue Ringe fast durchweg fortschreitend nach oben. Diese Saftbäume hatten einen Brusthöhendurchmessser von 20-28 cm und wiesen angekohlte Rinde in einen unterschiedlichem Grad auf (Tab.1).

Schon am 1.Tag nach dem Brand stellte sich das ansässige Spechtpaar auf der Brandfläche ein. Dabei examinierten beide Vögel die Bäume unter Abschuppen und unter der Anbringung von Saftringen und waren im Übrigen mit der Nahrungssuche während mehrerer Stunden eben unter Schlagen neuer Ringel und mit Saftgenuß (feeding on sap) beschäftigt, letzteres vor allem bis Anfang Juni, 23 Tage nach dem Brand lagen insgesamt 215 Ringel vor. Die Saftbäume wurden aber noch im Juni besucht, aber in der Zeit 3.- 22. Juni nur noch 27 neue Ringe angebracht, also ein Endstand von 242 erreicht. Im Bereich der Saftringel waren die Baumstämme der angekohlten Kiefern rundum gesund und es kam etwas Harz aus den Saftlöchern zum Vorschein.

Verhalten beim Nahrungserwerb
Hierbei gehen die Vögel nach einem bestimmten Verhaltensmuster vor, indem sie auf einer bandartigen Zone zunächst die Rind abschlagen (abschuppen) und sodann in deren Mitte nacheinander aufgereiht die kleinen Saftlöcher anbringen, um sodann den Saft mit dem Schnabel aufzunehmen.

In der Zeit 2 Wochen nach dem Brand waren das Männchen und das Weibchen oft zusammen auf der Brandfläche, dabei meist getrennt an unterschiedlichen Bäumen. Später dann waren sie meist zu unterschiedlichen Zeiten auf der Fläche. Diese Futtersuche war aber nicht identisch mit der in der Literatur (2006) beschriebenen Insektensuche: Abschuppen unregelmäßig großer Rindenzonen, Klopfen, Hacken größerer unregelmäßiger Löcher, sondieren und ausräumen usw. (Lit.); ein derartiges Verhalten wurde auch nicht an den Stämmen des Brandareals beobachtet. Es zeigten sich aber auch keine Insekten weder an ihnen noch an den Ringellöchern.

DISKUSSION:

Auf den Brand reagierte der Dreizehenspecht umgehend mit der Ausbeutung des Saftes der geschädigten Bäume. Dieses Verhalten war bisher noch nicht bekannt. Vor und während des Brandes hatte sich das Vogelpaar an den Saft der Fichten im angrenzenden Wald gehalten, wo es auch nach Arthropoden suchte. Das Brandflächen-Areal selbst hatten die Vögel zuvor nicht genutzt. Nun aber befassten sie sich zwar auch mit einzelnen Fichten, aber der Großteil ihrer Futtersuche entfiel auf die Saftnutzung an den Kiefern der Brandfläche.

Baumsaft ist reich an Nährstoffen, weist einen hohen Zuckergehalt auf und liefert reichlich Kohlenhydrate und Energie, sowie Stickstoff (meist als Aminosäuren / Lit.). Spechte sind dafür bekannt, dass sie die Ringelbäume nach deren individuellen Eigenschaften: Menge und Qualität des Saftflussses aussuchen (Lit.).Verglichen mit Insekten ist der Eiweißgehalt des Phloemsaft beträchtlich geringer infolge eines geringen Konzentration verschiedener essenzieller Aminosäuren; der Gehalt an mineralischen Stoffen, in erster Linie Calcium, ist vergleichsweise ebenfalls um einen hohen Grad geringer.

Es scheint so, dass bei Saftbäumen unter verstärktem Stress oder durch sichtbare krankhafte Schäden der Phloemsaft höhere Mengen an Stickstoffverbindungen, Aminosäuren oder Proteinen aufweist (im Vergleich zu gesunden Bäumen // Lit.). Bei einem Brand sind die Stämme extremen Temperaturen ausgesetzt, die wahrscheinlich eine Änderung der Zusammensetzung des Pflanzensaftes bewirken.

Versuchsweise habe man einmal Pinus brutia dem Schock und der Anpassung auf Hitzeeffekte ausgesetzt (Lit.). Dabei ergab sich eine Zunahme von nicht löslichen Proteinen im Phloem schon nach 2 Stunden und v.a. am Folgetag. Deren Gehalt war nach einer Woche signifikant höher als vor der Hitze. Phloem-eigene lösliche Zucker und Aminosäuren neigten am Folgetag auch zu einer höheren Konzentration, die dann eine Woche später zurückging. Auch hatte die Transportgeschwindigkeit während des Feuers signifikant zugenommen und war noch am Folgetag im Vergleich zur Situation vor dem Feuer. Es scheint, dass an Kiefern ähnliche Änderungen stattfinden. Die Vögel favorisierten geschädigte Bäume auch noch lange Jahre danach (Beobachter XY), was auf wichtige Langzeiteffekte schließen läßt.

Die Spechte können einen verstärkten Saftfluss auch selbst durch ihr Nahrungserwerb-Verhalten herbeiführen: Dazu würden neue Saftringel meist oberhalb der älteren angelegt (Lit.), was man auf den Stau von Phloemsaft beruhe (Lit.); dergestalt verhielt es sich auch auf der Brandfläche, aber nicht auszuschließen, dass eine Brandsituation Änderungen der Gewebsstrukturen bewirkt, was infolge Saftblockierung eine leichtere Nutzung durch die Vögel erlauben würde. Alle Saftringel befanden sich auf der Südflanke der Bäume (Tab. 1) in Übereinstimmung mit der dort stärksten Hitzeeinwirkung; aber wir sind nicht sicher, ob diese Himmelsrichtung allein eine Folge des Schadgrades durch das Feuer ist.

Der Dreizehenspecht bedient sich (gemäß Lit.) des Phloemsaftes vor der Brutzeit. Während 3 Wochen nach dem Brand bis gegen Anfang Juni nutzte er den Saft der Kiefer besonders aktiv; danach ging diese Aktivität deutlich zurück. Dies deckt sich mit der Brutzeit jenes lokalen Paares, welche aber wegen der Besetzung ihrer Nisthöhle durch den Großen Buntspecht bis Anfang Juni verschoben wurde.

Diese Studie zeige unter anderem, dass die durch einen Waldbrand an Koniferen herbeigeführten Schäden auch Vorteile für die Spechte dank einer verbesserten Phloemsaft-Konstellation mit sich bringen kann. Dies erfolgt zusätzlich zu einem durch einen Waldbrand herbeigeführten Zunahme von Insekten, wobei der Dreizehenspecht eine bemerkenswerte Flexibilität auf dynamische Veränderung des Waldes zeigt.

Tab. 1: Angaben zu den Eigenschaften der Bäume hinsichtlich ihres Durchmessers, dem Schadensgrad durch den Brand, der Anzahl der Ringe und deren Höhe am Baum, hierbei nie unter 1 m, im übrigen zwischen 1-10 m, zur Himmelsrichtung im Detail (durchweg zumindest partiell südwärts)

Tab. 2: Zeitangaben zu den beobachteten Spechtaktivitäten zwischen dem 11.Mai und 22.Juni 2016 in Relation zum Branddatum, sowie zur Anzahl der Ringel, die sich von 15 an 5 Bäumen am 1.Tag auf 242 an 11 Bäumen steigerte.

 

Dank, Literaturverzeichnis, Zusammenfassung (finnisch)

Mein Kommentar zu dem finnischen Artikel über den
Dreizehenspecht: ein Präzedenzfall?:

Dieser Fall zwingt zu  einer Erörterung nach mehreren Richtungen hin
(auch unter Verweisen auf das Spechtbuch).

Allgemeine Anmerkungen
Der Schwerpunkt der Beringelung an den sonnsetigen Baumflanken gehört zu den üblichen Gegebenheiten einer Spechtringelung (Näh. im Buch A 11.2 /  S. 334 / „Himmelsrichtung“) und ist keine Besonderheit dieses Falles. Der konstatierte Befund von nach oben abgesetzten neuen >Saftringen< beruht auf den baumbiologischen Mechanismen nach einem Anschnitt der Phlomsaft-führenden Geweben (Siebzellen bzw. Siebröhren; Näh. in meiner Stellungsnahme zu H.WINKLER), und ist eine Vorbedingung für weiterem Phloemsaft, geschieht also keineswegs zwecks Erhöhung des Saftertrags; dieser Sachverhalt gehört in den Zusammenhang mit dem von mir vermuteten  6.Sinn (s.dort).

Phloemsaft-Nutzung an Kiefern
Dem Versuch und dessen Beschreibung liegt die überkommene Saftgenuß-Theorie zugrunde, wonach Baumsäfte für die Ernährung der Spechte von elementarer Bedeutung sind. In diesem Fall handelt es sich um Kiefern als Nadelbäume, an denen allenfalls Phloemsaft, wie hier unterstellt, in Betracht käme (Xylemsaft scheidet bei den Gymnospermen aus). Die Versuchsansteller lassen sich bei dieser Untersuchung von der aus der Literatur entnommenen Prämisse leiten (Lit.-Angaben), wonach auf ihrem Versuchsareal das Interesse des Dreizehenspechts auf diesen nährstoffreichen Phloemsaft der Bäume als eine essentielle Grundlage ihrer Ernährung ausgerichtet ist. Nach meinem Dafürhalten ist aber bereits die im Text erwähnte Angabe von „bisherigen Saftbäumen innerhalb des Reviers“ des Dreizehenspecht-Paares etwas mißverständlich. Es kann sich dabei um nichts anderes handeln als schlichtweg um geringelte Koniferen, so wie sie allenthalben auch hierzulande und anderswo in Europa vorkommen. Der bestehende Wortlaut suggeriert indessen, daß es sich dabei um von den Spechten erfolgreich als Saftressource genutzten und weiterhin nutzbaren Bäumen („sap trees“) handelt, wobei eine Saftnutzung nach den baumbiologischen Gesetzmäßigkeiten gar nicht möglich ist bzw. eines Beweises bedürfte, was Thema und Kern dieser Erörterung ist.

Doch sieht es nicht danach aus, daß sich die Autoren über die innere Organisation der Nadelbäume mitsamt der prinzipiellen Schwierigkeit des Zugriffs auf den Phloemsaft und der Möglichkeit zu dessen Ausbeutung im Klaren waren. Denn es wird der Eindruck erweckt, daß es zu dessen Gewinnung lediglich der Anbringung kleiner Löcher („small holes“) in der Rinde bedarf, die in der den Spechten beim Ringeln eigenen Manier in einer meist horizontalen Abfolge hergestellt werden. Das von den Vögeln dabei herbeigeführte Schadbild an den dazu ausgewählten Saftbäumen entspricht voll und ganz den auch sonst in Europa vom Dreizehenspecht als auch vom Gr.Buntspecht durchgeführten Beringelungen; auch wird ergänzend noch das an diesen Koniferen übliche dem Ringeln vorausgehende sog. Abschuppen („scaling of the outermost layer of the bark“) erwähnt. Es resultieren von solchen Saftringeln („sap rows“) gemusterte Stämme (wie es das beigegebene Foto zeigt), die bei der Kiefer regelmäßig auch von Harz geprägt sind. Daß die Spechte jeweils nach der Fertigstellung der „sap rows“ den Phloemsaft trinken, wird ohne Wenn und Aber mit folgenden Worten konstatiert: „then drinking sap with their bills“, was voraussetzen würde, daß sich überhaupt Phloemsaft in den Ringellöchern befindet oder auch nur zeigt, also nach der Beringelung dort vorhanden ist! Die gesamte Darstellung vermittelt die Vorstellung, dass sich die Spechte an den von ihnen gewählten Saftbäumen nach Belieben und uneingeschränkt des Phloemsaftes bedienen können. Baumphysiologisch bedingte Grenzen der Verfügbarkeit werden nicht angesprochen, auch nicht andeutungsweise.

Vollends unverständlich, ja absolut unzutreffend ist die Ansicht, daß die Löcher mehrere Jahre lang nutzbar seien, werden doch alte Wunden grundsätzlich nicht wieder bearbeitet (s.u. Aspekt 6); sie vernarben; dies ist hier jedoch nicht relevant.

Die Schilderung ist rein deskriptiv. Leider fehlen, beiläufig gesagt, manche (für mich) wünschsenswerte Details, so zur Größe, Form und zum Abstand der Ringelwunden sowie eine genaue Beschreibung zum Ablauf der Anbringung der >Saftlöcher<: ob diese nach dem Abschuppen, ein besonders für den Dreizehenspecht bezeichnendes, aber auch vom Gr.Buntspecht bekanntes Verhalten (zumal an Fichten / Buch S.550 aber auch an Kiefern) gemäß der meist schnellen Herstellung von Spechtringeln in einem Zug angebracht und erst danach Loch für Loch untersucht und wie es heißt, >ausgetrunken< werden? Oder ob der Vogel Loch für Loch bedächtig anlegt (ziemlich unwahrscheinlich und so nie beschrieben) und dann vor der Herstellung des nächsten >ausgebeutet<, sofern hierzu Substanz überhaupt vorhanden ist? Denn nach der Schilderung hat es den Anschein, dass der jeweilige Specht umgehend nach der Herstellung eines jeweiligen Lochs den Saft mit dem Schnabel aufnimmt, also trinkt und so Loch für Loch fortfährt. Dabei käme Phloemsaft, wenn überhaupt (!!) nur sehr zögerlich zum Vorschein! Wie das Trinken selbst bewerkstelligt, d.h. an und oder in der jeweiligen Ringelwunde vollzogen wird, ob leckend oder auf eine andere Art, wird nicht geschildert.

Der Abstand der Saftlöcher wäre, wenn auch völlig nebensächlich, insofern interessant, um über die Anzahl der Saftringel (Table 2) hinaus mit der Gesamzahl der Löcher eine Referenzgröße für in gleicher Zeit hergestellte Ringelungsbilder zu haben.

Die Einschätzung der „energetischen Bedeutung“ des Saftverzehrs, was GLUTZ von BLOTZHEIM (1980) bereits vor Jahrzehnten als „untersuchungsbedürftig“ bezeichnet hat, würde zunächst eine mengenmäßige Erfassung des Saftverzehrs erfordern. Ich kenne keine einzige Erhebung zu dieser Fragestellung. So bemängele ich bei diesem Bericht, daß mit keinem Wort zu der Kernfrage: der Menge des verfügbaren bzw. aufgenommenen Phloemsaftes, zur Sprache kommt; es werden auch keinerlei Anhaltspunkte über das Erscheinen von Phloemsaft in oder an den Ringellöchern genannt. Unter baumphysiologischen Betrachtung könnte es nur ein ganz kleines Quantum in den einzelnen Ringelwunden sein. Zur Kiefer ist lediglich der Bericht (vor etwa 150 Jahren) des akribischen Franz BODEN über Phloemsaft-Austritt aus Schnittwunden >bekannt< (1 bis wenige Tropfen, s.unten). Des Weiteren sei an einen aus Finnland stammenden Befund angelegentlich einer Spechtringelung erinnert, bei dem nicht ergründet werden konnte, „was die Spechte aus den (Ringel-) Löchern bekommen“ (PYNNÖNEN 1943; Buch S. 422).

Es stellt sich also zunächst die Frage, ob das Ringeln des DrZSp’s an den Kiefern auf die hier erfolgte Art und Weise überhaupt Saftfluß ausgelöst hat. Von einem sichtbaren Erscheinen des Phloemsaftes an den Saftringeln bzw. an den einzelnen Löchern oder dem in vielen Publikationen erwähnten >angestautem Saft< (s. Buch bspw. S. 192) ist nirgends die Rede.  Daß der Leser gläubig oder ungläubig dies zur Kenntnis nehmen muß, dürfte nicht etwa nur den kleinen Löchern, deren Größe im Rahmen von wenigen mm Durchmesser und ½ – 1 cm Tiefe liegen dürfte, geschuldet sein. Vielmehr wäre das Fehlen von sichtbarem Saft nach Maßgabe der Mechanismen im Phloem-Gefäßsystem (der sog. Safthaut als innerste Lage des Jungbastes) verständlich, weil ein Zugriff auf den Phloemsaft auf dem Wege über lochförmige Wunden (mehr noch als bei horizontalen Schnittwunden), wenn überhaupt, nach Menge und Zeit grundsätzlich äußerst beschränkt und ein Saftaustritt an geöffneten Phloemsaft-Gefäßen in jedem Fall zeitlich und materiell äußerst eng begrenzt ist, der Menge nach im besten Fall auf einige wenige Tropfen; dann >versiegt< eine solche Miniatur-Saftquelle — anders als beim Bluten von Xylemsaft bei den Bluterbaumarten — auf Dauer. Jede weitere Safterschließung setzt die Anlage neuer Ringelstellen wie im beobachteten Fall in Richtung nach oben voraus (s.o.). Bekanntlich muß man bei der grundsätzlich schwierigen Beschaffung von Phloemsaft (z.B. zwecks einer stofflichen Untersuchung) mit Hilfe von Schnittwunden nach oben hin nachschneiden (Näheres in meiner kritischen Stellungsnahme zu H.WINKLER bzw. im Buch Kap. A 14.2).

Die Erschließung des Phloemsaftes setzt eine entsprechende Beschaffenheit (Lage und Beschaffenheit) der Wunde voraus. Nicht von ungefähr bedienen sich die amerikanischen Saftleckerspechte einer speziellen andere Form samt dem ihnen eigenen Vorgehen bei ihrer vergleichsweise optimierten Ausnutzung des Phloemsaftes, ganz abgesehen von ihrer dazu angepaßten Beschaffenheit ihrer Zunge (Buch A 14.2). Würde es sich anstelle der wohl runden Löcher um Schnittwunden handeln, müßten diese schräg oder quer zur Faser gesetzt sein, also nach Art der zunächst schwer zu deutenden Quer- = Horizontalhiebe der Spechte beim Wundtyp I, was schon früher nicht nur die alten Botaniker konstatierten (Buch S.220), sondern auch der gewissenhafte BODEN (1876, 1879a) bei seinen Untersuchungen an geringelten Kiefern ausdrücklich betont hat. Es verdient der Erwähnung, daß dessen Objekte Teil einer dem Fall Finnland nahestehenden Gegebenheit war, nämlich ein Kiefernbestand 2 Jahre nach einem Waldbrand (also mit dem genannten „Langzeiteffekt“) mit „Hunderten“ wohl vom Gr. Buntspecht geringelter Kiefern (Buch z.B. S.265). Nach meinen eigenen und fremden Befunden erfolgt Phloemsaft–Austritt aus Kerben und lochförmigen Wunden, wenn überhaupt, stets vergleichsweise zögerlicher und geringer als an Schnittwunden, oft überhaupt nicht. An Laubbäumen, die im Blick auf Phloemsaftgewinnung nicht ganz so schwierig sind wie Koniferen, gibt es eine etwas größere Anzahl von Feststellungen zu nachgewiesenem Phloemsaft-Ausfluß an Wunden, aber auch dort nur in kleinen Mengen.

Offen an Nadelbäumen zutage tretender Phloemsaft wurde (lt. der Literatur nach meinen Kenntnissen) in Rußland 1 Mal an einer Fichte registriert (Buch S.229), von mir 1 Mal an einer Fichte angetroffen (Buch A 8.1, Foto 200b) und an Kiefern vor fast 150 Jahren von BODEN (1876, 1879a; s. nachfolgend). Ich selbst konnte bei meinen vielen Stichversuchen an jungen Kiefern über Jahre hinweg nie Phloemsaft registrieren, so wenig wie der Pflanzenphysiologe HUBER (1956) bei seinen gezielten Schnitt-Versuchen, nur störenden Harzfluß (Buch S.56, S.360). Der Bericht aus Finnland gibt mir also Rätsel auf.

Die Prädisposition für die Beringelung:

Auch früher schon hat man u.a. „abnormale Eigenschaften“ unterschiedlichster Art als Grund für Beringelungen unterstellt (Buch S.351); dabei handelte es sich aber alles in Allem um Eigenschaften, die sich durch eine Unzahl von gegenteiligen Befunden widerlegen ließen. Auch machte man bereits damals eine „veränderte Saftchemie“ für eine Prädispopsition zur Beringelung verantwortlich. Konkret greifbar ließ sich diese aber nicht festlegen. Mit Blick auf die in Finnland geltend gemachte Auswahl der >Saftbäume< ist der von BODEN vor 150 Jahren experimentell mit Probeschnitten festgestellte Tatbestand, daß nach dessen Befund der Specht nur Kiefern beringelte, „wenn er vom Eintritt des Saftflussses überzeugt…“ war; das waren für ihn Bäume, bei denen sich an künstlichen kleinen Schnittwunden 1-3 Tropfen „süßlicher Saft“ zeigte (Buch S.227, 350), was zugleich und notwendigerweise das Vermögen der Spechte zur Erkennung des entsprechenden inneren physiologischen Zustandes belegten würde (? 6.Sinn ?). Ungeachtet aller Zweifel an der Interpretation des Geschehens ist der hier dokumentierte Fall aus Finnland ein beredtes Beispiel für einen sensorischen Spürsinn des Dreizehenspechtes für innere physiologische Zustände in Bäumen (? 6.Sinn?), was sich in der Wahl der Objekte als auch der Stammseite (nur Teilringe auf der sonnseitigen Flanke), wie dies auch dem Gr.Buntspecht eigen ist (Buch A 11.6 / S. 363-365), niederschlug.

In einer gewissen Analogie zu dem Brand-induzierten Ringelungsgeschehen in Finnland stehen mehrere dokumentierte größere Ringelungsfälle (regelrechte >events<) seitens des Gr.Buntspechts an Fichten, zum einen nach deren plötzlicher Freistellung samt Aufastung und „beginnendem Rindenbrand“ (infolge Untersonnung) sowie in 2 vom Sturm aufgerissenen Beständen (Buch S. 352-353).
 

Zusammenfassung:

 Dem hier vorliegenden Bericht über das Beringeln Waldbrandt-geschädigter Kiefern durch den Dreizehenspecht liegt die Unterstellung einer grundlegend wichtigen ernährungsbiologischen Bedeutung des Phloemsaftes für diese Vögel zugrunde; demgemäß wird dessen Verzehr in einem entsprechenden Ausmaß angenommen. Hierfür fehlt jedoch jeglicher Beleg; selbst Anhaltspunkte für ein substantielles Saftaufkommen an bzw. in den Ringelwunden werden nicht genannt, von einer >energetischen Bilanz< auf substantiell ermittelter Grundlage im Sinne der Forderung von GLUTZ v. BLOTZHEIM (1980) ganz zu schweigen. Es liegt eine Analogie zu einer von PYNNÖNEN (1943; s.o.) einst konstatierten Konstellation vor. Die geschilderte Situation zum Trinken von solchem Phloemsaft steht aber im Widerspruch zu den histologischen Strukturen in den Bäumen bzw. zu deren physiologischen Mechanismen zwecks Verhinderung von Phloemsaft-Verlust (Näh. in meiner Stellungsnahme zu H.WINKLER). Da es sich dabei  – ungeachtet der für die Natur allemal bezeichnenden Toleranzen – um unstrittige baumbiologische Basisgegebenheiten und unverbrüchlich ablaufende Vorgänge handelt, beruhen die Ausführungen von T.Pakkala, J.Kouki, M.Piha und J.Tiainen zur Ernährung des Dreizehenspechtes mit Phloemsaft allein auf der der Untersuchung zugrunde gelegten Prämisse gemäß der Saftgenuß-Theorie und sind  in meinen Augen eine Fehlinterpretation dieses Ringelungsgeschehens an den waldbranntgeschädigten Kiefern. Den finnischen Ornithologen bleibt es vorbehalten, ihre Auffassung zum Phloemsaft-Konsum vom Dreizehenspecht nach Art des vorliegenden Falls durch gesicherte Beobachtung unter substantiellen Nachweis des Saftes in den Ringelwunden zu untermauern, selbst wenn es sich nur um minmalste Mengen handeln sollte. Damit würde ein grundlegender Beitrag zur Rolle des Ringelns unserer Spechte geleistet.

Nicht im mindestens beanspruche ich für mich durch bloßen Widerspruch und meine Widerlegung der Saftgenuß-Theorie eine gültige Interpretation dieses Falles. Es sollte einzig und allein darum gehen, zur gegenseitigen Zufriedenheit die Situation sachlich zu klären.

Ich fand es wert, den eindrucksvollen Bericht aus Finnland gerade wegen seiner noch ungelösten Fragestellung und deren grundsätzlicher Bedeutung als Anhang meiner kurz-gefaßten Abhandlung zum Ringeln der Spechte (als neue Fundstelle) zuzufügen; so erklärt sich meine Bezeichnung als Präzedenzfall.